Hörfunk:

„Unsere Bedenken sind nicht ausgeräumt“

von am 01.10.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Interviews, Lokalfunk, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Hörfunk: </h4>„Unsere Bedenken sind nicht ausgeräumt“
Klaus Schunk, Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT und Geschäftsführer von „Radio Regenbogen“

VPRT unterstützt Umstieg auf DABplus unter Vorbehalt

02.10.17 Interview mit Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT und Geschäftsführer von Radio Regenbogen

In seinem jüngsten „Vier-Punkte-Plan“ bekennt sich der VPRT zu einer Unterstützung des Digitalumstiegs auf DAB+, wenn er fair und den wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Privatradios entsprechend ausgestaltet wird, da bei der Diskussion um DABplus „der politische Wille den Point-of-no-Return erreicht zu haben scheint“, so Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT und Geschäftsführer von Radio Regenbogen. So fordert der VPRT rund 500 Millionen Euro für die Zeit des Umstiegs und ein Abschaltdatum dürfe erst festgelegt werden, wenn die tatsächliche analoge Nutzung auf unter 10 Prozent gesunken sei. Die Bedenken der Privatradios, so Klaus Schunk, seien keinesfalls ausgeräumt. So zeigten etwa die bisherigen Erfahrungen in Norwegen, das lange als Musterbeispiel für den Weg in die DABplus-Zukunft galt, starke Migrationsverluste in der Hörerschaft, bei einzelnen Veranstaltern mitunter ein Drittel der Hörerschaft.

medienpolitik.net: Herr Schunk, aus Ihrem „Nein“ zu DABplus ist ein „Ja, aber…“ geworden. Warum?

Klaus Schunk: Unabhängig davon, dass wir unsere Position schon seit 2015 in Digitalradioboard eingebracht haben, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass bei der Diskussion um DABplus der politische gewollte Point-of-no-Return überschritten zu sein scheint. Im Interesse seiner Mitglieder wollen wir als VPRT dazu beitragen, dass in diesem Wandlungsprozess das duale Radiosystem erhalten bleibt und es keine Expansion öffentlich-rechtlicher Radioprogramme unter dem Mantel der Digitalisierung gibt. Es muss eine solide Geschäftsgrundlage und eine Abbildung aller bestehenden privaten Hörfunkprogramme über DABplus gewährleistet bleiben. Wir wollen damit eine digitale Medienzukunft konstruktiv mitgestalten, in der das Radio unverändert als Garant für Vielfalt, Information und Unterhaltung – gerade auch in den regionalen Versorgungsräumen – steht. Alles andere als ein „ja aber“ wäre dann auch die falsche Interpretation unserer “Vier Punkte“. Die Bedenken der Privatradios sind keinesfalls ausgeräumt. So zeigen etwa die bisherigen Erfahrungen in Norwegen, das uns ja lange als Musterbeispiel für den Weg in die DABplus-Zukunft vorgehalten wurde, starke Migrationsverluste in der Hörerschaft, bei einzelnen Veranstaltern mitunter ein Drittel der Hörerschaft.

medienpolitik.net: Sie sagen: „Für DABplus ist aus politischen Gründen der Point-of-no-Return überschritten“. Welche Gründe sind das?

Klaus Schunk: Mein Eindruck ist, dass Teile der Politik und die Protagonisten der Diskussion dieses Thema nicht in der Tiefe durchdrungen haben, die erforderlich gewesen wäre, um den Marktgegebenheiten und dem Konsumentenverhalten gerecht zu werden. Die Digitalisierung zu fördern ist En Vogue. Das ist grundsätzlich auch richtig und wichtig. Nur ist dieses Thema im Radio sehr viel komplexer als etwas bei der Frage des Ausbaus von einem bundesweit breitbandigen Internetzugang. Vielleicht auch deshalb sind die Bedenken der privaten Radiounternehmen an einer digitalen Migration des terrestrischen Hörfunks bisher in der politischen Willensbildung nicht berücksichtigt worden. Das gilt für Fragen der Finanzierung des Umstiegs, des Erhalts der lokalen, regionalen und landesweiten Vielfalt bis hin zur medienpolitischen Gestaltung eines dualen Rundfunksystems mit gleichen Voraussetzungen für private und öffentlich-rechtliche Radioangebote. All diese Fragen sind nach wie vor unbeantwortet.

medienpolitik.net: Private Radios, wie die Regiocast, die sich seit einigen Jahren an DABplus beteiligen, sprechen von positiven Erfahrungen. Werden diese Chancen jetzt auch von Ihnen gesehen?

Klaus Schunk: Generell sind die Verbände dazu da, den ordnungspolitischen Rahmen zu gestalten, und die in den Verbänden vertretenen Unternehmen treffen ihre konkreten unternehmerischen Entscheidungen. So hat Regiocast entschieden, in DABplus zu investieren, und auch das von mir verantwortete Haus ist mit Radio Regenbogen in ganz Baden-Württemberg auf DABplus zu präsent. Das sind unternehmerische Entscheidungen, um Erfahrungen mit einer neuen Technik zu sammeln und überall dort zu sein, wo unsere Hörer uns hören wollen. Genauso sind wir deshalb digital auch über Satellit, Kabel und als Webchannel zu empfangen. Radio ist also schon längst Multichannel, DABplus stellt keineswegs die alleinige digitale Zukunft dar. Der Eindruck, dass es sich um eine Übergangstechnologie handelt, verstärkt sich zunehmend. Aber das ändert alles nichts daran, dass wir als Verband die Rahmenbedingungen für die politisch gewollte Migration der terrestrischen Radioübertragung gestalten müssen.

medienpolitik.net: Bedeutet für Sie „ausgewogenes duales System“ Reduzierung der Radioaktivitäten der ARD?

Klaus Schunk: Unabhängig davon, dass die ARD durchaus mit weniger Radioprogrammen ihrem Grundversorgungsauftrag gerecht werden könnte, bin ich ein politischer Realo. Da wir in den letzten Jahren bundesweit eine massive Expansion unter dem Feigenblatt der Digitalisierung erleben durften, müssen wir jetzt nachdrücklich anmahnen, dass es über die üppigen Kapazitätszuweisungen auf DABplus Multiplexen nicht zu einer weiteren Expansion von ARD Angeboten kommt, sondern maximal das vorhandene ARD-Radioangebot abgebildet wird.

medienpolitik.net: Inwieweit sollte es der ARD möglich sein, auch neue Angebote über DABplus zu verbreiten?

Klaus Schunk: Der VPRT sieht hier die Länder auf einer grundsätzlichen Ebene in ihrer ordnungspolitischen Verantwortung. Ganz vorne an muss eine zeitgemäße Definition des Auftrags der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten stehen, daraus muss dann abgeleitet werden, mit welchen konkreten Angeboten sie diesen Auftrag erfüllen können und am Ende muss daraus auch abgeleitet werden, welche Finanzausstattung das erfordert. Das schließt in unserem Verständnis aus, dass es eine Expansion öffentlich-rechtlicher Radioprogramme unter dem Mantel der Digitalisierung gibt. Nicht alles, was möglich ist, muss auch gemacht werden. Das, was nach der Definition des Programmauftrags für die beitragsfinanzierten Rundfunkanstalten – als gesellschaftliches Mehrwertangebot– definiert ist, muss auch gesendet werden. Und das ist sicherlich nicht mehr, sondern eher weniger als es schon heute von ARD-Radiokollegen auf allen Wegen verbreitet wird.

medienpolitik.net: Sie fordern rund 500 Millionen Euro für die Kosten der Umstellung bis 2025. Von wem soll dieses Geld kommen?

Klaus Schunk: Einspruch!!! Nicht bis 2025, sondern für den Migrationszeitraum, den letztendlich der Verbraucher, unser Hörer, mit seiner Nutzung festlegt. Ich halte nach wie vor ein ordnungspolitisch verwaltungsgesetztes Datum in der Sache für kontraproduktiv.
Zum Kern Ihrer Frage:
Umgesetzt werden könnte dies mit einem Bündel von Maßnahmen: etwa einem Digitalisierungsfond, den Bund und Ländern speisen und einer technischen Infrastrukturförderung durch die DLM. Sie wäre die geeignete Institution, um in den Bundesländern die Fördersummen an Hand des jeweiligen Digitalisierungsstandes zu steuern. Schließlich könnten die Maßnahmen auch besondere Preismodelle der Netzbetreiber oder auch einer Aufschaltung auf öffentlich-rechtliche Multiplexe umfassen. Zumal wir davon ausgehen, dass es keine Vermehrung von öffentlich-rechtlichen Programmen mehr geben sollte. Insofern wären dort ausreichend Kapazitäten dafür frei. Im Übrigen ist es klar, dass bei der Mittelverwendung Transparenz und Kontrolle gewährleistet werden müssen, am besten durch eine neutrale Institution, die sie beaufsichtigt und prüft und da sind wir jetzt wieder bei der DLM.

medienpolitik.net: Ihre Forderung besteht ja schon länger, ohne dass die Länder eine Förderung zugesagt haben. Wie sieht Ihr Worst-Case-Szenario aus, wenn es dieses Geld nicht gibt?

Klaus Schunk: Zunächst einmal: Für die ARD gibt es diese Mittel ja schon, sie erhalten für eine Dekade rund 600 Millionen Euro Beitragsmittel für ihre terrestrische Hörfunkdigitalisierung. Das zeigt doch: Wo ein Wille, da auch ein Weg. Wenn der Erhalt des dualen Radiosystems ein politisches Ziel ist, und davon gehe ich bis heute aus, und wenn die Digitalisierung der Terrestrik politisch gewollt ist, dann müssen beide Seiten des Systems in die Lage versetzt werden, ihre Technikkosten für die Migration zu bestreiten, und aus den Werbeeinnahmen lassen sich diese Mittel von den Privatradios nicht generieren. Insofern ist nicht nur eine Meinung, sondern Logik: Das Erschließen dieser Fördermittel ist zwingende Voraussetzung dafür, beide genannten Ziele zu erreichen. Die 500 Millionen Euro halten wir dabei für eine realistische Schätzung, die wir aber natürlich gerne durch neutrale Sachverständige konkretisieren und überprüfen lassen.

medienpolitik.net: Neben der Infrastrukturförderung – welche Rahmenbedingungen erwarten Sie noch von der Politik?

Klaus Schunk: Alle Marktbeteiligten sind sich einig, dass neben der Infrastrukturförderung ein digitaler Umstieg auch die mobilen Endgeräte umfassen und die Auffindbarkeit unserer Angebote auf Plattformen sowie einen europaweiten, einheitlichen Empfangsweg zu gewährleisten hat. Auch wenn es in den einen oder anderen zum Lächeln bringen wird, ich werde nicht müde, einen Radiostaatsvertrag zu fordern. Die spezifischen und komplexen Regulierungsanforderungen unserer Gattung lassen sich nicht einfach so allgemein unter der Überschrift „Rundfunk“ mitabhandeln.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist es für Sie, dass auf europäischer und nationaler Ebene eine Multinormgerätepflicht etabliert wird?

Klaus Schunk: Das ist die Zukunft, gerade wenn Sie den mobilen Empfang betrachten. Für die Nutzer ist der Weg, wir ihr Radioprogramm auf ihr mobiles Endgerät kommt, vollkommen unerheblich. Deshalb müssen die unterschiedlichen digitalen Verbreitungswege über eine Technologieschnittstelle dort verfügbar gemacht werden.

medienpolitik.net: Sie geben für die Finanzierung des Umstiegs beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Jahr 2025 an. Rechnen Sie damit, dass 2025 UKW abgeschaltet werden kann? Dieses Datum war ja schon im Gespräch…

Klaus Schunk: In unserem „4-Punkte-Plan“ haben wir ganz klar gesagt, dass wir eine Diskussion über ein Abschaltdatum nicht als sinnvoll erachten, weil wir ein Migrationsszenario von einer tatsächlichen Nutzung durch die Verbraucher und nicht einer politischen Verordnung abhängig machen. Im Übrigen haben wir lediglich gesagt, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk für den Umstieg auf DABplus bis 2025 600 Millionen Euro benötigt, weil man bei der ARD einen Simulcast bis dahin für wahrscheinlich hält. Das war keine Prognose des VPRT. Nach unserer Überzeugung zäumen sie das Pferd mit der Diskussion konkreter Daten von hinten auf. Ein Abschaltdatum oder auch nur die Diskussion hierüber darf es bis zum Absinken der tatsächlichen analogen UKW-Nutzung auf unter 10 % nicht geben. Maßgeblich für die Messung der Nutzung ist der Anteil der UKW-Verbreitung an der durchschnittlichen Stunden-Netto-Reichweite (Werbefunk Gesamt, 14-59 Jahre, Mo-Fr, 6-18 Uhr). Da sich Privatradio maßgeblich durch Werbung finanziert, reicht die bloße Verbreitung von Endgeräten als Maßstab für den Einstieg in die Migration nicht aus. Wenn wir diesen Punkt erreicht haben, wollen die Privaten DABplus aktiv bewerben und halten ab dann die dreijährige Übergangsphase von UKW zu DABplus für erforderlich, bis es dann eine UKW-Abschaltung geben kann.

medienpolitik.net: Ein Abschaltdatum für UKW soll erst benannt werden, wenn die UKW-Nutzung unter 10 Prozent fällt. Wie kommen Sie auf diese Schwelle?

Klaus Schunk: Das ist unserer kaufmännischen, langjährigen Erfahrung geschuldet. Wenn heute Radio in der MA zwischen 7 und 10 Prozent an tatsächlicher Nutzung beim Hörer verlieren würde, wäre in den meisten Fällen die Wirtschaftlichkeit eines privaten Radiosenders nicht mehr gegeben. Und die eingangs angesprochenen Erfahrungen in Norwegen lehren uns, dass die Migrationsverluste bei einem Umstieg bei einer höheren UKW-Nutzung so gravierend sein dürften, dass wir uns anderenfalls in genau so einem Szenario befinden würden.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 10/17 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Matthes - 02.10.2017 Antworten

    Der Punkt, dass es in Norwegen Migrationsverluste gegeben hat, mag zwar stimmen. Dies trifft allerdings nur auf einzelne Programme zu. Denn: „In der Verwaltungsprovinz Nordland, der ersten Region, in der
    die UKW-Sender abgeschaltet wurden, erreichen die Zuhörerzahlen derzeit die gleichen Werte wie 2016: Im zweiten Quartal 2017 hörten 64,2 % der Einwohner Nordlands Radio, verglichen mit 64,8 % im zweiten
    Quartal 2016.“ Quelle:
    https://radioempfang.digital/news/digitalradio-in-norwegen-nach-ukw-abschaltung-auf-normalem-niveau/

    Weiter heißt es: „Die offiziell ermittelte Hörerschaft belegt ferner, dass die kleineren Kanäle gewachsen sind – auf Kosten derjenigen Kanäle, die bisher das landesweite UKW-Programmangebot bildeten. Die bisherigen Hauptkanäle schrumpfen, während die neuen Kanäle expandieren.“

    Möglicherweise sind das die Bedenken, die Herrn Schunk und den VPRT tatsächlich umtreiben. Das bisherige Monopol, aufgrund der knappen UKW-Frequenzen, kann nicht länger aufrecht erhalten bleiben.

    Sinnvoll wäre es, frühzeitig digitale Zusatzangebote auch auf DAB+ zu schaffen, um damit Marktanteile zu behalten.

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