Rundfunk:

„Die Menschen lieben Premieren“

von am 17.07.2017 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Die Menschen lieben Premieren“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

„Das Erste“ zeigt an 15 Sommerabenden großes Kino

17.07.17 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor „Das Erste“

Bewegende Geschichten, große Gefühle und eindrucksvolle Bilder – das wollen die Filme im Sommer- und PremierenKino ab 3. Juli an 15 Abenden im Ersten bieten. Im SommerKino um 20:15 Uhr und im PremierenKino um 22:45 Uhr zeigt „Das Erste“ vielfach ausgezeichnete internationale Produktionen in Starbesetzung und nationale Kinoerfolge, die zum Teil als ARD-Koproduktionen entstanden.
Das SommerKino startet in diesem Jahr mit einem Highlight: „Sherlock“-Darsteller Benedict Cumberbatch setzt in der Rolle des genialen Mathematikers und Informatikers Alan Turing in dem für acht Oscars nominierten Biopic „The Imitation Game“ alles aufs Spiel, um im Zweiten Weltkrieg die „Enigma“-Codes zu entschlüsseln. Konkurrenz für dieses Kinofilmangebot durch VoD-Plattformen fürchtet Herres nicht: „Lineares Fernsehen ist und bleibt attraktiv und bindet im Unterschied zu den Filmen auf VoD-Plattformen ein großes Publikum. Auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird, sprechen die Zahlen für sich, und das wissen auch die Produzenten.“

medienpolitik.net: Herr Herres, „Das Erste“ hat im 1. Halbjahr u.a. mit den Fernsehfilmen „Katharina Luther“, „Kalte Wasser“ und „Die Dasslers – Pioniere, Brüder und Rivalen“, „Almen“ sowie der „Charité-Serie“ attraktive und erfolgreiche Programme geboten. Was kann der Zuschauer an fiktionalen Highlights im 2. Halbjahr erwarten?

Volker Herres: Den Auftakt unserer Themenabende im zweiten Halbjahr macht „Ich gehöre ihm“: Ein „FilmMittwoch im Ersten“, der thematisiert, wie junge Mädchen von deutlich älteren Männern via Internet mit der Verheißung auf die große Liebe letztlich zur Prostitution gebracht werden. Eine Dokumentation im unmittelbaren Anschluss an den Film um 21:45 Uhr liefert die Fakten zur fiktionalen Darstellung. Um selbstbestimmtes Sterben geht es in einem Film mit Christiane Hörbiger, der ebenfalls von einer Doku begleitet wird. Außerdem widmen wir uns in einem Schwerpunt dem Thema Islamismus in Deutschland mit einem zweiteiligen Film und einer Dokumentation: Der Politthriller erzählt aus zwei Perspektiven die Gegenläufigkeit zweier Lebenslinien – ein deutscher Atheist wird zum islamischen Märtyrer, ein syrischer Islamist zum deutschen Verfassungsschützer.

medienpolitik.net: Unter welches Motto würden Sie Ihr fiktionales Angebot für 2017 stellen?

Volker Herres: Unser vielfältiges Angebot lässt sich thematisch nicht unter ein Motto stellen: Wir zeigen Filme, die uns inhaltlich überzeugen, von ganz unterschiedlicher Machart und mit breitgefächerter künstlerischer Handschrift. Wir sind ja gerade stolz darauf, nicht nur ein Genre zu bedienen, sondern unsere Zuschauer mit dem „FilmMittwoch im Ersten“ immer wieder mit neuen, gesellschaftlich relevanten Stoffen ebenso zu fesseln wie zu unterhalten. Und neben den Krimis am Donnerstag und Sonntag, zeigen wir unter dem Label „Endlich Freitag im Ersten“ leichtere, unterhaltende Filme.

medienpolitik.net: Sie hatten Anfang des Jahres 150 Fernsehfilm-Erstausstrahlungen, darunter 43 neue Sonntagskrimis und sechs Event-Filme angekündigt. Wird es bei dieser Menge bleiben?

Volker Herres: Ja, so in etwa.

medienpolitik.net: Welche der zahlreichen Produktionen sind innovativ oder experimentell wie „Terror – Ihr Urteil“?

Volker Herres: Natürlich lässt sich so ein TV-Experiment wie „Terror“ nicht beliebig reproduzieren – das war etwas Einmaliges, das sich mit der Verfilmung des Theaterstücks von Ferdinand von Schirach angeboten hat. Aber wir können durchaus selbstbewusst behaupten, dass wir uns im „FilmMittwoch im Ersten“ immer wieder aktuellen, neuen Themen stellen.

medienpolitik.net: 2016 haben VoD-Plattformen mehrere Aufträge für TV-Produktionen an deutsche Produzenten vergeben. Müssen Sie nicht fürchten, dass damit gute Stoffe und Ideen Ihnen nicht mehr angeboten werden, wenn dieser Trend zunimmt?

Volker Herres: Nein, diese Sorge haben wir nicht – dafür genügt schon ein Blick auf die Themenvielfalt unserer fiktionalen Angebote.

medienpolitik.net: Was macht es für den Produzenten attraktiv, Ihnen und nicht einer VoD-Plattform einen Stoff anzubieten?

Volker Herres: Lineares Fernsehen ist und bleibt attraktiv und bindet im Unterschied zu den Filmen auf VoD-Plattformen ein großes Publikum. Auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird, sprechen die Zahlen für sich, und das wissen auch die Produzenten.

medienpolitik.net: Sechs Event-TV-Filme für 2017. Unter welchen Bedingungen kann Fernsehen auch heute noch – außer bei Fußball – zum Event werden?

Volker Herres: Insgesamt werden wir in diesem Jahr einige Event-Filme mehr im Programm haben: Also Filme, die mit anschließenden Dokumentationen oder Gesprächsrunden begleitet werden und dem Zuschauer die Möglichkeit bieten, sich umfassend zu informieren. Aber letztlich entscheidet immer das Publikum, ob ein Abend zu einem TV-Event wird. Jedenfalls versuchen wir mit relevanten Stoffen, Interesse und Aufmerksamkeit beim Zuschauer zu generieren. Das ist uns im ersten Halbjahr mit „Katharina Luther“ ebenso gelungen wie mit dem Themenabend „Gefährliche Medikamente“. Aber auch Unterhaltungsformate können zu Events werden – denken Sie nur an die Übertragung des ESC.

medienpolitik.net: Sie wollten bei den Hauptabendserien neue Wege beschreiten. Sie sind mir bisher nicht aufgefallen. Welche sind das?

Volker Herres: Sie haben „Charité“ in Ihrer ersten Frage schon genannt … Mit dieser Serie haben wir definitiv neue Wege beschritten: Ein renommierter deutscher Spielfilm-Regisseur hat für uns die erste deutsche historische Krankenhausserie gedreht. Und mit „Babylon Berlin“ setzten wir gemeinsam mit unseren Partnern sicher auch neue Serien-Maßstäbe.

medienpolitik.net: Der „Tatort“ gehört weiterhin zu den erfolgreichsten ARD-Produktionen. Harald Schmidt hatte für den Schwarzwald-“Tatort“ abgesagt. Ist es schwerer geworden, prominente Darsteller für den „Tatort“ zu bekommen, weil sie vielleicht Angst haben, zu sehr festgelegt zu werden?

Volker Herres: Nein, diese Befürchtung teile ich nicht: Die Absage von Harald Schmidt ist bedauerlich, hatte aber rein persönliche Gründe; sie war also nicht von der Sorge des Künstlers getragen, mit seiner Rolle beim „Tatort“ zu sehr festgelegt zu sein. Die Prominenz unserer „Tatort“-Darsteller lässt sich kaum überbieten.

medienpolitik.net: 2017 soll es 36 „Tatort“-Erstausstrahlungen geben. Der „Tatort“ ist ein erfolgreiches Gemeinschaftsprojekt aller ARD-Anstalten. Warum gibt es im fiktionalen Bereich nicht mehr Angebote, die unter einer Dachmarke unterschiedliche Handschriften der Anstalten vereinen?

Volker Herres: Die von Ihnen angefragte Dachmarke für das vielfältige fiktionale Angebot der Landesrundfunkanstalten haben wir mit dem „FilmMittwoch im Ersten“, ebenso mit „Der DonnerstagsKrimi“ und mit „Endlich Freitag im Ersten“; Kinofilme laufen unter dem Label „Sommer- und PremierenKino im Ersten“ und auch unter „FilmDebüt im Ersten“.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist eine solche Dachmarkenstrategie in der digitalen Welt?

Volker Herres: Natürlich ist eine Dachmarke und damit Wiedererkennbarkeit im digitalen Zeitalter, wie aber auch im linearen Fernsehen, wichtig: Der Zuschauer will wissen, was ihn an einem Fernsehabend erwartet.

medienpolitik.net: Seit einem guten Jahr steht der „Tatort“ 30 Tage in der Mediathek. Wie hat sich das auf die Abrufe ausgewirkt? Leiden darunter die Quoten im Ersten?

Volker Herres: Der Zuschauerzuspruch am Sonntagabend bei der Erstausstrahlung des „Tatorts“ leidet unter der verlängerten Abrufzeit überhaupt nicht – die Menschen lieben offensichtlich Premieren. Die Verfügbarkeit in der Mediathek verstehen wir als ergänzenden Service für alle jene, die bei der Erstausstrahlung am Sonntag um 20:15 Uhr nicht mit dabei sein konnten.

medienpolitik.net: Die ARD und das ZDF wollen mehr kooperieren. Wird das auch den fiktionalen Bereich betreffen, so wie Sie mit ORF und SRG gemeinsame „Tatorte“ oder andere Fernsehfilme koproduzieren?

Volker Herres: Nein, das wird sicherlich nicht der Fall sein. Der „Tatort“ ist die beliebteste und älteste Krimimarke im deutschen Fernsehen, die Sonntag für Sonntag im Ersten zum Kult geworden ist. Abgesehen davon produzieren wir ja auch nicht mit Österreich und der Schweiz gemeinsam den „Tatort“ – vielmehr tragen unsere beiden Nachbarländer mit eigenen Ermittler- Teams und eigener künstlerischer Handschrift zur Vielfalt am Sonntagabend im Ersten bei. Kooperationsmöglichkeiten bieten sich mit dem ZDF auf anderer Ebene an: Wir praktizieren die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem ZDF schon seit Jahren beim Sport oder etwa beim Morgen- und Mittagsmagazin. Über weitere Möglichkeiten diskutieren wir derzeit, aber sie werden sich nicht auf fiktionale Angebote ausdehnen. Hier sind wir – sicher genauso wie das ZDF – stolz auf unsere eigenen Angebote, die dem Zuschauer ja auch immer die Wahl lassen und die Wiedererkennbarkeit unseres Programms ausmachen.

medienpolitik.net: Es gibt auch 2017 wieder ein Sommerkino, mit 14 Filmen, mehr Spielfilmen als 2016. Liegt es daran, dass die sportlichen Großereignisse fehlen oder gibt es mehr gute Filme?

Volker Herres: Um es genau zu sagen: Im „SommerKino im Ersten“ zeigen wir ab 3. Juli 2017, immer um 20:15 Uhr, montags und mittwochs, insgesamt sieben Filme. Und im „PremierenKino im Ersten“ laufen ab 18. Juli, immer dienstags um 22:45 Uhr, acht Filme. Das sind ausgezeichnete internationale Produktionen mit Starbesetzung und nationale Kinoerfolge mit fünf Fernseh- und zehn Free-TV-Premieren.

medienpolitik.net: Wonach haben Sie die Filme ausgewählt?

Volker Herres: In erster Linie sucht die ARD Degeto Filme aus, die schon bei ihrer Kinopremiere ein großes Publikum begeistert haben. Aber natürlich hat die Zusammenstellung auch etwas mit dem Lizenzerwerb zu tun, also damit, welche Filme auf dem Markt für welche Summen zu haben sind. Und natürlich mit der Frage, welche Stoffe sich für einen sommerlichen Kinoabend vor dem Fernseher besonders eignen.

medienpolitik.net: Wo finden sich ansonsten deutsche Kinofilme im „Ersten“ wieder?

Volker Herres: Kino-Koproduktionen haben im Ersten ihre festen Sendeplätze: Am Sonntagabend um 23:30 Uhr; im Feiertagsprogramm und im „FilmDebüt im Ersten“: Ab 6. Juni 2017, stehen hier immer dienstags um 22:45 Uhr insgesamt zwölf Kinofilme auf dem Programm – die ersten oder zweiten Arbeiten von jungen Regisseurinnen oder Regisseuren, die in Zusammenarbeit mit den Debüt-Redaktionen der ARD-Landesrundfunkanstalten realisiert werden.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/17 erstveröffentlicht.

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