Rundfunk:

„Wir erleben einen Niedergang der Kommunikationskultur“

von am 06.12.2017 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Interviews, Journalismus, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Wir erleben einen Niedergang der Kommunikationskultur“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

Den Abend der Bundestagswahl haben 5,3 Mio. Zuschauer im „Ersten“ verfolgt, doppelt so viele wie bei ZDF und RTL zusammen

06.12.17 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor „Das Erste“

„Wir erleben durch Digitalisierung und Globalisierung derzeit einen gesellschaftlichen Umbruch und beobachten in Teilen einen Niedergang der Kommunikationskultur. In solchen Zeiten sind Qualitätsmedien wichtiger denn je. Und da haben wir als freier, politisch und kommerziell unabhängiger, nur den Bürgern verpflichteter Rundfunk eine ganz besondere Verantwortung“, so charakterisiert Volker Herres in einem medienpolitik.net-Gespräch den Programmauftrag für das Erste. Der Programmdirektor des Ersten spricht sich dafür aus, „Zukunftsfragen unseres demokratischen Gemeinwesens kontrovers und diskussionsfreudig aufzugreifen“. Gerade angesichts der Risse in der Gesellschaft nehme die Integrationsaufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu. „An Ernsthaftigkeit fehlt es uns ja wahrlich nicht. Wir sind nicht nur ‚Das Erste‘, sondern oft auch ‚Das Ernste‘“, so Herres.

medienpolitik.net: Herr Herres, Sie haben Ihre Präsentation des Programms für 2018 vor der Werbewirtschaft mit „Alles eine Frage der Haltung – Das Erste 2017/2018“ überschrieben. Wie meinen Sie das?

Volker Herres: Ich habe in der Präsentation unsere Haltung anhand von Beispielen illustriert. Etwa bei den Verhandlungen über die Senderechte an den Olympischen Spielen. Wir haben schweren Herzens Nein gesagt zu überzogenen finanziellen Forderungen der Rechteinhaber. Wir haben Ja gesagt zu den Paralympischen Winterspielen, an denen unsere Wettbewerber nicht interessiert waren. Für uns gehören die Spiele behinderter Sportler zur olympischen Idee unbedingt dazu. Am Ende hat unsere Haltung dazu geführt, dass wir beides zeigen können – auch Live-Übertragungen und umfangreiche Übertragungen von Olympia aus Pyeongchang. Und alles für einen fairen Preis.

medienpolitik.net: „Haltung“ im werbefinanzierten Vorabendprogramm – wo ist hier bei seichter Unterhaltung Haltung gefragt?

Volker Herres: Auch Unterhaltung hat mit Haltung zu tun. Ich habe als Beispiel das Wissensquiz „Wer weiß denn sowas?“ genannt, das am Vorabend mehr als drei Millionen Zuschauer einschalten. Aus jeder Sendung gehen die Zuschauer – so hoffe ich – etwas klüger heraus. Das Quiz hat das Attribut „seicht“ nicht verdient. Oder wussten Sie, dass deutsche 10-Euro-Gedenkmünzen nur im Inland als Zahlungsmittel gelten? Oder wann Bäume im Wald mit einem H gekennzeichnet sind? Oder dass Erbsen, Bohnen und Kartoffeln beim veganen Wein zum Einsatz kommen?

medienpolitik.net: Nein, das wusste ich nicht. Aber warum betonen Sie diesen Aspekt? Ist das nicht für ein öffentlich-rechtliches Programm selbstverständlich?

Volker Herres: Es sollte nicht nur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern für jeden Einzelnen selbstverständlich sein, Haltung zu zeigen. Wir erleben durch Digitalisierung und Globalisierung derzeit einen gesellschaftlichen Umbruch und beobachten in Teilen einen Niedergang der Kommunikationskultur. In solchen Zeiten sind Qualitätsmedien wichtiger denn je. Und da haben wir als freier, politisch und kommerziell unabhängiger, nur den Bürgern verpflichteter Rundfunk eine ganz besondere Verantwortung. Die spüren wir. Und die gedenken wir auch wahrzunehmen.

medienpolitik.net: Der „Spiegel“ schrieb in seiner Titelgeschichte „Die unheimliche Macht“: „Vielleicht muss man das Ende der Konsensrepublik, das Ende der großkoalitionären Gemütlichkeit auch dem Fernsehen mehr ansehen.“ Wird Das Erste 2018 streitbarer, ungemütlicher?

Volker Herres: Das Erste zeigt auf zahlreichen Sendeplätzen politische Informationssendungen, die für die Meinungsbildung wie den gesellschaftlichen Diskurs unerlässlich sind. Streitbar sind und bleiben wir in unseren Talkformaten und politischen Magazinen, die gewiss nicht für „Gemütlichkeit“ stehen. Darüber hinaus regen Fernsehfilme und Dokumentationen immer wieder mit relevanten Themen zur öffentlichen Auseinandersetzung an. Ja, ich bin sehr dafür, die Zukunftsfragen unseres demokratischen Gemeinwesens kontrovers und diskussionsfreudig aufzugreifen, seriös, aber nie langweilig. Und wir stellen uns dabei auch gern jeder Kritik. Aber das kampagnenhafte pauschale „Bashing“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – etwa als „Staatsfunk“ – selbst in Qualitätsmedien muss aufhören. Es macht rechtes Gedankengut, unsere Journalistinnen und Journalisten seien Handlanger der Regierenden, salonfähig. Das ist diffamierend, unverantwortlich und zerstört die demokratische Kommunikationskultur.

medienpolitik.net: Von den Rissen in diesem Land sei angesichts „aufgesetzter Quizshowheiterkeit“ wenig zu spüren, schrieb der „Spiegel“. Teilen Sie diese Auffassung, dass in der Programmgestaltung ein Umdenken zu mehr ernsten und analytischen Themen und Sendungen erfolgen muss?

Volker Herres: Na ja, der Spiegel hatte auch schon gedanklich stringentere Titelgeschichten als diese. Das haben ja auch viele Ihrer Kollegen angemerkt. Gerade angesichts der Risse in der Gesellschaft nimmt unsere Integrationsaufgabe zu. Und dabei gehören zu einem Vollprogramm selbstverständlich auch Leichtigkeit und Unterhaltung. An Ernsthaftigkeit fehlt es uns ja wahrlich nicht. Wir sind nicht nur „Das Erste“, sondern oft auch „Das Ernste“.

medienpolitik.net: Ist Unterhaltung für Sie das Lockmittel, um die Zuschauer zur „Tagesschau“, zu den Magazinen oder Talkshows zu locken?

Volker Herres: Immer, wenn es wichtig wird, schauen die Menschen Das Erste. Die „Tagesschau“ ist das Informationsmedium Nummer Eins, mit oder ohne Unterhaltung im Vorfeld. Mit über 10 Millionen Zuschauern bei der 20-Uhr-Ausgabe ist sie die meistgesehene Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen – übrigens auch bei den Jüngeren. Das ist uns Freude und Ansporn zugleich. Und Unterhaltung ist kein Lockmittel, sondern Teil unseres Auftrags. Aber natürlich freuen wir uns, wenn sich das „Tatort“-Publikum nach dem Krimi nicht verabschiedet, sondern sich bei Anne Wills politischem Talk informiert.

medienpolitik.net: Sie haben Anfang des Jahres auf der Programmpressekonferenz in Hamburg gesagt, das Jahr 2017 werde das Jahr der Information für Das Erste. Ist es das geworden?

Volker Herres: Ja klar, denken Sie nur an unsere umfangreiche Wahlberichterstattung mit zahlreichen Talks, Reportagen, Dokumentationen und Hintergrundberichten oder an die Brennpunkte und Sondersendungen aus aktuellem Anlass – beispielsweise dem G20-Gipfel in Hamburg oder den Enthüllungen um die „Paradise Papers“.

medienpolitik.net: Inwieweit haben die Zuschauer das honoriert?

Volker Herres: Sie haben diese Angebote zahlreich genutzt. Die Dokumentation über die „Paradise Papers“ sahen 4,1 Millionen Menschen. Und uns wurde die qualitativ beste Wahlberichterstattung aller deutschen Fernsehsender bescheinigt: So das Ergebnis einer gemeinsamen Umfrage von ARD und ZDF unter 1200 repräsentativ ausgewählten Wahlbürgern. Den Abend der Bundestagswahl haben 5,3 Mio. Zuschauer im Ersten verfolgt, doppelt so viele Zuschauer wie bei ZDF und RTL zusammen.

medienpolitik.net: Welches war bisher im Jahr 2017 die meistgesehene Informationssendung?

Volker Herres: Abgesehen von der Hauptausgabe der „Tagesschau“ war dies das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz: 9,33 Millionen Zuschauer haben sich bei uns im Ersten informiert, das entspricht einem Marktanteil von 26,5 Prozent.

medienpolitik.net: 2018 wird es weniger politische Höhepunkte geben. Wird sich der Informationsanteil wieder verringern?

Volker Herres: Wenn ich mir die Neusortierung von Regierung und Opposition im Bund und die Weltlage anschaue, glaube ich nicht, dass 2018 ein weniger politisches Jahr wird. Und dann stehen 2018 die Landtagswahlen in Bayern und Hessen an, worüber wir ausführlich berichten werden. Aber im Vergleich zum Super-Wahljahr 2017 wird die Wahlberichterstattung im nächsten Jahr logischerweise weniger umfangreich ausfallen. Jenseits dessen wird sich der Informationsanteil im Ersten aber garantiert nicht verringern.

medienpolitik.net: Der Chef der Staatskanzlei Sachsen-Anhalts Rainer Robra ist mit der Forderung hervorgetreten, Das Erste müsse mehr das Regionale widerspiegeln, das ZDF das Nationale. Warum gibt es so wenig regionale Informationen im Ersten?

Volker Herres: Das Erste ist als Vollprogramm der föderal organisierten ARD sicher stärker in den Regionen unseres Landes verwurzelt als es ein zentral angesiedelter Sender sein kann. Das „Morgenmagazin“ kommt aus Köln, das „Mittagsmagazin“ demnächst aus Berlin, „Brisant“ aus Leipzig. Die politischen Magazine, „Plusminus“ und „ttt“ werden im Wechsel von mehreren Landesrundfunkanstalten produziert. Wir berichten in unseren aktuellen Sendungen Tag für Tag mit Zulieferungen aus den Landesrundfunkanstalten aus allen Teilen Deutschlands. Wir sind mit unseren Reportern in Landesfunkhäusern und Regionalstudios vor Ort. Selbst das Fiktionale – siehe „Tatort“ oder Vorabendserien – ist bei uns regional verortet. Aber Das Erste hat – anders als die Dritten – einen Programmauftrag für ganz Deutschland. Deshalb wird vor allem das aus den Regionen berichtet, was von nationalem Interesse ist.

medienpolitik.net: Aber wäre nicht am Nachmittag Platz für ein Regionalmagazin?

Volker Herres: Aktuelle Berichterstattung aus den Regionen ist die Domäne der Dritten Programme der ARD, die im Übrigen auch alle bundesweit zu empfangen sind.

medienpolitik.net: Oft tauchen die Bundesländer nur mit negativen Schlagzeilen, z.B. über rechte Randale, in der „Tagesschau“ auf. Ist da nicht die Forderung Robras verständlich?

Volker Herres: Dass Nachrichtensendungen sich im Inland wie im Ausland eher mit kritischen Ereignissen und Entwicklungen befassen, liegt in der Natur der Sache. Aber wenn etwas von nationalem Interesse ist – gleich ob positiver oder negativer Natur – wird es sich auch in unseren aktuellen Sendungen wiederfinden.

medienpolitik.net: Aber wie kann es ein Land wie Sachsen-Anhalt schaffen, dass nicht nur die Zuschauer des MDR erfahren, was sich im Land zwischen Saale und Harz auch an Positivem entwickelt?

Volker Herres: Wir beobachten die Entwicklungen in allen Bundesländern – alten wie neuen – und berichten über Licht und Schatten gleichermaßen und in Reportagen, Dokumentationen und Magazinen auch weit über das Tagesgeschehen hinaus. Wir erleben derzeit aber in Teilen der Gesellschaft ein Auseinanderdriften und müssen deshalb noch genauer hinsehen, zuhören und Ursachen ergründen und Zusammenhänge erklären.

medienpolitik.net: Robra schlug auch vor, die „Tagesschau“ regionaler zu gestalten und vielleicht auf 20 Minuten zu verlängern. Die 5 Minuten ließen sich doch bestimmt im Verlauf des Abends wieder rausholen?
Jeder kann natürlich Programmvorschläge machen. Aber ich glaube, der Erfolg und das Vertrauen, das die „Tagesschau“ in der Bevölkerung genießt, gibt den Machern Recht. Ich finde, sie ist bei der Chefredaktion von „ARD-aktuell“ in besten Händen.

medienpolitik.net: Machen Sie sich um die Zukunft der „Tagesschau“ jetzt Sorgen?

Volker Herres: Nein, überhaupt nicht! Sie ist heute erfolgreicher denn je.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 12/17 erstveröffentlicht.

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