Rundfunk:

„Der Tag wird zur Playlist“

von am 19.04.2017 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Internet, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Der Tag wird zur Playlist“
Peter Boudgoust, Präsident von ARTE GEIE und Intendant des SWR

ARTE startet einheitliche Videoplattform für alle Inhalte und Endgeräte

19.04.17 Interview mit Peter Boudgoust, Präsident von ARTE GEIE und Intendant des SWR

ARTE habe es geschafft, auch und gerade im technologischen Bereich Avantgarde zu sein, das gelte vor allem online. Das sei nur möglich gewesen, weil ARTE als bi-nationales, deutsch-französisches Unternehmen nicht den gleichen Limitierungen wie ARD und ZDF unterliege, so ARTE-Präsident Peter Boudgoust in einem medienpolitik.net-Gespräch. „Durch unser weiterentwickeltes Onlineangebot verschwinden nun auch die Grenzen zwischen den bisherigen Plattformen und der Mediathek: ARTE im Netz wird zu der Videoplattform für das Beste aus Kultur und Kunst, Film, Wissenschaft und Investigation aus Europa“, verspricht Peter Boudgoust.

medienpolitik.net: Herr Boudgoust, ARTE verfolgt seit 2013 eine konsequente Digitalstrategie mit dem Erfolg steigender Zuschauerzahlen. Was könnten ARD und ZDF von dieser Strategie „lernen“?

Peter Boudgoust: Wer was von ARTE lernen kann, möchte ich nicht bewerten. Fakt ist, dass ARTE als Angebot mit einer klaren Marke und einem klaren Profil im Netz überaus erfolgreich ist. ARTE hat es von jeher geschafft, auch und gerade im technologischen Bereich Avantgarde zu sein –das gilt vor allem auch online: Erst mit der +7-Mediathek, dann mit den fünf non-linearen Plattformen wie ARTE Concert und ARTE Creative, schließlich mit allem, was wir in den sozialen Netzwerken tun, um unsere zahlreichen Fans für Inhalte zu begeistern, die sie noch nicht kennen, jetzt mit einer einheitlichen Videoplattform für alle Inhalte und alle Endgeräte. Vieles von dem war nur möglich, weil ARTE als bi-nationales, deutsch-französisches Unternehmen nicht den gleichen Limitierungen wie ARD und ZDF unterliegt. Und damit sind wir – wie auch „funk“ – ein Stück Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Übrigens sehen wir, dass dieser Erfolg unserer Online-Inhalte zumindest zum Teil auch wieder auf unseren Erfolg im linearen Fernsehen einzahlt, denn auch dort zeigte die Kurve in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich nach oben.

medienpolitik.net: 2014 erreichte die ARTE- Mediathek die dreifache Reichweite des TV-Programms und ARTE hatte 1,1 Millionen Fans in den sozialen Netzwerken und 550.000 Follower bei Twitter. Wie haben sich diese Zahlen entwickelt?

Peter Boudgoust: Die Berechnungsbasis für die Zahlen der Mediathek ist eine ganz andere als für die TV-Zahlen. Eines ist aber sicher, in beiden Fällen geht die Kurve nach oben. 2016 konnten für das gesamte ARTE Digitalangebot (inklusive Drittplattformen) 318 Millionen Videoabrufe verzeichnet werden. Dies entspricht einem Wachstum von 37% von 2014 auf 2015 und von 29% von 2015 auf 2016. Was das lineare Programm betrifft, erreichte ARTE 2016 in Frankreich einen Marktanteil von 2,3%, in Deutschland konnten wir den Marktanteil von 1% erfolgreich halten – und das trotz großer Sportereignisse, der Europameisterschaft und der Olympischen Spiele in Rio. In einem wachsenden Konkurrenzumfeld konnten wir in den letzten fünf Jahren unseren Marktanteil um 30% steigern. In den sozialen Netzwerken konnte ARTE seine Stellung weiter ausbauen und erreicht heute 4,2 Millionen Facebook-Fans und über 1,5 Millionen Twitter-Follower.

medienpolitik.net: Wie geht es weiter? Wie sehr wird sich ARTE von einem linearen Angebot zu einem non-linearen Angebot wandeln?

Peter Boudgoust: In wenigen Wochen starten wir eine neue Version unseres Onlineangebots. Dann verschwimmen die Grenzen zwischen Linearität und Non-Linearität vollends: Die User können im Livestream zurückspringen auf die vorherige Sendung oder sich schon mittags in unser Abendprogramm „beamen“ – der Tag wird zur Playlist. Insgesamt wird das Konzept der „Playlists“ noch stärker als bisher in unser Angebot integriert: Über die App und unsere Webangebot kann dann jeder zu seinem eigenen ARTE-Programmdirektor werden – dank SmartTV, Chromecast und AppleTV auch auf dem großen Bildschirm. Daneben gibt es so genannte Kollektionen, die thematisch passende Inhalte gruppieren. Und natürlich gibt es auch weiterhin unseren klassischen Mediathek-Katalog mit verbesserter Suchfunktion, für alle, die schon genau wissen, was sie sehen wollen. Durch unser weiterentwickeltes Onlineangebot verschwinden dann auch die Grenzen zwischen den bisherigen Plattformen und der Mediathek: ARTE im Netz wird zu der Videoplattform für das Beste aus Kultur und Kunst, Film, Wissenschaft und Investigation aus Europa. Und für alle, die an ARTE vor allem den eigenwilligen Blick mögen, gibt es „Creative“, das von einer Plattform zu einem übergreifenden Label wird und künftig den direkten Zugriff auf den ARTE-Content bietet, der besonders ungewöhnlich, überraschend und frisch ist.

medienpolitik.net: Inwieweit ändern sich mit der verstärkten Online-Präsenz auch die Formate bei ARTE? ARTE hat ja das Glück, dass das Online-Angebot nicht zwingend programmbegleitend sein muss.

Peter Boudgoust: Nach wie vor experimentieren wir in alle Richtungen: 2013 hatten wir mit „About:Kate“ ein bimediales interaktives Format, haben dann 2014 mit „Do not track“ und 2015 mit „Dada Data“ rein interaktive Sonderprogramme produziert und haben diese Angebote mit unseren Video- und TV-Inhalten zum gleichen Thema ergänzt. Für das Grimme-Preis-gekrönte Philosophie-Format „Streetphilosophy“ erhalten wir direkt aus der Produktion eigenen Social Media-Content, der den Inhalt der Sendung nach den Gesetzen der sozialen Plattform aufbereitet. Und mit dem neuen werktäglichen Reportageformat „Re:“ haben wir nun das erste Format, dass auch vollumfänglich über Social Media abgebildet wird. Die Reportagen nehmen Themen der europäischen gesellschaftlichen Aktualität auf. Auf Facebook und Twitter geht der Diskurs darüber dann nahtlos weiter. Grundsätzlich gilt für uns: Die Nutzungsgewohnheiten der Menschen unterliegen einem schnellen Wandel. Wer in dieser Welt vorne mit dabei sein will, muss die Freiheit und den Willen zum Experiment haben.

medienpolitik.net: Wie politisch ist ARTE?

Peter Boudgoust: Sicherlich verdankt der Sender seine Existenz dem politischen Willen zweier großer Staatsmänner, Helmut Kohl und François Mitterrand, die vor 25 Jahren beschlossen, Deutschland und Frankreich eine gemeinsame Stimme in Europa zu geben und dabei die europäische Kultur als völkerverbindendes Element in den Mittelpunkt zu stellen. Die Gründungsgeschichte des Senders tangierte aber niemals die politische Unabhängigkeit von ARTE. Mit seinem Gründungsauftrag verbindet ARTE aber das Ziel, den Diskurs über unsere heutigen Gesellschaften und deren Entwicklung zu begleiten und durch hintergründige Berichterstattung und Analyse zu bereichern. Gerade unser Wille, den Sender fest im Hier und Jetzt zu verankern und die gesellschaftspolitische Relevanz unserer Programme nach vorne zu stellen, hat uns dazu bewogen, seit Mitte März einen werktäglichen Informationsblock von 19.20 Uhr bis 20.15 Uhr zu einer prominenten Sendezeit zu schaffen, der aus unserer Nachrichtensendung „ARTE Journal“ und, wie ich gerade erwähnte, der neuen Reportagereihe „RE:“ besteht.

medienpolitik.net: Letzte Woche ist eine 10-teilige Dokumentation zum 60. Jahrestag der römischen Verträge gestartet. Wie programmatisch ist diese Serie für das Profil von ARTE? Versteht sich ARTE als Bollwerk für ein geeintes Europa?

Peter Boudgoust: ARTE ist der europäischen Kultur und der geistigen Offenheit, die seine Gründung ermöglichte, verpflichtet. Wir wollen und müssen unablässig den Blick auf dieses Europa richten, das zugleich Basis unseres gemeinsamen kulturellen Erbes und unserer gemeinsamen Zukunft ist. Unseren europäischen Auftrag nehmen wir sehr ernst: 85% der produzierten bzw. gesendeten Programme sind europäischer Herkunft. ARTE wird europaweit ausgestrahlt. Seit November 2015 bietet der Sender ausgewählte Programme in drei weiteren Sprachen neben Deutsch und Französisch an: Zahlreiche ARTE-Programme sind seitdem mit englischen, spanischen, polnischen und ab Ende 2018 auch mit italienischen Untertitel abrufbar. ARTE unterhält Partnerschaften mit neun öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern in Europa. Sie sehen, dass wir auf unsere Weise und mit unseren Mitteln mit großer Überzeugung und Tatkraft zum kulturellen Austausch und zum gegenseitigen Verständnis der Menschen in Europa beitragen.

medienpolitik.net: ARTE hat ein höher gebildetes, Kultur- und Politik-interessiertes Publikum. Berührt Sie die Debatte über einen Glaubwürdigkeitsverlust der Medien, über Fake News und Imageverlust überhaupt?

Peter Boudgoust: Selbstverständlich verfolgen wir aufmerksam die Diskussion über die Glaubwürdigkeit der Medien, auch wenn ARTE gerade in diesem Punkt bei den Zuschauern positiv gesehen wird, und dies sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. Dies zeigen auch die Imagestudien, die wir jedes Jahr in Auftrag geben. Unsere bi-nationale Identität ist dabei sicherlich die beste Garantie für journalistische Unabhängigkeit. Wir wollen diese Freiheit nutzen, um mit unseren Inhalten einen lebendigen und fruchtbaren Dialog innerhalb der Gesellschaft zu befördern und unseren Zuschauern und Nutzern kompetente Analyse und Einordnung zu bieten.

medienpolitik.net: Das ZDF hatte im Oktober vergangenen Jahres seinen digitalen Kulturkanal eingestellt. Haben Sie den Kulturanteil des ZDF mit übernommen?

Peter Boudgoust: ZDFkultur und ARTE waren immer eigenständige Kanäle. Allerdings gab es durchaus Kooperationen und gemeinsame Programminitiativen. So haben ZDFkultur und ARTE vor fünf Jahren die Idee von „Berlin Live“ in enger Zusammenarbeit entwickelt. ARTE hat die Sendung nun allein als Format übernommen.

medienpolitik.net: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sparen, inwieweit ist davon auch ARTE betroffen?

Peter Boudgoust: Die Erwartungen an das öffentlich-rechtliche System steigen: Bi-Medialität, Barrierefreiheit, kürzere Reaktionszeiten bei gleichbleibender journalistischer Verlässlichkeit. Wer diese wachsenden Erwartungen erfüllen will, obwohl die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen in die entgegengesetzte Richtung zeigen, muss seine Strukturen und Workflows überdenken. Was die Bi-Medialität der Redaktionen und der Programmplanung angeht, sind wir bei ARTE schon sehr weit. Das heißt aber auch: Da sind keine Reserven mehr zu heben. Jedes neue Projekt stellt uns damit vor die Fragen, ob wir das zusätzlich stemmen können und ob wir an andere Stelle auf etwas verzichten müssen. Diese Frage stellt sich erst recht, wenn es dann darum geht, ob aus einem anfänglichen Experiment zum Beispiel ein Dauerangebot werden soll. Entscheidend für den Erfolg bleibt aber in jedem Fall die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Macherinnen und Macher. Und an Motivation fehlt es den „Artesianern“ sicher nicht.

medienpolitik.net: Inwieweit planen Sie weitere Eigenproduktionen? 2017 sollte eine eigenproduzierte Flüchtlingsserie laufen. Wie ist der Stand?

Peter Boudgoust: Es handelt sich nicht um eine Eigenproduktion, sondern um eine Auftragsproduktion gemeinsam mit dem SWR und ARTE Franc mit dem Titel „EDEN“ (Produktion: Atlantique Productions und LUPA Films). Die Bücher sind zurzeit in der Entwicklung durch ein Autorenteam. Regie führen wird Edward Berger („Jack“, „Deutschland 83“).

medienpolitik.net: Sie sagten im vergangenen Jahr: „ARTE will mehr denn je Vorreiter sein und für europäische Serienkompetenz stehen“. Stehen sie noch zu diesem Satz aus dem Februar 2016 oder fällt diese Ambition dem Spardiktat zum Opfer?

Peter Boudgoust: Der Satz gilt nach wie vor, ARTE koproduziert und erwirbt zahlreiche europäische Qualitätsserien wie „Zimmer 108“ („Beau séjour“) aus Belgien, „Die Toten von Turin“ („Non uccidere“) aus Italien, „Manon, 20 Jahre“ (Manon 20 ans“) aus Frankreich, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“ aus Großbritannien, „Helden am Herd“ („Bankerot“) aus Dänemark oder aus Deutschland „Credo“, eine Serie über die Innenwelt der Großbanken, Regie Christian Schwochow. Alle diese Serien werden in den nächsten Monaten auf ARTE zu sehen sein.

medienpolitik.net: ARTE engagiert sich auch bei Kino-Koproduktionen, hat z.B. „Toni Erdmann“ mit finanziert. Wie sieht hier Ihre Strategie aus?

Peter Boudgoust: ARTE koproduziert rund 50 Kinofilme pro Jahr, deutsche, französische, europäische und außereuropäische. Mit diesen Filmen sind wir auf allen wichtigen Festivals vertreten, so etwa letztes Jahr in Cannes mit Filmen von Bruno Dumont und Olivier Assayas oder bei der Berlinale letzten Monat mit Filmen von Aki Kaurismäki und Volker Schlöndorff. Neun ARTE-Koproduktionen waren dieses Jahr im Oscar-Rennen und schließlich gewann eine davon: „The Salesman“ von Asghar Farhadi. Beim neuen Film von Michael Haneke „Happy End“ sind wir ebenso beteiligt wie beim nächsten Projekt von Sebastian Schipper, der mit seinem vorherigen Film „Victoria“ für Aufsehen sorgte. Und beim Deutschen Filmpreis im April werden mit Sicherheit Regisseurinnen bei der Verteilung der Lolas ganz vorne mit dabei sein, vor allem wiederum Maren Ade mit „Toni Erdmann“ und Nicolette Krebitz mit „Wild“. Die genannten Titel zeigen schon die Prinzipien unseres Engagements: Internationalität, Originalität und eine individuelle Handschrift.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/17 erstveröffentlicht.

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