Rundfunk:

„Jetzt ist die Zeit dafür reif“

von am 20.09.2017 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Filmwirtschaft, Interviews, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Jetzt ist die Zeit dafür reif“
Marcus Ammon, Senior Vice President Film bei Sky Deutschland

Sky Deutschland will auch Familienserien für Sky 1 in Auftrag geben

20.9.17 Interview mit Marcus Ammon, Senior Vice President Film bei Sky Deutschland

Sky Deutschland macht aus den Ankündigungen ernst: Am 13. Oktober wird auf dem Pay-TV-Sender „Babylon Berlin“ starten, die teuerste Serie, die je in Deutschland realisiert worden ist, und bei weiteren Eigenproduktionen laufen die Dreharbeiten an. So war im Juli Drehstart für „Acht Tage“ in Berlin und Umgebung. Die Ausstrahlung auf Sky ist für Herbst 2018 geplant. Die achtteilige Event-Serie das „Das Boot“ wird ab August produziert. Insgesamt sind 104 Drehtage in La Rochelle, Prag, Malta und München geplant. Die internationale Erstausstrahlung erfolgt im Herbst 2018 in den Ländern Deutschland, Österreich, Italien, Großbritannien und Irland auf Sky. Die Produktion ist mit 25 Millionen Euro budgetiert.
Die Effekte, die sich Sky durch mehr Eigenproduktionen verspricht, erläutert der „Filmchef“ von Sky Deutschland Marcus Ammon in einem medienpolitik.net-Gespräch: „Natürlich wünschen wir uns in erster Linie eine größtmögliche Aufmerksamkeit auf den Start der Serie, sowohl von bestehenden Abonnenten als auch von interessierten Noch-Nicht-Abonnenten. Wenn Deutschland über die Serie spricht und das große Interesse zu zufriedenen Kunden und neuen Abonnements führt, dann haben wir unseren Job gut gemacht.“

medienpolitik.net: Herr Ammon, am 13. Oktober soll „Babylon Berlin“ auf Sky starten. Sie sind ein erfahrener „Fernsehmann“, der schon viele TV- und Kinoprojekte betreut hat. „Babylon Berlin“ ist die teuerste Serie, die bisher in Deutschland produziert worden ist. Sehen auch Sie der Premiere mit Spannung entgegen?

Marcus Ammon: „Babylon Berlin“ ist in nahezu jeder Hinsicht ein ungewöhnliches Projekt, schon alleine die Zusammenstellung der Partner (X Filme, ARD Degeto, BetaFilm und Sky) und der Autoren und Showrunner stellt eine Innovation im deutschen Fernsehen dar. Tom Tykwer hat sich – zusammen mit seinen kongenialen Co-Autoren und -Regisseuren Achim von Borries und Henk Handloegten – fast drei Jahre lang um nahezu nichts anderes gekümmert. Auch was Ausstattung, Produktionspläne, Kostüm und Maske, Setdesign usw. anbelangt, ist „Babylon Berlin“ einzigartig. Das für deutsche Verhältnisse sehr hohe Budget wird auf der Leinwand bzw. dem Fernseher sichtbar. Ich bin mir sicher, „Babylon Berlin“ wird beim Publikum sehr gut ankommen. Deswegen freue ich mich sehr auf den Launch am 13.10. auf Sky. Ein Jahr später läuft es dann in der ARD.

medienpolitik.net: Woran messen Sie den Erfolg?

Marcus Ammon: Natürlich wünschen wir uns in erster Linie eine größtmögliche Aufmerksamkeit auf den Start der Serie, sowohl von bestehenden Abonnenten als auch von interessierten Noch-Nicht-Abonnenten. Wenn Deutschland über die Serie spricht und das große Interesse zu zufriedenen Kunden und neuen Abonnements führt, dann haben wir unseren Job gut gemacht. Aber es sind noch viel mehr Komponenten, die den Erfolg eines Programms ausmachen, wie z.B. der Mediawert, der durch breit angelegte Kommunikation, auch in sozialen Medien, erzeugt wird. Und natürlich wünschen wir uns, dass unsere Angebote auch genutzt werden, was durch klassische Erfassung von Reichweite und Verweildauer messbar ist. Den Erfolg bestimmt also in unserer Definition ein breit aufgefächerter Mix aus unterschiedlichen Zutaten.

medienpolitik.net: Wie ist das internationale Interesse?

Marcus Ammon: Beta Film hält als einer der Koproduzenten die internationalen Vertriebsrechte und wie ich höre, sind die Kollegen sehr zufrieden.

medienpolitik.net: „Babylon Berlin“ war der Auftakt zu mehreren eigenproduzierten Serien von Sky. Warum haben Sie sich zu diesem Zeitpunkt – Sky existiert ja schon ein wenig länger – entschlossen, eigene Serien in Auftrag zu geben?

Marcus Ammon: Mir war immer bewusst, dass wir früher oder später, internationalen Vorbildern wie HBO, Showtime, Canal+ oder Sky UK folgend, unsere eigenen Inhalte kreieren müssen. Zum einen möchten wir uns unabhängiger machen von nationalen und internationalen Lizenzgebern und Produzenten, zum anderen haben wir nur durch Eigenproduktion die Möglichkeit, Inhalte möglichst maßgeschneidert und zielgenau auf die Bedürfnisse unserer Abonnenten abzustimmen. Auch das im Vergleich zu eingekauften Inhalten ungemein höhere Kommunikations-Potential darf hier nicht unerwähnt bleiben. Erste Erfahrungen haben wir durch Koproduktionen mit unseren Kollegen in UK und Italien gesammelt, die schon etwas länger produzieren. Der Zeitpunkt unseres Einstiegs in fiktionale Eigenproduktion ging einher mit der allgemeinen Entwicklung von Sky als führendes Entertainmentunternehmen. Wir sind sicher, dass jetzt die Zeit dafür reif ist!

medienpolitik.net: Der Mehrteiler „Acht Tage“ ist die erste Serie im Rahmen des Kooperationsabkommens zwischen Medienboard und Sky. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise fördern die Förderinstitutionen von Produzenten. Wie ist es Ihnen gelungen ein solches Kooperationsabkommen mit dem Medienboard-berlin-Brandenburg abzuschließen?

Marcus Ammon: Durch unsere lange und intensive Vorbereitung auf den Einstieg in die Eigenproduktion ist es uns gelungen, zu den wichtigsten deutschen Förderinstitutionen enge Beziehungen aufzubauen. Kirsten Niehuus war immer ein beharrlicher Kämpfer für ungewöhnliche und mutige Stoffe und hat von Anfang an das Potential von Sky Eigenproduktionen geglaubt. Da ‚Acht Tage‘ zu großen Teilen im Speckgürtel Berlins spielt und auch da gedreht wird, lag es nahe, eine Kooperation, natürlich auch in Zusammenarbeit mit dem Produzenten, zu diskutieren. Aber ich möchte an dieser Stelle auch nicht versäumen, den Förderern aus NRW und Bayern (zum Beispiel fördert der FFF unsere Produktion ‚Der Pass‘) sowie dem Bund für ihr Engagement und ihr Vertrauen in unsere Arbeit zu danken.

medienpolitik.net: Um welches Fördervolumen geht es bei diesem Abkommen?

Marcus Ammon: Wir haben mit keinem Fördergremium irgendwelche Volumina festgelegt, aber wir freuen uns darauf, weiterhin im kreativen Austausch mit den Institutionen zu bleiben und werden auch in Zukunft das deutsche Förder-Modell unterstützen.

medienpolitik.net: Planen Sie solche Vereinbarungen auch mit anderen Länderförderern?

Marcus Ammon: Wie schon gesagt, freuen wir uns sehr über den Einstieg des FFF in unsere Serienproduktion ‚Der Pass‘, die wir mit Wiedemann & Berg umsetzen werden. Grundsätzlich unterscheidet sich unsere Zusammenarbeit mit den Förderern aber nicht von der anderer TV Sender.

medienpolitik.net: Sie investieren mehrere Hundert-Millionen-Euro in die Bundesligarechte. Warum benötigt Sky z.B. eine Förderung von 500.000 Euro für „Acht Tage“?

Marcus Ammon: Mir ist nicht bekannt, dass es auch staatliche Fördergremien gibt, die den Erwerb von Sportrechten unterstützen. Aber Spaß beiseite, Serienproduktion ist teuer und die Zusammenstellung einer Finanzierung für jedes Projekt ist ein diffiziles Unterfangen. Ausschlaggebend für die Gewährung einer Förderung ist doch – neben der Qualität des Inhalts – der wirtschaftliche Effekt in der jeweiligen Region. Unsere Projekte haben einen mit den Projekten anderer, egal ob Kino oder TV, ähnlichen Effekt.

medienpolitik.net: Im März 2016 hatte Ihr Geschäftsführer Carsten Schmid angekündigt, dass Sky Deutschland in den nächsten vier Jahren acht eigene Serien in Auftrag geben will. Wie ist der Stand?

Marcus Ammon: Wir sind auf einem guten Weg die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

medienpolitik.net: Was ist das Sky-Eigene an diesen Serien. Nach welchen Kriterien suchen sie die Stoffe aus?

Marcus Ammon: Was ist das Besondere an den ‚Sopranos‘ und wie unterscheiden sie sich von ‚NCIS‘ oder ‚CSI‘? Wie unterscheidet sich ‚Game of Thrones‘ vom traditionellen seriellen Erzählen? Was macht ‚Homeland‘ oder ‚House of Cards‘ so anders, so besonders? Es ist nicht immer einfach, diesen ‚point of differentiation‘ zu finden und wir diskutieren viel, wie sich eine Sky Serie unterscheiden muss: Reicht es, dass eine Geschichte komplexer erzählt und expliziter gefilmt wird? Wie viele Storylines benötigt eine High Concept Drama Serie, um diesem Anspruch zu genügen? Wie ambivalent müssen die Charaktere sein, um in eine Sky Serie zu passen? Wieviel ‚lean forward‘ verträgt der Zuschauer? Was ist der ‚Need‘ und der ‚Want‘ unserer Figuren, was treibt sie an, was hält sie auf? Es gibt eine ganze Menge an Kriterien, die wir prüfen, am Ende müssen einige dieser Kriterien erfüllt sein und unser Bauch muss ‚ja‘ sagen.

medienpolitik.net: Können Sie sich vorstellen, auch Familienserien in Auftrag zu geben, um ein breiteres Zuschauerspektrum zu erreichen?

Marcus Ammon: Mit dem Launch unseres Entertainment-Senders Sky 1 im vergangenen November begeben wir uns auf das Feld der ‚mainstreamigen‘ Unterhaltung für die ganze Familie. Neben selbst produzierten Entertainment-Formaten wie ‚Masterchef‘, ‚Eine Liga für sich – Buschis Sechserkette‘ oder ‚Xaviers Wunschkonzert Live!‘, zeigen wir auf diesem Sender Serien aus USA und Europa, die für ein breites Publikum gemacht sind, das sich gerne zurücklehnt und Fernsehen einfach nur genießt. Und auch für Sky 1 produzieren wir selbst, auch hier suchen wir serielle Projekte, die aber anders als in der vorhergehenden Antwort beschrieben ein größtmögliches Publikum begeistern müssen und somit weniger ‚lean forward‘, sondern ‚lean back‘ sein sollten. Am Ende des Tages wollen wir auf dem höchst möglichen Niveau unsere Zuschauer fesseln und unterhalten und ihnen die Überzeugung geben, mit einem Sky-Abo die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

medienpolitik.net: Am 31. August sollen auch die Dreharbeiten für „Das Boot“ beginnen. Der Stoff wird von der Bavaria für Sky als Serie neu verfilmt. Wie ist der Stand der Vorbereitung?

Marcus Ammon: Seit einem Jahr schreibt ein Writer‘s Room, bestehend aus unseren Head-Autoren Tony Saint und Johannes Betz sowie drei weiteren Autoren, an den Büchern. Wir sind sehr glücklich mit den erdachten Storylines und dem Stil, in dem diese Geschichten erzählt werden. Uns erwartet eine character-driven high-concept Serie auf internationalem Niveau. Wobei wir das Petersen-Boot von 1981 nicht noch einmal erzählen werden, es geht um eine komplett neue Mission, die sich, wenn sie so wollen, an das Ende des Films anschließt.

medienpolitik.net: Was wird die „Boot“–Serie vom Kinofilm, der vor 35 Jahre entstand, unterscheiden?

Marcus Ammon: Charakteristisch für den Film war ja neben der einprägsamen Musik, der subtilen Spannung und dem grandiosen Spiel die klaustrophobische Enge im Boot. Die wird es, eingepackt in eine komplett neu erdachte, achtteilige Geschichte, weiterhin geben. Natürlich haben wir heute ganz andere technische Mittel, um derartige Storys aus dem 2. Weltkrieg zu erzählen. Ich habe größtes Vertrauen in unseren Regisseur Andreas Prochaska, dass es ihm auf das Feinste gelingt, die Stimmung im Boot mit den Kämpfen auf See und den Ereignissen an Land zu verknüpfen und auf Weltniveau zu erzählen.

medienpolitik.net: Das Budget soll 25 Millionen Euro betragen. Warum wird das „Boot“ so teuer, wo doch überwiegend im Studio gedreht wird?

Marcus Ammon: Wie schon gesagt, Eigenproduktionen kosten ihr Geld und wenn man sich mit internationalen Serien messen will, so muss man auch die Bedingungen dafür schaffen. Gedreht wird „Das Boot“ nicht nur im Studio, sondern unter anderem auch on Location in Frankreich, zu See und an Land.

medienpolitik.net: HBO und Sky haben eine Partnerschaft zur Entwicklung gemeinsamer hochwertiger Serien gegründet. Welche Chancen haben deutsche Produzenten hier Aufträge zu erhalten? Immerhin beträgt das Budget 250 Mio. Euro.

Marcus Ammon: Diese neue Partnerschaft zwischen Sky und HBO basiert auf einer schon seit vielen Jahren bestehenden und sehr vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen unseren Häusern: alle europäischen Sky-Sender freuen sich über so genannte Output-Verträge mit dem weltbesten Pay TV Anbieter HBO. In zahlreichen Gesprächen haben wir viele Gemeinsamkeiten festgestellt und so unterzeichneten HBO-CEO Richard Plepler und Sky Content Boss Gary Davey diese Vereinbarung zur gemeinsamen Produktion von Serien. Das erste Projekt wird „Chernobyl“ sein, eine Serie die gerade für das europäische Publikum höchst relevant ist.

medienpolitik.net: HBO ist wie Sky ein weltweit führender Pay TV-Anbieter. Warum verbündet sich Sky mit der Konkurrenz?

Marcus Ammon: HBO ist unser Partner seit vielen Jahren, nicht unser Konkurrent, HBO ist Freund und ständige Quelle der Inspiration für weltbestes Pay TV. Seit Jahren bestehende Output-Verträge belegen diese vertrauensvolle Freundschaft.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 9/17 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen