Medienpolitik:

„Man kommt an sozialen Netzwerken nicht vorbei“

von am 11.04.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Medienpolitik:</h4> „Man kommt an sozialen Netzwerken nicht vorbei“
Prof. Dr. Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg

Journalisten müssen sich mehr als bisher mit sozialen Netzwerken auseinandersetzen

11.04.17 Interview mit Prof. Dr. Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg

Nach mehr als zehn Jahren als Leiter des Ressorts „Netzwelt“ des „Spiegel“ wechselte Dr. Christian Stöcker im vergangenen Jahr an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), um dort digitale Kommunikation zu lehren. In einem medienpolitik.net-Gespräch betont Stöcker, dass soziale Netzwerke ein integraler Bestandteil des Studienganges seien, da gerade bei den Jüngeren unter 30 oder 35 Jahren soziale Netzwerke auch bei dem Konsum klassischer Medieninhalte eine große Rolle spielen. Allerdings halte er pauschale Aussage darüber, wie glaubwürdig soziale Netzwerke seien, nicht für besonders sinnvoll. So würden klassische Medien in sozialen Netzwerken ihre Glaubwürdigkeit behalten. Durch die Diskussion über Fake-News werde die Gesellschaft dafür sensibilisiert, dass es Menschen gibt, die sie anlügen wollen. Dennoch werde diese Debatte, so Stöcker, „in Teilen etwas überhitzt geführt“. „Man sollte nicht allzu schnell gesetzliche Regelungen verabschieden, die dann möglicherweise die Meinungsfreiheit einschränken.“

medienpolitik.net: Herr Stöcker, Sie sind seit Herbst vergangenen Jahres Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und bauen dort den Newsroom der HAW Hamburg auf. Weshalb erhält eine Hochschule einen Newsroom?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Eine Hochschule braucht dann einen Newsroom, wenn sie junge Leute als Journalisten und Kommunikatoren realitätsnah ausbilden will. Wir sind der Meinung, dass man Kommunikation und Journalismus am besten lehren, lernen und anwenden kann, wenn man beide dabei auch gleichzeitig betreibt. Die Studenten werden in diesem Newsroom, sobald die ersten Einführungsveranstaltungen ihres Masterstudiengangs vorbei sind, kontinuierlich an einem digitalen Magazin arbeiten, das über die Stadt Hamburg und die HAW berichten wird. Sie werden tagesaktuell digital arbeiten, sodass sie ununterbrochen mit permanentem Feedback an konkreten publizistischen Projekten tätig sind, die in Form von Text, Video, interaktiver Graphik, Animation, Foto und Audio veröffentlicht werden.

medienpolitik.net: Existiert dieses Magazin bereits?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Es existiert bis jetzt nur auf einem internen Server. Darin stecken bislang Inhalte, die Studierende aus einem anderen Masterstudiengang in einem Seminar bei mir erarbeitet haben. Das sind alles Hamburg-Themen, die auch Text, Bild, Bewegtbild und die verschiedensten Audioformate umfassen. Für die Öffentlichkeit werden wir das Ganze erst dann freischalten, wenn die Studierenden aus dem neuen Masterstudiengang „Digitale Kommunikation“ dort ihre ersten Produkte eingepflegt haben.

medienpolitik.net: Nun gibt es zu Hamburg eine ganze Reihe von Online-Seiten, die unter anderem von regionalen Zeitungen gestaltet werden. Was wäre das Besondere an Ihrer?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Erst einmal ist es etwas besonderes, dass die Redaktion vollständig aus Studenten bestehen wird. Das ist eine ganz andere Zusammensetzung als die einer normalen Redaktion. Wir werden auch andere Schwerpunkte setzen als zum Beispiel das „Hamburger Abendblatt“ und die „Hamburger Morgenpost“, mit denen wir kooperieren. Der Blick von 22- bis 27-Jährigen auf diese Stadt ist sicher ein anderer als der von gestandenen Redakteuren. Außerdem wird auch die Hochschule selbst einen breiteren Raum in der Berichterstattung einnehmen als es in einem traditionellen Medium der Fall wäre. Gerade für junge Leute gibt es in Hamburg kein breites Informationsangebot, auch nicht digital. Es hat bereits von den klassischen Medienhäusern Versuche mit Lokal-Blogs gegeben, aber auch unabhängige Projekte wie zum Beispiel „Hamburg mittendrin“, was von Nachwuchsjournalisten gegründet und betrieben wurde, aber nicht zu finanzieren war. Da wir eine Hochschule sind, ist es unser Luxus, nicht nur kein Geld verdienen zu müssen, sondern auch kein Geld verdienen zu dürfen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen bei Ihren Studiengang „Digitale Kommunikation“ soziale Netzwerke?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Die sozialen Netzwerke sind ein integraler Bestandteil des Studienganges. Wenn man heute digital publiziert, kommt man an diesen Plattformen nicht vorbei. Bei aller Kritik, bei allen Problemen, die sie mit sich bringen. Wenn man ein jüngeres Publikum erreichen möchte, dann sollte man wissen, wie diese Plattformen funktionieren und wie man darüber Reichweite generiert. Es ist für Leute, die in dem Bereich arbeiten wollen, egal ob als klassischer Journalist oder in der Unternehmenskommunikation, wichtig, sich mit diesen neuen Vertriebswegen auseinanderzusetzen. Deshalb werden wir alle relevanten Mediakanäle gleichzeitig bespielen. Alle Studenten werden rotierend die in einer Redaktion zu besetzenden Stellen einnehmen, und es sind immer zwei Social-Media-Redakteure dabei.

medienpolitik.net: Eine Studie des Hans-Bredow-Instituts hat gezeigt, dass soziale Netzwerke bei der unmittelbaren Meinungsbildung eine zunehmende Rolle spielen. Wie groß ist Ihrer Meinung nach der Einfluss sozialer Netzwerke auf die Meinungsbildung?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Das ist von der Altersgruppe abhängig. Gerade bei den Jüngeren unter 30 oder 35 Jahren spielen soziale Netzwerke eine große Rolle, auch bei dem Konsum klassischer Medieninhalte. Gleichzeitig muss man feststellen, dass der Einfluss in Deutschland viel geringer ist als in den USA. In Deutschland bezeichnen nur acht Prozent der unter 25-Jährigen soziale Netzwerke als ihre einzige Informationsquelle, aber es finden hier dramatische Zuwächse statt. Und wenn man mit Leuten um die 20 Jahre zu tun hat, weiß man, dass es darunter viele gibt, für die es nicht die Einzige, aber doch eine extrem wichtige Informationsquelle ist, auf der sie journalistischen Inhalten aus allen möglichen Quellen begegnen. Dieser Trend wird sich meiner Meinung nach verstärken.

medienpolitik.net: Wie sollen klassische Medien darauf reagieren?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Eine Medienmarke, die 2017 noch glaubt, sie könne auf Online-Präsenz verzichten, wird es nicht mehr lange geben. Das Internet ist als Ganzes das für Journalismus am besten geeignete Medium. Es hat alles was die verschiedenen für den Journalismus nutzbaren Kanäle bieten, in sich vereint. Es bietet Bewegtbild, Audio, Animation aber genauso gut Text, und es erreicht seit rund 10 Jahren die Menschen überall dort, wo sie sind. Das Online-Auftritte wichtig sind, haben sicher alle Medienmacher verinnerlicht. Bei sozialen Netzwerken verhält es sich noch etwas anders. Natürlich ist es so, dass man sich teilweise den Regeln und Gesetzen dieser Plattformen beugen muss. Das ist nicht ganz unproblematisch, aber ich denke, dass glaubhafter Journalismus heute eine zentrale Funktion in unserer Gesellschaft hat und sogar wichtiger ist als vor 10 oder 15 Jahren. Wenn man Journalismus aus Überzeugung macht, was meiner Meinung nach die großen Medienhäuser dieses Landes tun und ihre wichtige Rolle für die Demokratie erkennen, dann haben sie auch die Pflicht, ihr Publikum auf so vielen Wegen wie möglich zu erreichen. Damit kommt man an sozialen Netzwerken nicht vorbei, ohne sich den Plattformbetreibern völlig ergeben zu müssen.

medienpolitik.net: Benötigen die klassischen Medien für ihre digitale Präsenz zwei Strategien, eine für junge Leute und eine für die Älteren? Ist eine stärkere Differenzierung notwendig?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Wenn es Unterschiede gibt, dann in der Marketingstrategie, weniger in den Inhalten. An der Einschätzung, was guter Journalismus ist, hat sich nichts geändert: Der ist sauber recherchiert und hält sich an die Regeln des Handwerks, was schon immer guten von schlechtem, oder keinem Journalismus unterschieden hat. Und ein guter Text bleibt immer noch ein guter Text und ein schlechter Text bleibt schlecht. Es ist auch nicht so, dass 23-Jährige Texte fundamental anders bewerten als 53 Jährige. Die Frage ist: Ob man, um Interesse bei Jüngeren an journalistischen Produkten zu wecken, eine etwas andere Ansprache finden muss. „Blendle“ zum Beispiel verschickt jeden Tag eine Werbemail, mit der fünf Artikel zum Beispiel aus dem „Spiegel“, der „FAZ“, der „Süddeutschen“ oder anderen Zeitungen in einer besonderen Art „angefeaturert“ werden. Die „Blendle“-Leute denken, dass sie damit ein jüngeres Publikum zu erreichen. Ich weiß nicht, wie gut das funktioniert. Natürlich müssen wir auch beim Verkauf unserer Produkte noch flexibler werden. Aber das ist in meinen Augen keine fundamentale Veränderung.

medienpolitik.net: Nach einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks vom Ende 2016, erreichen soziale Netzwerke bei einer Skala von minus fünf bis plus fünf nur einen Wert von minus 1,5. Sie haben damit neben der „Bild“-Zeitung die geringste Glaubwürdigkeit. Warum haben die sozialen Netzwerke dann doch so einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung, wenn ihnen die Nutzer nicht so richtig glauben?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Ich finde die Fragestellung der Umfrage zweifelhaft. Wenn man bei Facebook die „FAZ“, die „Süddeutsche“ oder „SpiegelOnline“ liket und diese in den News auftauchen, dann sind sie nicht weniger glaubwürdig, nur weil ihre Inhalte jetzt bei Facebook zu sehen sind. Wenn man aber dem Kopp-Verlag oder der „Epoch-Times“ folgt, dann ist das bei Facebook derselbe Blödsinn wie auf deren eigener Plattform. Und wenn man nur liest, was die eigenen Freunde posten, dann hängt es von deren Glaubwürdigkeit ab. Eine pauschale Aussage darüber, wie glaubwürdig soziale Netzwerke sind, halte ich nicht für besonders sinnvoll. Die Beantwortung der Frage, wie entscheidend soziale Netzwerke für die Meinungsbildung sind, ist noch nicht abschließend geklärt. Da stehen wir mit der Forschung noch am Anfang.

medienpolitik.net: Das heißt, dass klassische Medien, wenn sie ins Internet gehen, ihre Glaubwürdigkeit behalten, unabhängig von der Umgebung?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Davon würde ich ausgehen. Ein Indiz dafür, dass es so ist, zeigt sich derzeit in den USA durch die Einschaltquoten und Abonnentenzahlen von „CNN“, „Washington Post“, „New York Times“ usw. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass von höchster Stelle Desinformation betrieben wird, wenden sie sich Quellen zu, die sie als glaubwürdig erachten. Auch wenn sie bis dahin mit ihnen primär nur über soziale Medien in Berührung gekommen sind, können sie aber trotzdem unterscheiden zwischen „New York Times“ und „Infowars“. Die „New York Times“ wird nicht weniger glaubwürdig, weil man ihre Inhalte bei Facebook lesen kann. Im Gegenteil, es ist von Vorteil, dass sie über Facebook Leute erreicht, die sie sonst nicht erreicht hätte, und die sich vielleicht früher oder später von dem Duktus und der Art, wie dort gearbeitet wird, und von den Inhalten überzeugen lassen.

medienpolitik.net: Gegenwärtig überrollt uns eine Welle von Fakten-Checkern. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Journalisten waren schon immer Fakten-Checker, wenn sie ihre Arbeit richtig gemacht haben. Jedes zusätzliche Bemühen, Geschichten und Aussagen mit sauberen und gründlichen Methoden auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen ist per se erst einmal zu begrüßen. Es überrollt uns nicht nur eine Welle von Fakten-Checkern, sondern auch eine Welle von gezielter Desinformation. Natürlich ist es sinnvoll, Desinformation zu entlarven. Die Frage ist, wie das in Zukunft organisiert werden soll und wie viel Aufwand zur permanenten Entkräftung von Propagandalügen betrieben werden soll. Auch hier gilt nicht: entweder oder. Bisher wurden auch schon Redakteure angestellt, um beispielsweise Aussagen richtig zu stellen, die in anderen Medien gemacht wurden. Es war schon immer eine redaktionelle Entscheidung, ob es sinnvoll ist, ob die Reichweite des verbreiteten Unsinns entsprechend groß ist und ob es aus eigener publizistischer Sicht erforderlich ist, den dafür nötigen Aufwand zu betreiben.

medienpolitik.net: Das heißt doch, mit einer gewissen größeren Gelassenheit an diese Fake-News-Diskussion zu gehen?

Prof. Dr. Christian Stöcker: Ich glaube, es ist ganz gut, dass wir alle intensiv darüber reden. Allein deshalb, weil sich die Sensibilität für dieses Thema erhöht. Seit ein bis zwei Jahren wird insbesondere von rechts ganz gezielt mit Lügen operiert, um ein Gefühl der Unsicherheit zu erzeugen. Durch die Diskussion über Fake-News wird die Gesellschaft in der großen Breite dafür sensibilisiert, dass es Menschen gibt, die sie anlügen wollen. Dennoch glaube ich, dass diese Debatte in Teilen etwas überhitzt geführt wird. Man sollte nicht allzu schnell gesetzliche Regelungen verabschieden, die dann möglicherweise die Meinungsfreiheit einschränken. Aber das wir darüber sprechen, ist im Grundsatz richtig, denn es gibt in den sozialen Netzwerken interessengeleitete Desinformation.

Dieser Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/17 erstveröffentlicht.

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