Kulturpolitik:

„Ein Medienstandort, der sich permanent wandelt“

von am 19.07.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik

<h4>Kulturpolitik: </h4>„Ein Medienstandort, der sich permanent wandelt“
Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien Hamburgs | Maria Köpf, Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg
  • Bewegtbildbranche in Hamburg/Schleswig-Holstein erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von 3,1 Mrd. Euro

  • Hamburg stellt deutschlandweit pro Einwohner die höchste Filmförderung bereit

19.07.17 Interviews mit Maria Köpf, Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg, und Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien Hamburgs

Das Beratungsunternehmen Goldmedia hat in einer Standortstudie die Bewegtbildbranche in Hamburg/Schleswig-Holstein untersucht. Danach arbeiten heute in diesem Bereich 1.253 Unternehmen, davon 558 in der klassischen Filmproduktion. Die Bewegtbildbranche erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 3,156 Mrd. Euro und zählt 14.451 Beschäftigte. Rund 50 Unternehmen sind bereits im Bereich 360-Grad/VR/AR aktiv. Zu den positiven Aspekten am norddeutschen Standort gehören für die Medienunternehmen die gute Vernetzung, die junge Szene, die Ausbildung in den Medienberufen, die Arbeit der Filmförderung und die rechtzeitige Förderung der Games-Branche. Negativ werden unter anderem die im Gegensatz zu anderen Bundesländern geringen Fördermittel, eine fehlende Vernetzung mit anderen Branchen, fehlende Steuersparmodelle und ein zu stark marktbeherrschender NDR genannt. Für die nächsten Jahre sehen Produzenten Wachstumspotenziale Potenziale vor allem in den klassischen Bereichen Kino und TV, aber auch bei Onlinevideo und VR/AR.

Maria Köpf, Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg | cut_Foto-C.Fenzl

medienpolitik.net: Frau Köpf, Sie haben die Bewegtbildbranche in Hamburg und Schleswig-Holstein von Goldmedia „durchleuchten“ lassen. Wie ist, alles in allem, Ihr Eindruck vom Zustand dieser Branche?

Maria Köpf: Was mich an den Ergebnissen der Studie am meisten erfreut, ist der positive Blick in die Zukunft: Rund zwei Drittel der bei uns ansässigen Unternehmen gehen von wachsenden Umsätzen in den kommenden Jahren aus. Das zeigt: An unserem Standort ist noch viel möglich, die Potenziale sind längst nicht ausgeschöpft. Die Filmbranche ist und bleibt weiter Hauptgeschäftsfeld der Bewegtbildunternehmen in Hamburg und Schleswig-Holstein, auch wenn vor allem die Kinoschaffenden mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. Die Studie zeigt, dass gerade der Bereich Online-Video – mit Video on Demand-Portalen wie Netflix und Co. – von der Branche als Zukunftsmotor eingeschätzt wird, wobei bislang nur acht Prozent der ansässigen Firmen Erfahrungen in dem Bereich gesammelt haben. An den Ergebnissen sehen wir auch, dass die Filmbranche stark an der Vernetzung mit anderen Branchen wie Games oder Virtual Reality interessiert ist. Darum wollen wir die einzelnen Zweige künftig stärker vernetzen.

medienpolitik.net: Kommen wir zu einzelnen Punkten: 1.253 Unternehmen der Bewegtbildbranche mit 3,156 Mrd. Euro Mrd. Umsatz existieren in beiden Bundesländern. Welche Rolle spielen damit Hamburg und Schleswig-Holstein für diesen Teil der Kreativwirtschaft in Deutschland insgesamt?

Maria Köpf: Mit Hamburgs Eigenschaft als Stadtstaat haben wir einen entscheidenden Vorteil: Wir haben durch die Ballung einen engen Draht zu den Talenten und tun viel dafür, dieses Netzwerk zu stärken und aufrecht zu erhalten. Auch sitzen bei uns viele kreative Unternehmen, deren Jahresumsatz unter einer Million Euro liegt. Sie sind wirtschaftlich natürlich nicht vergleichbar mit den großen Playern am Standort, die 80 Prozent des Umsatzes machen. Dieses Verhältnis ist aber kein hamburgisches oder schleswig-holsteinisches Phänomen, sondern deutschlandweit zu beobachten, wie auch andere Studien belegen. Im Vergleich zur Gesamtbranche in Deutschland ist bei uns jedoch der Mittelbau etwas stärker ausgeprägt als anderswo. Dieses Segment erreicht oft große Festivalerfolge, wie zuletzt Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“ beim Filmfestival in Cannes.

medienpolitik.net: Der Dienstleistungssektor scheint relativ schwach entwickelt. Wo sehen Sie die Ursache?

Maria Köpf: Die freien Dienstleister am Standort haben einen hervorragenden Ruf und liefern exzellente Qualität, auch wenn mittlerweile weniger freie Tonbearbeitungs- und Postproduktionsunternehmen hier sitzen. Eine Ursache liegt darin, dass Hamburg ein starker TV-Standort ist und die senderabhängigen TV-Produktionen oft nur mit Dienstleistern der Sendertöchter zusammenarbeiten. Der Markt für freie Dienstleister ist dementsprechend begrenzt, der Sektor für die Aufträge aus dem Kinosegment aber überaus gut entwickelt.

medienpolitik.net: Kann und muss man diesen Bereich besonders fördern?

Maria Köpf: Mit den von uns geförderten Kinoproduktionen und den daraus erfolgenden Aufträgen unterstützen wir bereits die freien Dienstleister. Die meisten freien Aufträge kommen aus den Bereichen Werbung und Kinoproduktion. Diese Anfragen werden vor Ort gut abgedeckt. Einen Mangel können wir nicht feststellen, auch wenn es wünschenswert wäre, wenn die Sendertöchter mehr Aufträge an freie Dienstleister vergeben würden.

medienpolitik.net: Der Standort wird in vielen Punkten positiv bewertet. Allgemeine Infrastruktur und Zugang zu Equipment sind bedeutendste Standortvorteile. Welche Bedeutung haben diese positiven Faktoren im nationalen und internationalen Wettbewerb?

Maria Köpf: Unser Standort ist vom Volumen her klein, aber hochspezialisiert. Nicht nur äußere Bedingungen wie Infrastruktur und der Zugang zu Equipment machen ihn attraktiv, sondern vor allem die Zahl an hochqualifizierten Teams und Talenten vor Ort. Das zeigen auch die hochkarätigen Auszeichnungen, die unsere Talente für ihre Arbeit erhalten. Beim diesjährigen Europäischen Filmpreis gingen die Preise für das beste Kostümdesign an Stefanie Bieker und für das beste Maskenbild an Barbara Kreuzer – zwei Hamburgerinnen, die an der Oscar-nominierten deutsch-dänischen Produktion „Unter dem Sand“ von Martin Zandvliet beteiligt waren. Wir haben viele Talente vor Ort, die bereits Erfahrungen bei großen, internationalen Projekten gesammelt haben und im internationalen Wettbewerb mitmischen und können uns mit großen Filmstandorten wie Berlin und Nordrhein-Westfalen durchaus messen.

medienpolitik.net: Die aktuelle wirtschaftliche Situation wird von 37% der Unternehmen der Bewegtbildbranche in Hamburg als gut oder sehr gut eingeschätzt aber nur 27% der TV-Produzenten in Hamburg/Schleswig-Holstein beurteilen ihre wirtschaftliche Lage als gut und nur 17% der Kinoproduzenten. Worauf führen Sie das zurück?

Maria Köpf: Ich interpretiere das Ergebnis in zweierlei Richtung: Zum einen muss man feststellen, wie es derzeit vielerorts geschieht, dass zu viele deutsche Kinofilme auf dem Markt sind und sich gleichzeitig die Zuschauerzahlen pro Kinofilm drastisch reduzieren. Durch die Digitalisierung und dem verbilligten Einsatz von Startkopien ist das Kino leider immer mehr zu einem Durchlauferhitzer für kommerzielle Filme geworden, bei dem deutsche Filme immer weniger Chancen auf längere Laufzeiten haben. Dies wirkt sich natürlich auf die Erlöserwartung der Produzenten aus. Zum anderen betrachten die Produzenten ihre Situation in unserer Region vermutlich auch deshalb kritisch, weil der NDR sich im Bereich des Kinofilms sehr zurückhaltend verhält und andere Schwerpunkte setzt.
Wir versuchen als Filmförderung unseren Beitrag zu leisten, indem wir als finanzieller und kreativer Partner den Autoren und Produzenten bereits in frühen Phasen wie der Treatmenterstellung und der Drehbuchentwicklung und später auch bei der Projektentwicklung zur Seite stehen. Damit geben wir den Produzenten Raum, sich auf ihre präferierten Projekte zu konzentrieren und dabei ihr Publikum im Auge zu behalten. Das kann bei kleineren, innovativen Filmen auch eine numerisch kleine Zielgruppe sein: So werte ich es zum Beispiel als Erfolg, dass der großartige Dokumentarfilm „Manche hatten Krokodile“ über die Sparclubs auf St. Pauli mit wenigen Kopien inzwischen 10.000 Besucher eingespielt hat, genauso wie „Happy Burnout“ ein Erfolg ist, der inzwischen bei über 200.000 Zuschauern gelandet ist.

medienpolitik.net: Also künftig vor allem Kinofilme fördern?

Maria Köpf: Das ist unser primärer Auftrag. sowohl in kulturpolitischer Hinsicht als auch, um die lokalen unabhängigen Produzenten zu stützen. Aber wir verschließen uns nicht vor hochwertigen TV-Produktionen und fördern das Development von Serien. Hier gehen wir internationale Wege und setzen auf Partnerschaften, wie die „Nordic Noir“-Serienkooperation mit Filmby Aarhus zeigt. Qualität hat bei uns immer eine Chance. Das gilt sowohl für fiktionale als auch dokumentarische Formate.

medienpolitik.net: Fehlender Zugang zu Fremdkapital – von Fördermitteln bis Venture-Capital – wird als größte Standortschwäche gewertet. Gerade bei Hamburg, dieser Handelsmetropole verwundert das. Wo sehen Sie die Ursachen?

Maria Köpf: Starke norddeutsche Produktionen brauchen eine starke finanzielle Ausstattung. Darum freuen wir uns sehr, dass das Land Schleswig-Holstein in diesem Jahr zum ersten Mal auch einen Beitrag in Form von Steuermitteln leistet. Und Hamburg hat als Stadtstaat bereits das höchste Pro-Kopf-Fördervolumen im Vergleich mit den anderen Regionalförderungen. Aber allein mit unserem Fördervolumen lässt sich die Vielzahl an Produktionen in unserer Region nicht stemmen. Darum ist ein vereinfachter Zugang zu Fremdkapital ein verständlicher Wunsch. Venture Capital ist eher für größere Produktionen interessant, bei denen der wirtschaftliche Erfolg kalkulierbarer ist. Schließlich ist Kultur auch immer ein Risikoprodukt.

medienpolitik.net: Was kann die Filmförderung leisten, um hier gegenzusteuern?

Maria Köpf: Wir haben 2016 ein neues Förderinstrument eingeführt, die „Sondermittel Kinofilm“. Diese wurden uns zusätzlich zur Verfügung gestellt unter der Auflage, dass sie einem früheren Recoupment unterliegen und dass damit ein revolvierender Fördertopf entsteht, der längerfristig ausbaufähig ist – im Idealfall auch mit privatem Investment. Diese Mittel haben beispielsweise unsere regulären Fördermittel bei „The Aftermath“ ergänzt, eine internationale Produktion von James Kent mit Keira Knightley und Alexander Skarsgård in den Hauptrollen. Die Filmbranche braucht außerdem einfachere Möglichkeiten, Darlehen und Bürgschaften von Banken für die Zwischenfinanzierung von Produktionen zu erhalten. Das Thema steht bei uns hoch auf der Agenda und ist mindestens genauso wichtig wie Venture Capital.

medienpolitik.net: Viele Produzenten fordern einen deutlichen Fokus der Fördermittel auf Filmproduzenten vor Ort und höhere Eintrittsbarrieren für internationale Produktionen. Sehen Sie das auch so?

Maria Köpf: Eine Eintrittsbarriere gibt es bereits: Auch die internationalen Filmteams müssen hohe Regionaleffekte in Hamburg und Schleswig-Holstein erbringen, um Förderung zu erhalten. Das heißt, dass sie zum Beispiel mit den ansässigen Filmdienstleistern zusammenarbeiten. Wir achten sehr differenziert darauf, wie sich die Standorteffekte gestalten und die Filmschaffenden vor Ort davon profitieren.

medienpolitik.net: 80% der Kino-und 60% aller TV-Produzenten in Hamburg und Schleswig-Holstein besitzen internationale Kooperationspartner. Steht das nicht im Widerspruch zur Forderung, weniger internationale Produktionen zu fördern?

Maria Köpf: Aus Sicht einzelner Firmen ist eine solche Forderung verständlich: Die Mittel sind begrenzt und der regionale Wettbewerb bereits hoch. Für die gesamte Branche ist es aber wichtig, das Level an Kinoproduktionen am Standort hochzuhalten. Die Region profitiert so von einer ständigen Beschäftigung, einer erhöhten Sichtbarkeit und einer Professionalisierung der Teams – alles Argumente, die den Standort für Filmteams und Talente noch attraktiver machen.

medienpolitik.net: Hamburg besitzt mit nextMedia.Hamburg und Hamburg@work ein sehr gutes Netzwerk der Medienbranche, dennoch zeigt die Studie, dass sich die Vertreter der Bewegtbildbranche ein noch stärkeres Networking, auch mit anderen Branchen, wünschen. Sehen Sie hier für die FFHSH Handlungsbedarf?

Maria Köpf: Ziel von Cross Motion – dem EU-Projekt, in dessen Rahmen wir die Studie durchgeführt haben – ist die Vernetzung der Filmbranche mit anderen Bereichen wie Tourismus, Bildung und Gesundheit. Aber auch innerhalb der Bewegtbildbranche besteht nach wie vor großer Bedarf, Netzwerke auf- und auszubauen. Wir wollen das branchenübergreifende Networking in Hamburg und Schleswig-Holstein stärken, aber auch die Verbindung nach Skandinavien und ins Baltikum. Beispielsweise arbeiten wir an einem Filmtourismus-Netzwerk mit unseren Projektpartnern in Aarhus und Malmö.

medienpolitik.net: Hamburg ist die deutsche Games-Hochburg: die drei größten Browsergame-Produzenten sind hier aktiv, außerdem sitzen hier internationaler Publisher. Wird sich die Filmförderung um die Gamer intensiver kümmern?

Maria Köpf: Wir streben eine verstärkte Kooperation mit gamecity: Hamburg an und sind bereits in Gesprächen dazu. Wir müssen aber auch realistisch bleiben: Angesichts unseres kleinen Etats können wir unsere Fördertätigkeiten nicht so einfach auf weitere Branchen ausdehnen.

medienpolitik.net: Rund 50 Unternehmen sind bereits im Bereich 360-Grad/VR/AR tätig. Was braucht dieser Teil der Bewegtbildbranche, um in Hamburg und Schleswig-Holstein schneller zu wachsen und vielleicht die Erfolgsstory der Gamer zu wiederholen?

Maria Köpf: Die Stadt Hamburg hat erkannt, dass hier Handlungsbedarf besteht und mit nextReality.Hamburg eine neue Initiative ins Leben gerufen, die sich der Belange und Interessen dieser neuen Branche annimmt. Ich persönlich denke, dass die Kreativen in diesem Bereich momentan ein wenig ‚Spielgeld‘ zum Ausprobieren neuer Formate gebrauchen könnten. Das wäre ein guter erster Schritt, um sicherzustellen, dass Hamburger Firmen national und international weiter Trends setzen und langfristig Schritt halten.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien Hamburgs

medienpolitik.net: Herr Brosda, der Medienstandort Hamburg hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Wie sehen Sie heute die besondere Rolle Hamburgs innerhalb der deutschen Medienlandschaft?

Dr. Carsten Brosda: Vor allem hat sich die Medienlandschaft an sich geändert. Hamburg ist unverändert ein bedeutender Medienstandort, gerade weil er sich auch permanent wandelt. Die digitale Transformation der Branche lässt sich deshalb gerade hier intensiv spüren und erleben: bei den traditionellen Verlagshäusern, den klassischen Agentu-ren, aber auch im Radio- und Bewegtbild-Geschäft. Nach wie vor finden Sie in keiner anderen Stadt derart viele relevante Unternehmen aus allen Bereichen der Branche und mit nationaler und europäischer Bedeutung. Dazu stoßen vermehrt wichtige Player der global vernetzten Digitalwirtschaft wie Xing, Google, Facebook, Twitter und aktuell Snapchat. Beide – die Inhalte-Produzenten und die Tech-Größen – sind für den langfristigen Erfolg aufeinander angewiesen. Das macht Hamburg zu einem guten Ort für neue Allianzen und Kooperationen.
Das sehen wir auch im Bereich des Films und der Filmförderung. Beides hat in Hamburg ja eine ziemlich lange Tradition. In den achtziger, neunziger Jahren, als die hiesige kulturelle Filmförderung eingeführt wurde, sprach man vom sogenannten „Hamburger Modell“, damals für viele ein Vorbild beim Aufbau eigener Förderungen. Man setzte in Hamburg wesentlich auf das Innovative, das „Nochzuentdeckende“ von Qualität, gerade dann, wenn es sich etwas außerhalb des gängigen Blickfeldes oder am ästhetisch-gesellschaftlichen Rand befand. Heute sehen wir, dass das genau richtig war. Kreatives Außenseitertum – immer von Qualität, dies ist Voraussetzung – ist ein wichtiges Element produktiver Urbanität. Jemand wie Fatih Akin zeigt beeindruckend, was alles möglich sein kann. Und das prägt auch den Film- und Medienstandort Hamburg.

medienpolitik.net: Neben sehr viel Lob für den Medienstandort Hamburg gibt es auch Kritik: So fordert ein Teil der Bewegtbildbranche, dass die Politik noch ein besserer Partner für die Unternehmen werden solle. Unter anderem soll mehr Lobbyarbeit für den Film als Kunst-und Kulturgut geleistet werden. Wo sehen Sie bei der Partnerschaft zwischen Filmbranche und Politik Handlungsbedarf?

Dr. Carsten Brosda: Film als Kunst- und Kulturgut wird ja nicht nur durch die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) gefördert und sichtbar gemacht. Filmförderung funktioniert in Hamburg auf verschiedenen Ebenen und umfasst im weiteren Sinne auch die Förderung von Filmfestivals, von Kinos einschließlich des kommunalen Kinos METROPOLIS, von Filmeinrichtungen, die, wie etwa die KurzFilmAgentur, CineGraph oder European Film Promotion, mit hoher Kompetenz für den Kurzfilm, den historischen oder den europäischen Film arbeiten. Sie alle tragen dazu bei, dass der Film in unserer Stadt eine Öffentlichkeit hat, und das unterstützen wir.
Darüber hinaus sehen wir, dass für die in der Filmbranche Tätigen die Vernetzung untereinander ganz wichtig ist. Die Studie hat gezeigt, wie sehr die Angebote der FFHSH zur Vernetzung innerhalb der Branche geschätzt werden. Das weiter zu fördern sehe ich auch in den kommenden Jahren als wichtige Aufgabe.
Und was die Wahrnehmung durch die Politik angeht: Jana Schiedek als Staatsrätin und ich als Senator sind beide im Aufsichtsrat der Filmförderung. Das ist eine Ausnahme – und wer darin ein Symbol sehen will, der mag durchaus Recht haben.

medienpolitik.net: Viele Unternehmen würden gern von der klassischen Filmfinanzierung unabhängiger werden und suchen Venture Capital, evtl. auch durch private Investitionen aus anderen Industrie-Bereichen/Branchen. Das scheint aber in Hamburg, dieser klassischen Handelsstadt schwer zu sein. Kann die Politik helfen?

Dr. Carsten Brosda: Aus meiner Sicht hat es in Deutschland bisher nur wenig wirklich überzeugende Versuche gegeben, Filmfinanzierung und Privatinvestitionen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Entsprechenden Überlegungen sollte man sich jedoch nicht verschließen. Aus staatlicher Sicht müsste in der Bewertung möglicher Angebote jedenfalls immer darauf geachtet werden, dass negative Effekte, wie zum Beispiel bloße Mitnahmeeffekte, ausgeschlossen werden können. Letzten Endes hängt die Realisierungschance solcher Modelle auch davon ab, ob sie als klassische Förderung oder aber als wirtschaftliche Incentives gedacht sind.

medienpolitik.net: Das Geld scheint für die Unternehmen ein generelles Problem zu sein. So wird – im Vergleich zu anderen Medienstandorten – die geringe Förderung moniert und nur 17 % der Kinoproduzenten aus Hamburg beurteilen ihre wirtschaftliche Lage als gut. Warum ist Hamburg bei der Filmförderung, die einen nachweislichen wirtschaftlichen Effekt für den Standort bedeutet, so zurückhaltend?

Dr. Carsten Brosda: Setzen wir zuerst einmal die Zahlen ins Verhältnis: Hamburg stellt der FFHSH jährlich ca. 8,2 Mio. Euro zur Verfügung. Das ist pro Einwohner gerechnet deutschlandweit die höchste Fördersumme. So betrachtet ist Hamburg im Ländervergleich einsame Spitze. Darauf können wir zuerst einmal stolz sein, genauso wie auf die Erfolge unserer Filmförderung, die Projekte von Qualität unterstützt und die Filmförderung nicht auf den bloßen Standortfaktor reduziert. Es muss in der Kulturpolitik vor allem darum gehen, Kunst und Kultur zu ermöglichen, für Künstler und Kreative die entsprechenden Freiräume zu schaffen und dann zu schauen, was entsteht. Und genau das macht die FFHSH. Die Standortstudie hat ja auch gezeigt, wie sehr die in der Filmbranche Tätigen die Arbeit der FFHSH schätzen. Wenn aber Hamburg mit den sogenannten „großen“ Filmförderländern Bayern, Berlin/Brandenburg und NRW und deren Fördervolumina von jeweils deutlich über 30 Mio. Euro jährlich verglichen wird, dann sind die Erfolge der weit kleineren FFHSH umso mehr zu würdigen. Und sie zeigen, dass ihr Weg richtig ist.
Wie erfolgreich sie damit ist, haben die diesjährigen Filmfestspiele in Cannes gezeigt, bei denen vier FFHSH-geförderte Produktionen gezeigt wurden. Zwei wurden sogar ausgezeichnet: Fatih Akins neuester Film „Aus dem Nichts“, für den Diane Kruger mit den Preis als beste Darstellerin erhalten hat, und Mohammad Rasoulofs „A Man of Integrity“, der im Nebenwettbewerb den Hauptpreis gewann und dessen Regisseur der Stadt Hamburg, der FFHSH und insbesondere dem Filmfest seit Jahren verbunden ist. Beide Produktionen behandeln auf ganz unterschiedliche Weise Themen, die uns als Gesellschaft gerade aktuell betreffen und beschäftigen. Sie zeigen, was Film kann und welche Relevanz er heute hat.

medienpolitik.net: Hamburg ist die deutsche Games-Hochburg, rund 50 Unternehmen im Bereich 360-Grad/VR/AR haben ihren Sitz in Hamburg. Besonders Onlinevideo-Produzenten und Gamer erwarten, dass ihre Branche bis 2020 noch bedeutsamer wird. Wie kann Hamburg noch stärker zum Standort für neue Medien werden?

Dr. Carsten Brosda: Wir werden die erfolgreiche Arbeit der Standortinitiative nextmedia.Hamburg konsequent fortsetzen, um die Hamburger Digital- und Content-Industrie bei der Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle an der Schnittstelle von Inhalt und Technologie zu unterstützen. Konkret fördern wir den Wissenstransfer am Standort unter anderem durch gezielte Vernetzungsaktivitäten und ein breites Veranstaltungsangebot. So widmen sich das Scoopcamp und der newTV-Kongress Zukunftsthemen wie zum Beispiel New Storytelling und datengetriebene Geschäftsmodelle. Beim Thema VR werden wir im Rahmen des Projekts nextReality eng mit Unternehmen, Startups und Hochschulen zusammenarbeiten. Hier entstehen neue Technologien und neue Geschäftsfelder, die wir aktiv mit entwickeln wollen.

medienpolitik.net: Die Kino- und TV-Produzenten beklagen, dass der NDR in der Region den Markt beherrscht, es zu wenig Wettbewerb bei Dienstleistern und keine faire Preisgestaltung mehr gibt. Sollte der NDR seine kommerzielle Tätigkeit reduzieren?

Dr. Carsten Brosda: Der NDR ist zuallererst ein wichtiger und starker Player, der den Medienstandort Hamburg auch zu dem macht, was er heute ist. Insofern würde ich da eher die Chancen sehen. Dabei darf es natürlich nicht zu einer Unwucht kommen. Aber auch hierfür ist die Vernetzung der Filmbranche ausgesprochen wichtig, die wir unter anderem durch die Filmförderung schaffen. Ich bin sehr dafür, dass man Konflikte gegebenenfalls im direkten Gespräch klärt.

medienpolitik.net: Hamburg hat Berlin als Gründer-Hochburg überholt und ist die Nummer 1 in Deutschland. Hier gingen im Durchschnitt der Jahre 2014 – 2016 mehr Start ups an den Start als in der Hauptstadt. Wie profitiert davon die Medienwirtschaft?

Dr. Carsten Brosda: Die Medienwirtschaft profitiert davon in vielerlei Hinsicht, ebenso die Startups. Kooperationen bestehender, gut positionierter Unternehmen mit Startups können dazu beitragen, den oft schwierigen, zumeist kostenintensiven Übergang von der Forschung zur Innovation und schließlich zum Produkt zu erleichtern. Dabei werden digitale Entwicklungen und konkrete Opportunitäten für die etablierte Medienwirtschaft in ihren Märkten frühzeitig erkennbar. Das unterstützen wir schon heute und werden das auch weiterhin tun, zum Beispiel mit dem Next Media Accelerator. Durch ihn haben in den letzten zwei Jahren Medienunternehmen nicht nur einen Zugang zu vielen Startups erhalten, sondern konnten deren Produkte auch zu einem frühen Zeitpunkt testen und Geschäftsmodelle mit ihnen aufbauen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/17 erstveröffentlicht

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