Rundfunk:

„Der Show-Markt hat sich fragmentiert“

von am 05.07.2017 in Allgemein, Archiv, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Der Show-Markt hat sich fragmentiert“
Dr. Oliver Heidemann, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Show

„Bares für Rares“ ist die gegenwärtig erfolgreichste Unterhaltungssendung des ZDF

05.07.17 Interview mit Dr. Oliver Heidemann, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Show

Eine kuriose Rateshow, Deutschlands beliebteste Trödelshow, die 1000. Sendung der ältesten ZDF-Show und die emotionalsten Momente der Fernsehgeschichte: Das ZDF präsentiert in diesem Sommer zahlreiche Primetime-Shows. Kuriose Fragen stehen im Fokus der neuen Rateshow „Da kommst Du nie drauf !“ mit Johannes B. Kerner. Täglich fiebern knapp drei Millionen Zuschauer bei „Bares für Rares“ mit. Nun ist Deutschlands beliebteste Trödelshow in der Primetime zu sehen: Am Donnerstag, 15. Juni, und am Donnerstag, 13. Juli, jeweils um 20.15 Uhr, präsentieren Horst Lichter und Steven Gätjen „Bares für Rares – Deutschlands größte Trödelshow“ – mit Schätzen und bekannten und beliebten Experten und Händlern. Die Location: ein Barockschloss im Bergischen Land.

medienpolitik.net: Herr Heidemann, Sie planen für den Sommer einen „großen Show-Sommer“. Zählt der Sommer nicht zu den zuschauerärmsten Zeiten? Sind die Shows dann nicht „verschossen“?

Dr. Oliver Heidemann: In der Tat gibt es im Sommer durchschnittlich weniger Zuschauer, bedingt durch die Ferienzeiten. Auf der anderen Seite ist das Bedürfnis nach Unterhaltung und Abwechslung aber mindestens genauso groß wie in den dunklen Jahreszeiten. Und hier eine längere Strecke mit Auffälligkeiten zu bespielen ist strategisch natürlich eine attraktive Herausforderung. Auch international ist zu beobachten, dass der Sommer für Neustarts und Teststrecken genutzt wird. Erfreulich ist, dass wir mit unserer ersten Neuentwicklung für den Sommer, das Quiz „Da kommst Du nie drauf“ mit Johannes B. Kerner, auf Anhieb einen Publikumserfolg erzielen konnten.

medienpolitik.net: Welchen Anteil haben Unterhaltungsformate am ZDF-Programm?

Dr. Oliver Heidemann: Unterhaltungsformate haben weiterhin einen großen Anteil am Programm. Aber man darf das nicht mehr nur auf die Primetime beziehen. Wir produzieren – um einige wichtige Regelformate für das ZDF-Hauptprogramm zu nennen – für die tägliche Daytime „Bares für Rares“, dreimal die „Woche „Markus Lanz“, für den späten Freitag die „heute show“ und jetzt im Sommer den wöchentlichen „ZDF-Fernsehgarten“. Allein hieran sieht man, wie sehr Unterhaltungsformate unser Programm prägen.

medienpolitik.net: Was ist das aktuell erfolgreichste Unterhaltungsformat?

Dr. Oliver Heidemann: Da muss man zuerst sicherlich „Bares für Rares“ nennen. Die Quotenergebnisse am Nachmittag sind außergewöhnlich und es freut mich, dass das Format auch auf ZDFneo hervorragend funktioniert. Aber auch die „heute show“ läuft über die Maßen erfolgreich.

medienpolitik.net: Welchen Anteil haben Lizenzen und welchen Eigenentwicklungen des ZDF?

Dr. Oliver Heidemann: Unsere Formate, besonders für die Primetime, sind größtenteils keine Lizenzen. Die ZDF-Zuschauer wollen Formate, die auf sie zugeschnitten sind und die finden wir in der Regel nicht auf dem internationalen Markt. Hier gilt es, zusammen mit den Produzenten Formate gemeinsam zu entwickeln. Für die Daytime, im Factual-Bereich kaufen wir die eine oder andere Lizenz, weil es bei der kurztaktigen Produktionsweise wichtig ist, auch auf Erfahrungen anderer Länder/ Produzenten zurückgreifen zu können.

medienpolitik.net: Was ist gegenwärtig der „große“ internationale Trend bei Unterhaltungsshows?

Dr. Oliver Heidemann: Einen echten Trend gibt es aktuell nicht. Nach wie vor bewegen sich die Formate in den bekannten Genres: Gameshow, Casting, Quiz, Dating – stets in neuer Abwandlung und Zusammensetzung. Die Benchmarks sind immer noch die großen langlaufenden Marken.

medienpolitik.net: Zum Show-Sommer gehören auch wieder Samstagabend-Shows. Wie gut eignet sich der Samstag-Abend noch für Unterhaltungsshows?

Dr. Oliver Heidemann: Das ist ja mittlerweile eine fast philosophische Frage. Rezeptionsverhalten, Sehgewohnheiten und Konkurrenzsituationen haben sich merklich verändert, der Markt hat sich fragmentiert und Unterhaltung ist auf unterschiedlichen Plattformen zu finden. Dennoch gelingt es immer wieder, Erfolge am Samstag zu generieren, auch in der jungen Zielgruppe. Ich glaube, dass in der Zuschauerwahrnehmung – wenn auch reduzierter als vor Jahren – der Samstagabend noch immer eine sehr wichtige Zeit für den linearen TV-Konsum ist und dem müssen wir mit Showideen gerecht werden.

medienpolitik.net:  Identifiziert man das ZDF noch als den Sender mit großer Samstagabend-Unterhaltung? Überhaupt als Sender mit Unterhaltung?

Dr. Oliver Heidemann: Wenn ich aktuelle Imagestudien sehe, dann ist das ZDF noch sehr stark mit Unterhaltung assoziiert. Hier bekommen wir von den Zuschauern in vielen Genres sehr gute Noten. Bei uns sind im Moment der „Quizchampion“ und „Willkommen bei Carmen Nebel“ erfolgreich, aber natürlich wollen wir hier auch weitere Akzente setzen. Es wird allerdings auch immer schwieriger, neue Marken erfolgreich auf einer langen Strecke zu etablieren.

medienpolitik.net: Was ist an Ihren Unterhaltungsformaten spezifisch „ZDF“?

Dr. Oliver Heidemann: Unsere Zuschauer erwarten neben der reinen Unterhaltung einen „Mehrwert“. Der lässt sich nun je nach Genre spezifizieren, ob bei den Quizformaten oder beim neuen „Timetainment“- Format „Wir lieben Fernsehen“.

medienpolitik.net: Ist es heute noch möglich, über Unterhaltungsformate eine Sendermarke zu definieren?

Dr. Oliver Heidemann: Nicht immer, aber wenn man sich den Erfolg der „heute show“ anschaut, dann ist das schon typisch ZDF: intelligente Unterhaltung gepaart mit aktueller Information.

medienpolitik.net: Fiktionale Formate werden heute über verschiedene VoD-Plattformen angeboten, Unterhaltung nicht. Ist die Unterhaltung neben der aktuellen Information die letzte „Bastion“ des klassischen Fernsehens?

Dr. Oliver Heidemann: Im Moment wahrscheinlich noch, besonders wenn sie live und eventig ist. Aber wir werden sicher auch hier noch viele Entwicklungen und Rezeptionsmodelle der neuen Anbieter sehen. Einige versuchen es ja bereits, wie z.B. „Ultimate Beastmaster“ bei Netflix.

medienpolitik.net:  Auf Ihrer Internetseite steht, dass besondere Show-Events, die mit 105 bis 150 Minuten länger sind als normale Shows, durchschnittlich rund 1,44 Millionen Euro kosten. Ebenso viel kosten auch 90-minütige Fernsehfilme. Das ist doch ein Argument, mehr Unterhaltungsformate zu senden?

Dr. Oliver Heidemann: Kostendiskussionen sind letztlich Einzelfallentscheidungen. Fiktionale Programme können umfangreich wiederholt werden. Unterhaltungsformate sind eher für den Moment gedacht, können aber eine starke emotionale Aufmerksamkeit erzeugen.

medienpolitik.net:  Im ZDF-Organigramm habe ich einen Bereich „Innovative Unterhaltungsformate“ gefunden. Was sind „Innovative Unterhaltungsformate“?

Dr. Oliver Heidemann: Diesen Bereich gibt es in dieser Bezeichnung so nicht. In der Hauptredaktion Show haben wir jedoch ein sehr aktives Development, das Neuentwicklungen für all unsere Genres und Sendeplätze vorantreibt – hierbei den internationalen und nationalen Markt beobachtet und sowohl redaktionsintern als auch in Zusammenarbeit mit Produzenten neue Ideen erarbeitet. Entstanden sind hier Formate wie „Kessler ist…“ oder auch „Das große Schlüpfen“ – beides Beispiele für neue, innovative Ansätze im Unterhaltungsfernsehen.

medienpolitik.net: Gibt es Überlegungen, mehr interaktive Formate zu entwickeln?

Dr. Oliver Heidemann: Die Interaktion mit den Zuschauern über die konkreten Sendungen hinaus ist uns sehr wichtig. Manchmal ist diese direkt in die Shows integriert, wie z.B. durch Abstimmungen. Darüber hinaus sind wir in den Sozialen Medien sehr aktiv. So hat die heute-Show ein umfangreiches Angebot, das den Fans der Marke täglich neue Inhalte bietet, die sie kommentieren, liken und teilen. Auch der Fernsehgarten hat eine große und aktive Followerschaft bei Facebook. Mitte Juni starten wir auch für „Bares für Rares“ ein neues Social-Media-Angebot mit Infos zur Sendung, täglich neuen Inhalten und Expertenchats. Die Möglichkeiten der Interaktion und der 360-Grad-Bespielung bedenken wir bei jeder neuen Formatentwicklung mit und bauen das Angebot für unsere großen Marken stetig aus.

medienpolitik.net: Sie erwähnten mehrfach den Erfolg von „Bares für Rares“. Worauf führen sie den Erfolg zurück?

Dr. Oliver Heidemann: Erst einmal ist es ein starkes Format, das wir gemeinsam mit der Produktionsfirma sukzessive weiterentwickelt haben. Es ist authentisch, emotional und sehr nah dran an den Leuten. Und dann ist da natürlich noch Horst Lichter. Er steht für all das gerade Genannte, ist kompetent und ein „echter“ Gesprächspartner für Käufer, Experten und Händler. Seine sehr persönliche Art, seine Leiden- schaft und Herzlichkeit sind sicher weitere Schlüssel zum Erfolg.

medienpolitik.net: Inzwischen gibt es eine „Antiquitätenflut“ im ZDF. Wird das ZDF zum Trödelladen?

Dr. Oliver Heidemann: Nein, aber das Genre scheint den Zuschauern zu gefallen. Und insofern wäre es fahrlässig, da nicht weiter zu experimentieren.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/17 erstveröffentlicht.

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