Hörfunk:

„DABplus hat einen Lauf“

von am 06.09.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Internet, Interviews, Medienregulierung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Regulierung, Rundfunk, Technik

<h4>Hörfunk:</h4> „DABplus hat einen Lauf“
Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast, und Dr. Ulrich Liebenow, Vorsitzender der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) von ARD und ZDF I © MDR, MarcoProsch

Bei DABplus muss der Markt entscheiden, welche Standards sich durchsetzen

06.09.17 Interview mit Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast, und Dr. Ulrich Liebenow, Vorsitzender der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) von ARD und ZDF

Die Zahl der DABplus-Angebote wächst ebenso kontinuierlich wie die Zahl der Nutzer. In einem medienpolitik.net-Gespräch sind sich Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast, und Dr. Ulrich Liebenow von ARD und ZDF einig, dass DAB+ auf einem guten Weg, aber kein Selbstläufer ist. Zum Beispiel sei nach wie vor die finanzielle Unterstützung der privaten Radios beim Umstieg nicht geklärt. „Alle Beteiligten sind sich darüber klar, dass ein erfolgreicher Umstieg nur im Einvernehmen möglich ist. Insofern ist der Aktionsplan des Digitalradio Boards ein notwendiger und wichtiger Schritt gewesen“, betont Dr. Ulrich Liebenow in einem medienpolitik.net-Gespräch. Rainer Poelmann ergänzt: „Ein gesetzlich verordneter Umstieg auf DABplus ist ohne infrastrukturelle Unterstützung seitens der Medienregulierung nicht sinnvoll, eventuell sogar schädlich. Denn willkürliche Festlegungen auf Zeiträume bzw. Nutzerschwellen sorgen am Ende dafür, dass uns im schlimmsten Fall Hörerinnen und Hörer nicht mehr empfangen können. Und das ist für die privaten Anbieter ein enormes wirtschaftliches Risiko.“

medienpolitik.net: Vor einem halben Jahr wurde durch das Digitalradio Board der Aktionsplan für DABplus verabschiedet. War das der notwendige Anstoß durch die Politik? Ist DABplus jetzt endgültig „eingetütet“?

Rainer Poelmann: Der Aktionsplan bildet einen gemeinsamen roten Faden und sendet ein wichtiges Signal an die Branche. Das heißt aber nicht, dass DABplus nun zum Selbstläufer wird. Die Herausforderungen, besonders mit Blick auf die notwendigen Investitionen auf Seiten der privaten Radioveranstalter, sind unverändert groß. Denn es reicht leider nicht, Zeitpläne und Absichtserklärungen abzugeben, ohne gleichzeitig zu klären, wie beispielsweise die Simulcastphase finanziell überbrückt werden soll. Hier erwarten wir immer noch konkrete Hilfestellungen seitens der Medienpolitik.

Dr. Ulrich Liebenow: Das Bekenntnis der Politik zur Digitalisierung des letzten analogen terrestrischen Rundfunkverbreitungsweges war schon in der Gründung des Boards zu erkennen. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) hat damit alle Marktbeteiligten an einem Tisch versammelt und die Weichen für einen gemeinsam getragenen Aktionsplan gestellt. Das war ein wichtiges Zeichen. In der Folge ist viel Bewegung in die Einführung des Radiostandards DAB+ gekommen. Momentan sieht es so aus, als hätte DAB+ einen Lauf, wie man so schön sagt.

medienpolitik.net: Aber ist dieser „Aktionsplan“ nicht viel zu unkonkret? Wäre nicht eine Umstiegs-Roadmap nötig gewesen, wo auch die Politik Festlegungen trifft?

Rainer Poelmann: DABplus ist ein weiterer Verbreitungsweg neben UKW und IP. Jedem Radiounternehmer muss es freigestellt sein, welche Technologien er für sich als unternehmerisch sinnvoll einsetzen kann und möchte. DABplus ist kein Allheilmittel, also auch nicht für jeden Veranstalter interessant. Dazu kommt, dass die Technologie im Markt zunächst nachhaltig angekommen sein muss, damit sich die Investitionen bspw. im Regionalen oder auch im Lokalen tatsächlich lohnen. Daher sind konkretere Festlegungen, wie Umschalt- oder Abschalttermine schlichtweg mit einem Großteil der privaten Veranstalter nicht machbar. Für uns alle ist maßgeblich, wie sich der Hörer entscheidet und an welchen Stellen Refinanzierung möglich ist. UKW ist beim Hörer akzeptiert, IP-Verbreitung bietet sofortige Refinanzierungsmöglichkeiten – DABplus hat da in beiden Dimensionen noch einiges an Wegstrecke vor sich. Mit der REGIOCAST nutzen wir die sich bietenden Chancen aller Verbreitungswege, legen uns aber eben nicht auf eine Technologie fest. Und bei DABplus liegt unser Fokus seit 2011 auf dem nationalen Multiplex. Denn hier können wir erstmals private, nationale Radioangebote verbreiten und sukzessive die Reichweiten-Gewinne auch für die Refinanzierung nutzen. Das ist im regionalen Simulcast-Betrieb zunächst nicht oder nur schwer möglich.

Dr. Ulrich Liebenow: Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir zunächst ein Szenario zur Einführung von DABplus brauchen. In dieser Einführungsphase befinden wir uns derzeit. Erst in einem zweiten Schritt muss dann eine Migrationsphase folgen, in der wir uns mit den Marktbeteiligten auf konkrete Szenarien und Bedingungen für einen Umstieg auf ausschließlich digitale Radioverbreitung verständigen. Ich hoffe, dass wir bis Ende nächsten Jahres dazu mit allen Beteiligten ins Gespräch kommen. Gegenwärtig sind wir auf einem guten Weg dahin.

medienpolitik.net: Nach wie vor fehlt ein Staatsvertrag für den DABplus-Umstieg. Ist die Politik also nur halbherzig dabei?

Dr. Ulrich Liebenow: Nein. Schauen Sie, bei solch grundsätzlichen Weichenstellungen treffen viele unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse der Beteiligten aufeinander. Wir haben es hier mit den Interessen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, des kommerziellen Rundfunks, der technischen Dienstleister, der Geräteindustrie, der Automobilindustrie, des Handels, der Länder- und Bundespolitik bis hin zu einem europäischen Ordnungsrahmen zu tun. Alle Beteiligten sind sich darüber klar, dass ein erfolgreicher Umstieg nur im Einvernehmen möglich ist. Insofern ist der Aktionsplan des Boards ein notwendiger und wichtiger Schritt gewesen. Er adressiert ja in erster Linie Aufgabenstellungen an die Politik zur Schaffung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Der Ball liegt nun beim Bund und den Ländern und wir erwarten natürlich, dass er dort auch aufgenommen wird. Parallel dazu haben aber auch die Marktbeteiligten ihre Hausaufgaben zu machen.

Rainer Poelmann: Ein gesetzlich verordneter Umstieg auf DABplus ist ohne infrastrukturelle Unterstützung seitens der Medienregulierung nicht sinnvoll, evtl. sogar schädlich. Denn willkürliche Festlegungen auf Zeiträume bzw. Nutzerschwellen sorgen am Ende dafür, dass uns im schlimmsten Fall Hörerinnen und Hörer nicht mehr empfangen können. Und das ist für die privaten Anbieter ein enormes wirtschaftliches Risiko. Schaut man sich die aktuellen Beispiele aus Norwegen oder Dänemark an, so sieht man, dass die Verunsicherung bei den Nutzern groß ist, der Ausbaustand zum Teil noch nicht den Anforderungen entspricht. Auch hier zeigt sich z.B. in Norwegen, dass die Menschen über UKW sehr gut versorgt waren und nun für eine mindestens adäquate DABplus-Versorgung kämpfen müssen, weil sie ihre Lieblingssender teilweise nicht mehr empfangen können. Die Frage, die uns also alle beschäftigen muss, ist doch: Was will der Hörer? Und nicht: Was will die Politik? Am Ende muss der Markt entscheiden, welcher oder welche Standards sich durchsetzen.

medienpolitik.net: Am 1. Oktober ist in Dänemark die Umschaltung von DAB auf DAB+ vorgesehen. Das Nachbarland könnte nach Norwegen und der Schweiz als dritter Staat den Ausstieg aus dem analogen UKW-Radio in Angriff nehmen. Benötigen wir – trotz ihrer sachlichen Argumente nicht auch in Deutschland einen festen Umstiegstermin?

Dr. Ulrich Liebenow: Zuvor müssen wir dafür sorgen, dass DAB+ so marktrelevant ist, dass die Radionutzer den Umstieg als logische Entwicklung akzeptieren können. Aber Sie haben Recht, dass allein die Kräfte des Marktes nicht ausreichen, um einen ressourcenbindenden Parallelbetrieb (Simulcast) von UKW und DAB+ möglichst kurz zu halten. Dazu brauchen wir noch einige Rahmenbedingungen, die nur die Politik schaffen kann.

Rainer Poelmann: Ich finde den Vergleich mit diesen Ländern immer sehr schwierig. Zum einen reden wir über fünf (Norwegen/Dänemark) bzw. acht Millionen (Schweiz) Einwohner im Vergleich zu 80 Millionen in Deutschland. Es ist in kleineren Ländern deutlich leichter, die Marktdurchdringung mit bspw. DAB-Geräten aktiv voranzutreiben. Zum anderen wird der Umstieg in der Schweiz zu großen Teilen auch für die privaten Anbieter aus der öffentlichen Hand mitfinanziert. Da fällt es natürlich leichter, so einen Umstieg mitzutragen. Zum dritten, und hier komme ich wieder zum Anfang zurück: Warum muss das Radio mit Macht die UKW-Frequenzen freiräumen, wenn die Hörerinnen und Hörer diesen Verbreitungsweg weiterhin überwältigend akzeptieren? UKW kann besonders im Lokalen auch zukünftig eine tragende Rolle bei der Radioverbreitung spielen. Wenn die UKW-Frequenzbänder aber mit Blick auf weitere digitale Dividenden den Radioveranstaltern entzogen werden sollen, müssen Teile der Erlöse in die Finanzierung des DABplus-Ausbaus gesteckt werden.

medienpolitik.net: Was hat sich seit dem Februar konkret getan?

Dr. Ulrich Liebenow: Die ARD hat, wie angekündigt, eine große Marketingkampagne für die gesamte Branche entwickelt und hat mit mehreren Aktionstagen und –wochen auf allen Plattformen, die uns zur Verfügung stehen, den Radio-Standard DAB+ und seine Vorzüge bekannt gemacht. Das ist uns gut gelungen. Industrie und Handel haben den neuen Markenauftritt übernommen – das werden wir bei der IFA in den nächsten Tagen deutlich sehen, Viele Privatradios haben sich ebenfalls dafür ins Zeug gelegt. Das positive Echo der Branche hat unsere Erwartungen übertroffen. Wir werden mit den Marketing-Anstrengungen nicht nachlassen. Nun sind wir gespannt, wie die Verbraucher reagieren.

Rainer Poelmann: Die Absprachen zwischen den verschiedenen Akteuren laufen gut und es gibt viele gemeinsame Bemühungen, die Marktdurchdringung voranzubringen. Sei es im Digitalradioverein oder sei es auf regionaler Ebene im Dialog zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern. Gemeinsam mit dem MDR und unserem Sender R.SA liefern wir da ja ein gutes Beispiel in Sachsen. Nicht zuletzt zeigt der Bieterwettstreit bei der Vergabe des Plattformbetriebs für den zweiten Bundesmux, dass DABplus inzwischen – vor allem im Nationalen – echte Zugkraft entwickelt. Natürlich hoffen wir, dass die Hängepartie schnellstmöglich beendet wird, damit der Digitalradiomarkt durch das neue Programmangebot weitere Dynamik entwickeln kann.
Als echte Volte muss man in diesem Atemzug aber sicherlich die Ankündigung der Media Broadcast sehen, die quasi zeitgleich mit der Verabschiedung der Roadmap, den Verkauf des UKW-Sendernetzes angekündigt hatte. Als private Anbieter müssen wir nun zusätzlich zu möglichen Investitionen in DABplus auch noch alte Technologie abkaufen, die vor der Privatisierung von Post und Telekom ja einmal der Steuerzahler mitfinanziert hat und die größtenteils längst abgeschrieben sein sollte. Und wir haben keine Wahl, da dieser Verbreitungsweg eben auf lange Sicht die Grundlage unseres wirtschaftlichen Handelns bleiben wird. Hier kann man deutlich sehen, was passieren kann, wenn kritische Infrastruktur an private Investoren veräußert wird.

medienpolitik.net: Was erwarten Sie von der Politik als nächstes?

Dr. Ulrich Liebenow: Ein sehr wichtiger Schritt ist die Multinorm-Pflicht. Das heißt, dass künftig alle Radiogeräte so ausgestattet sein müssen, dass sie digitale Signale verarbeiten können. Bei der Einführung des digitalen Antennenfernsehens DVB-T haben wir seinerzeit sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass von einem bestimmten Zeitpunkt an alle neuen Fernsehgeräte eine digitale Schnittstelle oder einen eingebauten Receiver vorhalten mussten. Der nächste entscheidende Schritt könnte die Standardausrüstung von Neuwagen mit digitalen Autoradios sein. Derzeit wird DAB+ vielfach nur als Zusatzausstattung gegen Aufpreis angeboten. Da sind uns andere Länder voraus.

Rainer Poelmann: Wie schon gesagt, halten wir es für unerlässlich, dass auch die privaten Anbieter beim Umstieg auf DABplus finanziell unterstützt werden müssen. Vertreter der Politik, der ehemalige Intendant vom Deutschlandradio, Willi Steul, aber auch die amtierende ARD-Vorsitzende, Frau Prof. Karola Wille, haben in der Vergangenheit ebenfalls ganz klar darauf hingewiesen, dass diese Unterstützung unerlässlich ist, soll DABplus tatsächlich langfristig ein Erfolg werden. Ernsthafte Bemühungen, hier tatsächlich etwas zu unternehmen, können wir aktuell aber leider nur vereinzelt auf Länderebene erkennen, siehe Bayern oder Baden-Württemberg. Ebenso gilt es, die geplante Novelle des TKG schnellstmöglich umzusetzen, um die Geräteverbreitung weiter anzukurbeln.

medienpolitik.net: In verschiedenen Bundesländern fanden in den vergangenen Monaten Ausschreibungen für DABplus-Frequenzen statt. Wie ist das Interesse?

Dr. Ulrich Liebenow: Nach allem, was wir hören, ist das Interesse groß. Das ist auch kein Wunder, denn die UKW-Welt hat keinen Platz mehr für Innovationen. DAB+ bietet neuen Angeboten für spezielle Zielgruppen noch viel Raum. Aber dazu kann mein Kollege sicher mehr sagen.

Rainer Poelmann: Wir schauen uns jede Ausschreibung sehr genau an und entscheiden dann im Einzelfall. Wir entwickeln aktuell eine Vielzahl neuer digitaler Angebote, die sich ggf. sehr gut eignen, neben IP auch terrestrisch verbreitet zu werden. So haben wir uns erst im Frühjahr mit zwei neuen Produkten in Sachsen beworben. Ab Herbst werden wir nun lokal in Leipzig und Freiberg mit 90s90s und 1/Deutsch vertreten sein. In Hamburg sind wir schon länger mit 80s80s und R.SH auf dem Multiplex. Am Ende entscheiden wir natürlich auf Grundlage unternehmerischer Parameter, also ganz klar auf Grundlage wirtschaftlicher Überlegungen.

medienpolitik.net: Wie hat sich das DABplus-Angebot in den letzten Monaten entwickelt?

Rainer Poelmann: Im Umfang hat sich das DABplus-Angebot in den zurückliegenden Monaten nur leicht verändert. Mit den laufenden Ausschreibungen bzw. den bereits erfolgten Zuteilungen kommt aber in den kommenden Monaten einiges in Bewegung, so zum Beispiel in Berlin oder Unterfranken oder auch in Bremen, wo es Bewerber für einen Plattformbetrieb gibt. Natürlich liegen große Hoffnungen auch auf dem 2. Bundesmux, da diese Programme ja sofort bundesweit zu empfangen wären. Es geht also voran.

Dr. Ulrich Liebenow: In der ARD hat sich inhaltlich im zurückliegenden Jahr einiges getan. Es sind neue Wellen exklusiv auf DAB+ hinzugekommen. Wer zum Beispiel Schlager liebt – und der Schlager erlebt ja gerade, wenn auch in einer sehr spitzen Zielgruppe, eine Renaissance – findet auf DAB+ heute von Nord bis Süd Angebote, die es in UKW nicht gibt. Wir können alle öffentlich-rechtlichen Radioangebote auf DAB+ verteilen. Auf privater Seite ist in jüngster Zeit eine Fülle von weiteren, teils neuen Angeboten hinzugekommen. Schon heute bilden wir in DAB+ die ganze musikalische Bandbreite von Popmusik bis zu exklusiver Klassik ab, ergänzt um alle Genres der Informations- und Nachrichtenwellen.

medienpolitik.net: Private Sender und Landesmedienanstalten haben verschiedentlich eine Förderung des Umstiegs für private Sender gefordert. Bisher ergebnislos. Die Angebotsvielfalt entwickelt sich anscheinend auch ohne Förderung. Als könnte man auch darauf verzichten?

Rainer Poelmann: Wie schon gesagt, sehen wir eine finanzielle Förderung als unerlässlich an. Daran ändern auch die genannten Beispiele nichts. Denn in Berlin ist der Markt ein komplett anderer als bspw. in Mecklenburg oder Sachsen-Anhalt, wo es aktuell seitens der Privaten aus rein wirtschaftlichen Erwägungen kaum tragbare Szenarien für regionale Multiplexe gibt. Hier greifen auch die Unterschiede zwischen bspw. Stadtstaaten und Flächenländern, wo der Auf- und Ausbau deutlich teurer ist und zusätzlich das Problem regionalisierbarer Werbung berücksichtigt werden muss. Im Übrigen gibt es in Bayern und Baden-Württemberg Förderung durch die jeweiligen Landesmedienanstalten. Auch die beiden Lokalmultiplexe in Sachsen werden durch die Landesmedienanstalt getragen. Insofern sind dies beste Beispiele dafür, dass Förderung einen entsprechend positiven Effekt erzeugt.

Dr. Ulrich Liebenow: Ich habe Verständnis für die Sorge der kommerziellen Sender. Insbesondere kleinere Unternehmen, die ja unseren großen, vielfältigen Radiomarkt bereichern, können sich keine längerfristigen Doppelausstrahlungen über UKW und über DAB+ leisten. Die ARD hat deshalb von Anfang an Überlegungen unterstützt, diesen Radios den Weg zu DAB+ zu erleichtern, indem sie Förderungen etwa aus der digitale Dividende erhalten.

medienpolitik.net: Ein Teil der privaten Sender ist gegen DABplus und setzt stattdessen auf Online. Könnte die Blockade durch den VPRT die Durchsetzung von DABplus entscheidend verzögern?

Dr. Ulrich Liebenow: Aus ARD-Sicht ist das kein Gegensatz. Wir verfolgen eine Hybridstrategie, bei der DAB+ neben Internetradio steht. Insbesondere bei mobilem Empfang bietet DAB+ viele Vorzüge gegenüber der Onlineverbreitung, das reicht von den Verbreitungskosten bis zur exzellenten Flächendeckung und der Stabilität des Signals. Aber natürlich nutzen wir auch die Möglichkeiten der Onlineverbreitung, sei es beim stationären Empfang, über WLAN-Netze als auch auf Smartphones und Tablets.
Eine Blockade aus Seiten des kommerziellen Hörfunks sehe ich im Übrigen nicht. Es gibt dort teilweise einen Dissens, insbesondere zur Frage, was mit den frei werdenden UKW-Frequenzen passieren soll. Ein anderer Teil ist mit uns überzeugt, dass uns an einer schnellstmöglichen Einführung von DAB+ als alleinigem Standard gelegen sein muss und frei werdende UKW-Frequenzen deshalb nicht mehr neu bzw. nur noch zur Deckung bereits bestehender Bedarfe vergeben werden sollten.
Rainer Poelmann: Es ist ja keine Blockade des Standards, sondern lediglich die Roadmap wurde nicht mit unterschrieben, weil einige Veranstalter mit einigen Zielsetzungen nicht einverstanden waren. Aber auch innerhalb des VPRT gibt es widerstreitende Interessen, also Veranstalter die wollen und eben diese, die nicht wollen. Am Ende muss und wird jeder selbst entscheiden, ob er auf DABplus setzt oder nicht. Insofern glaube ich nicht, dass durch die Entscheidung, die Roadmap nicht mitzutragen, DABplus verzögert wird.

medienpolitik.net: Bei der Novellierung der TKG soll festgelegt werden, dass Tuner in höherwertigen Radiogeräten mit der entsprechenden Technik ausgestattet sein sollen, die den digitalen Empfang ermöglichen. Was bringt das?

Rainer Poelmann: Erst einmal muss die Novelle wirklich kommen. Das ist aktuell noch nicht als sicher ausgemacht. Wenn der Multinormchip kommt, haben wir natürlich die Hoffnung, dass die DABplus-Gerätedurchdringung schneller voranschreitet. Allerdings spricht die entsprechende Text-Passage in der Novelle von einer verpflichtenden digitalen Norm. Damit könnte also auch IP gemeint sein, was dem eigentlichen Ziel, die DABplus-Verbreitung zu fördern, dann zuwiderlaufen würde. Aber wir hoffen natürlich das Beste.

Dr. Ulrich Liebenow: Der Entwurf sieht vor, dass die Geräte mit mindestens einer den anerkannten Regeln der Technik entsprechenden Schnittstelle ausgestattet sein müssen, die es dem Nutzer ermöglicht, digital codierte Inhalte zu empfangen und wiederzugeben. Dies kann ein Tuner sein oder eine Software, und außerdem gehört ja auch ein passendes Empfangsteil dazu. Wir begrüßen das sehr. Die Regelung verhindert, dass künftig weiter rein analoge Geräte in den Markt kommen und sie schützt die Verbraucher, die in den nächsten Jahren ein Radiogerät kaufen, davor, bei einem Umstieg schon wieder ein neues kaufen zu müssen.

medienpolitik.net: Im Aktionsplan hat sich auch die Industrie verpflichtet, mehr für die Verbreitung von DABplus –geräten zu leisten. Passiert hier schon genug?

Dr. Ulrich Liebenow: Wir sind mit der Industrie im ständigen und guten Gespräch. Es gibt heute eine nie gekannte Vielfalt an Radioempfängern, die wirklich jeden Wunsch erfüllen können. Der Markt entwickelt sich und die Industrie folgt ihm. Das werden wir auch bei der IFA wieder sehen.

medienpolitik.net: Seit Januar 2016 wird R.SA auf dem MDR-Multiplex verbreitet. Warum und was hat das R.SA gebracht?

Rainer Poelmann: R.SA war der letzte Sender, der in Sachsen auf UKW lizenziert wurde. Damit ist R.SA als landesweites Programm mit der schlechtesten UKW-Frequenzkette ausgestattet, verfügt über mehr als 40 Einzelfrequenzen mit teilweise sehr niedrigen Sendeleistungen. Daher ist der Sender in Teilen von Sachsen auf UKW bis heute schlecht oder gar nicht zu empfangen. Aufgrund der in diesem Bereich intensiven und sehr guten Kooperation mit dem MDR haben wir die Möglichkeit, diese Versorgungslücken mittels DABplus zu schließen. Der MDR stellt uns ungenutzte Capacity Units auf seinem sächsischen Multiplex zur Verfügung und die SLM begleitet das Pilotprojekt, prüft dabei, ob dieses Ziel auch tatsächlich erreicht wird. Eine erste Auswertung am Ende letzten Jahres zeigte, dass schon nach sechs Monaten 15 Prozent der Hörer R.SA über DABplus hörten. Wir sind natürlich gespannt wie es Ende dieses Jahres aussieht, sind uns aber bereits jetzt sicher, dass wir dort noch einmal einen deutlichen Sprung sehen werden.
Gleichzeitig hilft uns die Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis zu entwickeln und mit Blick auf die Interessen bei DABplus, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Der Austausch zwischen unserem Haus und den Verantwortlichen beim MDR läuft hervorragend. Hier gehen unsere beiden Häuser gerne mit gutem Beispiel voran.

Dr. Ulrich Liebenow: Es bringt uns beiden und nicht zuletzt den Radiohörerinnen und Hörern sehr viel. R.SA bereichert das in DAB+ verfügbare Bouquet. Gemeinsam haben wir ein weiteres Argument für DAB+ und sind beim Verbraucher noch überzeugender. Und nicht zuletzt beweisen wir, dass solche Kooperationen funktionieren, wenn sie sinnvoll sind und beiden Parteien nützen.

medienpolitik.net: Dieses Pilotprojekt ist bis Februar 2018 verlängert worden. Und dann?

Rainer Poelmann: Das können wir Stand heute noch nicht sagen. Natürlich möchten wir ungern die DABplus-Verbreitung von R.SA zunächst wieder einstellen, bis wir in Sachsen einen regionalen Multiplex für die Privaten etabliert haben. Wir sind uns mit dem MDR darüber einig, dass das mit Blick auf die Akzeptanz von DABplus kontraproduktiv wäre. Hier werden wir mit allen Beteiligten schnellstmöglich ins Gespräch kommen, allen voran mit den Vertretern der SLM, um zu prüfen, welche Möglichkeiten es gibt, dieses Pilotprojekt fortzusetzen.

Dr. Ulrich Liebenow: Wir schauen Schritt für Schritt, wie sich der Markt für DAB+ mit unserem gemeinsamen Engagement entwickelt. Wenn sich der Markt neu sortiert und neue Konstellationen in den verschiedenen Multiplexen sinnvoller sein können, werden wir gemeinsam darauf reagieren.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/17 erstveröffentlicht.

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