Rundfunk:

„Wie eine Operation am offenen Herzen“

von am 31.08.2017 in Allgemein, Archiv, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4> „Wie eine Operation am offenen Herzen“
Dr. Jan Schulte-Kellinghaus, Programmdirektor des Rundfunk Berlin-Brandenburg

rbb richtet seine Angebote regionaler und multimedialer aus

31.08.17 Interview mit Dr. Jan Schulte-Kellinghaus, Programmdirektor des Rundfunk Berlin-Brandenburg

Seit einem Jahr ist die Journalistin Patricia Schlesinger Intendantin des rbb und seitdem werden im Berlin-Brandenburger Sender Programm und Strukturen umgebaut. „Mutiger, kantiger, auffälliger und relevanter“, so soll das weiter reformierte Programm des rbb nach eigenen Angaben aussehen. Dafür will auch der neue Programmdirektor Dr. Jan Schulte-Kellinghaus, der seit März für Fernsehen, Hörfunk und Internet verantwortlich ist, sorgen. Diese Programmreform sei ein großes Wagnis, betont der rbb-Programmdirektor im medienpolitik.net-Gespräch. Vom September an soll im Fernsehen an vier von fünf Werktagen zur Hauptsendezeit ein eigenproduziertes Programm aus Berlin und Brandenburg gesendet werden. Einer der Höhepunkte soll die „Abendshow“ werden, ein Gesellschaftsmagazin aus Berlin mit ironisch-satirischen Untertönen. In drei Bereiche will Schulte-Kellinghaus mehr investieren: In eine stärke rbb-Präsenz im Ersten, in mehr Fiktionales aus der Hauptstadt und in mehr regionale Information. Einen größeren Platz im rbb-Angebot sollen zudem multimediale Projekte einnehmen, berichtet Jan Schulte-Kellinghaus im medienpolitik.net-Gespräch.

medienpolitik.net: Herr Schulte-Kellinghaus, Sie sind seit März beim rbb als Programmdirektor für Fernsehen, Hörfunk und die Online-Angebote zuständig. Sie haben in den vergangenen Jahren vor allem für das Fernsehen gearbeitet. Ist es eine große Umstellung für Sie, jetzt multimedial zu denken, zu handeln und auch solche Strukturen zu entwickeln?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Das ist das Spannende und die große Herausforderung an diesem Job. Es ist ein gutes Gefühl ein festes Standbein im Fernsehen zu haben, um mit dem Spielbein, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen, neue Ideen für Radio und Online zu entwickeln und eine noch engere und intensivere multimediale Zusammenarbeit zu finden. Dabei produzieren wir Content für unterschiedliche Ausspielwege.

medienpolitik.net: Wie weit ist der rbb im Vergleich zu anderen Sendeanstalten bei der übergreifenden Produktion von Multimedia-Content?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Es ist ein großer Vorteil des rbb, dass er so früh mit der Strukturreform begonnen hat. Alle anderen ARD-Anstalten sind jetzt erst dabei ihre Strukturen umzubauen. Der rbb hat das bereits vor Jahren getan und ist tatsächlich organisatorisch multimedial aufgestellt. Diesen Vorsprung müssen wir nutzen. Man kann bereits im Programm gut erkennen, wie sich Radio, Fernsehen und Online im täglichen und im mittelfristigen Geschäft abstimmen.

medienpolitik.net: Können Sie Beispiele für multimediale Projekte beim rbb nennen?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Es gibt zum Beispiel den „Pendleratlas“, eine multimediale Recherche: die Fernsehmagazine und die Radioprogramme haben berichtet und die Daten und Geschichten sind längerfristig in unserem Onlineangebot nachzuschauen. Oder unsere Reihe „Berliner Bauzombies“, bei der sich Berlinerinnen und Berliner Online und per Telefon an den rbb wenden können. Dazu rufen wir im Radio auf und berichten. Die Geschichten erzählen unsere Radioberlin-Frühmoderatoren zusätzlich im Fernsehen – inklusive der Reaktion der zuständigen Behörden. Wir bilden auch multimediale Story-Teams, bei denen Reporterinnen und Reporter von Hörfunk, Fernsehen und Onlinegemeinsam längerfristig bestimmte Themen recherchieren und das Ergebnis dann über alle Medien ausspielen.

medienpolitik.net: Es soll ab nächstes Jahr einen neuen Telemedienauftrag geben. Wo sehen Sie vor allem auch die Chancen für das Online-Angebot des rbb?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Das ist eine Chance für den rbb und alle öffentlich-rechtlichen Anstalten. Damit ist die Abschaffung bzw. Lockerung der bestehenden Löschvorschriften verbunden. Und es geht natürlich auch um die Frage des Sendebezuges. Der rbb hat sechs Radioprogramme, ein komplettes Fernsehprogramm und wir produzieren für das Erste jeden Tag Nachrichten und Geschichten aus Berlin und Brandenburg. Da kommt natürlich alles irgendwie, irgendwo vor. Unser jetziges Verfahren, darunter zu schreiben, welcher Beitrag, den wir Online gestellt haben, in welcher Sendung vorkam, ist formalistisch und entspricht auch nicht den Realitäten der Mediennutzung.

medienpolitik.net: „Arte“ zeigt von bestimmten Serien, Dokumentationen o.ä. eine Folge oder einen Teil im Fernsehprogramm und dann kann man sich auf der Online-Plattform in der Mediathek mehr ansehen. Aufgrund der Sendebezogenheit war das in Deutschland bisher nicht möglich. Können Sie sich so etwas auch für ein Regionalangebot vorstellen?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Wir bieten bereits Hintergrundinformationen zu Beiträgen Online an und wir bringen Fernseh- und Radioinhalte online mit Webdokus in eine neue Darstellungsform. Aber dass wir Sendungen produzieren und einen Teil davon nur Online stellen, ist kein Modell für den rbb. Da ist das gemeinsame Produzieren für Radio, Fernsehen und Online das Wichtigste.

medienpolitik.net: Was leistet der rbb für „funk“? Und senden Sie diese Beiträge auch noch in Ihrem regulären Programm?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Das ist die Ausnahme. Wir produzieren für „funk“ nur originären Web-Content. Gleichwohl ist „funk“ bei Radio „Fritz“ angesiedelt und beide Redaktionen profitieren von der engen Zusammenarbeit. Wir haben einige sehr populäre Angebote, wie zum Beispiel „Auf einen Kaffee mit Moritz Neumeier“ einem YouTube-Star, der für uns tätig ist. Wir produzieren zur Bundestagswahl auch auf YouTube „Deutschland 3000“, das sind Videos zur Bundestagswahl, die aktuelle politische Themen aufgreifen und „Hochkant“ kommt vom rbb, das ist ein Experiment, Nachrichten auf Snapchat zu verbreiten. Dazu arbeiten wir an einem neuen Musikformat, das wir auch auf YouTube platzieren wollen.

medienpolitik.net: Der rbb hatte in diesem Jahr einen Fehlbetrag von 55 Mio. Euro. Diese werden durch die Rücklagen ausgeglichen. Dennoch plant der rbb für 2017 Mehrausgaben, um im Programm zu investieren. Wie passt das zusammen?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Die Rücklage ist Teil unserer Finanzierung bis zum Ende der Beitragsperiode. Deshalb verwenden wir das Geld auch, um damit Programm zu machen. Durch die Beitragsumstellung ist der rbb im Vergleich zu den anderen ARD-Anstalten begünstigt worden, da sich beim Meldeabgleich herausgestellt hat, dass mehr Berliner und Brandenburger Beitrag zahlen müssen als bisher. Dadurch hat der rbb etwas mehr Möglichkeiten im Programm.

medienpolitik.net: Wie nutzen Sie diese Möglichkeiten?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Es sind drei Säulen: Im Fernsehbereich wird der rbb im Ersten präsenter sein und zwar durch die Übernahme des künftig in Berlin produzierten Mittagsmagazins der ARD. Auch in der Fiktion wollen wir stärker werden. Berlin ist die spannendste Metropole Europas. Die bisher im deutschen Fernsehen erzählten Geschichten und Geschichte werden der Bedeutung dieser Region nicht gerecht. Der dritte Bereich ist ganz aktuell die Programmreform für das rbb-Fernsehen. Der rbb hat an Werktagen in seinem Programm nach 20.15 Uhr häufig Wiederholungen, zum Beispiel „Polizeiruf“ und „Tatort“, angeboten. Wir wollen künftig mehr Sendungen anbieten, die mit den Menschen in Berlin und Brandenburg zu tun haben. Das ist der Markenkern eines dritten Programms, den müssen wir sichtbarer machen. Bis zu den Spätnachrichten um 21.45 Uhr wollen wir eigens produziertes Programm senden: Formate, die sich informativ und unterhaltsam mit der Lebenssituation der Menschen hier auseinandersetzen.

medienpolitik.net: Wie hoch ist gegenwärtig der Anteil der Sendungen, die nicht vom rbb selbst produziert wurden?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Der Anteil des eigenproduzierten Programms in den Erstsendungen der dritten ARD-Programme variiert zwischen 20 und 30 Prozent. Und der rbb ist im Moment am unteren Ende, das waren 2016 unter 20 Prozent.

medienpolitik.net: Sie liegen nicht nur in Bezug auf die Eigenproduktionen am hinteren Ende, sondern auch in Bezug auf die Reichweite. Ist das Ziel der Programmreform den Zuschauermarktanteil zu erhöhen, oder haben Sie noch andere Ziele?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Das Ziel der Programmreform ist vor allem den Zuschauern aus Berlin und Brandenburg gutes Fernsehen anzubieten. Ich bin kein Quotenfetischist. Mir geht es darum, dass wir zeitgemäßes und modernes Fernsehen produzieren. Wenn unsere Angebote aber von den Zuschauern nicht angenommen werden, müssen wir gegensteuern. Wir wollen natürlich auch gesehen werden. Aber Marktanteile sind im Moment nicht das Wichtigste, sondern, dass wir alle unsere Kraft darauf verwenden, Sendungen, die seit vielen Jahren bestehen, attraktiver zu machen und die Sendungen, die wir neu entwickeln, so gut machen, wie wir uns das vorstellen.

medienpolitik.net: Darf eine Sendung, die Sie neu ins Programm nehmen auch scheitern?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Da wir in der Primetime werktags an fast jedem Tag das Programmschema ändern, ist diese Programmreform ein großes Wagnis. Montags haben wir das neue Verbrauchermagazin „Supermarkt“ und um 21 Uhr senden wir Doku-Serien. Am Dienstag kommt um 21 Uhr „Erlebnis Geschichte“, eine Weiterentwicklung der Sendung „Theodor“, die sich mit Geschichte in Berlin und Brandenburg befasst. Am Mittwoch 21 Uhr platzieren wir „Täter, Opfer, Polizei“ in einer neuen Länge, in einem neuen Studio und mit neuen Inhalten. Der Donnerstag ist dann das größte Experiment von allen, da kommt um 20.15 Uhr die „Abendshow“ ein modernes Berlin-Magazin, vielleicht ungefähr zu beschreiben als eine Mischung aus „stern-TV“ und „extra 3“. Diese Sendung nimmt eine andere Perspektive ein, als wir das in unserer Regelberichterstattung mit aktuellen Nachrichten tun. Wir wollen hier das Berlin-Flair, das kreative Berlin und die Weltstadt Berlin spiegeln. Danach wollen wir regionale Unterhaltung anbieten und wir planen auch ein regionales Quiz für den 21 Uhr-Platz. Sie sehen, es ist ein völlig neues Angebot in der Primetime im rbb-Fernsehen. Es ist im Fernsehen ja schon ein Wagnis, Sendungen nur zeitlich zu verschieben. Aber an jedem Tag Sendungen neu zu erfinden und das Schema gründlich zu ändern, ist die Operation am offenen Herzen. Wir machen das gern und gehen es entschlossen an, da alle im rbb das Gefühl haben, das sich etwas tun muss. Und wir haben uns einen langen Atem vorgenommen, damit die Dinge auch eine Chance bekommen. – Aber ich bin mir sicher, dass sich dieses Startangebot im Verlauf der nächsten Monate und Jahre noch verändern wird.

medienpolitik.net: Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird oft vorgeworfen angesichts der zur Verfügung stehenden Gelder nicht innovativ genug zu sein. Wo soll denn sonst die Möglichkeit bestehen Neues auszuprobieren, wenn nicht in den dritten Programmen? Müsste nicht insgesamt mehr Sendezeit verwandt werden, um neue Inhalte und Formate auszuprobieren?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Ganz so grundsätzlich kann ich Ihre Aussage nicht teilen. Ich möchte eine Lanze für die dritten Programme brechen. Der NDR, bei dem ich vorher gearbeitet habe, hat auf diese Weise den „Tatortreiniger“ oder auch „Inas Nacht“ erfunden, die jetzt etablierte Sendungen sind. Das waren am Anfang auch reine Experimente. Es wurden auch andere Sendungen gestartet, die aber keinen Erfolg hatten und von denen deshalb keiner mehr spricht. Die dritten Programme haben schon den Ehrgeiz, neue Sendungen auszuprobieren, aber in dem Umfang, wie es der rbb jetzt angeht, ist es eher ungewöhnlich.

medienpolitik.net: Schielen Sie mit der „Abendshow“ vielleicht in Richtung Erstes?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Nein, wir schielen mit der „Abendshow“ auf das Berliner und Brandenburger Publikum, die Berlin und die Themen in der Metropole interessant finden. Das ist unser Zielpublikum. Wir wollen sowohl die Stammzuschauer der „Abendschau“, die an regionaler Berlinberichterstattung interessiert sind, mit einer neuen Perspektive auf Berlin begeistern als auch die Menschen, die die Stadt spannend finden und das etwas andere Berlin sehen wollen als das, was wir ihnen in den Regelformaten anbieten.

medienpolitik.net: Sie müssen für Berlin und Brandenburg senden. Wie soll sich die Relation von Beiträgen aus Berlin und Brandenburg entwickeln? Wird Brandenburg zugunsten der Hauptstadt etwas weniger in Ihrem Programm vorkommen?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Nein, im Gegenteil. Die meisten Zuschauer haben wir in Brandenburg, hier sind die Reichweiten besser als in Berlin. Deshalb werden wir uns jetzt etwas mehr um die Berliner kümmern, damit sie den rbb für sich entdecken. Aber natürlich werden wir auch weiterhin „Brandenburg aktuell“ und die regionalen Themen im Programm haben. Denn was ist der „Speckgürtel“, was ist die Metropolenregion, was ist Brandenburg? – Die Region ist längst sehr eng verwoben: Es gehört schon ganz viel zusammen und es gibt dadurch thematische Überschneidungen. Wir zählen nicht nach, wie viele Minuten wir über Berlin und wie viele Minuten wir über Brandenburg berichtet haben, denn das wird der Sache nicht gerecht. Wir werden aber den rbb auch nicht so verändern, dass ihn die Brandenburger nicht wiedererkennen.

medienpolitik.net: Sie sagten vorhin, dass eine zweite Säule mehr Fiktionales aus Berlin sein soll, weil Berlin auch im Ersten zu wenig vertreten ist. Wird im nächsten Jahr die lang erwartete neue Berlin-Serie kommen?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Wir arbeiten daran, aber ich weiß noch nicht, ob die Berlin-Serie bereits im nächsten Jahr kommt. Mit Martina Zöllner haben wir eine neue Hauptabteilungsleiterin für Fiktion und Dokumentation, die vom SWR kommt und viel in der ARD unterwegs ist. Wir hoffen in der Hauptabendserie, also am Dienstag um 20.15 Uhr, eine Serie im Angebot zu haben, für die sich die ARD entschließen wird. Und wir entwickeln etwas für den Vorabend im Ersten, was dann hoffentlich auch für das rbb-Fernsehen genutzt werden kann und das Lebensgefühl unserer Region transportiert. Darüber hinaus überlegen wir, auch für das dritte Programm selbst eine Berlin-Brandenburg Serie zu schaffen, wobei die finanziellen Mittel hierbei Grenzen setzen. Daran arbeiten wir im Moment.

medienpolitik.net: Warum muss der „Tatort“, der aus Berlin kommt, die Hauptstadt so brutal und teilweise negativ wiederspiegeln?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Das gilt aber nicht für den letzten „Tatort“ mit dem Titel „Amour fou“, da ist doch Berlin nicht schlecht weggekommen. Im Krimi sterben nun mal Menschen und das muss ermittelt werden. Ich habe nicht den Eindruck, dass das schlecht auf die Stadt abfärbt und Berlin als Hort der Kriminalität und des Verbrechens präsentiert wird.

medienpolitik.net: Welche Rolle wird die Kulturberichterstattung künftig im rbb-Programm spielen?

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus: Wir haben im rbb eine organisatorische Veränderung vollzogen und werden im nächsten halben Jahr darauf achten, dass das Kulturradio und unser Kulturmagazin im Fernsehen enger zusammenwachsen. Wir wollen daraus eine Einheit schmieden, die stärker wird und sich noch mehr gegenseitig befruchtet. Wir berichten viel über kulturelle Ereignisse, ohne es im jedem Falle als Kulturberichterstattung zu benennen. „Radioeins“ ist in Wahrheit mit seinen Lesungen und Features ein Kultursender, auch Inforadio hat viel Kultur im Programm. Ich glaube, beim Thema Kultur ist der rbb sehr gut aufgestellt. Ich wünsche mir aber, dass die Aufmerksamkeit für unsere Kulturberichterstattung noch größer wird.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/17 erstveröffentlicht.

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