Medientechnik:

„Beim Entertainment ist der Fernseher die erste Wahl“

von am 06.09.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienwirtschaft, Technik

<h4>Medientechnik:</h4> „Beim Entertainment ist der Fernseher die erste Wahl“
Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender der gfu Consumer & Home Electronics GmbH I © gfu

TV-Nutzung bleibt attraktiv – jüngere Zuschauer sind bereit, für Programme zu bezahlen

06.09.17 Interview mit Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender der gfu Consumer & Home Electronics GmbH

Die deutschen Haushalte sind gut mit Kommunikations- und Unterhaltungstechnik ausgestattet und sie wird intensiv genutzt, allerdings unterschiedlich stark in den Altersgruppen. Das ergab eine Studie im Auftrag der gfu Consumer & Home Electronics GmbH, die auch die IFA veranstaltet. Der PC steht hier mit 90 Prozent erstmals an der Spitze, dicht gefolgt vom Fernseher mit 89 Prozent. In der Altersgruppe 60+ liegen beide Produkte sogar bei 95 Prozent. Auf Rang drei platziert ist das Smartphone mit 83 Prozent. Mit 91 Prozent liegt die Nutzung hier in der Altersgruppe der 16 bis 39-Jährigen deutlich über dem Gesamtwert. Internet-Router werden von 77 Prozent und Tablet-PCs von 50 Prozent der Befragten genutzt. Bei Audio-Streaming liegt die Nutzung im Durchschnitt bei zwölf Prozent, während aber 22 Prozent der 16 bis 39-Jährigen streamen und nur vier Prozent bei der Generation 60+. Über alle Altersgruppen hinweg besitzen acht Prozent der in der gfu Studie Befragten eine Smart Home-Ausstattung. Dabei haben 14 Prozent der 16 bis 39-Jährigen und nur drei Prozent der über 60-Jährigen ein Zuhause mit smarter Technik.

medienpolitik.net: Herr Kamp, Ihre aktuelle Studie hat ergeben, dass in den Haushalten mehr PC als TV-Geräte genutzt werden. Beginnt damit wieder der schon fast vergessene Konkurrenzkampf zwischen PC und TV-Gerät als wichtigstes Entertainment-Gerät?

Hans-Joachim Kamp: Nein, beim Entertainment ist nach wie vor der Fernseher die erste Wahl. Unsere Studie hat gezeigt, dass gerade in der jüngeren Generation trotz Smartphone- und Tablet-Nutzung das TV-Gerät auch stark genutzt wird. Mit 84 Prozent sind es lediglich fünf Prozent weniger als der Durchschnitt, der bei 89 Prozent liegt.

medienpolitik.net: Wird die Bedeutung der TV-Geräte in den nächsten Jahren abnehmen?

Hans-Joachim Kamp: Davon gehe ich nicht aus. Wie bereits erwähnt, nutzen auch jüngere Leute den Fernseher für die Unterhaltung. Das liegt ja auch auf der Hand. Filme, Sport oder Serien sind auf einem großen Bildschirm eindrucksvoller und angenehmer zu genießen als auf einem mobilen Gerät. Die Studie hat zudem ergeben, dass 59 Prozent der 16 bis 39 Jährigen aufgrund der Funktionalitäten der Smart TVs mehr Zeit vor dem TV verbringen, da sie mit den vernetzten Geräten häufiger passende Sendungen finden.

medienpolitik.net: Verdrängen Streaming und Abo-Dienste das traditionelle TV?

Hans-Joachim Kamp: Der Anteil des linearen TV-Programms an der Nutzung nimmt zu Gunsten der Streaming-Angebote ab. Das wird aber das klassische Programm nicht komplett verdrängen. Es gibt nach wie vor viele Inhalte, die aktuell und linear konsumiert werden. Denken Sie nur an Sport, aktuelle Ereignisse oder Nachrichten. Die Streaming-Angebote sind eine Erweiterung des Angebots und sie werden auch gern genutzt. Zum Beispiel werden die Mediatheken von 60 Prozent, Video on Demand von 56 Prozent und Videoclips von 54 Prozent der Befragten genutzt.

medienpolitik.net: Das TV-Gerät ist heute multifunktional nutzbar, ist 3D-fähig und lässt sich an das Internet anschließen. Was muss die nächste TV-Generation bieten?

Hans-Joachim Kamp: Aktuell liegt ein Schwerpunkt der Entwicklungen auf der Bildqualität. So zeigen die neuen Modelle des Jahrgangs 2017 deutlich sichtbare Fortschritte in allen Schlüsseldisziplinen. Dazu zählen Kriterien wie Helligkeit, Kontrast, Farbumfang und die Größe des Betrachtungswinkels. Noch klarer gestaltete Bedienoberflächen, Empfangsausstattung für das neue hochauflösende Antennenfernsehen, höhere Leistungen der eingebauten Prozessoren, ein erweitertes Angebot an Online-Inhalten und immer öfter auch die Unterstützung von smarten Funktionen, beispielsweise für die Hausautomatisierung.

medienpolitik.net: Die Kunden würden für einen neuen Fernseher mehr ausgeben, als sie es in Wirklichkeit tun. Woran liegt das?

Hans-Joachim Kamp: Industrie und Handel gelingt es offenbar nicht, die Ausgabebereitschaft in vollem Umfang abzurufen. An der Leistungsfähigkeit und der Ausstattung der Geräte ist dies nicht festzumachen, denn mit Ultra HD und großen Bilddiagonalen gibt es ausreichend Argumente für die Kaufberatung.

medienpolitik.net: 91 Prozent der 16-39-Jährigen nutzen ein Smartphone. Wofür vor allem?

Hans-Joachim Kamp: An der Spitze der fünf meistgenannten Anwendungen liegt die Nutzung sozialer Medien mit 66 Prozent, Nachrichten und Artikel lesen 52 Prozent, Informationen zu Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln holen sich 49 Prozent, Waren und Dienstleistungen bezahlen ebenfalls 49 Prozent und Preisvergleiche mit dem Smartphone führen 38 Prozent der Studienteilnehmer durch.

medienpolitik.net: Ist das Smartphone heute das wichtigsten Medien- und Kommunikationsgerät?

Hans-Joachim Kamp: Hier ist Antwort kurz und eindeutig: ja.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt das Smartphone beim vernetzten Haus, bzw. der vernetzten Wohnung?

Hans-Joachim Kamp: Das Smartphone nimmt auch hier eine bedeutende Rolle als Steuergerät ein. Der hohe Besitz und die ständige Nutzung bieten sich dafür ja auch explizit an. Egal, ob Musik, Licht, Heizung oder Hausgeräte gesteuert werden sollen, das Smartphone mit der entsprechenden App macht es möglich. Gleiches gilt auch für Sicherheits- und Überwachungsanwendungen.

medienpolitik.net: Das vernetzte Wohnen wird schon seit längerem propagiert. Wie nehmen Kunden dieses Thema an?

Hans-Joachim Kamp: Das Interesse an Smart Home liegt bei den Befragten im Rahmen unserer Studie zwischen 40 und 60 Prozent je nach der abgefragten Anwendung. Mehr gefragt sind dabei Sicherheits-Funktionen und weniger gefragt ist der Blick in den Kühlschrank. Angeführt wird die Liste der verkauften smarten Geräte von den Consumer Electronics-Produkten. In diesem Segment ist die Vernetzung schon am weitesten fortgeschritten. So wird beispielsweise der überwiegende Umsatz mit Fernsehgeräten, Bluray-Playern, Set-Top-Boxen, smarten Home Audio-Systemen und Spielekonsolen mit Geräten erzielt, die mit smarten Funktionen und einem Internet-Anschluss ausgestattet sind. Bei TV-Geräten beträgt der Umsatzanteil der Smart TVs bereits über 60 Prozent. Nicht eingerechnet sind in dieser Betrachtung die Smartphones, die per se eine Internetverbindung aufweisen. Zweitgrößter Bereich beim Umsatz mit vernetzbaren Geräten sind die Home Automation- und Security-Produkte. An dritter Stelle folgen Geräte zur Steuerung und zur Kommunikation (Gateways, Repeater, intelligente Steckdosen usw.), gefolgt von den Elektro-Groß- und Kleingeräten.

medienpolitik.net: Der Anteil der Smart-TV-Nutzung nimmt zu. Dennoch verfügen weit mehr TV-Geräte über diese Funktion als sie genutzt wird. Wie kann man diese Nutzung „aktivieren“ und mehr TV-Geräte auch ans Internet bringen?

Hans-Joachim Kamp: Der Anteil der ans Internet angeschlossenen Smart TVs ist im Vergleich zum Vorjahr wieder gestiegen. Die Akzeptanz von Smart TV wird weiter steigen, je attraktiver und leistungsfähiger die Geräte werden. Die steigende Anzahl an Apps und Nutzungsvarianten wird zudem dafür sorgen, dass der Anteil der angeschlossenen Geräte weiter steigt.

medienpolitik.net: Das Interesse an Virtual Reality ist – gemessen an dem Medienwirbel des letzten Jahres – relativ gering. Wundert Sie das?

Hans-Joachim Kamp: Nein, denn das Thema ist noch nicht für die breite Masse interessant und erklärungsbedürftig. Dennoch gibt es eine Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten. Diese werden in den nächsten Jahren deutlich erweitert werden.

medienpolitik.net: Für welche Bereiche wird die Geräteindustrie vor allem Anwendungen für Virtual Reality entwickeln?

Hans-Joachim Kamp: Hier wird sich die Industrie sicher an den Bedürfnissen der Verbraucher orientieren. Unsere Studie hat hier ergeben, dass VR mit 55 Prozent überwiegend für den Gaming-Bereich als interessant gesehen wird, 51 Prozent sehen Anwendungen in der Raumplanung, 44 Prozent bei TV-Dokumentationen, 36 Prozent im Medizinbereich, 32 Prozent für Freizeitparks und 27 Prozent in der Stadtplanung. Sicher kommen professionelle Anwendungen dazu, die aber nicht Inhalt der Befragung waren.

medienpolitik.net: Das Smartphone hat sich als „Allzweck-Medien-Gerät“ durchgesetzt, das TV-Gerät hat seinen Platz behauptet, Tablets und Laptops sind die mobile Ergänzung. Machen Sie sich nicht langsam Sorgen um Geräte-Neuentwicklungen für die nächste IFA?

Hans-Joachim Kamp: Überhaupt nicht. Unsere Branche beweist seit Jahren ihre ungebremste Innovationskraft – und das mit einer stetig steigenden Innovationsgeschwindigkeit. Das wird auch zukünftig so bleiben und es wird neue Entwicklungen geben, die die Konsumenten begeistern.

medienpolitik.net: Was wird bei der Consumer Electronic der Trend für den Rest dieses Jahrzehnts sein?

Hans-Joachim Kamp: Auch, wenn der Begriff oft genannt wird, die Vernetzung wird weiter fortschreiten und unser Leben erleichtern. Bei den TV-Geräten wird die Bildqualität weiter verbessert, dazu kommen attraktive Design- und Wohnlösungen: z. B. ultraflache Bildschirme, die sich fast wie eine Tapete an die Wand hängen lassen. Spracherkennung und künstliche Intelligenz sowie künstliche Intelligenz mit Systemen die z. B. Nutzergewohnheiten lernen und von sich aus Lösungen und Services anbieten, kommen verstärkt in den Markt. Und die Service-Roboter kommen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/17 erstveröffentlicht.

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