Journalismus:

Demokratie braucht offene Kommunikation und freie Medien

von am 22.05.2017 in Allgemein, Archiv, Journalismus, Rede

<h4>Journalismus:</h4>Demokratie braucht offene Kommunikation und freie Medien
Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

Steinmeier ruft dazu auf, „die Echoräume aufzubrechen“, in denen sich Menschen nur in der eigenen Meinung bestärken

22.05.17 Von Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

Demokratie und Zeitung gehören zusammen, sie bedingen einander. Zeitungen tragen nicht nur zur Meinungs-, sondern auch zur Vertrauensbildung bei. Medien stellen Öffentlichkeit her, sprechen für und mit der Öffentlichkeit, egal ob sie gedruckt, in Bild oder Ton erscheinen. Demokratische Gesellschaften brauchen den Austausch von Meinungen und den Ausgleich von Interessen unter mündigen, gleichberechtigten Bürgern. Sie, die Medien, statten sie dafür – im Idealfall – mit Wissen und Urteilskraft aus.

Wer will, kann auch die Geschichte der Demokratie in Deutschland als Zeitungsgeschichte lesen, die Geschichte der Lokalzeitungen im Vormärz, der Parteizeitungen nach der Reichsgründung, der Blüte der bürgerlichen Presse in der Weimarer Republik und ihres Absterbens, zunächst im Reißwolf des Hugenberg-Konzerns, bis dann, nach 1933, der unabhängige Journalismus ganz beseitigt wurde.
Ich will die Anfeindungen, denen die Presse – lokal, regional und überregional – ausgesetzt ist, nicht unerwähnt lassen. Sie sind, das haben mir viele Gespräche mit Journalisten bestätigt, durchaus real. Ich weiß, Hass-Mails, wütende Leserbriefe und Kommentare machen den Redaktionen das Leben sauer. Ich glaube dennoch nicht an eine stetige Erosion des Vertrauens in die deutschen Medien. Studien und Statistiken geben eine solche Entwicklung auch nicht her. Die Mehrheit der Bundesbürger vertraut den Medien, den Tageszeitungen ebenso wie den öffentlichen-rechtlichen. Die eigentliche Gefahr scheint mir eine immer deutlichere Polarisierung der Gesellschaft und eine immer aggressivere Meinungsgegnerschaft zu sein. Es geht um die Frage: Gestehen wir dem Gegenüber eigentlich noch einen Platz am Tisch zu? Und wie sieht dieser Tisch im digitalen Raum eigentlich aus?

Ob den Medienverächtern, die uns eine Neuauflage des Begriffs „Lügenpresse“ beschert haben, bewusst ist, an welchem Kapitel der deutschen Geschichte sie Anleihe nehmen, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob ihnen klar ist, wer den Begriff geprägt hat. Diejenigen, die ihn heute benutzen, beklagen ja nicht nur die Verfälschung von Fakten, sondern mehr noch die Unterdrückung einer Meinung – in der Regel, die der eigenen. Die Fundamentalisten unter ihnen verbinden in ihren Verschwörungstheorien auf wundersame Weise den Zweifel an der Recherche und Berichterstattung von Journalisten mit dem Anspruch auf die Wahrheit eigener Erkenntnis.
Es hat dergleichen immer wieder gegeben, und wir werden uns aller Voraussicht nach von der Dummheit nicht befreien können. Was uns dagegen gelingen muss, ist, die entstandenen Echoräume aufzubrechen und einen Kommunikationsinfarkt zu verhindern. Demokratie ist auf eine gelingende Kommunikation angewiesen, sie baut auf Vermittlung, auf die Möglichkeit von Kompromiss.
Dafür brauchen wir freie und unabhängige Medien, und dafür brauchen wir Zeitungen. Wir brauchen sie nicht konzentriert auf wenige große Medienkonzerne, sondern in möglichst großer Vielfalt, nicht nur in den Ballungszentren und Großstädten, sondern auch als Lokalzeitungen, überall im Land. Wir brauchen gut ausgebildete, engagierte Journalisten, ausgestattet mit ausreichend Zeit und Mitteln für die Recherche und einem hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn diese Ressource schwindet, wenn die Auflagen der Zeitungen in Deutschland zurückgehen, die Zahl der Abonnenten sinkt und Zeitungen gemeinsam mit ihren Lesern in die Jahre kommen.
Sie haben sich die Frage, wie das zu gewährleisten ist, mehr als einmal gestellt. Fragt man den Verband, dessen 50-jähriges Bestehen wir heute feiern, dann haben Sie gemeinsam – wenn auch nicht auf alle, so doch auf einige Fragen – ermutigende Antworten gefunden. Aus dem Einbruch des Anzeigengeschäfts sind – unter dem Dach einiger Verlage – kostenlose, aber lukrative Anzeigenblätter entstanden. Auf den Rückgang der Abonnenten haben viele mit einem breiteren, multimedialen Angebot reagiert. So ist für Lokalzeitungen aus der Herausforderung der Digitalisierung eine Chance erwachsen.
Die Verlage sind kreativ geworden. Wer darüber nachdenkt, dem wird schnell bewusst, welches Potenzial in dem digitalen interaktiven Medium für die Lokalzeitungen liegt. Machen wir es an einem Beispiel deutlich: Eine Umgehungsstraße soll gebaut und der Plan besprochen werden. Das kann in Veranstaltungen mit Verantwortlichen aus dem Rathaus geschehen, aber auch interaktiv auf eigens dafür eingerichteten Seiten der digitalen Ausgabe einer Lokalzeitung. Planungsskizzen gehören auf eine solche Seite, ebenso gut recherchierte Fakten und schließlich auch eine journalistische Bewertung.
All das lässt sich mit Hilfe digitaler Kommunikation bündeln. Die Tugenden der Profession, seriöse Recherche, Analyse und Bewertung bleiben der Kern eines guten Journalismus. Kommunikation im digitalen Zeitalter bietet dazu viele neue Möglichkeiten.

Aber klar muss sein: Noch so elaborierte Technik wird nicht und niemals Erfahrung, Sorgfalt, Wahrheitsanspruch, einschließlich der Überprüfung von Quellen, ersetzen können. Können nicht – aber findet es nicht doch statt? Vielleicht hier bei uns weniger als anderswo. Aber die Trends sind doch auch hier erkennbar. Deshalb will ich die Lage nicht beschönigen. Die Digitalisierung stellt – bei allen Möglichkeiten, die sie bietet – das wirtschaftliche Modell des Journalismus in Frage. Wer daran gewöhnt ist, Berichte, Analysen und Kommentare per Mausklick frei Haus zu bekommen, ist nur noch schwer dazu zu bewegen, dafür zu zahlen. Doch eben das wird nötig sein. Qualität ist nicht umsonst zu haben.
Die Aufgabe, die sich Ihnen, den Verlegern, stellt, bleibt die alte: ökonomischen Erfolg und publizistisches Ideal zu verbinden. Es ist keine leichte, zumal die demographische Krise gerade den ländlichen Raum trifft. Und diese Krise hat keine Stellschrauben, mit deren Hilfe sie sich schnell und nachhaltig regulieren ließe. Sie können sie an der Altersstruktur ihrer Leserschaft ablesen und am Rückgang der Abonnentenzahlen.

Aber auch diese Krise bietet Chancen für die Lokalberichterstattung. Vielerorts sind die digitalen Ausgaben von Lokalzeitungen inzwischen zu Infoguides einer sich verändernden Gesellschaft geworden: Fahrgemeinschaften, soziales Engagement, Sportveranstaltungen, Stammtische und vieles mehr wird es auch in Zukunft nur geben, wenn die Nachricht davon den Adressaten auch erreicht. Und schließlich bildet auch das Netz demokratische Prozesse ab, in denen wache Bürgerinnen und Bürger ihre Umgebung gemeinsam gestalten.
Meine Bitte lautet: Erhalten Sie diese Schnittstellen, holen Sie Menschen ins gesellschaftliche Leben und geben Sie ihnen Orientierung. Haben Sie den Anspruch, auch die Themen zu vermitteln, die jenseits der Grenzen des Landkreises liegen. Auch die überregionale und internationale Berichterstattung braucht Raum und verlangt Sorgfalt. Ich habe das als Außenminister tausendfach gehört: Die Welt ist unsicherer geworden, unübersichtlicher, alte Erklärungsmuster taugen nicht mehr. Also fragen die Bürger umso mehr nach Orientierung: Was ist eigentlich wirklich los in der Ostukraine? In der Türkei? In Syrien? Wer, wenn nicht der Chefredakteur der Lokalzeitung, kann ein verlässlicher Wegweiser sein? Meine Bitte ist: Lassen Sie sich ruhig bei der Berufsehre packen – scheuen Sie nicht die Komplexität der Welt!

Jungen Leuten rate ich, ab und zu den Blick vom Smartphone zu heben und in die wirkliche Welt zu schauen. Und Ihnen möchte ich sagen: Verstehen Sie die Digitalisierung als Chance – aber bauen Sie auch auf Ihre Verankerung in der Offline-Welt. Am Ende habe ich dazu noch eine kleine Aufmunterung. Neulich, auf meinem Antrittsbesuch in Bayern, haben mich die Allerjüngsten aus Ihrer Profession begleitet: die Journalisten von der Schülerzeitung. Ich habe sie gefragt: “Wie informiert Ihr Euch? Zeitungen, Fernsehen?“ – „Weder noch, natürlich im Internet.“ Meine zweite Frage: „Und wenn Ihr selbst schreibt, in der Schülerzeitung, zum Beispiel dieses Interview mit mir – wo erscheint das? Auch online, im Internet?“ – „Nein, das drucken wir natürlich“, riefen die Schüler da ganz entgeistert, „das soll doch gelesen werden!“
Nutzen Sie ihre Möglichkeiten und seien Sie der Moderator demokratischer Prozesse. Vertrauen ist das Pfund, mit dem Sie wuchern können. Glaubwürdigkeit und ein guter Name sind vielen Menschen Orientierung. Die Lokalpresse muss ein Anker unserer Demokratie bleiben.

Aus der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Jubiläumsveranstaltung „50 Jahre Verband Deutscher Lokalzeitungen e.V.“ am 17. Mai 2017

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 06/17 erstveröffentlicht

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