Rundfunk:

Auftrag der Zukunft

von am 02.05.2017 in Allgemein, Archiv, Hörfunk, Internet, Journalismus, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>Auftrag der Zukunft
Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen. © Radio Bremen/Frank Thomas Koch.

Sicherung der Meinungsvielfalt und Integration revisited:

02.02.17 Von Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bietet die sich zurzeit vollziehende Transformation der Öffentlichkeit (und der Medienbranche) die große Chance, seine Bedeutung und seine Rolle für die Gesellschaft noch stärker herauszuarbeiten. Wir haben (noch) eine große Stärke in der linearen Welt, mit unseren Angeboten in Radio und Fernsehen. Wenn mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland jeden Tag öffentlich-rechtlichen Medien nutzt, dann ist dies ein wichtiger Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Die gesamtgesellschaftliche Debatte, die Verständigung über Themen und Werte, die Meinungsbildung, die in Entscheidungen des Alltags und auch der Politik münden – das alles findet nach wie vor in einem hohen Maß in den Medien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks statt: Über unsere Nachrichten, in Magazinsendungen des Radios und des Fernsehens, in den zahlreichen Gesprächssendungen (die es nicht nur im Fernsehen gibt, sondern in hoher Qualität auch im Hörfunk), in Verbrauchersendungen – und am Ende auch über die Bundesliga-Konferenz am Samstagnachmittag oder über einen Fernseh-Event wie „Das Urteil“ im Ersten. In die nicht-lineare Welt, in die Welt des Internet, müssen wir diese Stärke erst noch übersetzen. Warum ist das nötig? Es ist unser Auftrag, Meinungsvielfalt herzustellen, zur kulturellen Verständigung und zur gesellschaftlichen Integration in unserem Land beizutragen. Dieser Auftrag wird in einer Zeit der massiven Veränderung der gesellschaftlichen Kommunikation noch wichtiger. Die Gesellschaft braucht auch und gerade in der digitalen, von globalen Plattformen beherrschten Medienwelt verlässliche, relevante und glaubwürdige Qualitäts-Anbieter. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann diese Aufgabe auf Dauer aber nur erfüllen, wenn unser gesetzlicher Auftrag dies auch zulässt. Deshalb sprechen die Länder zurzeit mit gutem Grund über eine Modernisierung unseres Auftrags.
Dass sich unser Auftrag verändert – weil sich die Welt verändert, sich unsere Branche verändert und damit auch neue Anforderungen auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zukommen – ist übrigens etwas völlig Normales. Ein kurzer Exkurs in die politische Ökonomie des Medienwandels hilft vielleicht, um den Alarmismus zu relativieren, der in unserer Branche den Ton angibt: Was wir zurzeit in der Medien-Branche (aber natürlich auch in anderen Industrien) erleben, hat es in der Geschichte schon vielfach gegeben – und zwar immer dann, wenn sich entscheidende Technologien verändert haben. Einige thesenhafte Hinweise:

  • Die tiefere Ursache für die Umbrüche in unserer Branche ist der technologische Wandel, der das Netz zu einer globalen, ubiquitären Wirtschaftsplattform macht – getrieben von Kommunikation in Echtzeit, von Big Data, Algorithmen und künstlicher Intelligenz.
  • Dieser technologische Wandel zieht auf dem ganzen Globus einen tiefen ökonomischen Wandel nach sich – eingebürgert hat sich der Begriff eines neuen „Plattform-Kapitalismus“, in den sich viele der bisherigen wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen (zu unserem Schrecken) auflösen. Wir lernen noch, mit diesen Veränderungen umzugehen.
  • Die Medien sind (neben dem Handel) besonders früh und tief betroffen – denn mit der Einführung digitaler, zu geringen Kosten zugänglicher Produktionsweisen und den neuen Kommunikations- und Vertriebsmöglichkeiten im Netz sind die Zugangsbarrieren zur Medien-Produktion und zur Medien-Distribution praktisch verschwunden. Klassische Medien sind seit der Erfindung der Druckerpresse genau wegen dieser Zugangsbarrieren (Produzieren ist teuer, Verbreiten ist teuer) überhaupt erst entstanden. Was nun, also, wo sie fallen?
  • „It’s the economy, stupid!“, soll Hillary Clinton einmal zu ihrem Mann gesagt haben. Karl Marx hätte wohl gesagt: „Der Motor der Veränderung ist die Entwicklung der Produktivkräfte“ – hier Informations-Technologie und Künstliche Intelligenz. Wer den Wandel umarmt, hat die Chance, dabei zu sein. Wer dies nicht tut, verschwindet.

Die ARD ist entschlossen, zu bleiben und selbst zu handeln. Sie hat ihre Strategie für die vor uns liegende Etappe im November 2016 in ihrem Papier „Auftrag und Strukturoptimierung“ dargelegt. Sie wird sich in den kommenden Jahren zu einem crossmedialen integrierten föderalen Medienverbund weiterentwickeln.
Was das heißt? Wenn es um die Sicherung der Meinungsvielfalt in unserer Gesellschaft geht und um Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Digitalisierung – dann sehen wir vier strategische Handlungsfelder, auf denen wir uns in den nächsten Jahren weiterentwickeln werden und weiterentwickeln müssen:

1. Im tosenden Meer des Netzes muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk die eigenen Online-Plattformen zu Leuchttürmen von Qualität und Verlässlichkeit ausbauen.
Im Netz haben die neuen, globalen Plattformen als Quasi-Monopolisten die Macht der Publikation übernommen. Immer größere Teile der (nicht-linearen) Informations- und Unterhaltungsströme werden durch die Kreisläufe von Facebook, Youtube, Google, Amazon und Co. gepumpt. Damit wird Publizieren immer stärker unmittelbar und ausschließlich von Verwertungs-Interessen gesteuert – und von den ihnen dienenden Algorithmen. In dieser Welt hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine große Chance: Sich zu unterscheiden.
Das heißt: Nur zu veröffentlichen, was geprüft ist. Klug zu kuratieren, was Andere veröffentlicht haben. Alle erreichbaren, relevanten Fakten, Positionen und Meinungen zusammenzutragen, um eine Basis für die gesellschaftliche Debatte und für demokratische Entscheidungsprozesse zu schaffen. Inseln der Verlässlichkeit zu bauen, die alle (wie heute z.B. die „Tagesschau“) ansteuern, wenn es ernst wird oder wenn ihnen das ganze Durcheinander da draußen auf die Nerven fällt. Die Plattformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks können im Netz Inseln der Glaubwürdigkeit sein. Dafür bräuchten wir allerdings starke, sichtbare und mit einem eindeutigen Produktversprechen ausgestattete eigene Plattformen. Die haben wir heute noch nicht. Stattdessen leisten wir uns im Netz öffentlich-rechtliche Kleinstaaterei. Das ist in Zeiten global agierender Medien-Marken – allein Facebook hat zurzeit ca. 1,9 Mrd. Nutzer weltweit – absurd. Schon in der ARD gibt es ein Wirrwarr von Marken, die für alles Mögliche stehen, aber nicht für den einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Kleinkarierte Eifersüchteleien zwischen unseren Häusern und Gemeinschafts-Einrichtungen machen jede notwendige Veränderung zu einem langwierigen Hindernis-Lauf. Wenn wir so weitermachen, wird uns am Ende die Zeit davongelaufen sein.
Die ARD muss endlich ihre eigenen nicht-linearen Publikationsplattformen auf die Reihe bringen: Eine Marke für die Gemeinschaft, ein Haupteingang – dahinter die ganze inhaltliche und föderale Vielfalt der ARD, leicht zu finden, einfach zu navigieren, angenehm zu nutzen. Dagegen, dass es daneben weiter die regional gefärbten Angebote der Landesrundfunkanstalten gibt, spricht überhaupt nichts, im Gegenteil. Ebenso werden wir weiter spitz aufgestellte Publikums-Produkte benötigen, wie z.B. die Tagesschau-App, die Sportschau-App oder einen Player für Qualitäts- Inhalte aus unseren Radios. Die ARD ist sich im Prinzip darüber einig, dass dies alles am besten auf einer gemeinsamen technischen Plattform stattfindet. Wir arbeiten daran.
Noch schöner – und wichtig für die Sichtbarkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland – wäre ein Portal, über das die Nutzer alle öffentlich-rechtlichen Angebote betreten können: ARD, ZDF und Deutschlandradio. Am Eingang dieser Mall sollte auf einem großen Schild stehen: „Best of Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk in Deutschland“ und jeder sollte wissen, dass man hier in punkto Information, Bildung und Unterhaltung in den allerbesten Händen ist. Wir sind ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, nicht drei. In unseren Reihen will das gegenwärtig niemand – ich sage voraus, dass wir das aber trotzdem früher oder später bekommen werden. Dass es das Bedürfnis nach einem solchen Ort gibt, sieht man daran, dass Andere (z.B. MediathekView oder TV-Spielfilm) derartige Geschäftsmodelle betreiben, indem sie unsere guten Inhalte kuratieren.
Schließlich sollten wir eine dritte Idee verfolgen, die die BBC gegenwärtig umsetzt: Die BBC will ihre eigene Online-Plattform für wichtige Kultur-Einrichtungen des Landes öffnen – für Museen und Theater, für Universitäten und Forschungseinrichtungen. Das Ziel ist, wie die BBC sagt, „das Verstehen einer immer komplexeren Welt“ zu verbessern. Zu wichtigen Informations- und Wissens-Themen will der „BBC Ideen-Service“ alle relevanten Materialien kuratieren, mit den besten Inhalten der BBC und aller anderen, die dazu beitragen können. Die Kollegen vom Schweizer Radio und Fernsehen haben hier noch eine Facette hinzugefügt: Sie planen, zu bestimmten Themen ihre Archive kuratiert zugänglich zu machen. Das alles könnten wir auch – und würden damit die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als ‚trusted guide’ in einer unübersichtlichen Welt eindrucksvoll unterstreichen.
Wenn es also stimmt, dass globale Pattformen im Netz die Macht über das Publizieren übernehmen, dann müssen wir unsere eigenen Plattformen stärken und zu einer gemeinwohl-orientierten Alternative ausbauen. Dafür brauchen wir einen zeitgemäßen Online-Auftrag.

2. Die Filterblasen durchstoßen, gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeit stärken – Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss auf die relevanten Drittplattformen und rein in die sozialen Netze.
Seit Brexit und US-Wahl wissen wir: Die neuen, globalen Plattformen erledigen den Job nicht, eine informierte Öffentlichkeit zu schaffen, für fundierte Debatten zu sorgen, die verfügbaren Fakten so bereitzustellen, dass jede Bürgerin und jeder Bürger eine verantwortliche Entscheidung treffen kann. Vielmehr hat sich gezeigt, dass diese Plattformen eine konsistente Meinungsbildung eher behindern als fördern – durch die Fragmentierung der Öffentlichkeit in hermetische Sub-Öffentlichkeiten („Filter Bubbles“) oder durch das Up-Ranking von Blödsinn und Lügen („Fake News“). Die globalen Plattformen sind ein Teil des Problems, nicht der Lösung.
Trotzdem sind sie nun einmal da – und sie werden auch nicht wieder weggehen. Auch in unserem Land wächst die Bedeutung der sozialen Netzwerke für die Meinungs- und Willensbildung. Die Welt, in der wir – die klassischen Medien – bestimmt haben, was die meisten Menschen sehen, hören und lesen, wird niemals zurückkommen. Das bedeutet: „If you can’t beat them, join them.“ Das mag ähnlich aussichtsreich sein, wie die eigenen Plattformen gegenüber den globalen Playern zu stärken. Es ist allerdings ohne Alternative, wenn wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk nicht immer mehr an den Rand geraten wollen – marginal, irrelevant, eine blasse Erinnerung an frühere Zeiten, in denen öffentlich-rechtliche Medien noch die Lagerfeuer der Nation waren. Wir müssen mit unseren Inhalten, Marken, Protagonisten auf den großen Plattformen präsent sein, die heute mediale Inhalte bewegen.
Es ist im Übrigen unser Auftrag: Wir sollen den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern, indem wir den öffentlichen Diskurs in einem möglichst großen Teil der Gesellschaft stärken. Es gehört zu unseren Aufgaben, mit unseren Inhalten auch in die Filterblasen der Wenigen, voneinander Überzeugten vorzudringen – und dort Resonanzräume zu schaffen, die das Verstehen, den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl fördern. Das geht nur dort, wo ein wachsender Teil der Leute eben ist.
Alle öffentlich-rechtlichen Inhalte, die zur gesellschaftlichen Wahrheitsfindung beitragen, müssen außer auf unsere eigenen Plattformen auch auf die Informationsschleudern der sozialen Netzwerke. Heute sind das Facebook, Twitter oder Snapchat – morgen werden es andere sein, denen wir dann wiederum folgen. In Zeiten der großen Verwirrung haben wir dort die große Chance, als ‚trusted media’ aufzufallen und zu Referenzpunkten werden. Je mehr Durcheinander, desto größer auch die Sehnsucht nach Ordnung.
Wenn es also stimmt, dass die großen Plattformen und die sozialen Medien eher ein Teil des Problems sind, weil sie die Wirklichkeit zusätzlich fragmentieren und verzerren, dann gehört es zum Integrations-Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auch auf diese Plattformen gehen, an der Kommunikation in den sozialen Medien aktiv teilzunehmen – im Ergebnis: dorthin zu gehen, wo die Leute sind. Auch dafür brauchen wir einen zeitgemäßen Online-Auftrag.

3. Dialog auf Augenhöhe statt „Sendungsbewusstsein“ – Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht einen neuen Typ Redakteur.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört in diesem Land, trotz mancher Indizien und trotz allen gegenteiligen Geredes, immer noch zu den ‚trusted media’: Unsere Marken, unsere Inhalte, unsere Gesichter sind dank unserer Stärke in Radio und Fernsehen für viele Menschen nach wie vor ein selbstverständlicher Teil ihres Alltags und ihres Lebens. Dazu gehört, dass wir ihnen auch ein Stück Heimat sind: Je komplizierter und schneller die Welt da draußen – desto wichtiger ist es, auch den Puls der eigenen Region, des eigenen Bundeslandes zu spüren. Das leisten unsere Dritten Programme und unsere regional verwurzelten Hörfunkwellen.
Dieses Vertrauen können wir in die nicht-lineare Welt mitnehmen, indem wir auch dort unsere journalistische Arbeit tun: Suchen, Finden und Aufbereiten – früher nannte man das Recherche. Das Erklären der Welt und das Erzählen von guten Geschichten. Hinzu kommt die Aufgabe des Kuratierens im Netz und in den sozialen Medien: Was ist heute wichtig, was muss man erfahren, wo sind die Perlen im Netz?
Wir arbeiten noch daran, diese gewandelte Aufgabe anzunehmen. Als öffentlich-rechtliche Medien sollten wir aktiver an den Unterhaltungen im Netz teilnehmen: Nicht nur junge Menschen fürs Bunte, die wir dafür abstellen, sondern unsere publizistischen Aushängeschilder, unsere journalistischen Schwergewichte müssen anfangen, mit unseren Hörern, Sehern, Nutzern im Netz einen Dialog auf Augenhöhe über unsere Inhalte zu führen. Am Ende wird das jede Redakteurin und jeder Redakteur tun.
Dabei erfahren wir auch, welche Fragen, Interessen, Sorgen und Nöte die Leute bewegen. Das bewirkt zweierlei: Ein besseres Angebot, das näher an den Bedürfnissen unseres Publikums ist, weil es ihre Interessen kennt und nicht nur vermutet. Und eine stärkere Bindung (und am Ende auch Nutzung) unserer Angebote, weil sich die Menschen bei uns wiederfinden. Der Redakteur denkt sich eben nicht mehr aus, was die Leute interessieren könnte, sondern er spricht mit ihnen darüber und weiß so, wo er weiter recherchieren soll. Das ist Dienst an der Allgemeinheit in Zeiten
der digitalen Kommunikation. Dafür brauchen wir einen neuen Typ Redakteur: Einer der die alten Werte kann – solide Recherche, vollständige und faire Darstellung von Sachverhalten, das journalistische Handwerk.
Aber einer, der sich eben auch dem Neuen öffnet: Wenn eine Geschichte fertig ist, dann ist die Arbeit nicht zu Ende, sondern es beginnt das eigentliche Leben der Geschichte: Der Vertrieb über alle geeigneten Kanäle und Plattformen, die Kommunikation mit den Nutzern, das Schürfen neuer Themen und Ideen. Das macht Mühe, das kostet Personal – und es bedeutet, dass wir unsere Ressourcen anders verteilen müssen.
Dafür sind wir bisher nicht gerüstet – weder was die Orientierung und die Ausbildung unserer Kolleginnen und Kollegen angeht, noch was die Verteilung der Ressourcen in unseren Häusern betrifft. Wir müssen also in den kommenden Jahren umbauen: Von linear zu nicht-linear, von Radio und Fernsehen zu Online, von Senden zu „social“. Und wir müssen die Menschen ausbilden, die so arbeiten können und wollen.
Wir bei Radio Bremen haben im vergangenen Sommer eine Redaktion gestartet, die genauso arbeitet: Die jungen Kolleginnen und Kollegen von Bremen NEXT sind ganz dicht an ihrer eigenen Zielgruppe. Sie produzieren nicht für ein bestimmtes Medium, sondern sie produzieren Inhalte für ihre Zielgruppe – Geschichten, die sie dann im geeigneten Format über die geeigneten Kanäle verbreiten. Im Vordergrund stehen die sozialen Netzwerke und die mobile Nutzung über Smartphone. Für Breitenwirkung und Bekanntheit gibt es aber auch einen Audio-Livestream (formerly known as ‚Radio’) über UKW und Digitalradio und einen Off Air-Auftritt in der jungen Szene von Bremen und Bremerhaven. Die Produktion geschieht vom Anfang bis zum Ende am Redaktionsschreibtisch, ebenso die Verbreitung. Und wenn die Geschichte draußen ist, beginnt die Unterhaltung mit der Zielgruppe. Unabhängig davon, ob wir uns als Ältere den Inhalten für 15 bis 25-Jährige gewachsen fühlen (http://www.radiobremen.de/bremennext) – können wir doch leicht erkennen: Dies ist die Arbeitsweise der vor uns liegenden Zukunft.
Der Umbau hin zu ‚non-linear’, ‚social’ und ‚mobile’ ist nicht optional – sondern eine Frage unseres publizistischen Überlebens. Er ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass wir auch in Zukunft unseren Auftrag erfüllen und unseren Beitrag zum Zusammenhalt dieser Gesellschaft leisten können. Arbeiten wir einfach weiter wie bisher, dann wird uns der Medienwandel aus der Kurve tragen – ein immer größerer Teil der gesellschaftlichen Diskussion wird dann auf längere Sicht ohne denn öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfinden.
Wenn es also stimmt, dass die Plattformen zu wichtigen Verbreitungswegen werden und dass ein wachsender Teil der gesellschaftlichen Verständigung in sozialen Medien stattfindet, dann müssen wir aktiv an den dort stattfindenden Unterhaltungen mitwirken. Dafür bauen wir einen neuen Typ Redakteur auf, der den Dialog auf Augenhöhe als seine selbstverständliche Aufgabe begreift.

4. Ja, wir sind altmodische klassische Medien! – Unser Geschäftsmodell heißt „Qualität“
In den USA gibt es für Medien wie uns den schönen Begriff „legacy media“: Traditions-Medien, überkommene Medien, alte Medien. Ja, wir sind die alten Medien – und das ist in vielerlei Hinsicht sehr gut so. Denn bei uns werden noch altmodische journalistische Tugenden gelehrt, gelernt und auch angewendet, die anderswo gerade in Vergessenheit geraten: Verlässlichkeit, solide Recherche, Fakten und Wahrheitsliebe, Unabhängigkeit, Vielfalt und Fairness in der Darstellung. In den Zeiten des Internets ist es das, was den Unterschied ausmacht: Qualität. Die Qualität unserer Inhalte unterscheidet uns von einem wachsenden Teil des übrigen Medien-Marktes.
Um diese Qualität müssen wir freilich jeden Tag neu kämpfen. Natürlich ist nicht alles, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht, exzellent – oder auch nur gut. Natürlich machen wir Fehler – bei uns arbeiten Menschen. Und natürlich wissen wir, dass wir im Umgang mit Fehler noch besser werden können. Aber wir kämpfen jeden Tag um diese besondere inhaltliche Qualität unserer Angebote. Denn das muss das Ziel sein: Exzellente, verlässliche Information anzubieten. Bildung, Orientierung und Beratung, die frei sind von wirtschaftlichen oder anderen Interessen. Unterhaltung – ob Sport, Kultur oder spannende Filme – die das Leben der Menschen wirklich bereichert. Exzellenz eben, in allem, was unser Auftrag umfasst: Information, Bildung und Unterhaltung.
An dieser Stelle einen Satz zu denjenigen, die immer wieder fordern, der öffentlich-rechtliche Rundfunk solle sich allein auf das Wahre, Schöne und Gute konzentrieren – auf Information und Kultur – und solle das Andere dem Markt überlassen:
Stellen Sie sich einen Moment lang ein Angebot vor, dass tatsächlich nur aus Information und Kultur besteht: Was denken Sie, wie viele Menschen das jeden Tag nutzen würden? Glauben Sie, ein solches Angebot würde noch einen relevanten Anteil derjenigen erreichen, die sich am Liebsten auf dem Boulevard informieren (was ihr gutes Recht ist)? Und wenn wir dann nur noch für eine Informations- und Kultur-Elite da sind – mit welchem Argument nehmen wir Rundfunkbeiträge von allen?
Wer die Reduktion auf Information und Kultur fordert, will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk marginalisieren. Damit würde sich die politische Öffentlichkeit den einzigen Ast absägen, auf dem sie noch halbwegs sicher sitzt. Ein edles kleines öffentlich-rechtliche Angebot wie „arte“ würde in der gesellschaftlichen Diskussion keine Rolle mehr spielen können. Und wo sollen dann seriöse Informationen auch die Mehrheit erreichen? Wo sollen die Debatten, die eine Demokratie braucht, geführt werden? Wir brauchen dafür auch die großen Dampfer unserer Hauptprogramme und die kräftigen Arbeitsschiffe unserer Dritten Programme, in denen die Themen der Länder und der Regionen verhandelt werden.
Wir sind mit Stolz “alte Medien“ – ‘So veraltet, so starr, so ausnahmsweise geil …“, wie unsere junge Kollegin Laura Ewert vor einiger Zeit zur Verteidigung des Rundfunkbeitrags(!) in der „Welt“(!) geschrieben hat. Bei allem notwendigen Wandel müssen wir die Tugenden der alten Medien unbedingt bewahren. Denn sie machen den Unterschied, sie machen unseren Wert aus. Unser „Geschäftsmodell“ heißt Qualität – und die gründet auf Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und Verlässlichkeit. Und deshalb brauchen wir die tägliche Qualitäts-Offensive, „Richtig“ vor „schnell“, Exzellenz in allen Genres. Dafür arbeiten wir jeden Tag.
Wenn es also stimmt, dass eine demokratische Gesellschaft auch in Zeiten des Netzes von verlässlicher Information und vom Austausch der Meinungen lebt, dann ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Zukunft gut gewappnet: Wir haben die Stärke, um auch in der neuen Medienwelt unseren gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen – die hohe Nutzung unserer Inhalte in Radio, Fernsehen und Online, starke Marken, das große Vertrauen, das wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk im übergroßen Teil der Gesellschaft genießen. Unser „Geschäftsmodell“ in all dem Wahnsinn heißt Qualität. Und die tägliche Qualitäts-Offensive in unseren Angeboten ist unsere wichtigste Überlebensstrategie.

Was, also, können wir selbst tun und was sollten wir tun?
Aus den Stärken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der linearen Welt eine Stärke auch in der nicht-linearen Welt der Internet-Plattformen machen:

  1. Die eigenen Plattformen stärken und zu Leuchttürmen des Gemeinwohls im Netz ausbauen.
  2. Auf Drittplattformen präsent sein, an den Unterhaltungen im Netz teilnehmen, den Dialog
    mit unserem Publikum organisieren – dorthin gehen, wo die Leute sind.
  3. Einen neuen Typ Redakteur aufbauen, der auch kommuniziert, statt nur zu senden.
  4. Qualität als tägliche Herausforderung begreifen – denn die besondere öffentlich-rechtliche
    Qualität ist unser Geschäftsmodell, dafür bezahlt uns die Gesellschaft.

Dies alles können wir tun. Dies alles benötigt die Gesellschaft. Und dafür brauchen wir den Auftrag der Gesellschaft.

Dieser Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 05/17 erstveröffentlicht.

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2 KommentareKommentieren

  • Andreas - 02.05.2017 Antworten

    Ein großartiger Beitrag mit klaren Worten, Herr Metzger! Möge er in den entscheidenden Gremien schnell Gehör und Zustimmung finden, denn viel Zeit für einen grundlegenden Wandel gibt es nicht mehr.

  • Hektor Haarkötter - 04.05.2017 Antworten

    Der öff.-rechtliche Rundfunk braucht „einen neuen Typ Redakteur“? Einen, der „die alten Werte kann – solide Recherche, vollständige und faire Darstellung von Sachverhalten, das journalistische Handwerk“??
    Der Intendant lügt und macht der Medienöffentlichkeit etwas vor. Ich habe fast 20 Jahre für verschiedene öff.-rechtl. Rundfunkanstalten gearbeitet und wirklich nur wenige festangestellte RedakteurInnen kennengelernt, die überhaupt annäherungsweise journalistisch gearbeitet haben. Der Normalfall ist, dass die angestellten RedakteurInnen das Programm verwalten, Aufträge herausgeben, Abnahmen machen und Sendeabläufe schreiben. Aber selbst journalistisch produktiv werden, gar recherchieren, Interviews führen, Sachverhalte darstellen? Das ist doch in diesem Berufsbild gar nicht mehr vorgesehen. Dafür halten sich Herr Metzger und seine KollegInnen schließlich ein Heer an prekär beschäftigten freien MitarbeiterInnen. Allein bei Radio Bremen sollen, wie man so hört, über 90% der MitarbeiterInnen solche „Freien“ sein. Vom WDR Köln kann ich selbst bestätigen, dass über 90% des Programms von freien MitarbeiterInnen erstellt wird. Wenn Hr. Metzger also etwas für die Qualität des Berufsbilds Journalist im öff.-rechtlichen Rundfunk tun will, so sollte er sich und diese Beschäftigungsverhältnisse erst einmal ehrlich machen. Was er momentan macht, ist eine Verschleierung von Personalkosten im Sachkostenetat gegenüber Gremien und Politik und damit zusammenhängend ein weitgehender Steuer- und Sozialabgabenbetrug. Hier wäre in der Tat großer Handlungsbedarf.

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