Medienwissenschaft:

„Es besteht eine Art Algorithmen-Vertrauen“

von am 17.01.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Medienwissenschaft:</h4> „Es besteht eine Art Algorithmen-Vertrauen“
Prof. Dr. Wolfgang Schweiger, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft Universität Hohenheim

Ein Teil der Bevölkerung hält Algorithmen im Gegensatz zu Journalisten für neutral

17.01.18 Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Schweiger, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, Universität Hohenheim

Algorithmen spielen eine immer größere Rolle, auch bei der Meinungsbildung im Internet. Früher waren die journalistischen Quellen für das Meinungsklima im Land verantwortlich. Heute nutzen 25 Prozent der Gesamtbevölkerung algorithmisch personalisierte Nachrichtenkanäle. Journalistische Quellen werden immer weniger angeklickt und haben es schwer im Internet. „Glaubwürdigkeit von Urhebern scheint für Social Media-Nutzer eine nachgeordnete Rolle zu spielen“, so Prof. Dr. Wolfgang Schweiger von der Universität Hohenheim. „Wichtiger ist die Glaubwürdigkeit der Vermittler, also der Kontakte, über die man eine Nachricht weitergeleitet bekommt. So kommt es zu der paradoxen Situation, das Social Media-Nutzer Inhalten fragwürdiger Quellen vertrauen, weil sie diese von Freunden bekommen haben, denen sie vertrauen.“

medienpolitik.net: Herr Schweiger, es herrscht unter Kommunikationswissenschaftlern inzwischen darüber Einigkeit, dass soziale Netzwerke die Meinungsbildung verändern. Wie stark verändern sie die Meinungsbildung?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Das ist im Augenblick schwer zu sagen. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, von den ich zwei hervorheben möchte: Wie stark führen erstens Filterblasen zu einer einseitigen Informiertheit von Bürgern? Wie stark also engen die Algorithmen von sozialen Netzwerken, aber auch Suchmaschinen usw. die individuellen Kontakte mit politischen Informationen und Meinungsäußerungen auf meinungskonsonante Aussagen ein? Zweitens: Wie hoch ist der Anteil algorithmisch personalisierter Nachrichtenkanäle an der gesamten Nachrichtennutzung online und offline? Je stärker beide Effekte sind, desto verzerrter ist die individuelle Informiertheit und desto wahrscheinlicher ist eine weitere Polarisierung der Gesellschaft.

medienpolitik.net: Wie nachhaltig können sie Meinungen verändern, wenn die Glaubwürdigkeit relativ gering ist?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Die Glaubwürdigkeit der sozialen Netzwerke spielt keine große Rolle. Denn sie sind ja nur die technischen Plattformen, über die Inhalte von unterschiedlich glaubwürdigen Urhebern verbreitet werden. Interessanterweise scheint die Glaubwürdigkeit von Urhebern für Social Media-Nutzer allerdings eine nachgeordnete Rolle zu spielen. Wichtiger ist die Glaubwürdigkeit der Vermittler, also der Kontakte, über die man eine Nachricht weitergeleitet bekommt. So kommt es zu der paradoxen Situation, das Social Media-Nutzer Inhalten fragwürdiger Quellen vertrauen, weil sie diese von Freunden bekommen haben, denen sie vertrauen.

medienpolitik.net: Aber sind denn die Freunde, die Vermittler „automatisch“ glaubwürdig…

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Ich vermute, dass es in Teilen der Bevölkerung mittlerweile eine Art Algorithmen-Vertrauen gibt. Während man dem Journalismus vorwirft, mit Politikern und anderen Eliten unter einer Decke zu stecken und die Bürger manipulieren zu wollen, gelten Algorithmen als neutral in dem Sinne, dass sie keine politische Meinung unterstützen. Das sind Algorithmen wohl auch, solange die großen Plattformen keine eigenen politischen Interessen verfolgen. Was aber übersehen wird, ist, dass Algorithmen unter bestimmten Bedingungen zu einer Überrepräsentation von Themen, Argumenten und Meinungen führen können, die in einer kleinen Gruppe bestehen, so dass es zu einer verzerrten Wahrnehmung in dieser Gruppe selbst kommt, die sich aber unter bestimmten Bedingungen auf die gesamte Gesellschaft ausbreiten kann.

medienpolitik.net: Warum haben es journalistische Quellen in sozialen Netzwerken schwer, sich mit politischen Themen durchzusetzen? Das politische Interesse ist doch nicht geringer geworden?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Die Algorithmen sozialer Netzwerke zeigen Nutzern in allererster Linie Inhalte, die sie interessieren und zu aktiven Reaktionen wie Likes, Kommenare oder Shares verleiten. In dieser Hinsicht sind wahre, objektive und ausgewogene Nachrichten über politische Themen im Nachteil. Sie sind oft nur bedingt interessant und werden selten geliked oder weitergeleitet usw. Entsprechend sind journalistische Quellen gezwungen, in sozialen Netzwerken hauptsächlich meinungsstarke und boulevardeske Beiträge zu posten. Sonst werden ihre Posts den Fans bald nicht mehr angezeigt. Das ist im Grunde dasselbe wie bei Boulevardzeitungen: Auch hier kreist alles um Promis, Lifestyle, Kurioses und Aufreger-Themen.

medienpolitik.net: Wird die Wirkung sozialer Netzwerke und damit auch die Wirkung von Fake News dadurch gesteigert, dass klassische Medienhäuser ihren Content auch dort verbreiten?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Ja, denn gerade junge Menschen informieren sich mittlerweile zu einem großen Anteil über soziale Netzwerke, weil sie meinen, dass die klassischen Medien dort mit ihren ‚besten’ und ‚relevantesten’ Beiträgen vertreten sind.

medienpolitik.net: Können klassische Medien dadurch wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Ich glaube eher das Gegenteil. Denn in sozialen Netzwerken fällt es Nutzern noch schwerer, journalistische Medien von anderen Quellen zu unterscheiden, von denen manche auch Fake News verbreiten. Es ist deshalb denkbar, dass sich Bürger öfter mal über fragwürdige oder extreme Nachrichten wundern und irrtümlich denken, diese seien journalistischen Ursprungs.

medienpolitik.net: Wie kann es seriösen journalistischen Quellen gelingen, über soziale Netzwerke wieder mehr Einfluss auf die Meinungsbildung zu bekommen?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Unter den derzeitigen Bedingungen eigentlich nur, indem sie eine erfolgreiche Gratwanderung zwischen den meist emotionalen und boulevardesken Nutzerinteressen einerseits und Gesellschaftsrelevanz andererseits hinbekommen, ohne ihren journalistischen Anspruch zu vernachlässigen. Und indem sie weniger nüchtern und neutral berichten und mehr Stellung beziehen und Hintergründe erklären, wie das gerade junge Bürger fordern. Dass Beides fast die Quadratur des Kreises bedeutet, sieht man derzeit an der Kritik an Bento oder Z.ett, den Angeboten von Spiegel und Zeit für jüngere Zielgruppen.

medienpolitik.net: Algorithmen und Bots spielen eine immer größere Rolle bei der Meinungsbildung im Internet. Das ist seit längerem bekannt. Warum werden die Nutzer nicht misstrauischer?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Ja, weil Algorithmen eben eine Auswahl und Sortierung von Beiträgen versprechen, die sich rein an den Interessen der Nutzer orientieren, und ansonsten als neutral gelten. Und weil wohl nur wenige Nutzer die Funktionsweisen und Effekte von Algorithmen und Bots wirklich verstehen bzw. sich ihrer bewusst sind.

medienpolitik.net: Stärkt oder schwächt dieser Automatismus der Informationsgenerierung die Glaubwürdigkeit sozialer Netzwerke?

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger: Zumindest Bots können zu einer Gefahr für sozialer Netzwerke werden, weil sie verzerrte Meinungsverhältnisse widerspiegeln und Nutzer in die Irre führen können. Ich persönlich glaube aber, die Plattformen zumindest in den nächsten Jahren Bots im eigenen Interesse recht erfolgreich bekämpfen und verhindern können.

Das Interview wurde in der promedia-Ausgabe 01/18 erstveröffentlicht.

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