Hörfunk:

„Regionalität gehört zu unserem Erbgut“

von am 06.04.2017 in Allgemein, Archiv, Hörfunk, Interviews, Lokalfunk, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Hörfunk:</h4> „Regionalität gehört zu unserem Erbgut“
Nathalie Wappler Hagen, Programmdirektorin des MDR, Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission. Foto MDR Wolf.

ARD startet Audiothek, eine Radio App, die die besten Hörfunkangebote aller ARD-Anstalten bündeln soll

06.04.17 Interview mit Nathalie Wappler Hagen, Programmdirektorin des MDR, Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission

In einem medienpolitik.net-Gespräch wandte sich die neue Programmdirektorin des MDR Nathalie Wappler Hagen, die zugleich Vorsitzende der ARD-Hörfunk-Kommission ist, gegen Überlegungen, die UKW-Hörfunkangebote der ARD zu reduzieren: Regionalität gehöre zum Erbgut der Landesrundfunkanstalten. Eine radikale Kürzung und Zusammenlegung beispielsweise aller Kulturradios auf nur noch ein nationales Angebot wäre ein Kahlschlag, wo aus historischer Erfahrung die deutsche Medienlandschaft föderal organisiert sei. Wappler Hagen kündigte eine Radio App an, die im Sommer an den Start gehen und die die besten Hintergründe, Features und Hörspiele der Landesrundfunkanstalten versammeln soll. Zudem plane die ARD den Ausbau der Zusammenarbeit mit Streamingdiensten und anderen digitalen Plattformen.

medienpolitik.net: Frau Wappler, Ihre Tätigkeit als Programmdirektorin des MDR in Halle ist eine doppelte Rückkehr: Sie haben in Konstanz studiert und in Deutschland, gearbeitet, bevor Sie zum SRF gingen. Worauf haben Sie sich beim MDR gefreut?

Nathalie Wappler Hagen: Als allererstes auf die großartige Kulturlandschaft in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, in die ich ziehen würde. Und direkt danach auf ein modernes, dynamisches Medienhaus, das sich konsequent dem Medienwandel stellt und an allen Standorten umsetzt.

medienpolitik.net: Sie sind beim MDR Programmdirektorin mit dem Schwerpunkt Hörfunk und gleichzeitig Vorsitzende der ARD-Hörfunk-Kommission, in einer Zeit in der sich die ARD reformieren muss. Dabei wird vor allem auf das Fernsehen geschaut. Ist der Hörfunk das Stiefkind der Reform?

Nathalie Wappler Hagen: Ganz und gar nicht. Die Länder haben den Auftrag gegeben, in einem Reformprozess die Themen „Chancen der Digitalisierung“, „rechtliche Rahmenbedingungen“, „Modernisierung des KEF-Verfahrens“ und „Abbau der Versorgungslasten“ zu behandeln. Das ist weder ein Fernseh- noch ein Hörfunk-Auftrag, sondern eine umfassende Reform-Agenda an alle öffentlich-rechtlichen Medienhäuser. Archivprozesse, IT-Strategie, Crossmediale Korrespondentenplätze, SAP-Prozessharmonisierung, Altersversorgung und gemeinsamer Einkauf betreffen alle Bereiche aller Häuser – und natürlich auch alle Verbreitungswege. Die Hörfunkkommission der ARD beschäftigt sich dabei intensiv mit der Digitalisierung und der Zukunft des Radios.

medienpolitik.net: Vor welchen Herausforderungen steht dabei der ARD-Hörfunk?

Nathalie Wappler Hagen: Hörfunk muss seine enorme Reichweitenstärke sowohl auf den klassischen Ausspielwegen weiter behaupten und gleichzeitig seine digitalen Kompetenzen ausbauen. Hier arbeiten wir zur Zeit konzentriert an einer ARD Audiothek, also einer Radio App, die im Sommer an den Start gehen wird, und die mit ihrem kuratierten Angebot die besten Hintergründe, Features und Hörspiele der Landesrundfunkanstalten versammeln wird. Die Kooperation mit Streamingdiensten und anderen digitalen Plattformen ist sicher eine weitere Herausforderung. Die Erwartung, sich in allen programmlichen Bereichen multimedial aufzustellen, fordert Fernseh- und Hörfunkleute ebenso wie die Kolleginnen in den Telemedien. Spezielle Aufträge an den Hörfunk sind darüber hinaus die Digitalisierung der Verbreitung und die Weiterentwicklung beispielsweise der Verkehrsmeldungen.

medienpolitik.net: Es geht ja bei der Reform vor allem um Einsparungen und möglicherweise einen veränderten Auftrag. Wo kann man beim Hörfunk – der als preiswertes Medium gilt – sparen?

Nathalie Wappler Hagen: Wohlgemerkt, es geht nicht um eine Reduzierung des Programmangebots, sondern um die Stärkung des ARD-Verbunds durch eine signifikante Erhöhung der Leistungsfähigkeit und der Wirtschaftlichkeit. Das werden wir durch intensivere Zusammenarbeit und mehr Standardisierung der Infrastruktur erreichen.

medienpolitik.net: Die Einführung von DAB+ verursacht erst einmal mehr Kosten. Warum ist es dennoch sinnvoll um die Einführung zu kämpfen, obwohl UKW weiter gut funktioniert?

Nathalie Wappler Hagen: Aber ja. DAB+ ermöglicht mehr Vielfalt, eine größere Verbreitung, bessere Sendequalität, mehr Info-Service, weniger Ressourcenverbrauch und deutlich geringere Verbreitungskosten. Es ist eine mehr als rentierliche Investition in die Zukunft des Radios.

medienpolitik.net: Es gibt mehrere ARD- Hörfunk-Jugendangebote, der MDR hat sogar zwei. Reicht das aus, um Jugendliche bei den ARD-Wellen zu halten, was ja anscheinend immer schwerer wird?

Nathalie Wappler Hagen: Im MDR gibt es keine zwei Jugendwellen. MDR SPUTNIK richtet sich an die Zielgruppe der unter 30-jährigen, MDR JUMP an die Zielgruppe der über 30-jährigen. Da MDR SPUTNIK aber nur in Teilen von Sachsen-Anhalt terrestrisch über UKW zu hören ist, bauen wir für MDR SPUTNIK unsere DAB+-Strategie und vor allem die Online-, Social Media- und Bewegtbildstrategie aus. Wir unternehmen in diesem Zusammenhang große Anstrengungen, MDR SPUTNIK noch stärker als Jugendmarke des MDR zu etablieren. Dazu bekommt MDR SPUTNIK in diesem Jahr auch ein neues Design. Kurzum: wir sind beim jungen Publikum gut verankert. Der Hörfunk hat auch keinen Generationenabriss zu beklagen. Die Akzeptanz der Jungen Wellen beim Zielpublikum ist sehr gut. Darum ist „funk“ – das junge Angebot von ARD und ZDF – auch in den meisten Häusern bei den Jungen Wellen angesiedelt. So auch beim MDR. Wichtig ist am Ende, dass wir die jungen Leute dort abholen, wo sie verlässliche Informationen, anregende Bildung und intelligente Unterhaltung suchen. Wir lernen da täglich und ich meine, wir werden da täglich besser.

medienpolitik.net: Blicken Sie neidisch auf „funk“? Ist ein „funk“ für das Radio vielleicht ein Wunsch von Ihnen?

Nathalie Wappler Hagen: Ganz im Gegenteil. Wir sind stolz auf die gute Akzeptanz von „funk“. Die jungen Wellen der ARD sind ein wesentlicher, und ich meine unverzichtbarer, Impulsgeber, Ideenlieferant und Produzent von „funk“-Inhalten. Und es macht Mut, sich noch entschlossener von herkömmlichen Sichtweisen auf Verbreitungswege zu lösen. Auf einer Drittplattform in sozialen Netzwerken zählt allein der Inhalt, nicht der lineare Herkunftsnachweis. Gleichwohl: für junge Menschen wird die regionale Verwurzelung immer wichtiger. Deshalb braucht ein Jugendangebot des MDR auch einen starken Bezug zu Mitteldeutschland. Es braucht glaubwürdige, junge Menschen, die sich hier auskennen und als Gesichter des Senders HörerInnen und NutzerInnen erreichen.

medienpolitik.net: Aber benötigt man dazu, wie der MDR zum Beispiel acht Hörfunkangebote (ohne DAB+). Muss es so viele regional orientierte Angebote geben? Warum nicht eine ARD-Kulturwelle in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur? Oder eine nationale Jugendwelle?

Nathalie Wappler Hagen: Ich muss nicht erst Sozialwissenschaftler und ihre Erkenntnisse über die Entwurzelung der Menschen in einer globalisierten Welt bemühen. In der amerikanischen Rundfunkforschung ist es schon immer „the small man listens to the small station“. Regionalität gehört zum Erbgut unserer Landesrundfunkanstalten. Der Zuspruch der Hörerschaft, den uns gerade wieder die jüngste Media-Analyse bescheinigt hat, bestätigt dies. Eine radikale Kürzung und Zusammenlegung aller Kulturradios auf nur noch ein nationales Angebot wäre ein Kahlschlag in unserem Land, wo wir aus historischer Erfahrung unsere Medienlandschaft föderal organisiert haben.

medienpolitik.net: Der MDR bietet mehrere Spartenangebote wie Schlagerwelt oder Sputnik Black Channel als Livestreams für das Internet an. Wann wird das gesamte MDR-Hörfunkangebot aus solchen Spartenstreams, die man sicher auch noch stärker personalisieren kann, bestehen?

Nathalie Wappler Hagen: Das wird nicht passieren. Wie der Name schon sagt, richtet sich ein Spartenangebot an eine sehr spitz zugeschnittene kleine Zielgruppe. Da bedienen wir eine Summe von Einzelinteressen. Der große Auftrag lautet aber, Rundfunk für alle zu machen, eine integrierende Funktion für die Gesellschaft wahrzunehmen, den mehrheitsfähigen Konsens im öffentlichen Diskurs zu ermöglichen. Es wird also auch in Zukunft beides geben: das Angebot für alle und das Angebot für spezielle Interessen.

medienpolitik.net: Die Hauptabteilung MDR Klassik „versorgt“ nicht nur die DAB+ Hörfunkwelle, sondern dazu gehören Orchester und Chor, organisiert Konzerte und Festivals. Wie wollen sie mit diesem Bereich „spielen“?

Nathalie Wappler Hagen: So qualitätsbewusst wie bisher auch. Wir haben beim MDR das Glück, dass die Klangkörper mit ihrer Exzellenz, ihrer Spielfreude, ihrer Neugier und ihrer Bereitschaft, neue, ungewohnte Wege zu gehen, ein vitaler Farbklecks in der Palette der „klassischen“ Musik sind. Mit ihrer Kraft und mit ihrer Lust am Neuen haben Chöre und das Sinfonieorchester in den vergangenen Jahren auffallend viele junge Menschen für orchestrale- und für Chormusik gewinnen können.

medienpolitik.net: Beim Blick auf die Kosten werden gerade diese Bereiche des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kritisiert, als nicht unbedingt für das Programm erforderlich. Wie wichtig ist für Sie das kulturelle Engagement des MDR?

Nathalie Wappler Hagen: Mitteldeutschland, also das Sendegebiet des MDR, ist die Wiege der klassischen Musik in Deutschland. Um die Dichte und vor allem um die Qualität der Angebote in dieser Region beneiden uns viele, denen das Erbe von Bach, Mendelssohn, Wagner und Co. am Herzen liegt. Die Klangkörper reproduzieren nicht nur Kultur vergangener Tage, sie sind selbst Bestandteil der Kultur von heute. Viele der Projekte, die wir mit unseren Ensembles veranstalten, gibt es gar nicht auf dem freien Markt: Projekte, die wir selbst initiieren, Auftragswerke, neue Konzertformate, Repertoire jenseits des Mainstream, neue Arten der medialen Verwertung, spezielle Projekte zur Musik- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen und vieles mehr. Wir bringen die Musik in die Region, übertragen Konzerte, die viele aufgrund der Preise, oder der Entfernung nicht besuchen können. Von daher ist das, was wir mit unseren Ensembles produzieren, nicht nur für das Programm erforderlich – es ist schlicht Programm. Und: es ist eine Wahrnehmungsschulung der Differenzierung, die gerade heute mehr denn je nottut. Die Gründungsmütter und –väter haben sehr klug gehandelt, als sie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Dreiklang aus Information, Kultur und Unterhaltung ins Gründungs-Stammbuch geschrieben haben.

medienpolitik.net: Wie kann dieses Potenzial noch stärker auch für die Online-Angebote genutzt werden? Z.B. mehr Streams von Konzerten?

Nathalie Wappler Hagen: Es ist interessant, dass Sie danach fragen. Denn gerade daran arbeiten wir gerade. Es liegt mehr in den Archiven, als wir linear anbieten können. MDR Klassik soll eine Plattform werden für Klassik in und für Mitteldeutschland. Neue Produktionsmethoden erlauben uns schlanke Medienproduktionen in großartiger Qualität, auch neue mediale Darstellungsformen, von 360°-Übertragungen bis hin zu interaktiven Formaten. So können wir Zugangsbarrieren abbauen und neue Perspektiven eröffnen. Im Grunde ist das eine ideale Kombination der staatsvertraglichen Aufgabe, Bildung, Information und Unterhaltung zu bieten.
Geben Sie uns noch ein bisschen Zeit. Dann werden Sie im Wortsinn von uns hören.

medienpolitik.net: Im Organigramm stehen bei Ihrem Aufgabenbereich auch „Kindermedienangebote“. Damit ist sicher nicht die Zulieferung zum KiKa gemeint. Was haben Sie hier vor?

Nathalie Wappler Hagen: Der Kinderkanal ist ein reines Fernseh- und Internetangebot, er darf gar keinen Hörfunk anbieten. Das Kindermedienangebot ist Teil des Telemedienkonzepts, das der Rundfunkrat in seiner Sitzung am 20.06.2016 beschlossen hat. Dort ist festgehalten, dass der MDR bei seinem Kindermedienangebot eine Kooperation mit anderen Landesrundfunkanstalten anstrebt. Diverse Gespräche seitens des MDR hierzu laufen. Konkret konnte bislang jedoch noch kein Kooperationspartner gebunden werden. Aber: die Audio-App wird explizit auch die besten Inhalte für Kinder aus den neun Landesrundfunkanstalten und vom DLR bündeln und anbieten. Das ist effizient und wirtschaftlich gedacht.

medienpolitik.net: Was muss sich in diesem Bereich beim MDR weiter verändern und entwickeln, um den Anschluss an die veränderte Mediennutzung nicht zu verlieren?

Nathalie Wappler Hagen: Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern, sagt Konfuzius. Der Mann hat Recht. Wir müssen wach und neugierig bleiben und dürfen nicht in der Bereitschaft nachlassen, uns stetig weiter zu verändern. In der Schweiz heißt der öffentlich-rechtliche Rundfunk „Service public“. Es ist ein Dienst an und für die Gesellschaft. Wenn sich die Gesellschaft verändert, müssen auch wir uns verändern. Der Indikator dafür ist das Nutzungsverhalten der Zuseherinnen, Hörerinnen und Nutzerinnen. Das unterliegt dem Wandel. Die beständige Konstante ist unser Auftrag. Der ändert sich nicht.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/17 erstveröffentlicht.

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