Rundfunk:

Wir müssen unsere Strukturen verändern

von am 09.10.2017 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Digitale Medien, Gastbeiträge, Internet, Journalismus, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rede

<h4>Rundfunk:</h4> Wir müssen unsere Strukturen verändern
Patricia Schlesinger I © rbb/Thorsten Klapsch,

rbb-Intendantin fordert mehr Flexibilität und Kooperation innerhalb der ARD

09.10.17 Von Patricia Schlesinger, Intendantin des rbb

Die gute Nachricht ist: Produktionstechnik wird billiger. Sie wird mobiler und digitaler. Heute brauchen wir keinen kompletten Kleintransporter mehr, vollgepackt bis unters Dach mit Menschen und Gerät, nur um 20 Sekunden Fernsehen in der Fußgängerzone zu drehen. Die Zeit des Gigantismus ist vorbei.
Klar ist auch: Nirgendwo im Medienbetrieb macht sich die rasante technische Entwicklung so sehr bemerkbar wie im Bereich der Fernsehproduktion. Wir durchlaufen einen rasanten, nachhaltigen Veränderungsprozess für Produktion und Programmerstellung.

Als Folge daraus müssen wir unsere Strukturen verändern – im Großen, wie im Kleinen. Dieser Veränderungsprozess wird für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geradezu existenzielle Bedeutung haben.
Im Kreise der Intendantinnen und Intendanten arbeiten wir seit geraumer Zeit an einem Maßnahmenkatalog, den wir den Ländern noch in diesem Monat vorlegen wollen. Wir wollen Prozesse und Strukturen optimieren: in Verwaltung, Technik, Produktion und Programmherstellung. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie wir unsere IT-Prozesse harmonisieren; wie wir gemeinsame Plattformen für digitale Produkte schaffen; wie wir Prozesse vereinheitlichen und neue, kostengünstige Produktionsformen nutzen.

Wir müssen und wir wollen Inhalte wirtschaftlicher und effizienter herstellen – ohne dabei unsere programmliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit einzuschränken oder gar zu gefährden.
Möglichkeiten zur Verbesserung beginnen bereits bei der Beschaffung: Was die Kollegen aus der Technik heute benötigen, das geht morgen als formgerechter Antrag durch die Ränge ihrer Vorgesetzten. Irgendwann landet es auf dem Tisch der Direktoren und der Intendantin. Die stellen kritische Fragen: Brauchen wir das wirklich? Muss das so teuer sein? Schließlich prüft die Abteilung Einkauf diverse Angebote, verhandelt, bestellt, justiert nochmal nach. Am Ende, viel später, steht dann ein Paket vor der Tür – manchmal hat es auch Räder – mit Technik darin. Technik, die im schlimmsten Fall bereits am Tag ihrer Ankunft nicht mehr à jour ist.
Nach der Beschaffung kommt die Produktions- und Programmplanung: Hier zwängen wir uns selbst in enge Korsette. Unser Anspruch – und am Ende ist es der Anspruch unseres Publikums – muss jedoch mehr Flexibilität sein. Selbstverständlich nützt die beste Technik wenig, wenn sie kaum ausgelastet ist. Aber was passiert, wenn etwas passiert? Ein Hochwasser, ein Bahnunglück oder (auch darauf müssen wir vorbereitet sein) gar ein Anschlag? In diesen Momenten schaut das gesamte Land auf seine Öffentlich-Rechtlichen. Und das ist gut so. Wir können es nicht einfach hinnehmen, wenn dann kommerzielle Anbieter oder Passanten via YouTube, Facebook Live und Periscope bereits on air sind, lange bevor unser erstes Team sendebereit am Ort des Geschehens ist.

Oder nehmen wir die Olympischen Spiele: ARD und ZDF haben sich mit Discovery über neue Sublizenzen geeinigt. Die Olympischen Winterspiele im kommenden Februar in Pyeongchang werden von uns übertragen – nachdem es lange Zeit nicht danach aussah. Die Zeiten großer Planungsvorläufe sind vorbei. Darauf müssen wir reagieren und unsere Strukturen anpassen. Schließlich wollen wir über Sendergrenzen hinweg innerhalb der ARD effizienter zusammenarbeiten. Kooperation ist das Gebot der Stunde.
Der technische Wandel wirkt sich auf unser gesamtes Programm aus. Wie es wahrgenommen, konsumiert und produziert wird: Rucksack-Übertragung, 1-Personen-Teams, VJs, App-basierte Produktion Sie sind nicht das Ende, sondern der Anfang der „Produktion 4.0“, der „vierten industriellen Revolution.
Die genannten Beispiele betreffen besonders die teuren Außenübertragungen. Die meisten unserer Eigenproduktionen in der ARD entstehen jedoch im Studio. Auch hier gibt es Neuerungen, die wir schon nutzen und weiter vorantreiben sollten: Regie-Automation, ferngesteuerte Tontechnik, Bildmischung, Beleuchtung und Grafik. Unsere Produktionsmittel und unsere IT verschmelzen immer mehr.
Folgerichtig entstehen neue Berufsbilder. Als erster ARD-Sender hat der rbb vor Jahren eine multimediale Programmdirektion geschaffen: Fernsehen und Hörfunk sind zu einer Direktion verschmolzen. Die Themen aller drei Ausspielwege kommend weitgehend aus einer Hand. Redaktionen wachsen zusammen, die Produktion zieht nach. Wir können es uns nicht länger leisten, die Gewerke strikt voneinander zu trennen – und personelle wie strukturelle Dopplungen zu finanzieren.
Unser gemeinsames Ziel ist das beste Programm. Die Arbeitsteilung, mit der wir dieses Ziel momentan noch angehen, stammt jedoch aus dem vorherigen technischen Zeitalter. Heute brauchen wir kombinierte Prozesse. Nah am Programm. Aus einer Hand.
Nicht allein die berufliche Qualifikation, auch der arbeitsrechtliche Rahmen muss moderner werden. Wir stehen vor dem Problem, dass wir Arbeit kaum noch dynamisch organisieren dürfen.
Wir sind keine kommerziellen Unternehmen. Wir Öffentlich-Rechtliche haben den Auftrag, das uns anvertraute Geld unserer Hörerinnen, unserer User und Zuschauer effizient einzusetzen. Fernsehen ist keine Arbeit von Nine to Five, mit Jahresplan und Produktionsquote. Deshalb müssen wir bei unseren Personalkosten beweglich bleiben können.
Politik, Beitragszahlerinnen und Beitragszahler fordern mit gutem Recht einen schlanken und effizienten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir wollen sie befördern und auf so vielen Feldern wie möglich selbst die Initiative ergreifen. Dazu gehört auch, eine effiziente Produktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu schaffen. Gerade entwickeln wir in Begleitung der KEF verschiedene „Benchmarks“ – also wirtschaftliche Kennziffern zur Ermittlung von „Best-Practice“-Beispielen für die Produktion. Diese Zielmarken können wir nur erreichen, wenn wir unsere Produktion an technische Veränderungen anpassen: schlank, flexibel und qualifiziert.

Aus der Keynote auf dem PTKO Presseforum: „Produktion 4.0“am 1. September 2017 auf der IFA 2017

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