Filmpolitik:

„Die Filmförderung ist kein Sozialhilfe-Ersatz“

von am 03.07.2017 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Medienförderung, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Filmpolitik: </h4>„Die Filmförderung ist kein Sozialhilfe-Ersatz“
Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF Kino

Kinobetreiber unterstützen neue Leitlinien der FFA-Förderung für mehr kinotaugliche Spielfilme

03.07.17 Interview mit Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF Kino

„Die FFA sollte – im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften – Kinofilme fördern, die einen hohen qualitativen Anspruch haben sowie gleichermaßen absolut und/oder relativ wirtschaftlich erfolgreich im In- und Ausland ausgewertet werden können.“ Das ist eine der Leitlinien, die die Filmförderungsanstalt (FFA) nach kontroverser Debatte innerhalb der Filmwirtschaft am 13. Juni beschlossen hat. Für Dr. Thomas Negele, dem Vorstandsvorsitzenden des Interessenverbandes der Kinobetreiber HDF-Kino ist dieser Grundsatz eine selbstverständliche Aufgabe der FFA-Förderung, die aktuell zu 47 Prozent von Kinobetreibern getragen wird: „Eigentlich sollen ja alle Filme für das Kino produziert werden und nicht zum Selbstzweck und nicht, damit Produzenten durch die Förderung überleben. Die Filmförderung ist kein Sozialhilfe-Ersatz. Hier haben wir großen Nachholbedarf “. Aber auch die Kinobetreiber müssen sich bewegen, damit das Kino weiter attraktiv bleibt. Es gehe neben der baulichen Umgestaltung der Kinosäle auch um Convenience, Erlebnis, Belohnung und das Abspielen aller Formate. „Das heißt“, so Negele, „wir müssen andere Einnahmequellen erschließen und uns eine größere Unabhängigkeit von den Verleihern erkämpfen, sodass wir auch Filme ablehnen können, wenn sie nicht kinotauglich sind.“

medienpolitik.net: Herr Negele, die Filmfestspiele in Cannes haben beschlossen, dass dort künftig keine Netflix-Produktionen im Wettbewerb mehr gezeigt werden. Einen solchen „Bann“ gibt es bei der Berlinale nicht. Sollte es eine solche Entscheidung auch für die Berlinale geben?

Dr. Thomas Negele: Netflix suggeriert, dass sie besser sind als das Kino und dass es für Produzenten von Vorteil ist, lieber für sie Filme zu produzieren als für die klassische Verwertungskette, das Kino oder das Fernsehen. Darüber hinaus besteht ihre Strategie vor allem in extensivem Marketing und weniger in gute, neue Produkte. Sie suggerieren den Kunden, dass sie jetzt und sofort alles an Filmen oder Serien liefern können und der Kunde auch das Bedürfnis danach hat. Netflix arbeitet nach dem Prinzip Day-and-Date und das Kino stört bei diesem Geschäftsmodell. Wir sind schuld daran, dass nicht alle Leute die Filme ausschließlich bei ihnen ansehen, was aber in Europa längst nicht so gut läuft wie in anderen Ländern. Fakt ist aber auch, dass Serien bei Netflix eine hohe Qualität haben. Bei Filmen, die sie produzieren, ist es nicht so, sondern sie haben bisher nur die zweite Garde an Schauspielern verpflichtet, die in Hollywood bereits auf dem absteigenden Ast ist. Ich denke nicht, dass Netflix bei der Berlinale auftreten soll, auch, weil sie nicht in die Förderung einzahlen. Und außerdem ist es weder für die Produzenten, noch für die Kinobetreiber gut. Denn Filmfestivals sind für Netflix eine ideale Marketingplattform, um sich als Vertriebsweg zu präsentieren, der den Kinos ebenbürtig ist.

medienpolitik.net: FFA-Vorstand Peter Dinges hat auf dem jüngsten Kinokongress gesagt, man brauche die VoD-Plattformen dringend im Boot, nicht nur wegen der Abgabe, sondern vor allem wegen des Know-hows und potenziellen Inputs. Also bringen Plattformen wie Netflix der deutschen Filmwirtschaft doch Vorteile?

Dr. Thomas Negele: Das sehe ich nicht so. Ich weiß auch nicht, welches Know-how Peter Dinges meint. Die VoD-Plattformen sind ja nur das technisches Werkzeug, um den gleichen Content digital zu vermarkten. Dadurch wird der Content nicht besser, es ersetzt nur die DVD. Es gibt eine Studie in Europa, die 1.500 Filme untersucht und herausgefunden hat, dass auf den Plattformen nur die Filme erfolgreich liefen, die auch im Kino von vielen Zuschauern gesehen worden sind. Ich sehe überhaupt nicht, warum wir die VoD-Plattformen dringend benötigen. Entscheidend ist, dass gute Filme produziert werden und ins Kino kommen, dann stimmen auch unsere Umsätze und dann werden wir auch eine hohe Abgabe an die FFA bezahlen können. Wenn wir ordentliche Preise nehmen können, die Besucher kommen, weil wir gute Filme bieten können, dann werden wir am Schluss nicht nur 47 Prozent der FFA-Abgaben einzahlen, wie gegenwärtig, sondern irgendwann über 50 Prozent. Wir brauchen die Plattformen als Vertriebsplattformen, Auftraggeber und Einzahler nur dann, wenn unsere Gesellschaft das Kino abgehakt hat, es keine Zukunft mehr hat. Aber soweit ist es noch lange nicht. Das Entscheidende ist die Neuinszenie- rung der Kinos als Erlebniswelt und dass wir besser als bisher wissen müssen, was unsere Kunden wünschen. Wenn wir ausreichend Daten haben und das Wissen um die Wünsche und Interessen unserer Zuschauer, sind wir genau so gut wie Netflix.

medienpolitik.net: Der Vormarsch der VoD-Plattformen erfolgt langsamer als ursprünglich prognostiziert, was für die Kinos anscheinend gut ist. Sie sagten vor einigen Jahren, dass die Kinos drei bis vier Jahre Zeit haben, um sich auf den grundlegenden Wandel der Mediennutzung vorzubereiten. Die Zeit ist jetzt eigentlich um. Wie haben die Kinos die Zeit genutzt?

Dr. Thomas Negele: Ich bin dankbar, dass es doch nicht so schnell gegangen ist, wie ich befürchtet hatte. Man sieht aber ganz deutlich, dass jetzt der Wandel eintritt. Wir haben von einem Jahr auf das andere einen Reichwei- tenverlust von sieben Prozent und liegen jetzt erstmalig unter 40 Prozent. Außerdem haben wir 2,4 Millionen Besucher an Plattformen verloren. Vom letzten zum vorletzten Jahr sind vier Millionen Menschen weniger ins Kino gegangen. Gleichzeitig hat Gaming einen Zuwachs von 7 Prozent. Das ist nicht so schlimm, weil es nur 1,8 Millionen Menschen sind. In fünf Jahren werden Jugendliche mehr Zeit mit Virtual-Reality verbringen als mit Gaming.

medienpolitik.net: Also höchste Zeit zum Handeln…

Dr. Thomas Negele: Ja, jetzt ist der Zeitpunkt endgültig gekommen, dass wir etwas tun müssen und die Kinos haben bis dato nicht viel verändert, weil die Umsätze dank der Digitalisierung der Kinos noch gestiegen sind. Es geht ihnen im Moment immer noch nicht schlecht genug. Aber der Einbruch wird kommen, was auch daran liegt, dass wir gegenwärtig zu wenige massenattraktive Filme haben. Eine der Ursachen ist, dass die amerikanischen Major-Studios eher für den asiatischen Markt produzieren, und diese Filme bei uns aufgrund der kulturellen Unterschiede nicht funktionieren. Der Raum Kino muss sich anders präsentieren. Es muss digitale Walls, 360 Grad Kino, einen exzellenten Sound geben und die Säle müssen anders gestaltet werden. Es muss ein Raum in mehrere Räume transferiert werden können. Es geht darum, den Menschen ein eindrucksvolles, unvergessliches Kollektiverlebnis zu bieten und damit eine Alternative zum individualisierten Filmkonsum. Es geht auch darum, was die GfK Zielgruppenstudie gefordert hat: Convenience, Erlebnis, Belohnung und das Abspielen aller Formate. Das heißt, wir müssen andere Einnahmequellen erschließen und uns eine größere Unabhängigkeit von den Verleihern erkämpfen, sodass wir auch Filme ablehnen können, wenn sie nicht kinotauglich sind.

medienpolitik.net: Das heißt, es muss vor allem mehr massenattraktive deutsche Filme geben, denn auf die Hollywood-Studios haben Sie ja keinen Einfluss.

Dr. Thomas Negele: Eigentlich sollen ja alle Filme für das Kino produziert werden und nicht zum Selbstzweck und nicht, damit Produzenten durch die Förderung überleben. Die Filmförderung ist kein Sozialhilfe-Ersatz. Hier haben wir großen Nachholbedarf. Deshalb hat die FFA die Spitzenförderung eingeführt, die erfolgversprechende Filme mit einem höheren Budget ausstatten will. Schon sagen aber die Produzenten, dass das nicht der richtige Weg sei und der Mittelstand geschädigt wird. Die Produzenten vergessen nur eines, dass die Kinos als Konkurrenten Amazon und Netflix haben, die zunehmend Qualitätsprodukte bieten. Die Kinos können nur bestehen, wenn die deutschen Filme mindestens die gleiche Qualität haben. Wenn die Kinos den Plattformen nicht Paroli bieten können, reduzieren sich auch unsere Abgaben zur FFA und den Schaden haben die Produzenten. Die Aufträge, die gegenwärtig die Plattformen in Deutschland vergeben, sind mehr symbolischer Natur und das Fernsehen reduziert ihre Kino-Koproduktionen. Wenn die Produzenten die Filme nicht für das Kino produzieren, für wen dann?

medienpolitik.net: Nun werden Filme und Serien der Plattformen, die in Deutschland produzieren, mit Fördermitteln finanziert. Die Mittel vom Wirtschaftsministerium sollen ja gerade solche Serien, die eine Konkurrenz zu den Kinos sind, fördern. Das findet sicher nicht Ihre Unterstützung?

Dr. Thomas Negele: Gegenüber den Kinos ist das nicht sehr vernünftig und eher destruktiv. Denn solange die Kinos als reale Begegnungsstätte gesellschaftlich notwendig und diejenigen sind, die das meiste Geld an die FFA einzahlen, ist es schädlich für unsere Filmwirtschaft, wenn man unsere Konkurrenz mit Fördergeldern finanziert. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn alle gefördert werden, die in Deutschland produzieren oder produzieren lassen, aber die Kinos müssten in die Lage versetzt werden, jederzeit investieren zu können, um mit dem Medienwandel schritthalten zu können. Deshalb hat der HDF-Kino einen Standort-Kino-Entwicklungs-Fonds vorgeschlagen, mit dessen Umsetzung wir nach zwei bis drei Jahren auf Augenhöhe sein könnten. Dann könnte ich mir sogar eine Zusammenarbeit mit Amazon oder auch mit Netflix vorstellen. Aber solange man nur Fördergelder einsammelt, uns schädigt und nicht darüber nachdenkt, was das Kino braucht, ist dieses Vorgehen destruktiv.

medienpolitik.net: Aus welchen Töpfen soll denn das Geld für den Standort-Kino-Entwicklungs-Fonds kommen? Das kann doch die FFA nicht allein stemmen?

Dr. Thomas Negele: Wir befinden uns hier noch in der Feinabstimmung. Unser Konzept bezieht sowohl den Bund, die Länder und die FFA ein, aber auch regionale Partner. Das ist ein Projekt, von dem alle profitieren: Städte, Regionen und die Länder. Bei der Digitalisierung der Kriterienkinos ging es um eine Förderung von bis zu 80 Prozent. Beim Standort-Kino-Entwicklungs-Fonds sind es höchstens 50 Prozent. Ich habe bereits mit vielen Politikern im Bund und in den Ländern gesprochen, die die Notwendigkeit sehen und uns unterstützen wollen.

medienpolitik.net: Ab wann sollte der Kinostrukturfonds starten?

Dr. Thomas Negele: Ich würde mich freuen, wenn wir im 1. Quartal 2018 starten könnten.

medienpolitik.net: Sie sprachen die Dringlichkeit an, mehr Daten über Ihre Zuschauer zu erhalten. Die Debatte darüber wie das geschehen soll, läuft schon eine geraume Zeit. Warum dauert es solange, bis Sie valide Daten Ihrer Besucher bekommen?

Dr. Thomas Negele: Weil sowohl die großen, die mittleren und die kleinen Kinos dafür über zu wenig Know-how und zu wenige Fachleute verfügen. Das ist nicht nur ein deutsches Problem. Auch international gibt es wenig Erfahrungen. Die Kinos versuchen digital zu denken, sind aber immer noch im analogen Rhythmus. Bei Netflix und Amazon ist das digitale Gen dagegen Lebenselixier. Wir hoffen aber bis zum Jahresende soweit zu sein, entspre- chende Software und notwendiges Know-how den Kinos zur Verfügung stellen zu können. Die meisten Kinobetrei- ber sind auch keine Marketingexperten, deshalb benötigen wir in Zukunft anderes Personal. Die Mitarbeiter müssen eine andere Ausbildung haben. Sie müssen Events inszenieren und die digitale Welt verstanden haben. Wir versuchen ein Aufbaustudium zusammen mit der Hochschule für Fernsehen und Film München oder einer anderen Filmhochschule zu etablieren. Leider erhalten wir weder von den Verleihern noch von den Produzenten hier die notwendige Unterstützung: Die Verleiher verstehen uns nicht mehr und die Produzenten wissen überhaupt nicht mehr, wie Kino funktioniert.

medienpolitik.net: Aber beide sind doch Ihre wichtigsten Partner…

Dr. Thomas Negele: Zwischen Verleihern und uns gibt es ein über die Jahrzehnte gewachsenes ziemlich hohes Misstrauen. Das ist für die Zusammenarbeit nicht förderlich. Natürlich stellt die Digitalisierung auch die Verleiher vor Probleme und führt dazu, dass viele von ihnen die spezifischen Bedürfnisse der Kinos zu wenig im Auge haben und sehen in uns nur eine von vielen Abspielflächen. Andererseits sind die Verleiher genauso heterogen aufgestellt wie die Kinos, jeder denkt zuerst an sein Geschäft und nicht daran, bestimmte  Dinge gemeinsam zu lösen. Das hindert  uns daran schnell genug zu sein. Und die  Produzenten denken bei ihren Filmen zu  wenig an den Zuschauer und sind zu sehr damit beschäftigt, die Finanzierung zusammenzubringen.

medienpolitik.net: Eigentlich müsste doch die  erfolgreiche Digitalisierung zu einer besseren Zusammenarbeit geführt haben?

Dr. Thomas Negele: Die Digitalisierung war letztendlich erfolgreich, weil viele über ihren Schatten gesprungen sind und das gemeinsame Ziel, einer schnellen Digitalisierung aller Kinos, im Vordergrund stand. Ich  denke, dass uns die Zeit dazu zwingt, enger zusammen zu arbeiten, und auch die Interessen des anderen mit im Blick zu haben. Der Druck wird immer größer und wenn wir dem nicht standhalten, leiden alle darunter, nicht nur die Kinos.

medienpolitik.net: Wo müsste das Verständnis der Verleiher für die Probleme der Kinobranche größer sein?

Thomas Negele: Die Verleiher müssten besser verstehen, dass wir aktuell sehr hohe Investitionen benötigen, viel höhere als bei der Digitalisierung der Kriterienkinos. Jetzt müssten wir das gesamte Kino grundlegend erneuern und ins digitale Zeitalter führen. Das heißt interaktiv sein, neue Säle schaffen, neue Technologien wie Laser und LED einsetzen. Bei der Erhebung der Daten, um unsere Kunden noch zielgenauer zu erreichen, müssen die Verleiher mit uns enger zusammenarbeiten. Die Verleiher könnten natürlich aggregierte Daten bekommen, damit sie noch zielgenauer bestimmen können, wie viel Besucher der Film erreichen könnte. Das würde dazu führen, dass wir einen Film vielleicht nicht drei bis viermal spielen müssen, wenn man weiß, dass der Film in dem Ort ein Potenzial von 400 bis 500 Leuten hat. Das heißt, wir könnten effektiver arbeiten und die Säle auch anders nutzen. Aber das Problem ist, dass manche Verleiher von uns bestimmte Spielzeiten verlangen, damit kein anderer Verleih hineinkommt. Diese Ängste kann man abbauen, wenn sie mehr über unsere Kunden wissen. Eigentlich müssten beide Partner gleichlautende Ziele haben. Über diese Ziele müssten wir uns schnell verständigen.

medienpolitik.net: Sehen Sie eine Chance, in der nächsten Zeit dazu zu kommen?

Dr. Thomas Negele: Ich hoffe es!

medienpolitik.net:  „Die endgültige Schlacht um die Fristen ist noch nicht gewonnen!“, so Peter Dinges. Denn schon bis Mitte 2019 soll eine Evaluierung der Sperrfristen erfolgen. Ändert der HDF-Kino bis dahin seine Meinung zur Sperrfristenregelung?

Dr. Thomas Negele: In dem Moment, wenn wir Fenster verkürzen, beschneiden wir unsere Exklusivität. Wenn das eintritt und der Kunde weiß, dass der Film nach wenigen Tagen nicht mehr im Kino gezeigt wird, haben wir den in anderen Bereichen bereits üblichen Vergleich zwischen Home/ Bequemlichkeit und Preis/Outdoor im Kino. Das Kino könnte garantiert nie mehr einen Leihmietensatz für einen Film von 55,5 Prozent zahlen, sondern vielleicht nur noch von 20 Prozent. Wir könnten bei kurzen Auswertzeiten möglicherweise auch mehr zahlen, wenn wir mehr kinotaugliche Filme hätten. Aber die sind überhaupt nicht in Sicht. Wenn die Auswertungsfenster verkürzt werden, müssten wir nach zwei Wochen den Preis radikal senken. Diesen Verlust müsste der Verleiher – und damit auch der Produzent – dann bei der VoD-Plattform sofort wieder herausbekommen. Das ist aber mehr als fraglich. Außerdem hätten wir im Kampf um das Zeitbudget zuviel Ware gleichzeitig im Markt.

medienpolitik.net:  Bereits jetzt gibt es zu viele Filme, die nicht funktionieren…

Dr. Thomas Negele: Daran ändert auch eine Verkürzung der Fristen nichts. Die Frage der Qualität ist entscheidend, wenn ein Film im Kino nicht funktioniert, dann ist es bei VoD ebenso. Wo ist dann der Return of Investment? Der Gedanke, dass schlechte Filme im Netz besser laufen ist nachweis- lich falsch. Und zu dem leidet auch noch unsere Marke unter schlechten Filmen. Das ist was Netflix nachweislich erreichen will. Dann sind wir Synonym für schlechte Filme und unser Profil geht kaputt, wenn wir nicht mehr für Qualität und exklusive Erlebnisse stehen. Im Endeffekt ist das der stille Tod für alle. Netflix könnte nicht mehr existieren, wenn sie kein Day-and-Date für bestimmte Exklusivität hätten. Und bei guten Filmen nimmt man mit der Sperrfristenverkürzung dem Kino die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Wenn wir genaue Daten hätten, könnten wir für die Kinos spezifische Profile aufbauen. Jetzt spielt jeder Kinobetreiber, weil er zuviel schlechte Filme hat, jeden Film der einigermaßen Zuschauer bekommen könnte, damit er keine leeren Säle hat. Damit erleben wir die „Verstopfung“ weil alle, alles spielen wollen.

medienpolitik.net: Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus? Im vergangenen Jahr buhlten über 600 Neustarts, darunter 250 deutsche Filme, um die Aufmerksamkeit der Kinogänger…

Dr. Thomas Negele: Wir haben teilweise gute mittelklassige Filme, die funktionieren in der Regel immer dann, wenn wir einen Blockbuster haben und Druck auf den Kinos ist. Wir benötigten 1.000 Leinwände mehr, mit rund 20 bis 80 Sitzplätzen, für gute anspruchsvolle Mittelware, um den deutschen und europäischen Film zu mehr Umsatz und Sichtbarmachung zu verhelfen. Damit könnte man rund 15 Mio. mehr Kinobesuche erreichen. Wir haben aber auch das Problem der Zielgruppenzersplitterung. Für das Kino ist ein kongruentes Wachsen der Kinostätte im Verhältnis zur Filmflut wichtig. Wenn ein Kino so aufgebaut ist, dass man Filme länger zeigen kann, erreicht man in der Regel eine bessere Auslastung und man kann möglicherweise auch mit verschiedenen Preismodellen arbeiten. Es ändert aber nichts daran, dass wir eine Spitzenförderung brauchen, weil unsere Konkurrenz Netflix, Amazon, Gaming und VR sind. Wir benötigen Qualität für die Masse. Und daran fehlt es noch. Wir müssen verhindern, dass Filmtalente abwandern, dass die Drehbuch-und Geschichtenförderung ver-x-facht wird, aber so auch mehr Risikofilme ins Kino kommen. Zudem muss die Vermarktung der Filme über Smart Data neu definiert werden. Dieses Szenario muss allerdings sehr schnell umgesetzt werden.

medienpolitik.net: Wie kann die FFA Sie unmittelbar unterstützen?

Dr. Thomas Negele: Die FFA kann uns unterstützen, indem sie den Flaschenhals bei der Kinoförderung öffnen würde. Dann würden wir schnell mehr Geld für Investitionen erhalten. Im Moment steht eine maximale Summe zur Verfügung, die die FFA nach der Zahl der Förderanträge ausgibt. Somit richtet sich die Fördersumme nach der Zahl der Anträge. So erhält man beispielsweise für ein Bauvorhaben von 500.000 Euro eine Fördersumme von 40.000 Euro. Das kann sich ein Kino auf dem Land nicht leisten.

medienpolitik.net: Der Erhalt des ländlichen Wirtschafts- und Lebensraumes ist aber eines Ihrer Ziele…

Dr. Thomas Negele: Das Problem von Kinos in Orten bis 50.000 Einwohnern besteht darin, dass die Menschen in die Großstädte abwandern, weil in den Orten bis zu 50.000 Einwohnern zu wenig Hochschulen, Fachhochschulen o.ä. sind, zu wenig Gewerbeansiedlung besteht und zu wenige Wohnungen gebaut werden. Gleichzeitig aber werden die Zyklen ins Kino zu investieren immer kürzer. Das heißt, ein Ort, wie zum Beispiel Straubing müsste eigentlich mitwachsen, damit man die Investitionen ohne Hilfe tätigen kann. Hätte Straubing anstelle von 47.000 Einwohnern inzwischen 57.000, würde ich die benötigen 1,5 Millionen Euro, um mein Kino zu modernisieren, innerhalb der Nutzungsdauer zurückverdienen. Das Kino muss als kultureller Ort bestehen bleiben, damit insbesondere die Jugendli- chen und die Älteren einen Treffpunkt haben. Meiner Ansicht nach gibt es die gesellschaftliche Notwendigkeit, dass das Kino erhalten bleibt und es alle 20 Kilometer ein Kino gibt. Das würde auch wirtschaftlich funktionieren, wenn wir anstatt einer Darlehensförderung einen Zuschuss von 50 Prozent bekommen. Darlehen sind in der Regel solange abzuzahlen, dass bereits wieder eine neue Investition ansteht. Wenn der Kinobetreiber nichts unternimmt geht er kaputt und wenn er investiert schnürt es ihm die Luft ab. Bekommt man aber einen Zuschuss, hat man keine Abschreibungen und zahlt aus den höheren Einnahmen hohe Gewerbe- und Umsatzsteuer. Gleichzeitig profitieren natürlich die Handwerker in der Region und die Stadt profitiert von deren Steuern, ebenso Gaststätten und Handel. 2012, vor der Digitalisierung der Kriterienkinos, haben die Kinos jährlich ca. 16 Millionen Euro in die FFA eingezahlt. Im letzten Jahr waren es 26 Millionen Euro. Und die anderen Einzahler zahlen ca. 16 Millionen Euro. Innerhalb von drei Jahren haben wir die Digitalisierungsförderung der FFA von 20 Millionen Euro zurückgezahlt. Die Produzenten müssen nichts zurückzahlen, wenn der Film floppt. Wir aber floppen nicht, wir machen mit einer höheren Förderung mehr Umsatz, erreichen mehr Besucher, schaffen mehr Möglichkeiten für kulturelle Erlebnisse. Das Geld kommt zurück und der Mittelstand kann überleben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/17 erstveröffentlicht.

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