Medienwissenschaft:

„Soziale Netzwerke sind ergänzende Nachrichtenquellen“

von am 19.06.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Social Media

<h4>Medienwissenschaft: </h4>„Soziale Netzwerke sind ergänzende Nachrichtenquellen“
Prof. Dr. Wiebke Möhring, Lehrstuhl für Online-/Printjournalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund

Klassische Medien spielen in sozialen Netzwerken eine wichtige Rolle

19.06.17 Interview mit Prof. Dr. Wiebke Möhring, Lehrstuhl für Online-/Printjournalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund

Die Medienvielfalt bei klassischen Medien hat auch Rückwirkung auf die Vielfalt im Internet. „Traditionelle Medienmarken haben im Internet ihren festen Platz bei der Informationsnutzung und -suche durch Nutzerinnen und Nutzer“ betont die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Wiebke Möhring in einem medienpolitik.net-Interview. Entsprechend sei eine redaktionelle Schwächung derselben in der Regel auch im Internet spürbar. Soziale Netzwerke gewännen insbesondere für Jugendliche als Nachrichtenquelle deutlich an Relevanz. Die informierende Tagesreichweite betrage mittlerweile 23 Prozent und liege damit knapp über dem Wert für digitale Inhalte von Tageszeitungen. Knapp die Hälfte der deutschen Jugendlichen nutze soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle, für ein gutes Sechstel sind sie die Hauptnachrichtenquelle. Wiebke Möhring spricht sich daher für eine Förderung des Lokaljournalismus aus, da hier die Vielfalt begrenzt ist.

medienpolitik.net: Frau Möhring, hat eine Schwächung klassischer Medien – z.B. Ertragsrückgänge bei Tageszeitungen und damit verbundene Einsparungen in Redaktionen – auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Meinungs- und Informationsvielfalt im Internet?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Die sogenannten klassischen Medien sind in der Regel als Medienmarken online etabliert, sie werden auch im Internet genutzt. Und sie spielen hier eine wichtige Rolle – zum einen als fester Bestandteil digitaler Medienrepertoires, zum anderen als professionelle Stimme im netzöffentlichen Diskurs. Traditionelle Medienmarken haben im Internet ihren festen Platz bei der Informationsnutzung und -suche durch Nutzerinnen und Nutzer. Entsprechend ist insbesondere eine redaktionelle Schwächung derselben in der Regel auch im Internet spürbar. Wie stark dieser Effekt jeweils ist, hat auch etwas damit zu tun, an welcher Stelle etwa Einsparungen von der Geschäftsführung angesetzt werden.

medienpolitik.net: Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke heute vor allem für Jugendliche als Informationsquelle im Vergleich zu Zeitungsangeboten oder Nachrichtenformaten von TV-Sendern im Internet?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Aktuelle Studien zeigen, dass Jugendliche sich vorrangig im Internet informieren. Sie nutzen dort auch klassische Medien – neben Onlineportalen, Suchmaschinen und sozialen Netzwerken. Letztere gewinnen insbesondere für Jugendliche als Nachrichtenquelle deutlich an Relevanz, die informierende Tagesreichweite beträgt mittlerweile 23 Prozent und liegt damit knapp über dem Wert für digitale Inhalte von Tageszeitungen, so etwa der MedienVielfaltsMonitor. Der Digital News Report weist aus, dass knapp die Hälfte der deutschen Jugendlichen soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle nutzen, für ein gutes Sechstel ist es die Hauptnachrichtenquelle. Diese Werte liegen im internationalen Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt. Alleinige Nachrichtenquelle ist es jedoch, für diese Altersgruppe, nur für 5 Prozent – soziale Netzwerke werden als ergänzende Nachrichtenquelle genutzt. Facebook ist dabei mit Abstand am weitesten bei der Nachrichtennutzung verbreitet. Die Vorteile sozialer Netzwerke sind dabei aus ihrer Sicht, dass es zum einen einfach ist, sich dort aus verschiedenen Quellen zu informieren, dass Schlagzeilen einfach zu finden sind, dass man benachrichtigt wird, wenn etwas Relevantes passiert und dass eigene Vorlieben als Filter genutzt werden können. Andere Studien weisen darüber hinaus auch für diese Altersgruppe darauf hin, dass eine konzentrierte Dosis an seriösen Nachrichten auch auf dem Smartphone und auch in sozialen Netzwerken erwartet wird. Der Wunsch nach verlässlichen Informationen ist sehr hoch. Die Angebote klassischer Medien spielen also eine wichtige Rolle in sozialen Netzwerken.

medienpolitik.net: Wie können es klassische Medien wie Zeitungen oder TV-Sender mit ihren Informationsangeboten weiterhin schaffen, alle Generationen zu erreichen? Eine Zeitung /ein Online-Angebot für alle: Funktioniert das noch?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Die Frage ist vielleicht eher: Hat das jemals wirklich funktioniert? Seit meinem Studium begleitet mich die (wehklagende) Frage, wie man sogenannte junge Leserinnen und Leser mit der Zeitung erreichen kann. Ob man ein gesondertes Angebot für Frauen anbieten soll. Oder für Ältere. Fernsehsender klagen entsprechend über das steigende Durchschnittsalter ihres Publikums. Die Frage nach einer zielgruppenspezifischen Aufbereitung ist also nicht neu. Und die Frage nach den interessierenden Themen und Perspektiven auch nicht. Digitale Angebote sind eine Chance, wieder zu einer Plattform für alle zu werden, wenn bestimmte Formen der Aufbereitung und des Zugangs beachtet werden.

medienpolitik.net: Würde es für Zeitungsverlage Sinn machen, ein dem ARD/ZDF-Angebot „funk“ vergleichbares Portal aufzubauen, um Jugendliche mit ihren Informationen zu erreichen?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Es gibt ja bereits eine ganze Reihe von Angeboten, die sich gezielt an die jüngere Zielgruppe wenden, etwa bento oder ze.tt. Sinnhaft im normativen Sinn sind alle Angebote, die den Versuch wagen, Informationen gezielt an nicht (mehr) erreichte Zielgruppen zu richten. Über die Sinnhaftigkeit im ökonomischen Sinn muss jeder Zeitungsverlag für sich selber entscheiden. Definitiv aber reicht es nicht, die gleichen Inhalte online zu stellen, wenn, dann müssen die neuen Nutzungsgewohnheiten entsprechend adaptiert werden. Insbesondere Zeitungsverlage müssen dabei überlegen, ob sie die Unterhaltungsanteile eines Angebots wie „funk“ tatsächlich leisten können und wollen.

medienpolitik.net: In einer aktuellen Studie der Kommunikationswissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert, im Auftrag des BDZV zur Mediennutzung von Millennials, wird von Jugendlichen die Auffassung vertreten: „Wenn Nachrichten wichtig sind, werden sie mich finden“. Was bedeutet diese Aussage – wenn sie auf einen großen Teil Jugendlicher zutreffen sollte – für den Journalismus?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Aus einer Zustimmung zu dieser Aussage kann man herauslesen, dass Jugendliche auf zweierlei vertrauen:

Erstens, dass wichtige Nachrichten (immer noch) über alle Kanäle gehen werden. Es gibt, positiv formuliert, ein Vertrauen auf die Auswahl- und Relevanzkriterien von Medien und – weiter gefasst – von Kommunikatoren insgesamt.
Zweitens das Vertrauen in die Zusammensetzung der eigenen Medienrepertoires und die Pushfunktionen ihrer sozialen Netzwerke. Für den Journalismus heißt das, dass die Inhalte so publiziert werden, dass sie es in diesen Aufmerksamkeitsfokus schaffen. Redaktionen müssen sich darüber im Klaren sein, dass es nicht reicht, gefunden zu werden, sie müssen sich breiter aufstellen in der Verteilung der Zugangsmöglichkeiten zu ihren Inhalten. Und dass es die Inhalte an die Formate und Erzählskripte der jeweiligen Plattform zu adaptieren, je nach Kanal also eine entsprechende Aufbereitung zu wählen.

medienpolitik.net: Sie befassen sich sehr viel mit lokalem Journalismus. In vielen Regionen existiert nur eine Tageszeitung, die Redaktionen sparen auch an ihren Lokalausgaben. Ist der Lokaljournalismus die Achillesferse der Medienvielfalt in Deutschland?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Ja, das kann man so sagen. Für überregionale Nachrichten können Sie in der Regel zwischen verschiedenen Medienanbietern und -formaten auswählen, Sie können etwa entscheiden, ob Sie per Text oder audiovisuell Ihre Informationen erhalten möchten und haben die Auswahl zwischen verschiedenen publizistischen Ausrichtungen. Im Lokalen können 44 Prozent der Leserinnen und Leser nicht mehr zwischen Zeitungen mit verschiedenen Lokalteilen auswählen, da sie in Kreisen und Städten mit Zeitungen in Monopolstellung leben. Zusätzliche Rundfunkangebote sind nicht überall vorhanden und wenn ja, dann oftmals unter Beteiligung der jeweiligen regionalen Medienhäuser. Für das medienpolitische Bemühen von Medienvielfalt ist die Vielfalt im Lokalen daher ein guter Gradmesser. Aus normativer Sicht stellt Vielfalt, sowohl strukturelle als auch publizistische, im Sinne von Vielfältigkeit ein wichtiges Qualitätskriterium der Mediensysteme pluralistischer Gesellschaften dar. Studien liefern für die lokalen Inhalte jedoch keine eindeutigen Befunde, wie sich die Marktstellung einer Zeitung auf die journalistische Qualität und auf Inhalte tatsächlich auswirken. Insofern muss neben der außenpluralistischen Frage der Vielfalt auch die binnenpluralistische der Vielfalt von Meinungen, Themen und Akteuren mit in die Debatte einbezogen werden.

medienpolitik.net: Hat sich die Vielfalt an lokalen Informationen und Meinungen durch das Internet – z.B. lokale Blogs – verbessert? Müssen lokale, News-orientierte Internetangebote, stärker finanziell gefördert werden?

Prof. Dr. Wiebke Möhring: Ich begrüße sowohl aus der Perspektive der Vielfaltserweiterung als auch aus der Perspektive der partizipativen Beteiligung eine Angebotserweiterung durch verlagsunabhängige lokale Blogs. Inwieweit die lokalen Angebote im Netz tatsächlich für eine Erhöhung der Vielfalt publizistischer Inhalte sorgen, dass ist noch offen und muss wohl auch immer für einen konkreten Kommunikationsraum beantwortet werden. Mancherorts sind sie noch zarte Pflänzchen und die publizistische Qualität ist (noch) nicht überall besonders hoch. Auch die Spanne an professioneller Bearbeitung und professionellen und nicht-professionellen Kommunikatoren ist hoch. Unter der Prämisse, dass neue Impulse auch für die Qualität bestehender Angebote förderlich sein können und dass lokale publizistische Vielfalt für die Informationsversorgung und Meinungsbildung essentiell ist, kann eine direkte finanzielle Förderung lokaler Angebote ein medienpolitisch sinnhaft eingesetztes Instrument sein. Im Auge behalten muss man dabei, dass dadurch nicht zu stark in den ökonomischen Wettbewerb zu Ungunsten bestehender Angebote eingegriffen wird. Im Mittelpunkt der Förderung sollten daher die Förderung des Lokaljournalismus insgesamt stehen, etwa durch Weiterbildungen, Innovationsunterstützungen oder konkreter, nach bestimmten Kriterien ausgewählter Projekte.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 06/17 erstveröffentlicht. 

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