Rundfunk:

„Der Netzwerkgedanke ist uns extrem wichtig“

von am 16.03.2017 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Jugendkanal, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

<h4>Rundfunk:</h4>„Der Netzwerkgedanke ist uns extrem wichtig“
Florian Hager, Programmgeschäftsführer von FUNK, dem Jugendangebot von ARD und ZDF

FUNK-Verbreitung wächst: Im Januar bei YouTube 15 Millionen Abrufe dazu gewonnen

16.03.17 Interview mit Florian Hager, Programmgeschäftsführer von FUNK, dem Jugendangebot von ARD und ZDF

FUNK ist nach Meinung der ARD-Vorsitzenden Prof. Dr. Karola Wille die große Chance, die jüngere Generation wieder stärker zu erreichen. Das scheint auch zu funktionieren, wie Florian Hager im medienpolitik.net-Gespräch bestätigt: „Die Zahlen, die uns zur Verfügung stehen, zeigen schon sehr eindeutig, dass wir in erster Linie 14- bis 29-Jährige erreichen. Die viel interessantere Frage ist aber eigentlich, wie viele wir davon erreichen, denn in Deutschland gibt es immerhin circa 15 Millionen Menschen, die zwischen 14 und 29 sind.“ Seit dem Start am 1. Oktober 2016 verzeichneten sämtliche FUNK-Inhalte 65 Millionen Views auf YouTube und 28,4 Millionen auf Facebook. Im Januar wurden 15 Millionen Views auf YouTube dazugewonnen. Vier FUNK-Formate wurden für den Grimme-Preis nominiert.

medienpolitik.net: Herr Hager, seit 1. Oktober sind die FUNK-Angebote im Netz. Gab es etwas, das Sie überrascht hat, womit Sie bei der Nutzung nicht gerechnet haben?

Florian Hager: Es gab ja einige Formate, die schon vor dem 1. Oktober quasi „inkognito“ online waren. Um den 1. Oktober haben sie sich dann nach und nach alle zu FUNK bekannt, was oft verwunderte Reaktionen der Nutzer und Nutzerinnen hervorgerufen hat, wie zum Beispiel  „… jetzt macht ihr mir auch noch den Rundfunkbeitrag sympathisch“. Das hat uns natürlich sehr gefreut.

medienpolitik.net: Drängeln sich die Rundfunkanstalten und das ZDF derweil mit ihren Angeboten, um bei FUNK präsent zu sein oder müssen Sie „betteln“?

Florian Hager: Weder noch. Inzwischen ist ja deutlich geworden, welche Art von Inhalten wir suchen. Da jede Landesrundfunkanstalt und das ZDF Inhalte für uns produzieren und einen vorbestimmten FUNK Etat haben, läuft das Ganze ziemlich geregelt ab.

medienpolitik.net: Geht die Rechnung auf, mit FUNK die 14-29-Jährigen mit öffentlich-rechtlichen Angeboten zu erreichen?

Florian Hager: Ganz pauschal gesagt: ja. Die Daten, die uns zur Verfügung stehen, zeigen schon sehr eindeutig, dass wir in erster Linie 14- bis 29-Jährige erreichen. Die viel interessantere Frage ist aber eigentlich, wie viele wir davon erreichen, denn in Deutschland gibt es immerhin circa 15 Millionen Menschen, die zwischen 14 und 29 sind. Im besten Fall würden wir sie natürlich alle in irgendeiner Form regelmäßig erreichen, wovon wir aktuell aber noch weit entfernt sind.

medienpolitik.net: Gibt es Altersgruppen, die Sie noch schwer erreichen?

Florian Hager: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade die 14- bis 17-Jährigen das kritischste Publikum und am schwierigsten zu erreichen sind. Das Medien- und vor allem Plattformnutzungsverhalten dieser Zielgruppe ändert sich sehr schnell. Eine Zeit lang war Snapchat zum Beispiel bei jungen Teenagern extrem beliebt, jetzt sind es mehr die Instagram-Stories oder Apps wie musical.ly und ask.fm. Wir versuchen zwar sehr schnell darauf zu reagieren und sind in unserer Produktionsweise durchaus flexibel, allerdings bietet sich natürlich nicht jede dieser Plattformen an, um Formate dafür zu produzieren.

medienpolitik.net: „Informr“ richtet sich vor allem an die 19-29-Jährigen. Inwieweit differenzieren Sie insgesamt Ihre Angebote nach Altersgruppen?

Florian Hager: Wir haben unsere Gesamtzielgruppe (14-29) noch mal in vier Untergruppen aufgeteilt, nämlich 14-16, 17-19, 20-24 und 25-29. Die meisten unserer Formate sollen eine oder maximal zwei dieser Gruppen ansprechen, weil es fast unmöglich ist, mit einem Format 14- als auch 29-Jährige zu erreichen. Es gibt aber auch ein paar Formate, wie zum Beispiel das „Kliemannsland“, das durch die Bank weg allen gefällt.

medienpolitik.net: Seit dem Start am 1. Oktober 2016 bis Ende Januar verzeichneten sämtliche FUNK-Inhalte zusammen bei YouTube rund 50,3 Millionen und bei Facebook rund 22,7 Millionen Abrufe. Ist das viel oder wenig?

Florian Hager: Die Zahlen beziehen sich noch auf das letzte Quartal 2016. Inklusive Januar hat das gesamte FUNK Netzwerk 65 Millionen Views auf YouTube und 28,4 Millionen auf Facebook aggregiert. Ob das viel oder wenig ist, lässt sich nicht ganz leicht beantworten. Es gibt natürlich YouTuber oder private MCNs, die monatlich weitaus mehr Views verzeichnen als wir, die es aber auch schon viel länger gibt als uns. YouTube-Kanäle, die erst seit wenigen Monaten existieren, mit welchen zu vergleichen, die schon seit Jahren aktiv sind, ist natürlich extrem schwierig. Deshalb zählt für uns gerade eher das Wachstum, also zum Beispiel die 15 Millionen Views auf YouTube, die wir im Januar dazugewonnen haben.

medienpolitik.net: Welches Ihrer Angebote ist der absolute Renner?

Florian Hager: Wie schon gesagt gefällt das „Kliemannsland“ einem sehr breiten Publikum. Auch die Webserie „Wishlist“ ist, gerade bei den etwas Jüngeren, ein riesen Erfolg und hat ja jetzt auch einen Fernsehpreis gewonnen. Grundsätzlich ist unser Portfolio aber so weit gefächert, dass für jeden etwas dabei ist.

medienpolitik.net: Auf welcher Plattform werden die FUNK-Angebote am meisten genutzt?

Florian Hager: Alle unsere Formate sind spezifisch für eine Drittplattform konzipiert und der Logik der jeweiligen Plattform angepasst. Aktuell finden die meisten FUNK- Formate in erster Linie auf YouTube statt, also werden sie dort auch am meisten geschaut.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerung für neue Angebote ziehen Sie aus den ersten vier Monaten?

Florian Hager: Uns ist der Netzwerkgedanke extrem wichtig. Das liegt einerseits daran, dass Formate mit viel Reichweite diese auf andere Formate mit weniger Reichweite übertragen können, in etwa durch Verlinkungen oder Gastauftritte der Creator. Noch viel wichtiger dabei ist, dass wir so die Möglichkeit haben Filterblasen zu durchbrechen, in die wir sonst nicht reinkommen würden. Ganz konkret kann das zum Beispiel bedeuten, dass ein Gaming- oder Unterhaltungsformat auch mal einen Creator aus einem journalistisch-investigativen Format zu Gast hat, um über politischere Themen zu sprechen. Daher achten wir bei der Wahl unserer Formate jetzt sehr darauf, dass alle unsere Creator und somit die Formate auch wirklich Teil des Netzwerkes sein wollen. Wenn bei potentiellen Creatorn diese Grundbereitschaft nicht da ist, werden wir wahrscheinlich auch nicht mit ihnen arbeiten.

medienpolitik.net: Sie haben gesagt, Sie möchten die Angebote zusammen mit den Nutzern entwickeln. Wie ist das Feedback der Nutzer? Wie können sie sich beteiligen?

Florian Hager: Der Austausch mit den Nutzern und Nutzerinnen findet auf ganz vielen verschiedenen Ebenen statt. Natürlich ist ein Kontaktpunkt die Kommentarfunktion in sozialen Netzwerken. Bei Formaten wie „Problemzone“, einem Interview-Format mit Visa Vie, das live auf Facebook ausgestrahlt wird, hat das Publikum sogar die Möglichkeit sich direkt dazu zuschalten und mitzudiskutieren. Außerdem veranstalten wir in unserem Büro in Mainz regelmäßig Workshops mit Schulklassen, Unikursen oder Jugendzentren, um in direkten Kontakt mit unseren Nutzern und Nutzerinnen zu kommen.

medienpolitik.net: Im November ist „Informr“ gestartet, im Januar „Novi Bot“. Welchen Anteil machen informationsorientierte Angebote inzwischen aus und existieren dafür bestimmte Grundsätze oder Regeln?
Florian Hager: „Informr“ als auch der „Novi Bot“ sind eigentlich die einzigen FUNK-Formate, die klassischen Nachrichten ähneln. Wir haben noch eine Reihe an journalistischen, eher Reportage ähnlichen Formaten, wie das „Y-Kollektiv“ oder „Jäger & Sammler“, die einen Fokus darauf legen, Geschichten aus subjektiven Perspektiven zu erzählen. Hier achten wir natürlich stark darauf, dass journalistische Grundsätze wie die Unterscheidung zwischen Information und Meinung gewahrt werden.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie bei informationsorientierten Formaten noch Defizite?

Florian Hager: Wir haben schon sehr früh beschlossen keine klassischen tagesaktuellen Nachrichten im Sinne der Tagesschau oder heute zu machen. Das liegt zum einen daran, dass das öffentlich-rechtliche Angebote sind, die auch wirklich von 14-  bis 29-Jährigen genutzt werden. Gleichzeitig haben wir nicht die Ressourcen, um eine Nachrichten-Redaktion auf diesem Niveau aufzubauen – beziehungsweise würden wir dann nichts anderes mehr machen können. Da diese Ressourcen in ARD und ZDF sowieso schon vorhanden sind, ergibt es für uns mehr Sinn mit den Redaktionen zu kooperieren – zum Beispiel mit dem Novi Bot.

medienpolitik.net: Wie schnell können Sie auf aktuelle Ereignisse, z.B. das Attentat in Berlin oder den Wahlsieg von Trump reagieren? Wollen Sie überhaupt aktuell sein?

Florian Hager: Das hängt davon ab, wie man Aktualität definiert. Wenn die Frage darauf abzielt, ob wir mit Journalisten und Journalistinnen bei solchen Situationen direkt live dabei sind, dann lautet die Antwort nein. Denn, wie oben schon beschrieben, machen wir keine tagesaktuellen Nachrichten. Aber unsere Formate reagieren natürlich aktuell auf solche Ereignisse und haben es auch bei den genannten Beispielen. Bei der Trump Wahl haben wir mit einigen unserer Creator, die teilweise in den USA und teilweise in Deutschland waren, ein Facebook Live organisiert. Am Tag nach dem Attentat in Berlin hat Rayk Anders, aus dem Format „Headlinez“, ein emotionales Statement vor der Berliner Gedächtniskirche abgegeben, dass mehrere Millionen Views erreicht hat. In solchen Situationen geht es uns aber nicht um die schnellstmögliche Vermittlung von Informationen, das überlassen wir wie gesagt lieber der „Tagesschau“ oder „heute“, sondern darum, in verwirrenden oder verstörenden Momenten emotionalen Halt und Orientierung zu bieten und zu zeigen „mit diesem Gefühl seid ihr nicht allein“.

medienpolitik.net: Was wäre für Sie das schönste Ergebnis zum einjährigen Geburtstag?

Florian Hager: Wenn ich irgendwo in Deutschland, egal ob in Berlin, Mainz oder dem Schwarzwald, wahllos Menschen aus unserer Zielgruppe auf FUNK ansprechen würde und sie den Namen zumindest schon einmal gehört und positiv konnotiert haben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 03/17 erstveröffentlicht.

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