Filmwirtschaft:

„Das ist die harte Realität“

von am 10.07.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Das ist die harte Realität“
Uli Aselmann, Produzent, Geschäftsführender Gesellschafter die film GmbH und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Produzentenallianz

Produzenten üben Kritik an Leitlinien-Debatte der FFA

10.07.17 Interview mit Uli Aselmann, Produzent, Geschäftsführender Gesellschafter die film GmbH und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Produzentenallianz

Mit ihren aktuellen filmpolitischen Forderungen zielt die Produzentenallianz darauf ab, die deutschen Produzenten als kreativen Motor der Filmwirtschaft zu stärken und im Zeitalter des digitalen Wandels für eine angemessene Förderung und die Erhaltung funktionierender Finanzierungsmodelle zu sorgen, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produktionen auf hart umkämpften internationalen Märkten zu erhalten und auszubauen und damit die Zukunftsfähigkeit der deutschen Filmindustrie als bedeutenden Wirtschaftsfaktor zu sichern. Für den Produzenten Uli Aselmann gehört zu dieser „Zukunftsfähigkeit“ aber auch eine Antwort auf die Frage: „Mit welchen Veränderungen bekommen wir – bei zunehmend attraktiven Programmen, Serien, auf jederzeit abrufbaren Kanälen – noch Zuschauer in die Kinos?“ Diese Frage müsse die Kinoindustrie gemeinsam erörtern, eine Antwort darauf könne man nicht nur von den Kreativen und Filmherstellern erwarten oder mit Leitlinien einfordern.

medienpolitik.net: Herr Aselmann, im August hat Ihr Kinofilm „Jugend ohne Gott“ Kinostart. Wie wichtig war die Förderung für diesen Film?

Uli Aselmann: Neben dem Medienboard Berlin-Brandenburg hatte die FFA, auch nach einem Widerspruch, diesem Film keine Produktionsförderung gewährt, was uns an den Rand eines großen, tiefen Loches gebracht hat, vor dessen Abgrund uns dann unser Koproduktionspartner die Constantin Film rettete und wir den Film wie geplant, zum engmaschig geplanten Zeitpunkt, beginnen konnten. Der bayerische FFF, Hessenfilmförderung waren berechenbare Partner und natürlich der DFFF, der ist für den deutschen Film eine unersetzliche automatische Förderung, die nicht mehr wegzudenken ist. Wir sind sehr glücklich darüber, dass Monika Grütters die Initiative ergriffen hat, den DFFF zu stärken. Die gesamte Produktionswirtschaft dankt der BKM für dieses deutliche Zeichen! Wir würden uns im Zuge der jetzt möglichen Neujustierung jedoch wünschen, dass die Förderintensität auf 25 Prozent aufgestockt wird, um Deutschland zu einem starken und zuverlässigen Produktionsstandort weiter entwickeln.

medienpolitik.net: Nach meinen Informationen war auch kein TV-Sender an der Produktion „Jugend ohne Gott“ beteiligt. Das ist doch relativ ungewöhnlich?

Uli Aselmann: Es gibt im Wesentlichen zwei unterschiedlichen Möglichkeiten, fundamentale Bausteine zur Filmfinanzierung zu finden. Bei einem ist es so, wie wir es auch diesmal mit der Constantin vereinbart haben: Die geben eine hohe Garantie zur Filmfinanzierung und erhalten als Lizenznehmer alle Auswertungsrechte, außer die für das nicht deutschsprachige Ausland. Das ist auch mit anderen größeren Verleihgesellschaften durchaus üblich. Die andere Variante der Kernfinanzierung ist, dass man gleich einen TV-Sender mit an Bord holt, sodass der Verleiher für die verbleibenden deutschsprachigen Auswertungsrechte nur kleinere Garantien übernimmt. Dabei hat die Kooperation nur mit einem Partner natürlich viele Vorteile, weil man nicht mit vier oder fünf verschiedenen Ansprechpartnern konzeptionelle und inhaltliche Schritte abstimmen muss. Andererseits werden Filme allerdings immer wieder auch erst dadurch überhaupt ermöglicht, dass ein Sender sich in einem frühen Stadium für das Projekt engagiert.

medienpolitik.net: Hatten Sie versucht, einen Fernsehsender mit ins Boot zu bekommen?

Uli Aselmann: Na klar! Aber schon bei der ARD sind wir auf taube Ohren gestoßen. Besetzung und Horvath´s Romanvorlage waren nicht so geläufig und unsere dramaturgischen, konzeptionellen Vorstellungen war nicht „Primetime – fähig“! Wir waren sehr froh, dass Oliver Berben, Martin Moszkowicz und die Constantin Film den Wert unserer Idee, das Drehbuch und das kommerzielle Potenzial gesehen haben.

medienpolitik.net: Was hat dieser Film gekostet und wie viele Besucher muss er haben, damit Sie einen kleinen Gewinn erwirtschaften?

Uli Aselmann: Mit allen wetterbedingten Kostenüberschreitungen bei der Produktion, beträgt die Gesamtsumme 5,7 Millionen Euro. Der Film spielt zu 80 Prozent unter freiem Himmel, was immer kompliziert und unberechenbar ist. Leider hat das Wetter dann auch zu Verschiebungen und Drehplanänderungen geführt, die nicht ganz billig waren. An der Resonanz, die wir zu dem Film bisher bekommen, merke ich, dass das Potenzial vielversprechend ist.
Wir waren bei der Kinowoche in Karlsruhe und haben dort Kinobesitzern den Film vorgeführt. Es gab sehr positive Rückmeldungen. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat uns inzwischen bescheinigt, dass der Film „Großes Kino“ ist und unser Hauptdarsteller Jannis Niewöhner hat bereits einen Bayerischen Filmpreis für diesen Film gewonnen. Auch der Trailer wird online und in den Kinos mit riesiger Begeisterung und viel Zustimmung aufgenommen. Die Resonanz ist also vielversprechend, aber wir müssen lange auf den vorderen Chartplätzen bleiben, siebenstellige Besucherzahlen generieren, damit wir über den vereinbarten Kinokorridor hinaus von den Einnahmen profitieren.

medienpolitik.net: Das ist ja ein stolzes Ziel…

Uli Aselmann: Das ist die harte Realität, in der sich die Kinofilmproduzenten befinden. Die ersten Einnahmen der verkauften Karten bekommen ja erst mal die Kinos, das hohe Investment der Verleiher, das sie mit der Zahlung einer Minimum-Garantie und der Vorfinanzierung der Herausbringungskosten erbringen, wird an zweiter Stelle rückgedeckt und dann kommen erst die Hersteller. Das immense Risiko der Filmherstellung bei der Produktion eines Kinofilmes, das zum Beispiel durch Wetterkapriolen, die Termindichte mancher Darsteller und andere nicht kalkulierbare Prozesse immer gegeben ist, führt dazu, dass die theoretisch aus der Produktionsbudget zu erwartenden Deckungsbeiträge schnell dahinschmelzen.
Viele meiner Kollegen können ihre Unternehmen deshalb überhaupt nur am Leben halten, indem sie auch für das Fernsehen arbeiten. Mit Auftragsproduktionen kann man noch gewisse Deckungsbeiträge generieren. Auch darum sind VoD-Auftraggeber perspektivisch für Produzenten natürlich sehr attraktiv. Bei einer Kinoauswertung steht der Hersteller trotz seines Investments hingegen in der Regel am Ende der Einnahmenquellen, eben hinter den Kinos und den Lizenzverwertern! Obwohl wir z.B. mit „Männerhort“ einen nachweislich erfolgreichen Kinofilm hatten, sind die großen Erlöse noch nicht richtig bei uns angekommen.

medienpolitik.net: Der Film hatte von kurzem Free-TV-Premiere bei SAT.1. Haben Sie davon noch einen finanziellen Vorteil?

Uli Aselmann: Nicht direkt, wir haben ja auch bei diesem Film alle Rechte im Gegenzug für die erhaltene Garantie an die Constantin abgetreten. Deren Erlöse sind natürlich abrechnungspflichtig und durch die Ausstrahlung im Fernsehen, wird vielleicht noch – über den Kinokorridor hinaus – etwas bei uns ankommen, aber ob das am Ende unsere Eigenmittel und die Überschreitungen abdeckt, die wir in die Produktion investiert haben, kann ich Ihnen heute und damit auch drei Jahre nach dem Kinostart noch nicht sagen.

medienpolitik.net: Die FFA diskutiert gegenwärtig neue Förderrichtlinien. Hätte Ihr neuer Film „Jugend ohne Gott“ bei den angedachten Schwellenwerten überhaupt eine Chance gehabt?

Uli Aselmann: Ich denke schon. Aber mit Leitlinien ist halt auch kein Erfolg zu garantieren. Wenn das möglich wäre, dann wären ja alle Probleme gelöst und die, die das vorhersagen könnten, hätten gut bezahlte Jobs irgendwo in der Filmindustrie! Ich bin kein großer Freund dieser Leitlinien. Ich halte die Diskussion darüber auch für überholt, weil sie die Auseinandersetzung mit dem Thema vermeidet: Mit welchen Veränderungen bekommen wir – bei zunehmend attraktiven Programmen, Serien, auf jederzeit abrufbaren Kanälen – noch Zuschauer in die Kinos? Diese Frage muss die Kinoindustrie gemeinsam erörtern, eine Antwort darauf kann man nicht nur von den Kreativen und Filmherstellern erwarten oder mit Leitlinien einfordern.

medienpolitik.net: Die Frage mit welchen Inhalten man die Zuschauer noch in die Kinos lockt, treibt auch die Kinobranche um. Die Kinobetreiber sagen: Wir brauchen mehr Informationen über unsere Besucher, und dann wissen alle, was die Produzenten herstellen und die Verleiher in die Kinos bringen müssen. Ist das so einfach?

Uli Aselmann: Das ist sicher ein interessanter Ansatz, über den man diskutieren kann, aber Vieles wissen wir doch schon. Die jungen Zielgruppen gehen seltener ins Kino und nur wenig in deutsche Filme. Wenn man die Gruppe der über 40-Jährigen bedienen will, die in den letzten Jahren stetig steigende Besucherzahlen generieren, dann ist es viel schwieriger, einen Verwerter zu finden, der bereit ist, in das Projekt zu investieren.
Neben einem guten Drehbuch müssen sie für einen Kinofilm ja auch noch ganz andere Tools finden, die dann zu einer erfolgreichen Auswertung beitragen können. Simon Verhoeven hat das mit seinen Produzenten bei „Willkommen bei den Hartmanns“ super gemacht und hat eine große, breite Zuschauerschaft generiert mit 3,5 Millionen Zuschauern und einer Geschichte, die hochaktuell ist und darüber hinaus jung wie alt unterhalten hat. Aber diesen Erfolg haben sowohl Simon als auch meine Kollegen nicht vorhergesehen!

medienpolitik.net: Wenn man weiß, dass insbesondere die über 40-Jährigen ins Kino gehen, warum werden Filme für diese Altersgruppe nicht besonders gefördert?

Uli Aselmann: Vielleicht gibt es zu wenig Entwicklungen in diese Richtung, vielleicht löst auch der Erfolg von „Toni Erdmann“ da erst noch etwas aus. Wir arbeiten für diese „ältere“ Zielgruppe gerade an einer komödiantischen Geschichte, aber die Reaktionen von Verwertern sind doch noch deutlich verhaltener, als wenn wir eine krachende Komödie wie „Männerhort“ anbieten. Ich bin sicher, dass wir für die über 40-Jährigen Zielgruppe nachlegen müssen, das sieht man ja auch an den französischen Filmen, die hier in Deutschland gerade in dieser Zielgruppe erfolgreich im Kino sind.
Um aber gegenüber den internationalen Kinofilmangeboten (in Frankreich kostet kein auf das große Publikum zielender Kinofilm unter 10 Millionen Euro) insbesondere aber auch gegenüber den amerikanischen Filmen konkurrenzfähig zu sein, muss man in Deutschland anfangen, größer zu denken, schon bei der Entwicklung der Kinostoffe. Die Kosten eines durchschnittlichen deutschen fiktionalen Kinofilms liegen bei 4,5 bis 6 Millionen Euro. Damit können wir die große Bildgewalt amerikanischer Filme nicht toppen und den aus großen Kinoländern verwöhnten Sehgewohnheiten der Kinozuschauer nicht wirklich etwas entgegensetzen.

medienpolitik.net: Genau solche Filme, die teurer, kinotauglich und massentauglicher sind, will Peter Dinges stärker fördern und mehr Geld zur Verfügung stellen. Das ist doch anscheinend der richtige Weg, mehr Geld für weniger Filme?

Uli Aselmann: Ja, Peter Dinges macht sich da viele branchenübergreifende Gedanken und dafür sind wir ihm auch sehr dankbar! Er hat eine wichtige Diskussion angestoßen! Aber wir haben seit Januar 2017 ein neues Filmfördergesetz. Und in diesem neuen Gesetz gibt es eine große Errungenschaft, nämlich dass die Gremien, die über Förderungen entscheiden, nachweislich mit branchenvertrauten
Fachleuten besetzt sein müssen. Deshalb glaube ich, dass die Leitlinien nur noch Makulatur sind, zumal die Gremien bereits dreimal getagt haben.
Wenn die Einstiegsschwelle erst bei Filmen liegt, die über 2,5 Millionen Euro kosten, dann schließt man Filme aus, die in der Vergangenheit durchaus Erfolg hatten und von der FFA gefördert wurden. Mein Standpunkt ist, dass die FFA sich nicht vor innovativen Kinoideen verschließen sollte (ich denke da mal an „Victoria“ von Sebastian Schipper), weil es diese Einstiegsschwelle gibt! Eigentlich müsste die fachkundige Kommission aus der Idee, dem Buch und dem Gesamtpaket, das bei der FFA eingereicht wird, sehen können, ob der Film eine Marktchance hat oder nicht förderfähig ist. Dieser durch das neue FFG erreichten Professionalisierung des Vergabegremiums sollte man doch jetzt erst einmal eine Chance geben.

medienpolitik.net: Die Staatsministerin für Kultur und Medien hat ihre kulturelle Filmförderung deutlich erhöht. Wäre nicht eine Aufgabenteilung zwischen der kulturellen Filmförderung und der FFA sinnvoll? Denn die Filme, die Sie eben ansprachen, könnten ja auch sehr gut von Monika gefördert werden.

Uli Aselmann: Ich glaube, es ist in der deutschen Kreativindustrie ein Grundfehler, sich immer eingrenzen zu wollen. Welche andere Industrie legt sich selbst denn Begrenzungen auf? Schon durch die föderale Filmfördersystematik stoßen wir an Grenzen, die die Produktionswirtschaft auch schon mal belastet, die aber eben unserer politischen Vergangenheit geschuldet ist. Und darüber hinaus gibt es Unterschiede zwischen der BKM-Förderung und der FFA. Der Unterschied liegt darin, dass man bei der BKM-Förderung einen Antrag auf Produktionsförderung stellen kann, ohne dass man schon einen Verleiher oder einen TV-Sender als Partner beziehungsweise eine Verwertungsstruktur nachweisen muss. Bei der FFA benötigt man zumindest einen Vertrag mit einem Sender und/oder Verleiher.
Und man braucht den Nachweis, dass der Film schon fast durchfinanziert ist und die FFA nur noch die Spitzenförderung zur Komplettierung vornehmen würde. Diese Trennlinien zwischen der Förderung von BKM (die übrigens durchaus auch kulturelle Kinofilme, die eine erfolgreiche Auswertung erwarten lassen, unterstützen wollen) und FFA reichen nach meiner Ansicht vollkommen aus.

medienpolitik.net: Alle beklagen, dass zu viele Filme in die Kinos kommen. Im vergangenen Jahr waren es 600 Filme, davon 250 deutsche. Müsste man die Zahl nicht etwas reduzieren, um guten Filmen die Chance zu geben, im Kino Geld zu verdienen?

Uli Aselmann: Ich bin mir nicht sicher, ob die Anzahl von 250 deutschen Filmen empirisch untersucht worden ist. Von der Deutschen Filmakademie habe ich die Information, dass die Einreichung der Kinofilme, die sich um einen Deutschen Filmpreis bemühen, in den vergangenen Jahren immer so bei 120 Filmen im Jahr lag. Wenn es wirklich 250 Kinofilme gäbe, verstehe ich nicht, warum die restlichen 130 nicht auch bei der Deutschen Filmakademie eingereicht werden. Grundsätzlich ist es aber doch so, dass jeder Film, der ins Kino kommt, einen Kinobesitzer braucht, der den Film spielt, und einen Verleiher, der den Film ins Kino bringt, und das, obwohl vor allem erstere, bei vielen kleinen Filmen aber häufig auch die Verleiher erst für den Film entscheiden, wenn sie Gelegenheit hatten, ihn sich anzusehen. Deshalb finde ich es etwas kurios, die Verantwortung für eine Filmschwemme den Produzenten zuzuschreiben. Außerdem haben wir in der Gesamtbranche bisher noch nicht darüber diskutiert, ob und wie sich die Digitalisierung der Kinos auf das Herausbringen von Filmen, insbesondere auf das Herausbringen von deutschen Kinofilmen ausgewirkt hat. Wenn wir von Filmförderung reden, darf man dieses Thema nicht ausschließen!
Die Digitalisierung hat Auswirkungen, die es erlaubt, jeden Film mit nur wenigen Kopien (teils werden nur DVDs gespielt) ins Kino zu bringen und der wird dann natürlich statistisch hinzugerechnet, wohlwissend, das er keine Marktrelevanz hat. Die Kinoauswertung hat sich komplett geändert, deshalb müssen wir über die Auswirkungen der Digitalisierung bei der Verwertung der Filme in der gesamten Industrie diskutieren.

medienpolitik.net: Was hat die Digitalisierung konkret verändert? Man hört, dass auch kleinere Kinos Mainstream-Filme zeigen und dadurch Arthouse-Filme in den Arthouse-Kinos nicht mehr richtig zur Wirkung kommen.

Uli Aselmann: Ich glaube, das Überleben der Kinos war nie einfach. Es scheint ein bisschen besser geworden zu sein, weil offensichtlich mehr neue Kinos gebaut werden und das Kino-Sterben nicht so rasant weitergeht. Aber ich kann es schon verstehen, dass so ein Film wie „Er ist wieder da“, der früher nicht im Arthouse-Kino gezeigt worden wäre, sich heute in der „Nahrungskette“ aller Kinos befindet.
Aber wichtig ist doch nur, dass der Film Zuschauer erreicht, egal in welcher Art von Kino. Die AG Kino beklagt, dass es zu wenige Arthouse-Filme gibt. Vielleicht stimmt das, aber es ist nicht leichter geworden, solche Filme herzustellen, weil die mitfinanzierenden Sender ihr Engagement offensichtlich zurückgefahren haben. Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass durch den stärkeren Content auf den verschiedenen VoD-Plattformen die Zuschauer anders unterhalten werden. Was bietet das Kino den Menschen Besonderes, damit sie ihre Serie ausschalten und ins Kino gehen?
Til Schweiger hat früher bei „Barfuß“ oder „Kokowääh“ immer eine Figur gespielt, die am Anfang durchaus zwielichtig und schwierig war, die sich aber im Laufe des Filmes zum Guten verändert hat. Das war so echtes Gegenprogramm zum TV in der Figurenführung. Das war vor einigen Jahren vielleicht so was wie der USP des deutschen Kinofilms. Inzwischen hat sich das verändert, weil es überall in den Serien zwielichtige Hauptfiguren gibt, die die Leute unterhalten, faszinieren und mitreißen. Deshalb müssen wir uns dringend darüber Gedanken machen, was heute das Besondere sein soll, womit man die Menschen ins Kino bringt. Ich glaube, wir müssen auch über andere dramaturgische Formen nachdenken. Was kann man machen, damit die Leute nicht nach 10 Minuten wissen, wie der Film ausgeht? Denn die Zuschauer haben durch die vielen Filme die sie sahen die klassische Dreitaktstruktur in ihre DNA aufgenommen. Wir müssen also auch neue Erzählstrukturen finden!

medienpolitik.net: Welchen Beitrag müssen die Kinobesitzer und die Verleiher zu dieser Diskussion leisten?

Uli Aselmann: Sie müssen zunächst einmal damit aufhören, die Schuld an der Situation nur der Produktionswirtschaft zu geben. Wir müssen uns alle gemeinsam darüber Gedanken machen, wie wir den Kinofilm erzählerisch, finanziell und auch von seinem Production Value so attraktiv machen, dass die Leute gern ins Kino gehen. Aber nicht nur in amerikanische, sondern auch in deutsche Filme. Dazu müssen wir konkurrenzfähig werden, auch in dem wie und was wir produzieren und das kann man nicht mehr für durchschnittlich fünf Millionen Euro pro Film erreichen. Die Aufgabe ist, wie bekommen wir alle gemeinsam die richtigen Filme und damit die Zuschauer ins Kino?

medienpolitik.net: Ab nächstem Jahr stehen in Deutschland 400 Millionen Euro zur Förderung zur Verfügung, inklusive der Mittel der Länder, die auch aufgestockt haben. Nun fordern die Produzenten mit ihren 12 Punkten eine weitere Erhöhung des DFFF und eine Bewegtbildförderung, die Games und anderes mit einschließt. Überfordern Sie damit nicht die Politik?

Uli Aselmann: Das Wirtschaftsministerium hat eine Studie zur Bewegtbildindustrie vorgelegt, die eindeutig beweist, dass das Bruttosozialprodukt durch diese Industrie gestärkt wird, mehr als früher denkbar. Man muss sehen, dass die Filmwirtschaft eine Wachstumsindustrie ist, die einfachere Strukturen benötigt, um Gelder für Content möglich zu machen. Die Bundesförderung muss einfacher und klarer ausgerichtet sein. Sie muss auch größere inhaltliche Bereiche abdecken. Das ist der wesentliche Punkt, auf den wir uns konzentrieren.
Wenn zum Beispiel die Förderung aus dem Bundeshaushalt auf insgesamt 250 Millionen Euro angehoben würde, die dann für den Gesamtbereich der Bewegtbildindustrie zur Verfügung stünden, dann würde eine automatische Förderung viel einfacher und übersichtlicher sein als das derzeitige System aus diversen Bundesförderungen.
Natürlich verstehe ich das Bemühen des BKM, den DFFF 2 anders auszurichten um damit den DFFF 1 zu entlasten. Aber allein schon an meinen Ausführungen ist zu merken, dass es kompliziert ist. Dann kommt noch die Förderung des Bundeswirtschaftsministeriums, der German Motion Picture Fond. Auch der wiederum hat andere Voraussetzungen und Ziele. Es wäre sinnvoll, dass alles zu einem großen funktionierenden System zusammenzulegen. Aber man muss das politisch vorbereiten, erklären und ziemlich dezidiert deutlich machen, was damit eigentlich erreicht werden soll. Wir brauchen eine einfachere und klarer ausgerichtete und damit verlässliche Förderung der Bewegtbildindustrie.

medienpolitik.net: Wir haben eben über einige Probleme gesprochen. Eigentlich könnten doch die Produzenten bezüglich der Fördermittel, dem internationalen Erfolg und ihren Leistungen der zurückliegenden Monate ganz zufrieden sein?

Uli Aselmann: In kreativen Branchen ist Selbstzufriedenheit immer ein ganz schlechtes Mittel zur Motivation. Natürlich hat es durch „Toni Erdmann“, eine große internationale Aufmerksamkeit gegeben. Auch Fatih Akin hat in Cannes wieder als Filmemacher auf sich aufmerksam gemacht. Peter Herrmann, Aufsichtsratsvorsitzender von German Films, sagte mir, wenn wir den Publikumserfolg der deutschen Filme im Ausland nur an Besucherzahlen belegen, sind es über 100 Millionen Zuschauer jährlich, die deutsche Filme in der ganzen Welt erreichen. Wir können uns darüber freuen, dass unsere Kultur über unsere Grenzen hinaus so viel Anerkennung findet und Neugierde erzeugt. Aber wir können diese Akzeptanz nur mit anderen Inhalten und größeren Bildern aufrechterhalten und uns wünschen, dass irgendwann aus dieser Akzeptanz auch finanzielle Rückflüsse kommen, die uns in unserer Unternehmerschaft stärken und unabhängiger machen!

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/17 erstveröffentlicht.

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