Rundfunk:

„Eine aufgabenbezogene Beauftragung“

von am 04.10.2017 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Jugendkanal, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Eine aufgabenbezogene Beauftragung“
Heike Raab, Staatssekretärin, Bevollmächtigte des Landes beim Bund und für Europa, für Medien und Digitales in Rheinland Pfalz

„funk“ hat nach einem Jahr 3,9 Millionen Abonnenten auf YouTube und 600.000 Facebook-Fans

04.10.17 Interview mit Heike Raab, Staatssekretärin und Bevollmächtigte beim Bund und in Europa, für Medien und Digitales von Rheinland-Pfalz

ARD und ZDF hatten am 1. Oktober 2016 ihr lange geplantes junges Angebot „funk“ gestartet und wollen mit diesem Angebot vor allem die 14- bis 29-Jährige erreichen. Die Inhalte werden in den Redaktionen von ARD und ZDF in ganz Deutschland entwickelt. Die Inhalte richten sich dabei an die vier Zielgruppen der 14- bis 16-Jährigen, 17- bis 19-Jährigen, 20- bis 24-Jährigen und 25- bis 29-Jährigen.
Nach einem Jahr existieren bei „funk“ 60 verschiedene Formate in den Bereichen Information, Orientierung und Unterhaltung. Eine Mediathek gibt es nicht. Funk verbreitet seine Inhalte stattdessen über YouTube, Facebook, Snapchat, Instagram und eine App.
Fragen an Heike Raab, Medienstaatssekretärin Rheinland-Pfalz zur medienpolitischen Bilanz des ersten Jahres von „funk“. Für sie gehört zu den Schlussfolgerungen, „dass wir langfristig zu einer viel stärker aufgabenbezogenen Beauftragung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kommen müssen, anstatt lediglich Programme zu zählen.“

medienpolitik.net: „funk“ wird am 1. Oktober ein Jahr alt. Haben sich Ihre Erwartungen an das neue Online – Angebot von ARD und ZDF erfüllt?

Heike Raab: Ich gratuliere „funk“ und seinen Machern ganz herzlich zum ersten Geburtstag! Am 1. Oktober 2016 ist „funk“ mit viel Energie und Kreativität in Mainz an den Start gegangen. Das erste Jahr war erfolgreich, wenn man auf die Zahlen der „Online-Währungen“ Nutzer, Abonnenten, Klicks schaut: funk hat 3,9 Millionen Abonnenten auf YouTube und 600.000 Facebook-Fans. Bis Ende August 2017 haben alle funk Formate ca. 250 Millionen Views auf YouTube und ca. 91 Millionen Views auf Facebook aggregiert. In der Zielgruppe der 14-29jährigen kennt bereits jeder Fünfte funk. Das Angebot ist von 40 Formaten auf über 60 ausgebaut worden. Vor allem in den für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk besonders relevanten Bereichen Orientierung und Information hat funk kreative neue Konzepte entwickelt und produziert.
Besonders freue ich mich, dass bereits verschiedene Formate aus dem „funk“-Netzwerk mit Preisen aus der Fernseh- Film- und Webvideoszene ausgezeichnet worden sind, zum Beispiel mit dem Grimme Online Award 2017, dem Grimme-Preis 2017, dem Nachwuchspreis des Deutschen Fernsehpreises 2017 und dem Webvideopreis. Diese herausragenden Auszeichnungen stehen für einen hohen journalistischen Qualitätsanspruch bei „funk“.

medienpolitik.net: Die Inhalte von „funk“ sind auf Drittplattformen wie YouTube zu finden, die mit den öffentlich-rechtlichen Angeboten durch Werbeeinnahmen verdienen. Sehen Sie einen Weg, dass ein Teil der Erlöse an ARD und ZDF gezahlt werden und damit dem Gebührenzahler zugutekommt?

Heike Raab: Die Frage nach der richtigen Balance zwischen Beitrags- und Werbefinanzierung beschäftigt die Rundfunkanstalten und auch die Medienpolitik immer wieder. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk unterliegt hier deutlich strengeren Regeln als die private Konkurrenz. Und dies – wie ich meine – zu Recht. Eine Finanzierung durch Werbung kann für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer nur eine untergeordnete Rolle spielen. Nur so können die Anstalten ihre Angebote losgelöst von der Logik des Werbemarktes gestalten. Und für die Nutzerinnen und Nutzer ist das zumeist werbefreie Umfeld öffentlich-rechtlicher Angebote ebenfalls ein deutlicher Mehrwert. Die Länder haben daher bei der Beauftragung des Jugendangebots „funk“ großen Wert darauf gelegt, dass Werbung im Jugendangebot nicht vorkommt. Hierfür haben die Anstalten Sorge zu tragen.

medienpolitik.net: Ist „funk“ der richtige Weg, um den befürchteten Generationenabriss zu verhindern?

Heike Raab: Ganz eindeutig: ja! Denn junge Menschen informieren und unterhalten sich auf anderen Wegen als die Generation, die ohne Smartphone aufgewachsen ist. Mit „funk“ erreichen wir sie dort, wo sie täglich unterwegs sind: im Netz auf Plattformen und in sozialen Netzwerken. Ein Beispiel: Das investigative Format „Y-Kollektiv“ hat gemeinsam mit Radio Bremen und Panorama rechtsextreme Strömungen innerhalb einer Eliteeinheit (KSK) der Bundeswehr aufgedeckt, die zu einer internen Ermittlung in der Bundeswehr geführt haben. Das Video erregte sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in der Presse viel Aufmerksamkeit und war Aufmacher der „Tagesschau“.
Das Y-Kollektiv bringt wöchentlich journalistisch-investigative Geschichten von jungen Autoren, die in dieser Form einzigartig in der Webvideobranche sind und ohne funk nicht entstehen würden. Für mich ist ganz klar: junge Menschen interessieren sich für gesellschaftspolitisch relevante Themen. Diese auf für sie ansprechende Weise aufzubereiten und dort zu platzieren, wo sie täglich unterwegs sind, ist der Anspruch und der Erfolg von funk.
Dieser Ansatz wird in Kooperationen mit anderen öffentlich-rechtlichen Angeboten aufgegriffen und weiter getragen: Videos des Formates „funk.life“, die in Zusammenarbeit mit den jungen Radiowellen der ARD und der funk Zentrale entstehen und sich mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Nachhaltigkeit oder Hass im Netz beschäftigen, stoßen in den sozialen Netzwerken auf viel Zuspruch. Ein Video, das sich mit dem übermäßigen Verbrauch von Pappbechern für Kaffee zum Mitnehmen befasste, erlangte auf Facebook beispielsweise über 4 Millionen Views.

medienpolitik.net: Zwischen dem KiKa und „funk“ existiert eine Alterslücke bei den Zuschauern, die nicht mehr den KiKa schauen, aber auch noch nicht „funk“ nutzen. Sollte die Sendezeit des KiKa verlängert werden, damit mehr ältere Kinder noch den Kanal nutzen?

Heike Raab: KiKA sendet täglich von 6 bis 21 Uhr und bietet Kindern von 3 bis 13 Jahren ein Angebot, das Serien, Spielfilme, Magazinprogramme, Dokumentationen, Informationssendungen, Specials und Thementage umfasst. Ich freue mich sehr, dass mit einem Marktanteil von 20 Prozent bei den 3- bis 13- Jährigen KiKA seit Jahresbeginn wieder die Marktführerschaft zurückgewonnen hat. Für die heterogene Zielgruppe von Kleinkindern, Grundschülern und Teenagern hat der Kinderkanal von ARD und ZDF Zeitfenster für bestimmte Altersgruppen ausgestaltet. Ab 19:25 Uhr startet das Abendprogramm das sich speziell an die älteren Kinder von 10 bis 13 Jahren richtet. Dass es ein tatsächliches Bedürfnis bei den jungen Zuschauern für eine Verlängerung der Sendezeit bis 22 Uhr gibt, ist in der Diskussion, belastbare Zahlen sehe ich derzeit dafür allerdings nicht. Wir werden diese Frage in der Rundfunkkommission der Länder, die ich für Ministerpräsidentin Malu Dreyer koordinieren darf, noch erörtern.

medienpolitik.net: Welche Erfahrungen mit „funk“ sollten beim neuen Telemedienauftrag berücksichtigt werden?

Heike Raab: Mit „funk“ verbinde ich vor allem Offenheit für Neues und viel Kreativität. Es herrscht ein Geist des „Ausprobierens“ – der Lebenswirklichkeit junger Menschen gerecht zu werden und diese abzubilden, ist das Ziel. Dabei geht es selbstverständlich um Inhalte. Genauso wichtig ist aber die Wahl geeigneter Erzählformate: Auch Jugendliche diskutieren beispielsweise über Flüchtlinge oder den „Brexit“. Sie tun dies aber überwiegend nicht mehr im heimischen Wohnzimmer, sondern unterwegs, in Bus und Bahn auf dem Smartphone. Und sie tun dies dort, wo sie auch sonst mit ihren Freunden kommunizieren, in sozialen Netzwerken. Onlineinhalte sind für die Jüngeren bereits heute die Hauptnachrichtenquelle. Keinesfalls dürfen wir das unter Umständen fehlende Interesse jüngerer Menschen am Format der klassischen Fernsehtalkshow mit einem grundsätzlichen Desinteresse am Thema verwechseln.
Gefragt sind daher kreative Formate. Wie es gehen kann, zeigt „funk“ immer wieder. Es ist vor allem dieses neue Denken, das wir fortführen müssen. Ich bin der Meinung, dass wir langfristig zu einer viel stärker aufgabenbezogenen Beauftragung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kommen müssen, anstatt lediglich Programme zu zählen. Mit „funk“ sind wir diesen Weg schon ein Stück weit gegangen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 10/17 erstveröffentlicht.

Print article

3 KommentareKommentieren

  • Oliver Zenglein - 05.10.2017 Antworten

    Kurze Frage zu den Zahlen: Wo kann ich die 600.000 FF-Fans bestätigen? Also Funk selbst hat grad mal 24.058. Oder wurden hier die Zahlen aller Formate addiert? Das hat aber dann nichts mehr mit einer Markenbindung von 600.000 zu tun!

    Beste Grüße

    Oliver Zenglein

    • Nancy Brandt - 23.10.2017 Antworten

      Die Zahlen werden von Frau Raab verwendet. Daher bitten wir Sie, diese Frage direkt an die Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz zu richten.

  • Torsten Paulsen - 06.10.2017 Antworten

    Ich frage mich, was passiert wäre, wenn in den 1970ern die Jugend kostengünstig vom Rundfunk in die Diskos und in den 1980ern in die Videotheken abgewandert wären.

    Wahrscheinlich wäre der Rundfunkbeitrag schon 1975 gekommen, heute bei 200 €/Monat und sogar der letzte Weiler hätte eine funk-Disko und eine funk-Videothek mit freiem Eintritt.

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen