Rundfunk:

„Wir brauchen klare Grenzen“

von am 04.12.2017 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Interviews, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Regulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Wir brauchen klare Grenzen“
Conrad Albert, Vorstand External Affairs & Industry Relations und General Counsel, ProSiebenSat.1 Media SE I © ProSieben Sat.1 Media SE

ProsiebenSat.1 tritt für eine budgetäre Steuerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein

04.12.17 Interview mit Conrad Albert, Vorstand External Affairs & Industry Relations, General Counsel der ProSiebenSat.1 Media SE

Ausgangsidee für einen neuen Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollte nach Meinung des ProSiebenSat.1-Vorstands Conrad Albert „die budgetäre Steuerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ sein. „Dazu“, so Albert „würde ein gesellschaftspolitischer Auftrag abstrakt definiert und zugleich ein Budget fix vorgegeben sein. Dann würden die öffentlich-rechtlichen Kollegen in der Umsetzung des Auftrags freier aber auch deutlich marktgerechter agieren können. Zugleich wäre so endlich der Weg frei, Inhalte statt Institutionen in den Fokus zu stellen.“ Conrad Albert fordert im medienpolitik.net-Gespräch auch eine „Reformkommission, die das Know-how und die Erfahrung mitbringt, die notwendigen Synergie- und Modernisierungsprozesse für ein zukunftsfähiges duales System zu erarbeiten.“

medienpolitik.net: Herr Albert, welche Relevanz hat die gegenwärtige Debatte über eine Strukturreform und einen neuen Telemedienauftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für ProSiebenSat.1?

Conrad Albert: Der Rundfunkstaatsvertrag legt die Finanzierung von Institutionen fest. Das entspricht nicht mehr dem heutigen Mediennutzungsverhalten. In unserer digitalen Medienlandschaft zählen vor allem Inhalte. Diese werden über verschiedenste Kanäle und unterschiedliche Endgeräte konsumiert: Fernsehen und Radio können auch auf dem Tablet oder Handy empfangen werden, Zeitungen werden heute verstärkt online gelesen. Diese Möglichkeiten haben unsere Mediennutzung nachhaltig verändert. Daher ist es auch längst überfällig die zugrundeliegende Regulierung anzupassen. Das Regelwerk ist antiquiert – es stammt aus der analogen Vergangenheit, aus einer Zeit ohne Internet und Handys.

medienpolitik.net: Inwieweit sind ARD und ZDF für Sie ein „subventionierter Wettbewerber“?

Conrad Albert: Öffentlich-rechtliche und Private stehen naturgemäß im Wettbewerb um die Gunst der Zuschauer und der Nutzer. Das ist auch gut und im Sinne eines dualen Systems richtig. Allerdings ist es mehr als fraglich, inwieweit ARD und ZDF den Grundversorgungsauftrag noch voll erfüllen. Welchen Mehrwert hat der Zuschauer, zwei miteinander konkurrierende TV-Anstalten zu finanzieren? Was bringt es ihm beispielsweise, dass jeweils ARD und ZDF eigene Auslandsstudios an denselben Standorten betreiben? In der freien Wirtschaft wäre ein solch ineffizienter Umgang mit Geldern wohl kaum denkbar.

medienpolitik.net: Worauf sollte sich ein neuer Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk konzentrieren?

Conrad Albert: Wir brauchen klare Grenzen. Zugleich muss der Auftrag abstrakt und eben nicht durch eine vorgegebene Anzahl von Sendern definiert werden. Die Staatskanzleien in Hamburg und Schleswig-Holstein haben hierfür bereits sehr gute Ansätze vorgestellt. Ausgangsidee ist die budgetäre Steuerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Dazu würde ein gesellschaftspolitischer Auftrag abstrakt definiert und zugleich ein Budget fix vorgegeben sein. Dann würden die öffentlich-rechtlichen Kollegen in der Umsetzung des Auftrags freier aber auch deutlich marktgerechter agieren können. Zugleich wäre so endlich der Weg frei, Inhalte statt Institutionen in den Fokus zu stellen. Dies ist auch Ziel unseres Vorschlags für eine Medienordnung 4.0. Mit unseren Programmen leisten wir schon heute einen wertvollen Beitrag zur Grundversorgung: Wir erreichen junge Menschen. Das wollen wir in Zukunft weiter ausbauen, von der öffentlichen Finanzierung sind wir Privaten aber bislang ausgenommen.

medienpolitik.net: ProSiebenSat.1 erzielt heute etwa 40 Prozent des Konzernumsatzes aus dem Digitalgeschäft,
können Ihnen die vorgesehenen Änderungen beim Telemedienauftrag überhaupt schaden?

Conrad Albert: Das ist nicht die Frage. Natürlich gibt es Graubereiche, wie etwa die nicht-sendungsbezogene Verbreitung von Inhalten im Online-Bereich, die wir nicht als wünschenswert betrachten. Die Crux ist jedoch, dass öffentlich-rechtliche Formate nicht mehr in der Gesamtheit der Gesellschaft ankommen. Daran ändert auch der digitale Aktionismus wenig. Es ist ein Fehlschluss zu glauben, dass man Formate einfach bei YouTube einstellt und schon sind die jüngeren Zielgruppen wieder dabei.

medienpolitik.net: Spielt ProSiebenSat.1 nicht längst in einer anderen – einer globalen – Medienwelt als der öffentlich-rechtliche Rundfunk?

Conrad Albert: Das ist richtig. Aber auch die Öffentlich-Rechtlichen begegnen doch den globalen Herausforderungen. Immer mehr und vor allem junge Menschen nutzen globale Internetplattformen, um sich politisch zu informieren.

medienpolitik.net: Der Entwurf des Telemedienauftrages sieht die Möglichkeit vor, Angebote auf Drittplattformen zu verbreiten, als auch eine mögliche Aufhebung der „Sendungsbezogenheit“. Inwieweit tangiert das Ihre Interessen?

Conrad Albert: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll Drittplattformen nutzen dürfen, um seine Inhalte zu verbreiten. Wir brauchen aber auch im Internet Leitplanken, die definieren, was öffentlich-rechtliches Angebot sein darf. Die Aufhebung der „Sendungsbezogenheit“ ist daher kritisch.

medienpolitik.net: Sie haben vorgeschlagen, dass sich öffentliche Finanzierung nicht länger an der Institution festmache, sondern am Inhalt. Also, dass auch private Sender einen Teil des Rundfunkbeitrages erhalten. Die Forderung ist nicht neu. Schon Georg Kofler hat sie u.a. 2004 erhoben. Weshalb glauben Sie, jetzt größere Chancen zu haben, mit Ihrer Forderung erhört zu werden?

Conrad Albert: Georg Kofler war schon immer ein Mann mit Weitblick. Außerdem haben sich die Rahmenbedingungen stark verändert. Mit unserem Vorschlag zur Medienordnung 4.0 reagieren wir auf die Forderungen und die Warnrufe aus Politik, dass sich gerade junge Menschen zunehmend in digitalen Parallelwelten bewegen.
Der User sucht im Netz Informationen und erhält Ergebnisse, die ihn in seiner Meinung bestätigen. Algorithmen verstärken wiederum die Einseitigkeit, so dass eine individuelle Echokammer entsteht. Der gemeinsame gesellschaftliche Horizont vereinzelt sich. Diese Eindimensionalität ist genau das Gegenteil von Meinungsvielfalt. Wir Medienhäuser müssen dieser Entwicklung Inhalte entgegensetzen, die die Werte unserer pluralistischen Gesellschaft stützen und gleichzeitig so modern und attraktiv sind, dass wir auch die jüngeren Zielgruppen gewinnen.

medienpolitik.net: Sie begründen Ihre Forderung damit, dass die privaten TV-Vollprogramme die Grundversorgung vor allem in jungen Segmenten de facto mitübernehmen. Aber da das eine attraktive Zielgruppe für die Werbung ist, müssten Sie das doch durch entsprechende Werbeeinnahmen kompensieren?

Conrad Albert: Es geht mir um die Frage, ob die teilweise oder gänzliche Finanzierung gesellschaftlich-erwünschter und relevanter Inhalte, die insbesondere jüngere Zielgruppen erreichen sollen, nur über die Kanäle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erfolgen kann oder soll – oder ob auch andere Wege zulässig sind. Die rechtliche Studie von Prof. Cole hat gezeigt, dass rechtlich gesehen auch diese anderen Wege möglich sind, wenn der politische Wille vorliegt. Wir kennen solche Modelle übrigens in der Filmförderung, genauso wie im Bereich des Journalismus.

medienpolitik.net: BLM-Präsident Siegfried Schneider hat vorgeschlagen, einen Teil des Rundfunkbeitrages für journalistische Projekte auszuschreiben, für die sich auch private Anbieter bewerben können. Wäre das für Sie ein Schritt in die von Ihnen angedachte Richtung?

Conrad Albert: Absolut ja. Zugleich zeigt der Vorschlag, dass der Wille nach und die Notwendigkeit von Reformen stärker ist denn je. Was nun folgen muss, sind Entscheidungen. Wir fordern eine Reformkommission, die das Know-how und die Erfahrung mitbringt, die notwendigen Synergie- und Modernisierungsprozesse für ein zukunftsfähiges duales System zu erarbeiten. Nur so wird es uns gelingen, die private und die öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft in Deutschland langfristig zu sichern. Nur so kann eine wirtschaftlich gesunde Koexistenz funktionieren, in der wir privaten Anbieter den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit Formaten, die gesellschaftlich für wertvoll erachtet werden, in seiner Informationsleistung wirkungsvoll ergänzen.

medienpolitik.net: Bei allen Problemen, die Ihnen der öffentlich-rechtliche Rundfunk bereiten kann, droht Ihnen nicht mehr Gefahr für Ihre Geschäftsmodelle durch Unternehmen im Silicon Valley, durch Amazon, Facebook und Google. Wie können Sie sich dagegen schützen?

Conrad Albert: Die Digitalisierung eröffnet uns Medienhäusern viele Chancen, sie stellt uns aber auch vor neue Herausforderungen. Diesen Wettbewerb können wir nur gemeinsam antreten. Es ist wichtig, dass der Gesetzgeber uns dabei unterstützt, die digitale Transformation zu gestalten. Strategisch gehen wir das Thema selbst an. Wir schließen Allianzen, um den hiesigen Digitalmarkt zu stärken.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 12/17 erstveröffentlicht.

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