Rundfunk:

„Wir brauchen mehr Freiheiten für unsere Online-Angebote“

von am 31.05.2017 in Allgemein, Archiv, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir brauchen mehr Freiheiten für unsere Online-Angebote“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF hat innerhalb von zehn Jahren zehn Prozent seines Personalbestands abgebaut

31.05.17 Interview mit Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Das ZDF hat innerhalb von zehn Jahren zehn Prozent seines Personalbestands abgebaut, ohne dass die Aufgaben weniger geworden wären. Darauf verweist ZDF-Intendant Thomas Bellut in einem promedia-Gespräch. „Ich warne sehr davor“, so Bellut weiter, „den Sparzwang wie eine Schraube immer weiter zu drehen. Wir sind sonst nicht mehr in der Lage, die Qualität in allen Bereichen aufrecht zu erhalten, die zu Recht von uns erwartet wird.“ Die Erwartungen an Einsparungen sollten zudem realistisch sein: „Wenn man bereits viele Strukturmaßnahmen durchgeführt und Synergien weitgehend gehoben hat, brauchen weitere strukturelle Veränderungen Zeit und verursachen am Anfang oft erst einmal höhere Kosten. Deshalb muss man das langfristig betrachten.“ Bellut betont, dass das ZDF den Auftrag habe, mit seinen Inhalten überall dort, wo das Publikum auf sie zugreifen möchte, auch präsent zu sein. Dort, wo das mit höheren Kosten verbunden sei, müsse das bislang an anderer Stelle erwirtschaftet werden. Beim Online-Engagement des ZDF gelte aber: „Die ZDF-Angebote waren nicht presseähnlich und werden es auch in der Zukunft nicht sein. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz: das Bewegtbild. Bei uns gibt es in den Online-Angeboten weder E-Commerce noch bspw. Partner- oder Tauschbörsen. Daher werden die Geschäftsmodelle der Privaten durch unsere Angebote auch nicht tangiert.“

medienpolitik.net: Herr Bellut, der KEF-Vorsitzende Dr. Heinz Fischer-Heidlberger hat am 3. Mai in Leipzig gesagt, dass der Rundfunkbeitrag ab 2021 steigen und „auf jeden Fall über einem Euro Zusatzbeitrag liegen wird“. Das bedeutet, dass Ihre bisherigen Einsparungen anscheinend zu gering sind, um den Beitrag weiter stabil zu halten. Was können Sie bis 2021 noch „drauflegen“?

Thomas Bellut: Der Rundfunkbeitrag ist seit 2009 und bis 2021 nicht nur stabil, er wurde sogar gesenkt. Und auch in den beiden Gebührenperioden vor 2009 lag die Anhebung unter der Inflationsrate. Eine vergleichbare Stabilität über zwei Jahrzehnte finden Sie in keinem anderen Bereich. Sie war nur möglich, weil es bereits erhebliche Einsparungen gegeben hat. Die anfänglichen Mehreinnahmen aus dem neuen Beitragsmodell wurden zunächst in einer Sonderrücklage angesammelt, um die Stabilität der Beitragshöhe zusätzlich zu stützen. Der KEF-Vorsitzende hat jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass diese Rücklage bis 2020 verbraucht wird und in der nächsten Beitragsperiode entsprechend nicht mehr zur Verfügung steht. Auch der im letzten KEF-Bericht ermittelte Überschuss fließt in eine Sonderrücklage zur Finanzierung der Jahre ab 2021. Dieser Betrag wird aber nicht ausreichen, um alle Kostensteigerungen zu finanzieren. Das ist der Grund, warum Herr Fischer-Heidlberger ab 2021 von einem Anstieg ausgeht.

medienpolitik.net: Nach einer schwierigen finanziellen Situation des ZDF vor ca. 10 Jahren steht das ZDF heute wirtschaftlich gesund da. Was hat sich beim ZDF in den vergangenen Jahren geändert?

Thomas Bellut: Wir haben in den vergangenen Jahren ganz erhebliche strukturelle Veränderungen umgesetzt. Sonst hätten wir auch unsere neuen Aufgaben nicht erfüllen können. Es wird gerne übersehen, dass wir den Ausbau der Digitalkanäle ZDFinfo und ZDFneo ohne zusätzliche Gebühren gestemmt haben. Auch für das gemeinsame Jugendangebot „funk“, das wir mit der ARD veranstalten, gibt es bislang keine zusätzlichen Mittel. All das musste erwirtschaftet werden, in dem wir Einsparungen und Strukturverbesserungen an anderer Stelle umgesetzt haben.

medienpolitik.net: Die KEF hielt im vergangenen Jahr, um den Beitrag auch ab 2021 stabil zu halten, Einsparungen von 2,8 Mrd. Euro von ARD und ZDF für erforderlich. Drehen Sie seitdem jeden Euro zweimal um?

Thomas Bellut: Wir überlegen grundsätzlich sehr genau und prüfen gründlich, welche Ausgaben und Investitionen wir tätigen und welche nicht. Die ständigen Klagen der Produzenten sollten eigentlich ein Hinweis darauf sein, dass wir mit spitzem Bleistift kalkulieren. Auch die Entwicklung auf dem Sportrechte-Markt zeigt, dass das alte Vorurteil, die Öffentlich-Rechtlichen würden grundsätzlich jeden Preis zahlen, genau das war, ein Vorurteil. Wir haben in den letzten Jahren rund 450 Beschäftigungsverhältnisse in fester und freier Mitarbeit abgebaut. Bis 2020 werden es insgesamt 562 sogenannte FTE sein. Das ZDF hat dann in 10 Jahren 10 Prozent seines Personalbestands abgebaut, ohne dass die Aufgaben, die wir zu erfüllen haben, weniger geworden wären. Das ZDF hat gerade erst die für 3sat und ARTE zuständige Direktion aufgelöst und die dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen in andere Bereiche des Hauses integriert. Einer der Gründe dafür war, dass wir jetzt in Plattformredaktionen arbeiten, aus denen Inhalte für die unterschiedlichen Kanäle und Ausspielwege bereitgestellt werden. Wir optimieren also interne Prozesse der Programmherstellung und können damit gleichzeitig den Personalabbau unterstützen. Gleiches gilt für die Zusammenlegung von ZDF-Morgen- und Mittagsmagazin in Berlin. Ich warne sehr davor, den Sparzwang wie eine Schraube immer weiter zu drehen. Wir sind sonst nicht mehr in der Lage, die Qualität in allen Bereichen aufrecht zu erhalten, die zu Recht von uns erwartet wird.

medienpolitik.net: Mit Blick auf die strukturellen Veränderungen, wie sie die Länder fordern – Welche Zeiträume halten Sie da für realistisch?

Thomas Bellut: Wenn man bereits viele Strukturmaßnahmen durchgeführt und Synergien weitgehend gehoben hat, brauchen weitere strukturelle Veränderungen Zeit und verursachen am Anfang oft erst einmal höhere Kosten. Deshalb muss man das langfristig betrachten. Es ist auch nicht so, dass ZDF und ARD zwei ähnlich strukturierte Unternehmen wären. Wir haben es mit neun sehr unterschiedlichen Landesrundfunkanstalten zu tun. Auch das muss man bei der Bewertung möglicher Kooperationsfelder berücksichtigen.

medienpolitik.net: Sie haben eben gesagt, dass Sie bis 2021 10 Prozent der Stellen einsparen. Welchen Anteil haben daran unmittelbar programmproduzierende Bereiche?

Thomas Bellut: Die meisten Bereiche bei uns arbeiten mittelbar oder unmittelbar für das Programm. Der Abbau hat also Auswirkungen darauf. Aber Sie zielen mit Ihrer Frage ja auf die Redaktionen und die Produktion. Auch diese Bereiche sind betroffen. Da der Abbau sozial verträglich und ohne betriebsbedingte Kündigungen umgesetzt werden muss, traf er in der Anfangsphase viele freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Verträge reduziert oder nicht mehr verlängert wurden. Darüber hinaus wurden durch Verrentung freiwerdende Positionen nicht nachbesetzt. Das hat naturgemäß alle Bereiche des Hauses getroffen. Nach dieser Anfangsphase haben wir allerdings den Personalabbau so gestaltet, dass die für das Programm besonders wichtigen Redaktionen geschont werden konnten.

medienpolitik.net: Sie haben immer betont, dass die Einsparungen nicht zulasten des Programms gehen sollen. Aber wäre es wirklich so dramatisch, etwas weniger Spielfilme einzukaufen, oder weniger Sportrechte von Sportevents zu erwerben oder die Zahl der Wiederholungen zu erhöhen? Hängt die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks neben den Kosten nicht vor allem von der Qualität und nicht von der Masse ab?

Thomas Bellut: Die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hängt in erster Linie von der Qualität des Angebots ab. Hierzu gehören neben professionellen Informationsangeboten, auch attraktive Sportereignissen und ein breites Angebot an neuen Fernsehfilmen und Serien. Wenn mehr und mehr Sportübertragungen ins Pay-TV abwandern würden und die Zahl Wiederholungen steigt, würde das die Akzeptanz für den Beitrag sicher nicht steigern. Hinzu kommt, dass wir – anders als die privaten Sender – unsere Filme und Serien zum allergrößten Teil nicht in den USA einkaufen, sondern bei deutschen Produzenten in Auftrag geben. Eine Reduktion unserer Investitionen in fiktionale Formate würde auch die deutsche Produktionslandschaft schädigen.

medienpolitik.net: Publizistische Vielfalt durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist für die Gesellschaft wichtig, aber muss der Wettbewerb auch bei fiktionalen Programmen sein?

Thomas Bellut: Publizistische Vielfalt beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes Genre, sie gilt für die Bandbreite des Angebots insgesamt. Das hat das Bundesverfassungsgericht in seinen Rundfunkurteilen mehrfach betont. Ein Vollprogramm muss das komplette Sortiment bieten. Auch fiktionale Programme haben Relevanz für die Meinungsbildung. Schauen Sie sich die Vielfalt der dort behandelten Themen an – das reicht von Organtransplantation bis hin zur Bankenkrise, um zwei willkürlich gewählte Beispiele zu nennen. Wichtige Themen kann man übrigens auch über Krimis transportieren. Wir haben in Deutschland mit dem dualen System ein facettenreiches, vielfältiges und hochwertiges Fernsehangebot. Und die Privatsender können bei ihren Geschäftsmodellen darauf bauen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Informationsaufgabe sehr ernst nehmen.

medienpolitik.net: Das ZDF verbreitet seine Programme auf nahezu allen Plattformen, entwickelt Apps, die Online-Abrufzahlen der Mediathek steigen deutlich. Wie fangen Sie die höheren Kosten dafür auf?

Thomas Bellut: Wir haben den Auftrag, mit unseren Inhalten überall dort, wo das Publikum auf sie zugreifen möchte, auch präsent zu sein. Nur so können wir unseren Beitrag zur Meinungsbildung, zur Information in der digitalen Welt aufrechterhalten. Dort wo das mit höheren Kosten verbunden ist, gilt das bereits Gesagte. Wir müssen das bislang an anderer Stelle erwirtschaften.

medienpolitik.net: Warum müssen Sie eigentlich auf allen Plattformen präsent sein? Stärken Sie damit nicht soziale Netzwerke, die zunehmend in die Kritik geraten?

Thomas Bellut: Als Inhalteanbieter sind wir auf die Kommunikations- und Verbreitungswege angewiesen, die von einer großen Zahl von Menschen genutzt werden. In der digitalen Welt sind das in der Tat andere als in der analogen Zeit. Die sozialen Medien haben die Kommunikation und Interaktion in unserer Gesellschaft radikal verändert. Dem können wir uns nicht verschließen. Im Übrigen hat der beitragszahlende Zuschauer einen Anspruch auf Zugang zu unseren Inhalten über die unterschiedlichen Plattformen und Verbreitungswege. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Gerade weil es im Netz immer schwerer geworden ist, Wahrheiten von Lügen zu unterscheiden, ist es wichtig, dass unabhängige Anbieter dort Flagge zeigen und präsent sind.

medienpolitik.net: Die Rundfunkkommission will bis Herbst den nächsten Rundfunkstaatsvertrag vorlegen. Schwerpunkt ist die Überarbeitung des sogenannten Telemedienauftrags für die öffentlich-rechtlichen Sender. Die Politik lobt „funk“, ARD und ZDF loben „funk“. Wäre für Sie „funk“ die Blaupause für den neuen Telemedienauftrag?

Thomas Bellut: In der Tat brauchen wir mehr Freiheiten bei der Gestaltung unserer Online-Angebote. Die mediale Entwicklung ist über die Regelungen aus dem Jahr 2009 längst hinweggegangen. Denjenigen, die geschützt werden sollten, haben Sie nicht wirklich geholfen. Es hat vor allem den großen US-Anbietern den Eintritt in den deutschen Markt erleichtert. Wenn wir nicht wollen, dass diese den deutschen Markt in wenigen Jahren komplett dominieren, muss die Medienpolitik handeln. Sie hat die Verweildauerbeschränkungen bereits in den Blick genommen. Auch der Programmauftrag insgesamt sollte technologieneutral formuliert werden. Angekaufte Spielfilme und Serien etwa werden von Zuschauern in einem gewissen Umfang auch im Netz erwartet. Das ist heute einfach Standard. Gerade für europäische Produktionen formuliert der Rundfunkstaatsvertrag entsprechende Erwartungen, die dann auch in unseren Online-Angeboten erfüllt werden müssen. Gleiches gilt für die Nutzung von Drittplattformen. Wir müssen unsere Zuschauer dort erreichen, wo sie sich aufhalten. Dabei gilt: Die ZDF-Angebote waren nicht presseähnlich und werden es auch in der Zukunft nicht sein. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz: das Bewegtbild. Bei uns gibt es in den Online-Angeboten weder E-Commerce noch bspw. Partner- oder Tauschbörsen. Daher werden die Geschäftsmodelle der Privaten durch unsere Angebote auch nicht tangiert.

medienpolitik.net: Welche Veränderungen halten Sie für substantiell wichtig, um in der Online-Welt weiterhin relevant bleiben zu können?

Thomas Bellut: Wir müssen die Mediathek kontinuierlich zu einem eigenständigen Angebot ausbauen. Wir müssen der Konkurrenz der großen US-Plattformen standhalten können. Dafür muss es möglich sein, auch Angebote speziell für das Netz herzustellen. Das ist heute Standard auf dem Markt. Und es ist das, was die Menschen auch von uns erwarten. Wir müssen uns mit unseren Inhalten dahin bewegen, wo die Zuschauer unterwegs sind. Ein wichtiges Thema ist die Personalisierung. Darauf müssen sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender einstellen, weil viele Zuschauer das gut finden. Anders als viele private Unternehmen werden ZDF und ARD aber sehr sorgfältig und vorsichtig mit den dafür erforderlichen Daten umgehen. Bei uns werden sie zur Verbesserung der Angebote eingesetzt, nicht für geschäftliche Zwecke.

medienpolitik.net: Ein vom ZDF in Auftrag gegebenes Gutachten von Prof. Dieter Dörr, Prof. Dr. Bernd sowie Prof. Dr. Arnold Picot kam Ende letzten Jahres zu dem Ergebnis, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Online-Präsenz deutlich ausbauen sollten. Was heißt das für das ZDF: Schnellstmöglicher Wandel zu einem non-linearen Anbieter?

Thomas Bellut: Das wäre ein Missverständnis. Das Gutachten sagt, dass sich das ZDF so wie alle anderen Medienunternehmen an die Bedingungen der digitalen Kommunikation anpassen muss. Das bedeutet aber nicht, dass die lineare Nutzung des Fernsehens verschwindet. Sie ist im Gegenteil immer noch dominant und wird auch noch für lange Zeit bedeutend bleiben. Das haben auch die Gutachter anhand von Medienforschungsdaten betont. Bislang ist die digitale Nutzung unserer Inhalte im Wesentlichen eine On-Top-Nutzung. Das bedeutet, dass weiterhin ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit auf der Herstellung und Programmierung linearer Angebote basiert. Trotzdem müssen wir uns den Herausforderungen der Digitalisierung und den Veränderungen in der Mediennutzung bei jungen Menschen stellen. Wir müssen die Erwartungen und Ansprüche der Nutzer auch in diesen Feldern bedienen. Konkret heißt das: Wir müssen non-lineare TV-Angebote machen, ohne lineares TV sein zu lassen. Nur so können wir die gesamte Gesellschaft erreichen und unseren Auftrag auch in der Welt von Cloud-TV erfüllen können. Vergessen Sie bitte eines nicht: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat besondere Aufgaben, die sich aus dem Grundgesetz ableiten. Er soll den Menschen dabei helfen, sich eine eigene Meinung zu allen wichtigen Themen zu bilden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss die Bevölkerung deshalb möglichst umfassend und frei von ökonomischen oder politischen Interessen informieren. Und zwar dort, wo Informationen gesucht und abgerufen werden. Das Bundesverfassungsgericht spricht in diesem Zusammenhang von der Entwicklungsgarantie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Was das in Zeiten von Cloud-TV bedeutet, haben die Gutachter wissenschaftlich fundiert herausgearbeitet.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 06/17 erstveröffentlicht

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