Medienwirtschaft:

„Plattformen sind die größten Gewinner der Digitalisierung“

von am 26.07.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Interviews, Journalismus, Medienwirtschaft, Verlage

<h4>Medienwirtschaft: </h4>„Plattformen sind die größten Gewinner der Digitalisierung“
Christoph Keese, Geschäftsführer der Axel Springer hy GmbH

Axel Springer hy GmbH unterstützt Unternehmen bei digitaler Transformation

26.07.17 Interview mit Christoph Keese, Geschäftsführer der Axel Springer hy GmbH

Mit der Gründung der Axel Springer hy GmbH mit Sitz in Berlin sollen interessierte Kunden künftig noch umfassender bei ihrer digitalen Transformation unterstützt werden. Damit reagiert Axel Springer auf die steigende Nachfrage von Privatwirtschaft und öffentlicher Hand, die mit individuellen Konzepten auf disruptive Herausforderungen erfolgreich reagieren wollen. Axel Springer hält rund 60 Prozent der Gesellschaftsanteile. Knapp 40 Prozent gehören dem Management sowie den Gründern des Berliner Unternehmens hy! GmbH, an dem Axel Springer bereits seit 2013 beteiligt war. Die hy! GmbH geht nun in der neuen Firma auf. „Die Medien waren die erste Branche, die von der digitalen Disruption erfasst wurden. Mit Experten aus der Medienbranche zusammenzuarbeiten, trägt dazu bei, von den Erfahrungen der Medien zu profitieren und ihre Fehler zu vermeiden“, so Christoph Keese in einem medienpolitik.net-Gespräch.

medienpolitik.net: Herr Keese, was ist die größte Leistung der Axel Springer SE bei der digitalen Transformation bisher?

Christoph Keese: Die größte Leistung ist es, rechtzeitig in disruptive Plattformen investiert zu haben. Plattformen sind die bisher größten Gewinner der Digitalisierung. Sie erzeugen große Wertschöpfung, indem sie Angebot und Nachfrage zusammenbringen, ohne die zugrundeliegende Leistung selbst zu erbringen. Digitale Plattformen nehmen Funktionen wahr, die früher vor allem von Zeitungen erbracht worden sind – vor allem mit Kleinanzeigen. Axel Springer ist diesen Geschäftsmodellen konsequent ins Netz gefolgt und konnte so vom Aufstieg des Plattform-Modells profitieren.

medienpolitik.net: Welches sind die wichtigsten Ergebnisse dieses Prozesses?

Christoph Keese: Die geschilderten Erfolge wären nicht möglich gewesen ohne einen grundlegenden Wandel der Unternehmenskultur. Axel Springer ist zu einer Heimat journalistischer und unternehmerischer Talente geworden, die ihre Ideen und Ambitionen verwirklichen können und im Verbund stärker sind, als sie es allein jemals sein könnten.

medienpolitik.net: Bisher hatte man immer den Eindruck – auch von einigen Printmedien mitgenährt – die Verlage seien neben der Musikwirtschaft die größten Verlierer der Digitalisierung. Sie sehen das anscheinend anders?

Christoph Keese: Hatte man diesen Eindruck wirklich? Das Bild ist vielschichtiger, glaube ich. Es gibt Verlage, die ausgesprochen gut in der Digitalisierung zurechtgekommen sind, weil sie die Mechanismen der Digitalökonomie studiert und verstanden haben. Weil sie ihre Firmenkultur grunderneuert haben. Weil sie Fantasie, Geschick, Neugier, Mut, Entscheidungsfreude und Tatkraft in den Mittelpunkt ihres Handelns gestellt haben. Zu diesen Verlagen gehört Axel Springer. Ohne Frage gibt es aber auch Verlage, die Chancen verstreichen ließen, die ihnen die Digitalisierung bot.

medienpolitik.net: Ist Axel Springer SE das Modell für die Transformation der Zeitungsbranche?

Christoph Keese: Jedes Unternehmen muss seine eigenen Antworten auf die Fragen der Digitalisierung finden. Ein Denken in Modellen und Vorbildern ist heute nicht mehr zeitgemäß. Technologien, Konsumentenverhalten und Geschäftsmodelle verändern sich rasend schnell. Da kann kein Modell der Welt mithalten. Axel Springer ist eher ein Teil eines lebendigen Ökosystems, in dem jeder Verlag seine Rolle suchen und finden kann. Einem Standardmuster zu folgen, verspricht keinen großen Erfolg.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie vor allem eine Nachfrage nach Ihren digitalen Dienstleistungen?

Christoph Keese: Wir spüren starke Nachfrage von geschickt gestalteten Plattformen, nach erstklassigem Journalismus und nach innovativen Geschäftsmodellen.

medienpolitik.net: Was können andere Wirtschaftsbranchen von einem Medienhaus „lernen“? Sind die Bedingungen z.B. in der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau nicht ganz anders?

Christoph Keese: Die Medien waren die erste Branche, die von der digitalen Disruption erfasst wurden. Das liegt daran, dass ihre Güter immer schon flüchtig und daher leicht zu digitalisieren waren. Deswegen haben die Disruptoren sich die Medien als erstes Betätigungsfeld ausgesucht. Andere Branchen wie Automobil, Handel, Logistik, Chemie, Pharma oder Maschinenbau stellen natürlich andere Produkte her und verfolgen andere Geschäftsmodelle als Medien. Doch die Digitalisierung verläuft bei ihnen nach ähnlichen Mustern. Mit Experten aus der Medienbranche zusammenzuarbeiten, trägt dazu bei, von den Erfahrungen der Medien zu profitieren und ihre Fehler zu vermeiden. Übrigens arbeiten bei Axel Springer hy nicht nur Leute aus den Medien, sondern aus verschiedenen unterschiedlichen Branchen – alle mit starker Expertise in der Digitalisierung. Sie tragen ihre Erfahrungen zusammen, um Kunden ein möglichst breites Spektrum an Hilfe zu bieten.

medienpolitik.net: Welche konkreten Erfahrungen wollen Sie vor allem mit der Axel Springer hy GmbH vermitteln?

Christoph Keese: Wir unterstützen Kunden auf unterschiedliche Weise. Wir führen in die Digitalwirtschaft ein und ermöglichen Lernerfahrungen. Wir helfen, die Unternehmenskultur zu verändern. Wir bringen Kunden bahnbrechende Technologien wie Blockchain oder Künstliche Intelligenz näher. Wir analysieren ihre Wertschöpfungsketten und zeigen auf, wo Angreifer und potentielle Partner zu finden sind. Wir managen Innovation Hubs gemeinsam mit den Kunden. Vor allem aber: Wir organisieren das Netzwerk zwischen etablierten und jungen Firmen. Wir pflegen ein Ökosystem. Über uns lernt man Leute kennen und kommt mit Projekten in Kontakt, von denen man sonst gar nichts oder nur viel später erfahren würde. Das geht in beide Richtungen: von Startups zu traditionellen Firmen und umgekehrt in die Gegenrichtung.

medienpolitik.net: Warum gehört eine Personalberatung zu den Partnern?

Christoph Keese: Egon Zehnder ist ein strategischer Partner, weil viele Kunden neue Führungskräfte mit ausgeprägter digitaler Erfahrung benötigen. Durch diese Partnerschaft können wir diese Leistung mit anbieten.

medienpolitik.net: Sie waren ein Jahr im Silicon Valley? Welche Ideen aus dieser Zeit kommen Ihnen jetzt zugute?

Christoph Keese: Vor allem kommt mir zugute, dass ich das Denken, die handelnden Personen, die Firmen und die Kultur im Silicon Valley sehr gut kenne. Ähnliches auch in Tel Aviv und natürlich in Berlin. Hinzu kommt, dass Axel Springer als Gesamtunternehmen glänzend in der Digitalszene vernetzt ist. Es gibt in Europa nur sehr wenige traditionelle Unternehmen, die sich so erfolgreich zu Digitalkonzernen gewandelt haben wie wir. Meine persönlichen Erfahrungen, das Axel Springer-Netzwerk, vor allem aber die hohe Expertise unseres Teams bei Axel Springer hy kommen allesamt unseren Kunden zugute. Auf unser Team bin ich richtig stolz. Das sind tolle Leute mit einer optimalen Kombination von Erfahrungen in traditionellen Firmen und in der Tech-Szene.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/17 erstveröffentlicht.

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