Filmwirtschaft:

Kino braucht Zukunft – Kino ist Zukunft – Kino macht Zukunft

von am 20.12.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Kommentar, Kreativwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft:</h4>Kino braucht Zukunft – Kino ist Zukunft – Kino macht Zukunft
Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF Kino

HDF-Positionen für die Koalitionsverhandlungen 2017-2021

20.12.17 von Dr. Thomas Negele, Vorsitzender HDF-Kino

Der Ort KINO ist derzeit noch flächendeckend im Umkreis von 25 km vorhanden. Das Kino ist in der Regel die größte kommunale Versammlungsstätte – der Treffpunkt für Kultur und Kommunikation für alle Generationen. Damit ist das Kino hauptverantwortlich für den Erhalt des verbleibenden Einzelhandels und der Gastro-Szene. 2015 entfielen bei 132,833 Mio. Besuchern in Deutschland auf die Kinos in der Fläche und bei Orten bis zu 50.000 Einwohnern 44,9 Mio. – also knapp 33,8 Prozent, bei einem Anteil am Leinwandbestand von 45,3 Prozent.

Will man langfristig die Landflucht durch Dezentralisierung der Wirtschaftskraft stoppen, so ergibt sich meines Erachtens daraus die automatische Pflicht des Staates, primär dafür zu sorgen, dass die Kinoleinwände bestehen bleiben und zukunftsfähig arbeiten können. In diesem Sinne muss der Ort Kino auch in der Fläche und in den Mittelstädten das gleiche Angebot und die gleiche Qualität wie in der Großstadt bieten können. Hierzu zählen insbesondere u.a. aufgrund der notwendigen Vielfalt des Angebots eine im Verhältnis zu den möglichen Besuchern erhöhte Anzahl von Sälen, die Volldigitalisierung mit allem, was im Rahmen des Geschäftsmodells Kino dazugehört sowie die Neuinszenierung des Ortes Kino.
Die Situation der Kinos in der Fläche stellt sich wie folgt dar: Wie alle Kinos gleichen sie den Besucherrückgang mit höheren Eintrittspreisen aus. Dennoch und darüber hinaus bleiben ihnen – im Gegensatz zu den Ballungszentren – zwei gravierende Nachteile: Zum einen haben sie beim Invest die gleichen Kosten, aber weniger Besucherpotential und zum anderen den Nachteil der langjährigen Zentralisierung der Wirtschaftskraft mit der Folge der Stagnation von Einwohnerzahlen und Abwanderung zu tragen. Darum kann ohne Hilfe/Subventionen ein Invest entweder gar nicht oder in geringem Umfang stattfinden. Das wiederum entspräche nicht dem Anforderungsprofil einer Großstadt. Bei einer nicht subventionierten Investition ist der Rohertrag im Verhältnis zur Nutzungsdauer zu gering, so dass die Altlasten auf Dauer erdrückend werden.

Bedarf

Der Ort KINO bedarf ab 2018 für fünf Jahre einer zusätzlichen finanziellen Unterstützung durch die Bundesregierung in Form eines „Digitalen Standort-Kino-Entwicklungs-Fonds“ (DSKEF) für alle Kinotypen, welcher in einer bestimmten Höhe Zuschüsse zur Verfügung stellt, und zwar für den Erhalt der Kinos, zur Sicherung der Flächendeckung und für die digitale Weiterentwicklung der Idee des Ortes und des Geschäftsmodells KINO. Die Länder sollten im Rahmen des Gesamtkonzeptes miteinbezogen werden.
Im Vergleich zu anderen Kulturstätten erhalten Kinos aktuell Förderungen in Höhe von 0,48 Prozent ihres Gesamtumsatzes, Filmproduktion 33 Prozent und Opern und Theater ca. 81 Prozent.

Maßnahmen zur Zukunftssicherung und Perspektiven

Der Ort KINO: Oberste Priorität hat die Nutzung aller digitalen Funktionsmöglichkeiten des Smartphones sowie die Präsenz des Ortes KINO in den sozialen Medien und im Netz. Die voll digitalisierte Kundenansprache ermöglicht uns endlich, den Wünschen des Kunden nach Convenience, Belohnung und Erlebnis nachzukommen. Die Effizienz der Programmierung, die Auslastung der Säle, neue Preismodelle und die Ausrichtung der Produktion nach den Wünschen des Kunden werden zu zusätzlichen Kinobesuchen und Kaufimpulsen führen. Das Potential liegt bei 40 Mio. Menschen. 25 Mio. nutzen den Ort KINO derzeit. Eine deutschlandweite Ticketplattform würde ganz neue B2B- und B2C-Modelle mit erheblichem Besucherpotential generieren.
Die logische Konsequenz wäre auch der Aufbau einer kinoeigenen VoD-Plattform für die Zweitverwertung von Kinofilmen. Dies würde dementsprechend neue Kooperationen mit Amazon, TV-Sendern etc. hinsichtlich Content-Verwertung und -finanzierung mit sich bringen. Der USP (1) ist zu stärken mit Laser bzw. -LED-Projektion, kombiniert mit Sound-Lichterlebnis und 4D. Die Integration neuer Geschäftsbereiche wie Virtual Reality, E-Sport und Gaming verlangt eine architektonische Neuinszenierung des Ortes KINO im Foyer und im Saal und macht den Ort unabhängiger vom reinen Filmerlebnis.
Erste ertragssteigernde Modelle gibt es bereits. In diesem Zusammenhang und aufgrund der Zielgruppenzersplitterung und der großen Filmvielfalt werden wir bis zu 1.000 Säle „state of the art“ mit einer Kapazität von 20 bis 80 Sitzplätzen benötigen. Diese können bis zu 15 Mio. Besucher p.a. mit einem Mehrumsatz von bis zu 200 Mio. Euro generieren.

Finanzierung und Support

Durchschnittlich investieren die Kinos derzeit zwischen 70 bis 80 Mio. Euro p.a. in Modernisierung. Der Bedarf der nächsten fünf Jahre beläuft sich auf ca. 449 Mio. Euro; dies überfordert bereits jetzt etliche Kinos. Die neuen Maßnahmen würden – z.B. hinsichtlich Laser-/LED-Projektion in Verbindung mit Sound – ausgehend von 4.000 Leinwänden mal 60.000 Euro Mindestkosten – bei 280 Mio. Euro liegen. 1.000 Leinwände dürften je nach Ausstattung um die 300 Mio. Euro liegen. Für die anderen Maßnahmen liegen noch keine aussagekräftigen Kosten vor. Die Neuinvestitionen sind insbesondere von den 1.444 Mittelstandskinos (2), die rund 2/3 aller Leinwände in Deutschland ausmachen, ohne Förderung nicht zu stemmen.
Dies liegt daran, dass die Zuschauer die gleiche Qualität und Programmvielfalt wie bei Multiplexen in Großstädten erwarten, diese aber bei gleichen Kosten ein allgemein niedrigeres Besucherpotential haben und zusätzlich durch die Landflucht wirtschaftlich geschwächt sind. Ohne Hilfe wäre somit der Rohertrag im Verhältnis zur Nutzungsdauer zu gering, so dass die Altlasten auf Dauer erdrückend wären. Dieses Besucherdefizit könnte man durch einen Zuschuss ausgleichen – wie z.B. bei der digitalen Förderung bis zu 50 Prozent (im Einzelfall 80 Prozent).
Die Digitalisierungsförderung von Kriterienkinos hat gezeigt, dass ein solches Invest zu einer erheblichen Umsatzsteigerung führen kann. So wurde das Kino vom Drittel- zum nahezu 50 Prozent-Beitragszahler bei der FFA. Die Vergangenheit zeigte schon, dass die Kinoförderung ein schnelles Return of Investment mit sich bringt, durch die Steuererträge aus den Umsatzsteigerungen beim Kino wobei der Zuschussanteil voll zu versteuern ist, das Invest in die Region geht und die Ausstrahlungswirkung in der Stadt und in der Region einen erheblichen Hebel mit sich bringt, welchen wir durch eine Studie nachweisen lassen wollen. Nicht zu, vergessen die Auswirkungen auf Verleih und Produktion, Umsatz und Arbeitsplätze.

Warum der Ort KINO unverzichtbar ist

Derzeit kann jeder Einwohner im Umkreis von 25 km ein Kino erreichen. Nimmt man den Erhalt des ländlichen Lebens und Wirtschaftsraumes durch Dezentralisierung der Wirtschaftskraft ernst, so ist das Kino wohl die dezentralste Konstante im kulturellen und wirtschaftlichen Angebot unserer Republik. Wir vermitteln Bildung und halten die Orte kulturell, geistig und wirtschaftlich lebendig. Kino ist ein realer Ort und bildet den natürlichen Gegenpol zur virtuellen Digitalwelt. Was mich zu Hause zum Nerd machen kann, macht mich im Kino zum Partner. Gemeinschaft gegen Vereinsamung. Kino hat 2,1 Mrd. Gesamtumsatz und 26.000 Mitarbeiter mit erheblichem Wachstumspotential bei Durchführung der Neuinvest. Ohne die Kinos ist der Tod der FFA vorprogrammiert. Der Ort KINO macht den Film sichtbar und ist seine größte Werbeplattform. Bei uns sind alle Zielgruppen, bei uns muss keiner Angst haben, wenn er sein Kind abgibt, keine Drogen, keine Alkoholexzesse etc. Wir haben die besten Voraussetzungen, das neue Zuhause im digitalen Zeitalter zu werden.

Was passiert ohne Unterstützung

Wir reden von der größten Unterstützungshilfe des Staates. Ohne diese werden die oben genannten Vorteile in 10 Jahren verschwunden sein, denn seit 2014 erleben die Kinos einen nicht unerheblichen, wellenartigen Reichweitenverlust (3), die den digitalen Unternehmen, die im Verbrauchermarkt tätig sind, in die Hände spielen, deren Philosophie die klare Disruption gegenüber den realen Verkaufsstätten hin zur digitalen Befriedigung zu Hause ist. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den langfristigen Tod oder Aufleben des Kinos. Für den Staat gilt: „Hic Rhodus, hic salta“.

1) USP: unique selling proposition oder unique selling point – Alleinstellungsmerkmal
2) Mittelstandskino: 1 bis 6 Leinwände (zum Teil 7 bis 8) | Ticketumsätze unter 250.000 Euro p.a. pro Leinwand
3) Reichweite bedeutet die Anzahl von Einwohnern, die ins Kino gehen könnten im Verhältnis zu denen, die mindestens einmal p.a. in Kino kommen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 12/17 erstveröffentlicht.

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