Rundfunk:

„Noch mehr Transparenz. Noch mehr Dialog“

von am 18.05.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

<h4>Rundfunk:</h4>„Noch mehr Transparenz. Noch mehr Dialog“
Thomas Hinrichs, Informationsdirektor des Bayerischen Rundfunks. Foto: BR/Markus Konvalin

Qualitätsmedien sollen eine deutliche Präsenz in den sozialen Medien zeigen

18.05.17 Interview mit Thomas Hinrichs, Informationsdirektor des Bayerischen Rundfunks 

Beim BR existiert seit April der neue News-Bereich „BR-Verifikation“. Mehrere Redakteure, darunter auch Datenjournalisten, sondieren die sozialen Netzwerke nach Falschmeldungen. Das Münchner Team arbeitet dabei mit den Kollegen von ARD aktuell in Hamburg zusammen. Die Verifikation wird von FactFox, einem eigens entwickelten Social-Media Tool unterstützt, mit dem anhand einer dahinter liegenden Datenbank vergleichsweise schnell gecheckt werden kann, ob an einer Geschichte etwas dran ist. „Wir sehen uns nicht als ‘Wahrheitspolizei‘ für soziale Netzwerke, sondern wir beschäftigen uns mit Falschbehauptungen, Gerüchten und hetzerischen Parolen, die im gesellschaftlichen Diskurs eine Rolle spielen“, beschreibt Thomas Hinrichs, Informationsdirektor des BR, die Aufgabe des neuen Teams. Gleichzeitig, will er mit eigenen Informationen stärker in sozialen Netzwerken agieren: „Wir müssen noch mehr in die Filterblase der Zweifler, wir müssen überall informieren, klarstellen und unbequem sein.“

medienpolitik.net: Herr Hinrichs, seit drei Jahren besteht beim Bayerischen Rundfunk die Informationsdirektion, die Sie leiten. Was hat sich damit für den Beitragszahler verbessert?

Thomas Hinrichs: Vor dem Hintergrund des digitalen Medienwandels stellt sich der BR gerade komplett neu und medienübergreifend auf. Das bedeutet, dass wir nicht länger getrennt nach Hörfunk, Fernsehen und Online arbeiten, sondern alle Themen von Anfang an mehrmedial planen, recherchieren und auf allen Kanälen anbieten – unabhängig von Zeit und Ort. Jede neue Information wird über alle Ausspielwege zur Verfügung gestellt. Zu den bekannten und hochgeschätzten linearen Marken Rundschau, Abendschau und B5 aktuell ist BR24 dazu gestoßen. BR24 berichtet mobil – über die App gleichen Namens – in den sozialen Netzwerken, auf vielen Plattformen. Wir haben so umstrukturiert, dass zu jedem Thema nach Möglichkeit formatunabhängig der geeignete Experte am Start ist. Tiefgründigere, bessere, umfassendere Information ist das Ziel. Dem dienen auch die neuen Einheiten BR Recherche, BR Data und BR Verifikation. Hier arbeiten absolute Profis, die eine exzellente Fachausbildung haben und Themen so aufbereiten, dass der Beitragszahler einen exklusiven Mehrwert bekommt. Nur ein Beispiel: BR Data zeigt anhand einer interaktiven Webplattform, wie sich rechte Gruppen in den sozialen Medien bewegen.

medienpolitik.net: Nun dürfen Sie aber nicht presseähnlich werden, wie es Ihnen bei der BR 24-App schon passiert ist. Wie messen bzw. bestimmen Sie, ab wann Ihre Angebote presseähnlich sein könnten?

Thomas Hinrichs: Eines vorweg: Wir sind uns unseres Privilegs als solidarisch finanzierte Einrichtung bewusst. Jede Bürgerin, jeder Bürger muss für uns zahlen, anders als bei privatwirtschaftlich finanzierten Medien. Das Netz ist ein Raum, der kreative Ausdrucksformen geradezu herausfordert. „Rundfunkähnlichkeit“ scheint mir kein Begriff zu sein, der in die Zukunft weist. Audio und Video sind geläufige Ausdrucksformen, aber wissen wir heute schon, inwieweit Inhalte in der Zukunft über augmented oder virtual reality die Nutzer erreichen werden? Wir als öffentlich-rechtlicher Anbieter werden neue Ausdrucksformen im Rahmen unseres Auftrags nutzen. Verlage tun das selbstverständlich auch. Ich beklage das nicht und wüsste auch nicht, wie uns der Klageweg hier weiterbringen könnte. Im Gegenteil, ich glaube, dass die Qualitätsmedien zusammenarbeiten können und müssen. Bei der Fragmentierung der Gesellschaft ist der Zusammenhalt insgesamt in Gefahr. Alle müssen mit verlässlichen Informationen versorgt werden, sonst geht der demokratisch überlebensnotwendige Diskurs verloren. Das darf nicht passieren.

medienpolitik.net: Die Fernsehnutzung geht kaum zurück, die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF erreichen, auch über digitale Plattformen, mehr Zuschauer als früher. Das Fernsehen behauptet anscheinend seine Position als Gatekeeper. Wie sehen Sie die Chance angesichts des Drucks aus sozialen Netzwerken, diese weiter zu halten?

Thomas Hinrichs: Gatekeeper im Sinne eines verlässlichen, gemeinsamen Referenzpunktes sind wir zunehmend nur noch bei unserem traditionellen Stammpublikum. Im Netz, gerade bei den Jüngeren, fällt uns das zunehmend schwerer. Wir müssen daher den Dialog mit unserem Publikum suchen. Wir haben das Ziel, ein glaubwürdiger Vermittler von Informationen auf allen Ausspielwegen zu sein, dazu gehören selbstverständlich auch die analogen Medien. Fernsehen und Radio sind und bleiben enorm wichtig. Meinungsbildung findet aber vermehrt in Echokammern und Filterblasen statt. Wir müssen dort mit verlässlichen Informationen präsent sein, sonst entwickelt sich eine Nebenöffentlichkeit, die im schlimmsten Fall mit Fake News, Lügen und Gerüchten gefüttert wird. Demokratie braucht den öffentlichen Raum.

medienpolitik.net: Wie aktiv sind Sie mit Ihren Informationen in sozialen Netzwerken? Können die Qualitätsmedien durch eine stärkere Präsenz in sozialen Netzwerken ein Gegengewicht zu den Lügen und Halbwahrheiten darstellen?

Thomas Hinrichs: Viele Diskussionen werden mittlerweile von Falschnachrichten und Propaganda beeinflusst – da ist es umso wichtiger, dass Qualitätsmedien eine deutliche Präsenz im Bereich der sozialen Medien zeigen. Wie gesagt, der BR richtet sich gerade cross- bzw.mehrmedial aus. Wir bündeln journalistische Kompetenz im aktuellen Bereich, beziehen Fachredaktionen noch intensiver mit ein und können dadurch die Hintergrundberichterstattung weiter ausbauen. Von dieser Reform soll auch das Online- und Social Media-Angebot profitieren, da sich die Mediennutzung zunehmend dorthin verlagert.

medienpolitik.net: Beim BR wird gerade eine neue Einheit BR Verifikation aufgebaut. Ist das nicht populistisch übertrieben? Der BR kann doch nicht die „Wahrheitspolizei“ für soziale Netzwerke sein?

Thomas Hinrichs: Wir sehen uns auch nicht als „Wahrheitspolizei“ für soziale Netzwerke, sondern wir beschäftigen uns mit Falschbehauptungen, Gerüchten und hetzerischen Parolen, die im gesellschaftlichen Diskurs eine Rolle spielen. Wir arbeiten hier eng mit ARD-aktuell zusammen und entwickeln gerade Workflows, wie wir gemeinsam ein arbeitsteiliges „Factchecking“ etablieren können – denn fast jedes Gerücht entsteht „lokal“ und schlägt „vor Ort“ auf. Das ist im Kern journalistische Arbeit, wie wir sie seit jeher gemacht haben. Geändert hat sich, dass man neueste Technologien dafür benutzt: Für die Datenaufbereitung sitzen neben Journalisten auch Mathematiker, Coder, Social Media-Analysten. Sie können einem Social Bot nicht mit einem guten Telefonbuch beikommen, das wäre naiv. Hier braucht es hochausgebildete Experten, die jedes Tool kennen und ggf. entwickeln. Das machen wir. Erste Ergebnisse sehen Sie hier:
Darüber hinaus haben wir mit unserem FactFox ein eigenes Social-Media Tool entwickelt, mit dem wir Gerüchten Fakten entgegensetzen – vor allem auf Facebook. Wir bauen hier gerade mit den Fachredaktionen eine Datenbank auf, um faktenbasierte Kurzantworten auf Fragen zu liefern, die gerade in den Sozialen Medien kontrovers diskutiert werden. Manchmal sind das leichtere Geschichten wie z. B. das Gerücht, dass zugewanderte schwarze Eichhörnchen unsere einheimischen roten verdrängen.
Wir gehen aber auch ernsten Falschmeldungen auf den Grund, wie z.B. der Meldung aus Polen, der kleine fränkische Ort Rupprechtstegen sei durch Asylbewerber zur Müllhalde verkommen und dort würden schlimmste Zustände herrschen. Nach unserer Aufklärung haben auch andere Medien reagiert und den Fall richtig gestellt.

medienpolitik.net: ARD und ZDF haben ein weltweites Korrespondentennetz, der BR verfügt über eine anerkannte Bayern-Kompetenz. Weshalb benötigen Sie Informationen aus sozialen Netzwerken für Ihre Berichterstattung?

Thomas Hinrichs: Die Medienlandschaft hat sich verändert, die Konsumenten unserer Inhalte haben sich verändert, sind aufgeklärter, beteiligen sich am Diskurs. Darum geht es. Wir wollen mit unseren Angeboten den Diskurs unterstützen, der unsere Gesellschaft weiterbringt; das Ringen um die besten Ideen. Wir helfen, das auf einem soliden Informationsfundament machen zu können. Früher war es der Stammtisch, an dem man diskutierte – jetzt ist es Facebook. Würden wir da nicht mitreden bzw. die Stimmung dort aufgreifen, würden wir einen großen Teil unserer Beitragszahler nicht ernst nehmen. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, zuzuhören – auf virale Themen einzugehen und notfalls richtig zu stellen, was in den sozialen Netzwerken diskutiert wird.

medienpolitik.net: Wie zweifelhaft diese Informationen sind, hat sich doch auch im Juli vergangenen Jahres bei dem Münchener-Attentat gezeigt. Machen die klassischen Medien den soziale-Netzwerke-Hype teilweise selbst? Nimmt man sie hinsichtlich der Informationsrelevanz zu wichtig?

Thomas Hinrichs: Der Amoklauf in München hat gezeigt, wie wichtig verlässliche Medien sind, die auf der Höhe der Zeit und mit absoluter Professionalität Journalismus betreiben. Die Polizei hat sich bei uns ausdrücklich dafür bedankt, dass wir schnell, sachlich und zuverlässig informiert haben. Wir haben dazu beigetragen, eine Panik, die aufgrund falscher Tweets entstand, wieder einzudämmen. 60 Tweets pro Minute berichteten von angeblichen Schüssen am Karlsplatz. Wir haben mit verlässlicher Quelle richtig gestellt, der Twitterorkan brach ein. In den sozialen Medien war der Teufel los, an Dutzenden Stellen wurden Schüsse gemeldet. So etwas kann man nicht ignorieren.
Auch in Breaking News Fällen haben wir die Devise, dass wir zwei Quellen für eine Veröffentlichung benötigen. Wir wollen die schnellsten sein, aber journalistisch unanfechtbar. Dies ist auch ein Grund, warum wir BR Verifikation aufbauen, diese Einheit wird uns in der Zukunft bei Breaking News Fällen unterstützen.

medienpolitik.net: Bei der Berichterstattung über das Münchener-Attentat würde kritisiert, dass viele unklare Informationen zu schnell weiter gegeben worden sind. Unterliegen Sie auch dem Zeitdruck, erster in der Berichterstattung sein zu müssen?

Thomas Hinrichs: Wir beteiligen uns nicht an einem Rattenrennen. Zuverlässigkeit vor Schnelligkeit, das galt und gilt. Wir wollen die Ersten sein, die richtig berichten, dafür strengen wir uns an. Wir haben da klare Vorstellungen: Selbstverständlich müssen wir vor Ort sein, wir waren die Verhältnismäßigkeit, wir berichten multimedial, wir verfügen über Experten, wir generieren Mehrwert.

medienpolitik.net: Solche dramatischen Ereignisse häufen sich leider. Gibt es dafür beim BR ein Regelwerk?

Thomas Hinrichs: Natürlich. Unser trimedialer Newsroom, unser Redaktionsmanagementsystem, alles wird darauf hin permanent überprüft. Wir verfeinern und verbessern ständig. Bei Breaking News wird uns alles abgefordert, angefangen von der Meldekette bis hin zur Authentifizierung von Videos. Da muss ein Rad ins nächste greifen. Am Anfang und am Ende steht fähiges Personal. Unsere Journalistinnen und Journalisten machen den Unterschied.

medienpolitik.net: Was erwarten die Zuschauer heute vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei Informationen?

Thomas Hinrichs: Glaubwürdigkeit, Hintergrundinformationen, Professionalität, Verlässlichkeit. Es muss einen Mehrwert geben, der den Rundfunkbeitrag rechtfertigt.

medienpolitik.net: Den Nachrichten von ARD und ZDF wurde für 2016 die höchste Glaubwürdigkeit aller Nachrichtenmedien bescheinigt. Die Werte hatten sich zu Mai 2016 und zu 2015 kaum verändert. Dennoch hält die Kritik auch an der Nachrichtengebung öffentlich-rechtlicher Sender an. Was machen Sie falsch? Loben Sie Ihre Leistungen zu wenig?

Thomas Hinrichs: Unsere ehemalige Hörfunk-Chefredakteurin Mercedes Riederer sagte zu diesem Phänomen: „Viele Menschen vertrauen den Medien bei der Auswahl der Themen, der Berichterstattung über die Fakten. Die positiven Ergebnisse von Umfragen bestätigen unsere journalistische Arbeit. Gleichzeitig leite ich einen weiteren Arbeitsauftrag an die Medien ab, nämlich noch mehr Einordnung, Erklärung und Hintergrund zu bieten. Und wir müssen unsere Quellen und Arbeitsweisen transparenter machen, damit nicht die Zahl derer steigt, die an der Unabhängigkeit der Medien zweifeln.“ So einfach ist es. Oder so schwer.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie dennoch Defizite in Ihrer Arbeit.

Thomas Hinrichs: Genau da. Noch mehr Transparenz. Noch mehr Dialog. Wir müssen noch mehr in die Filterblase der Zweifler, wir müssen überall informieren, klarstellen und unbequem sein.

medienpolitik.net: Die Politik plant Regulierungen und Restriktionen für soziale Netzwerke, um so Hassparolen und Lügen einzudämmen und sie so zu zwingen, Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen. Ist das ein Eingriff in unsere Meinungsfreiheit? Ist das Zensur?

Thomas Hinrichs: Es muss in der virtuellen Welt gelten, was auch in der realen gilt. Artikel 5 GG sagt in Absatz 2 alles dazu. Allerdings gibt es bislang für die sozialen Netzwerke nicht die gleichen Regeln wie für klassische Medien. Wenn dort jemand verleumdet oder diffamiert wird, hat er klar definierte Rechte – anders bei Social Media, obwohl die Verletzung von Persönlichkeitsrechten dort langlebiger und sehr viel schwerwiegender, weil massenhaft verbreitbar, ist. Dann, wenn der Hinweis auf einen potenziellen Rechtsbruch gegeben wird, muss ein Plattformbetreiber in angemessener Zeit und Form reagieren. Und hier ist der Gesetzgeber gefordert.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 05/17 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Torsten Paulsen - 23.05.2017 Antworten

    Ich weiß nicht, wie der BR gegen die Filterblasen in den sozialen Netzwerken ankommen will. Impfgegener, Reichsbürger, AfD-Wähler, usw. haben ihre Medien, denen sie blind vertrauen (Den Honigmann, den Kopp-Verlag, das gefälschte Foto vom Kumpel der Freunding des Nachbarn, usw.). Kommt dort ein BR24-Beitrag, wird der mit „Ich will das nicht sehen“ weggeklickt.

    Diese Filterblasen wird man nur dann los, wenn man sich selber Medienkompetenz aneignet. Wie das geht, hat Herr Hinrichs gezeigt. Ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese „Schulung“ leisten will, weiß ich nicht – heißt ja auch: „Vertrau mir erst, wenn Du das bei der Konkurrenz gegengeprüft hast“. Und ob ein Reichsbürger so eine Schulung von einem Vertreter der „Lügenpresse“ annimmt, glaube ich auch nicht. Das muß von neutraler Seite aus erfolgen, am Besten schon in der Schule. Neutrale Stellen gibt es im Internet genug. Aber schon diese wirklich neutralen Stellen haben sehr schwer zu kämpfen!

    Für mich sieht das mehr danach aus, daß die Öffentlich-Rechtlichen sich hier für eine weitere Aufgabe bewerben, die ihnen später vom Gesetzgeber „aufgebrummt“ werden soll.

    Die Regeln in den sozialen Netzwerken und bei den „klassischen“ Medien sind identisch. Der einzige Unterschied: Im „Cyberspace“ kann wirklich JEDER reden/senden/schreiben und – je nach Plattform – wird JEDER „Leserbrief“ veröffentlicht – und das schon seit den 1970er Jahren.

    In Presse und Rundfunk findet eine Vorauswahl statt, alleine schon aus Platzgründen. Das Problem ist, daß die Justiz einfach nicht mehr hinterherkommt. Die richtige Reaktion des Gesetzgebers wäre primär: Justiz und Polizei wieder vernünftig ausstatten. Das hilft auch gegen „analoge“ Straftaten.

    Keinesfalls wie im NetzDG einfach die Aufgabe privatisieren.

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