Filmwirtschaft:

„Uns fehlen Filme für Jugendliche“

von am 03.11.2017 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Uns fehlen Filme für Jugendliche“
Felix Bruder, Geschäftsführer der AG Kino – Gilde e.V.

AG Kino – Gilde e.V. setzt sich für bessere Bedingungen für die Kinos in Deutschland ein

03.11.17 Interview mit Felix Bruder, Geschäftsführer der AG Kino – Gilde e.V.

Bei der 17. Filmkunstmesse in Leipzig appellierte der Verband der deutschen Filmkunsttheater an Politiker und Parlamente, den Kulturort Kino zu stärken. Die Betreiber von Arthouse- und Kleinkunstkinos regen eine innovations- und anreizorientierte Förderung von anspruchsvollen Filmprogrammen in Anlehnung an das französische Programm „classement art et essai“ an. Zudem plädieren sie für einen auf fünf Jahre angelegten Zukunftsfonds, um die Modernisierung und Digitalisierung der deutschen Kinoinfrastruktur voranzubringen. Neben der Erneuerung der Projektionssysteme müssten die Kinos insbesondere in barrierefreie Zugänglichkeit, ökologische Modernisierung, Erhöhung der Sicherheitsstandards und Volldigitalisierung des Kinobetriebs investieren.

medienpolitik.net: Herr Bruder, die 17. Filmkunstmesse fand Ende September in Leipzig statt. Welche Bedeutung hat die Messe für Filmkunst- und Arthouse-Kino?

Felix Bruder: Die Tatsache, dass inzwischen knapp 1.100 Fachbesucher nach Leipzig kommen zeigt, dass die Filmkunstmesse nicht mehr nur für die Arthouse-Branche wichtig ist, sondern grundsätzliche Themen des Marktes aufgreift. Das Angebot an Seminaren und Workshops wächst und wird von den Kinobetreibern sehr gut angenommen. Es kommen immer mehr junge Menschen nach Leipzig und das Bedürfnis, sich auszutauschen ist groß. Dabei geht es auch darum, über den Tellerrand des Kinos hinauszuschauen. Der Dialog mit den Verleihern, aber auch Produzenten, Regisseuren und Autoren ist ebenso wichtig, wie mit Politik und Förderern. Alle wissen, dass man heute gut zusammenarbeiten muss, um sich in einem schwierigen Markt zu behaupten. Wir sind froh und auch ein bisschen stolz, dass die Branche gerne nach Leipzig kommt und die angebotene Plattform nutzt. Für uns ist das auch Ansporn jedes Jahr die Qualität der Veranstaltung zu verbessern und dabei die familiäre Atmosphäre zu bewahren.

medienpolitik.net: Welcher Trend zeigte sich bei den dort gezeigten Filmen?

Felix Bruder: Die Filmkunstmesse ist ja kein Festival, sondern die Verleiher präsentieren die Filme, die sie in den nächsten Wochen und Monaten in die Arthouse-Kinos bringen wollen. Insofern ist das auch ein Spiegel des Marktes und der wird immer vielfältiger. Für alle Beteiligten ist das Fluch und Segen zugleich, denn je mehr Filme herausgebracht werden, desto schwieriger ist es, für einzelne Titel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ein positiver Trend ist sicher, dass knapp ein Drittel der Filme von Regisseurinnen stammen und damit weit mehr als auf den großen Festivals.

medienpolitik.net: Welche Erwartungen haben die Filmkunst- und Arthouse-Kino an den deutschen Film?

Felix Bruder: Leider fehlen in diesem Jahr bislang die wirklich zugkräftigen deutschen Filme. Der Vorsitzende der AG Kino – Gilde, Christian Bräuer hat ja im Septemberheft bereits ausführlich die Problematik beschrieben. Die Kinos brauchen mehr deutsche Arthouse-Filme, die die Marke von 250.000 Besuchern knacken. Unsere Mitgliedskinos setzen ja auf den deutschen Film und wollen zum Erfolg beitragen. Das Problem ist natürlich die Vielzahl von Filmen, die oftmals ohne großes Marketingbudget und ohne eine sichtbare Marketingstrategie in die Kinos gebracht werden und sich dann gegenseitig kannibalisieren.

medienpolitik.net: Erfüllen deutsche Filme bisher 2017 die Erwartungen?

Felix Bruder: Auch wenn das Arthouse-Jahr bislang besser läuft als 2016, gibt es auf jeden Fall noch Potential nach oben.

medienpolitik.net: Sind Arthouse-Filme für die deutschen Produzenten vielleicht nicht mehr attraktiv, weil deren Refinanzierung schwierig ist und dank der Digitalisierung viele Filmkunst- und Arthouse-Kinos auch Mainstream-Filme zeigen?

Felix Bruder: Bei der jedes Jahr steigenden Zahl von deutschen Produktionen, davon der größte Teil Arthouse und immer mehr Dokumentarfilme, sehe ich nicht, dass Produzenten das Filmemachen unattraktiv finden. Zumal sie sich im deutschen Fördersystem ja auch wenig Gedanken um die Refinanzierung machen müssen. Dieses Risiko tragen ja in erster Linie die Kinobetreiber und Verleiher. Wenn man sich die ComScore Auswertungen anschaut, dann steuern die Mitglieder der AG Kino – Gilde bei vielen deutschen Filmen zwischen 60 und 80 Prozent aller Zuschauer bei. Bei Dokumentarfilmen zum Teil sogar noch mehr und über sehr lange Auswertungszeiträume. Das Problem der Arthouse-Kinos ist eher umgekehrt, dass immer mehr Multiplexe auch Arthouse und Crossover Filme mitspielen, vor allem dann, wenn die Blockbuster nicht halten, was sie versprechen.

medienpolitik.net: Die Filmkunst- und Arthouse-Kinos haben 2016 einen Besucher- und Umsatzrückgang verzeichnet. Wie sieht die Tendenz für 2017 aus?

Felix Bruder: Gerade erst hat die FFA in Leipzig die Programmkinostudie 2016 vorgestellt. Während die gesamte Branche über einen Besucherrückgang von knapp 13 Prozent klagte, haben sich die Arthouse Kinos mit minus 1,6 Prozent sehr gut gehalten. Das liegt eben auch daran, dass diese Kinos sich ein treues Publikum heranziehen. Das schafft man nur, wenn man ein gutes Programmprofil hat und viel in lokales Marketing investiert. Arthouse-Filme haben eben kein globales Marketingbudget, so dass Verleiher und Betreiber hier viel kreativer zusammenarbeiten müssen. Wie schon eingangs erwähnt, machen sich die Betreiber hier auf den Weg und probieren neue Strategien aus. Das klappt sicher nicht überall gleich gut, aber es trägt dazu bei, dass sich der Markt stabil hält. Die Zahlen, die wir für das erste Halbjahr 2017 haben, zeigen jedenfalls einen positiven Trend an.

medienpolitik.net: 2016 gingen so wenig Menschen in die Lichtspielhäuser wie seit 20 Jahren nicht mehr. Wo sehen Sie die Ursache?

Felix Bruder: Dieser Rückgang betrifft in erster Linie das Blockbuster-Kino. Deutschland hatte letztes Jahr gegen den internationalen Trend insgesamt sehr schlechte Besucherzahlen. Vielleicht lassen sich die Menschen hier ja nicht so leicht von der x-ten Fortsetzung einer Story oder einer internationalen Marketingkampagne verführen. Für den Arthouse Bereich kann ich nur sagen, dass sich Qualität auch weiterhin durchsetzt. „Toni Erdmann“, „Vor der Morgenröte“ oder „Tschick“ sind Beispiele dafür. Davon bräuchten wir viel mehr.

medienpolitik.net: Hat das „kleine“ Kino den Kampf gegen Netflix, Amazon & Co. nicht längst verloren?

Felix Bruder: Das Gegenteil ist der Fall! Alle Kinos müssen sich heute in einer riesigen Medienflut verorten. Das Besondere ist aber, wenn Kinos mehr als bloße Abspielstätten von Filmen sind. Wenn sie Orte der Kultur und des Austausches werden, wenn sie mit Rahmenprogrammen, Reihen und Sonderveranstaltungen mehr bieten, als das Internet. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass Menschen immer das Bedürfnis haben werden, sich an echten Orten zu treffen und gemeinsam etwas zu erleben.

medienpolitik.net: Die AG Kino hat auf der Filmkunstmesse unter anderem gefordert, den Kulturort Kino zu stärken. Warum? Es existiert doch bereits eine Reihe von Förderprogrammen für Kinos?

Felix Bruder: Zum einen: In Deutschland werden mittlerweile über 400 Millionen Euro für die Förderung von Filmproduktion ausgegeben. Nicht einmal 10 Prozent davon steht den Kinos zur Verfügung, die immerhin einen Großteil der so geförderten Filme spielen. Zum anderen: die Förderlandschaft ist sehr divers. Es gibt Bundesländer mit Fördermöglichkeiten aber auch solche, wo es gar nichts gibt. Wenn wir eine flächendeckende Versorgung mit Kinos in Deutschland haben wollen, brauchen wir ein konsistenteres Fördersystem. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Dichte von gewerblichen Kinos in Ländern wie Bayern, Baden-Württemberg oder NRW besonders hoch ist. Dort existieren auch bessere Förderprogramme. Wie schon gesagt: Kinos werden als Kulturorte, gerade in kleineren Städten und auf dem Land eher wichtiger. Wenn wir sehen, was sich gerade politisch in unserer Gesellschaft tut, muss es doch ein Anliegen sein, Orte zu schaffen, an denen Gemeinschaft, Austausch und Diskussion möglich wird. Damit sich das Leben der Menschen eben nicht nur im Internet, sondern auch in der Realität abspielt.

medienpolitik.net: Sie haben sich in Leipzig für ein „anreizorientiertes Programm zum Ausbau der Kinovielfalt“ sowie für einen „Zukunftsfonds zur Verbesserung der Infrastruktur der Kinos in Deutschland“ eingesetzt. Könnten Sie uns bitte Ihre zwei Forderungen erläutern?

Felix Bruder: Kino lebt vom Zusammenspiel des Raumes, seiner Infrastruktur und dem Programm und Inhalten. Was den Raum und die Infrastruktur betrifft, so sollte ein Kino natürlich, jedes in seiner Art, ein besonderes Erlebnis für den Besucher schaffen. Das betrifft Service, Komfort, Projektion und ähnliches. Darüber hinaus muss ein Kinobetreiber heute aber auch immer mehr in Sicherheits- und Brandschutzstandards investieren, den barrierefreien Ausbau forcieren und ökologisch modernisieren. All das lässt sich gerade in der Fläche kaum noch aus eigenen Mitteln finanzieren. Wenn wir aber flächendeckend Kinos haben und erhalten wollen, dann muss man sie hier unterstützen. Dazu soll der Zukunftsfonds dienen.
In Bezug auf Programm und Inhalte brauchen wir ein Anreizsystem, damit Kinos eben mehr tun, als Blockbuster abzuspielen. Ein reines Arthouse-Programm, die Gestaltung von Filmreihen, Gespräche mit Filmschaffenden, die medienpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. All das machen die Mitglieder der AG Kino – Gilde und gehen dabei oft ein hohes finanzielles Risiko ein. Aber immer mehr stellen sich die Frage, wie lange sie sich das noch leisten und vor allem mit den vorhandenen personellen Mitteln stemmen können. Wir stellen uns hier ein System nach dem Vorbild des französischen „classement art et eassai“ vor, das mit einem Punktesystem die Kinos belohnt, die sich besonders um Programmvielfalt bemühen.

medienpolitik.net: Sie richten Ihre Forderungen an den neuen Bundestag. Aber wenn das Kino auch ein Kulturort ist, müssten Sie doch die Länder auch bei der Modernisierung der Kinos stärker in die Verantwortung nehmen. Warum sind Sie hier so zurückhaltend?

Felix Bruder: Von zurückhaltend kann keine Rede sein. Der Verband und unser Vorstand setzen sich bei jeder Gelegenheit dafür ein, dass sich die Situation in den Ländern verbessert. Dafür haben wir Kontakt zu den Länderförderern und zur Politik. Mit manchen spricht man über die Weiterentwicklung von Strukturen. Anderswo, wie z.B. in Mecklenburg – Vorpommern kämpft man dafür, überhaupt irgendeine Art Fördersystem zu etablieren. Denn eines ist ja klar: ein Bundesprogramm muss natürlich durch die Länder flankiert werden, so wie es auch bei der Digitalisierung der Fall war.
Man muss es immer wieder betonen: Gewerbliche Kinos sind nicht nur für den Erfolg der geförderten deutschen Filme entscheidend. Sie sind auch ein wichtiger Standortfaktor, schaffen dauerhaft Arbeitsplätze vor Ort, beschäftigen Dienstleiser, zahlen Steuern. Insofern hat die Unterstützung von Kinos immer wirtschaftliche und kulturelle Aspekte.

medienpolitik.net: Was können die kleineren Kinos mit weniger Marketingbudget als die großen machen, um ihre potenziellen Besucher besser zu erreichen und mehr zu binden?

Felix Bruder: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es kommt auf den Standort, das Profil, die Größe, die Anzahl der Säle und viele andere Faktoren an. Die Filmkunstmesse hat viele gute Ideen sichtbar gemacht. Die Herausforderung unserer vielfältigen Branche ist, dass man diese Ideen austauscht und anderen zugänglich macht. Als Verband machen wir dazu Angebote. Aber mit Blick auf die gesamte Branche brauchen wir da noch andere Lösungen, um Kinos zu unterstützen. Ideen dazu gibt es, aber das ist dann Thema eines weiteren Interviews.

medienpolitik.net: Warum spielen soziale Netzwerke für die Kinobesitzer eine zu geringe Rolle?

Felix Bruder: Wenn ich mir die Workshops anschaue, die sich in Leipzig mit diesen Themen befassten, nehme ich etwas anderes war. Auch hier gilt: Jedes Kino ist anders und hat andere Umstände und Voraussetzungen. In Großstädten erreicht man das Publikum anders als auf dem Land. Die Frage des Zusammenspiels von Verleih und Kino wird bei diesem Thema immer wichtiger werden. Natürlich ist es auch eine Generationenfrage. Junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gehen selbstverständlicher mit sozialen Medien um. Es stört mich, wenn den Kinos immer vorgehalten wird, dass sie in der digitalen Gesellschaft zu langsam sind. Zum einen ist die deutsche Kinobranche eben kein Großkonzern, wo man mal schnell eine Abteilung für dieses Thema einrichten kann. Zum anderen gibt es auch noch eine ganze Menge „analoger“ Menschen, die nicht unerheblich zum Erfolg des Kinos und der Filme beitragen.

medienpolitik.net: Fast jeder zweite Filmkunstbesucher war 2016 über 50 Jahre – das Durchschnittsalter lag bei 47,5 Jahren, im Gesamtmarkt bei 37,8 Jahren. Haben Sie die Jugend schon aufgegeben?

Felix Bruder: Die Kinos machen unglaublich viel, um sowohl Kinder und Jugendliche, als auch ein jüngeres Zielpublikum anzusprechen. Egal ob Schulkino oder Kooperationen mit Jugendeinrichtungen, Vereinen oder sogar Universitäten. Wer regelmäßig ein Programm für Jüngere anbietet, wird damit auch im Arthouse-Bereich wahrgenommen. Leider fehlen aber häufig Filme, die ein solches Publikum als Zielgruppe ansprechen. Wenn deutsche Arthouse-Filme einen Schwerpunkt auf „Best-Ager-Themen“ legen, dann ist klar, dass sich kein Zwanzigjähriger dafür interessiert. Filme wie „Victoria“ oder „Tschick“ zeigen, dass es auch anders geht.
Als Verband haben wir in den letzten 6 Jahren mit dem Projekt „Kidsfilm – Kinder ins Kino“ in 50 lokalen Kinobündnissen durch über 500 Aktionen mehr als 50.000 Kinder und Jugendliche an das Kino herangeführt. Dabei haben sich die Kinos medienpädagogische Kompetenzen erworben, die sie auch künftig in ihre Arbeit einfließen lassen können. Mit „Kino verbindet“ haben Betreiber im letzten Jahr jugendliche Flüchtlinge eingeladen, um das Kino als Ort der Integration kennen zu lernen. Die AG Kino – Gilde ist mit Petra Rockenfeller bei der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ vertreten und bereichert dort die Stoffentwicklung durch die Sicht der Kinos. Mit Britfilms und Cinéfêfte sind über 120 Kinos in Deutschland medienpädagogischer Partner von Schulen. Wir sind aber auch mit Kultusministerien im Gespräch, weil es dringend geboten ist, das Medium Film besser in den Lehrplänen zu verankern. Wir haben weder die Jugend noch die erwachsenen Besucher aufgegeben. Alle Kinobetreiber, die ich kenne kämpfen um und für Ihr Publikum. Wir sollten deshalb bei allen Herausforderungen durchaus etwas positiver in die Zukunft blicken.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe 11/17.

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