Rundfunk:

„Die größte Herausforderung in der Geschichte der ARD“

von am 04.01.2018 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienpolitik, Medienregulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Die größte Herausforderung in der Geschichte der ARD“
Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des MDR © MDR/Marco Prosch

Karola Wille zieht eine insgesamt positive Bilanz ihres zweijährigen ARD-Vorsitzes

05.01.18 Interview mit Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin

Als Karola Wille im Januar 2016 den ARD-Vorsitz übernahm, betonte Sie, dass sich die Gesellschaft, aber auch die klassischen Medien „in bewegenden“ Zeiten befänden. Die Zeiten sind für die ARD nicht ruhiger geworden, im Gegenteil. Ein Teil der Presse wirft dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk schlechte Qualität vor und präferieren einen massiven Programmabbau. Konservative Kreise, mit der AfD an der Spitze, fordern die Zerschlagung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch die Strukturreform und der neue Telemedienauftrag gestalten sich schwierig. Das alles liegt sicher nicht an der ARD-Vorsitzenden. Sie hat mit ihrem Konzept eines „crossmedialen integrierten föderalen Medienverbundes“ die richtige Strategie verfolgt, aber dieser Prozess erfordert Jahre und ist zu spät eingeleitet worden, auch weil einige in der ARD den Ernst der Lage verkannt haben. Die Politik hat zu Recht eine Strukturreform angemahnt, ohne jedoch das Entscheidende, den Auftrag vorher, zu bestimmen. So wird jetzt um Euros gerungen, statt um Werte, Verantwortung und Verpflichtung.

medienpolitik.net: Frau Wille, nach über einem Jahr intensiven Rechnens, Nachdenkens und Beratens, hatten Sie am 29. September die Reformvorschläge der ARD den Ländern übergeben. Unisono haben alle Länder das zwar als Schritt in die richtige Richtung bewertet, aber gleichzeitig betont, dass es nicht ausreiche. Was können Sie noch draufpacken?

Prof. Dr. Karola Wille: In den nächsten Schritten geht es darum, dass sich die KEF unsere Reformvorhaben im Detail anschaut und bewertet. Wir haben bereits zahlreiche große Projekte wie beispielsweise die IT-Strategie oder crossmediale Korrespondentenbüros in Angriff genommen und werden konsequent die weiteren Schritte gehen. Die Maßnahmen zur zukünftigen IT-Landschaft der ARD-Anstalten werden auch von der KEF ausdrücklich begrüßt. Auf dem Weg zu unserem crossmedialen und strukturell integrierten föderalen Medienverbund werden sich noch weitere Effizienzmaßnahmen zeigen. Der crossmediale Umbau der ARD und der einzelnen Landesrundfunkanstalten ist ein tiefgreifender Veränderungsprozess, der viele Jahre in Anspruch nehmen wird.

medienpolitik.net: Einige Länder wollen den Beitrag ab 2021 möglichst stabil halten. Ihre Vorschläge zielen aber auf den Zeitraum bis 2028. Ist das eine Mogelpackung, die für den nächsten Zeitraum noch nicht viel bringt?

Prof. Dr. Karola Wille: Nein. Viele der jetzt in Angriff genommenen Projekte sind langfristig angelegt und in einem Vierjahreszeitraum nicht zu schaffen. Es handelt es sich um tiefgreifende Reformen in einem föderalen Verbund, für die der Zeitraum bis 2028 schon anspruchsvoll ist. Dabei wissen wir uns übrigens mit Deutschlandradio und ZDF einig, mit denen wir ja bei vielen Projekten eng zusammenarbeiten. Angesichts der digitalen Transformation, die wir, wie auch alle anderen Medienhäuser, bewältigen müssen, sind die Veränderungsprozesse ohnehin dauerhaft und erfordern von uns Agilität und Innovationskraft.

medienpolitik.net: Sie haben immer wieder betont, am Programm nicht sparen zu können und nicht zu wollen. Nun gibt es von einigen Ländern den Vorschlag, anstelle von Tagesschau.de, ZDFinfo und Phoenix einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal, bzw. eine Online-Plattform zu schaffen. Wäre das nicht letztlich in Ihrem Sinn?
Prof. Dr. Karola Wille: Den Vorschlag eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanals haben wir schon in den 90-er Jahren auf den Tisch gelegt. Die Länder haben sich damals dagegen entschieden, um den Start privater Nachrichtenkanäle nicht zu beeinträchtigen und stattdessen den gemeinsamen Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix von ARD und ZDF beauftragt.

medienpolitik.net: Der neue Telemedienauftrag soll kostenneutral umgesetzt werden, auch die längeren Einstellfristen. Wie kann das realisiert werden?

Prof. Dr. Karola Wille: Ein zeitgemäß fortentwickelter Telemedienauftrag braucht in der Umsetzung natürlich Ressourcen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben mit der Implementierung von „funk“ gezeigt, dass sogar dieses neue Angebot sehr erfolgreich an den Start gehen konnte, ohne das zusätzliche Beitragsmittel eingesetzt wurden. Der Etat von „funk“ beruht auf Umschichtungen aus dem linearen Bereich. Der Mitteldeutsche Rundfunk hat in den vergangenen Jahren sowohl das Drei-Stufen-Test Verfahren für MDR de als auch jenes für KiKA.de durchlaufen. Bei beiden Angeboten ist eine deutliche Steigerung des Telemedienetats im Ergebnis der Drei-Stufen-Tests möglich. Auch hier werden sukzessive Mittel der Programmbereiche aus den linearen Angeboten in die non-linearen Angebote umgeschichtet. Wichtig ist hierbei, die technologischen Chancen des digitalen Wandels konsequent für Effizienzgewinne zu nutzen.

medienpolitik.net: Werden Sie sich wegen einer entsprechenden Vergütung bei längeren Einstellfristen mit den Produzenten schnell wieder zusammensetzen?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir sind hierzu bereits in Gesprächen und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in der bewährt konstruktiven Art gemeinsam mit den Produzenten zu guten Lösungen kommen. Ziel ist es, bei Auftragsproduktionen auch bei längeren Verweildauern die Werthaltigkeit der Rechte zu garantieren.

medienpolitik.net: Die „Presseähnlichkeit“ ist eines der Streitthemen beim Telemedienauftrag. Warum beschreitet die ARD nicht den Weg des ZDF, wie jetzt beim Relaunch von heute.de: Mehr Videos, weniger und kürzere Texte?

Prof. Dr. Karola Wille: Soweit uns Texte rundfunkrechtlich erlaubt sind, stehen die Interessen der Nutzer und die jeweilige Nutzungssituation im Mittelpunkt. Nehmen Sie nur einmal die brandneue und bereits erfolgreiche ARD-Audiothek. Sie bietet die besten Radiosendungen aus Journalismus und Kultur an. Texte sind bei diesem Angebot nahezu nicht vorhanden und dienen lediglich der kurzen Erläuterung des Inhalts. Wenn es aber darum geht, mobil auf dem Laufenden zu bleiben, ist die Textform neben Videos und Audios für die Nutzer wichtig Allerdings bilden wir auch im Nachrichtenbereich keine Presse ab.

medienpolitik.net: War es aus heutiger Sicht falsch, die Gespräche mit den Verlegern abgebrochen zu haben?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Gespräche zwischen den Verlegern und den Rundfunkanstalten sind nie abgebrochen. Tatsächlich bestehen zahlreiche Kooperationen auch auf regionaler Ebene. Dies reicht von Kooperationen im Content- bis hin zum Recherchebereich. Und diese Kooperationen sind und bleiben wichtig, denn wir sind mit den Verlegern publizistisch und gesellschaftspolitisch in einer Verantwortungsgemeinschaft. Die großen internationalen Plattformen haben mit ihrer unerbittlichen Netzwerklogik eine bisher nie gekannte Wirkmacht erreicht. Hier sind wir natürliche Verbündete und sollten und müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen und Antworten im Interesse unseres offenen demokratischen Diskurses auch in den neuen Kommunikationsräumen finden. Deshalb dürfen wir den Gesprächsfaden auch auf Verbandsebene nicht abreißen lassen und die gemeinsamen Interessen in den Mittelpunkt stellen. Vorstellbar sind viele Themen zur Sicherung des Qualitätsjournalismus im Internetzeitalter. Beispielsweise innovative, gemeinsame Projekte als auch die Stärkung der Medienkompetenz. Auch die Unterstützung beim Leistungsschutzrecht gehört dazu. Im Übrigen müssen wir uns alle der Tatsache stellen, dass Onlinejournalismus eine Kombination aus Bildern, Texten, Audios bzw. Videos ist. In strittigen Fragen könnte ein institutionalisiertes Verfahren helfen, um eine wechselseitige Rücksichtnahme zu garantieren.

medienpolitik.net: Sie hatten sich vor zwei Jahren als ein Ziel gesetzt: „Eine stärker individualisierte Mediathekenwelt 2.0“. Einzig der BR hat vor wenigen Wochen eine solche Mediathek auf den Weg gebracht…

Prof. Dr. Karola Wille: In den vergangenen zwei Jahren ist auf diesem Feld viel passiert – zunächst im Hintergrund. Oberste Prämisse war für uns die Zusammenarbeit aller Häuser auf allen Ebenen. Und die dafür notwendigen Abstimmungsprozesse brauchen eben ihre Zeit. Aber das liegt jetzt hinter uns. Der erste große sichtbare Schritt war Anfang November der Start der ARD Audiothek, eine Zusammenarbeit von ARD.de, dem Bayerischen Rundfunk und Radio Bremen. Im kommenden Jahr freuen wir uns alle auf die neue Generation der ARD Mediathek. Unsere Nutzer können gespannt sein auf das moderne Design und vielen neue Funktionen. Für alle Kinder gibt es Anfang des Jahres die neue Kinder-Mediathek von KiKA, ARD und ZDF. Die größte Weiterentwicklung hat jedoch aus meiner Sicht unter der Oberfläche stattgefunden. Alle neuen Digitalen Produkte werden auf einer gemeinsamen technischen ARD-Infrastruktur betrieben, die alle Häuser nutzen können. Damit schließt sich für mich der Kreis zur ARD-Strukturreform: Wir kooperieren überall dort, wo wir dadurch besser und effizienter werden.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie den Hauptnutzen aus dem neuen Telemedienauftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir brauchen einen zeitgemäßen Telemedienauftrag. Seit der Beauftragung 2009 hat sich die digitale Welt deutlich weiterentwickelt und mit ihr die Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen bei der Nutzung von Medien. Unsere Nutzer können z. B. nicht nachvollziehen, dass wir Videos und Audios zu Sportveranstaltungen nach 24 Stunden aus der Mediathek nehmen müssen. Besonders viele Proteste gab es in diesem Zusammenhang bei Olympischen Spielen. Auch für gekaufte Filme und Serien gibt es Restriktionen, die nicht zeitgemäß sind. Der Unmut ist längst auch bei der Politik angekommen, und viele Verbände und Organisationen verlangen eine Regelung, die der Natur des Netzes entspricht. Selbstverständlich müssen auch die Interessen unserer Kreativen berücksichtigt und in einen fairen und guten Ausgleich gebracht werden. Dazu dienen unsere gegenwärtigen Gespräche mit den Produzenten.

medienpolitik.net: Sie haben gesagt, die ARD wird sich zu einem „föderalen, integrierten Medienverbund“ entwickeln. Wie weit ist die ARD beim „integrierten Medienverbund“?

Prof. Dr. Karola Wille: Diese Transformation ist die größte Herausforderung in der Geschichte der ARD. In allen Landesrundfunkanstalten haben die Häuser mit der crossmedialen Aufstellung begonnen und stellen sich nicht mehr nach Ausspielwegen, sondern nach thematischen Inhalten auf. Das variiert natürlich von Haus zu Haus, weil die einzelnen Landesrundfunkanstalten auch unter jeweils unterschiedlichen Bedingungen gestartet sind. Auch bei den Gemeinschaftsangeboten müssen wir innerhalb der ARD die mediengattungsübergreifende Zusammenarbeit verstärken. Bei der Vernetzung von Inlands- und Auslandsstudios sind wir bereits auf einem guten Weg.

medienpolitik.net: Zu Ihren Fragen, die Sie vor zwei Jahren gestellt haben, gehört auch: „Bilden wir noch die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt ab?“. Wie fällt die Antwort heute aus?

Prof. Dr. Karola Wille: Es ist unsere Aufgabe und unser Ziel, die Gesellschaft in all ihren Facetten abzubilden – und zu erreichen. Dies ist angesichts der zunehmenden Fragmentierung und der Teilöffentlichkeiten eine große Herausforderung, die wir sicher noch systematischer und nachhaltiger angehen müssen. Allerdings ist dies von der Frage zu trennen, ob bestimmten Kreisen gefällt, was sie dort sehen – auch über sich. Doch wir sind nicht dazu da, einzelnen Menschen oder Gruppen ein Sprachrohr zu bieten oder ihre Interessen zu bedienen, sondern mit unserem freien Rundfunk die Diskussion mit und in der gesamten Gesellschaft zu führen und zu organisieren. Dies erfordert Einordnung und Orientierung zu geben – und zwar nach professionellen journalistischen Kriterien.

medienpolitik.net: Die Debatte um die Strukturreform zeigt anscheinend, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Gesellschaft an Akzeptanz verliert. Ein Phänomen, das auch in anderen europäischen Ländern festzustellen ist. Wo sehen Sie vor allem die Ursache?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Debatten um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa haben sicherlich vielfältige Ursachen. Diese reichen von populistischen Strömungen, über neoliberale Entwicklungen bis hin zum Kampf um die Kommunikationsordnung in der Welt des Internets. Ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist in diesen Zeiten für das Funktionieren demokratischer Prozesse und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtiger denn je. Allerdings müssen wir unseren gesellschaftlichen und individuellen Wert offensiver und nachhaltiger vermitteln. Daran arbeiten wir – nehmen Sie die Aktion „Programmmacher“ beim MDR, mit der wir äußerst positive Erfahrungen machen. Wie ich bereits in meinen Leitgedanken bei der Übernahme des ARD-Vorsitzes skizziert hatte gehört aber auch dazu, die Lebenswirklichkeit der Menschen genauer abzubilden und zu reflektieren. Vielfalt bedeutet Vielfalt an Themen, Akteuren, Meinungen – und zwar in allen Bereichen: Information, Kultur und Unterhaltung. Hierzu sind wir als ARD mit unserer föderalen Aufstellung am besten in der Lage: Nahe bei den Menschen für sie da zu sein. Dabei müssen wir immer wieder selbstkritisch überprüfen, ob wir relevant sind und differenziert und differenzierend die Lebenswirklichkeit abbilden. Das Vertrauen insgesamt in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist allerdings auf hohem Niveau konstant.

medienpolitik.net: Reicht es aus, mit einem bisschen Mehr an Transparenz, mit Appellen an mehr Qualitätsprogramme oder vielen Faktencheckern gegenzuhalten?

Prof. Dr. Karola Wille: Wenn Sie die gesamten Anstrengungen der ARD in den einzelnen Landesrundfunkanstalten, bei der Degeto, bei ARD aktuell und allen anderen Akteuren innerhalb unseres föderalen Medienverbunds anschauen, kommt da doch mehr heraus als nur ein bisschen. Wir erreichen mit unseren Fernsehkanälen wöchentlich 71 Prozent der gesamten Bevölkerung und täglich 37 Prozent der Menschen über unserer Radioprogramme. Hierzu kommen unsere Onlinenutzer. Uns geht es auch um Nachhaltigkeit: Wir bauen die Transparenz sukzessive aus, wie jeder auf ard.de quasi live nachverfolgen kann. Wenn Sie Fakten über die ARD wissen wollen – von der Verwendung der uns anvertrauten Mittel, über Programmprofile und Studien zur Glaubwürdigkeit bis hin zu Maßnahmen der Medienkompetenz kann ich Ihnen nur empfehlen, sich erst einmal dort zu orientieren. Der Faktenfinder – ursprünglich als Begleitung zur letzten Bundestagswahl gedacht – ist gerade von den Intendantinnen und Intendanten verlängert, weil er sich als wichtiger Baustein in unserem Ziel erwiesen hat, Menschen Orientierung zu bieten und sie zu befähigen, selbst die Vertrauenswürdigkeit von Quellen einzuschätzen. Und wenn Sie bei den einschlägigen Qualitätsmessern wie zum Beispiel dem Grimme-Preis und anderen Medienpreisen nachsehen, finden Sie die ARD ganz vorn.

medienpolitik.net: Nicht nur Rainer Robra, auch andere Medienpolitiker aus den Ländern fordern mehr regionale Berichterstattung, vor allem in den Dritten. Ist das nicht auch ein Weg, die Akzeptanz zu erhöhen?

Prof. Dr. Karola Wille: Wenn ich Minister Robra richtig verstanden habe, fordert er eine vielfältigere Präsenz der deutschen Regionen auch in der nationalen Berichterstattung. Die ARD ist dank ihrer föderalen Struktur tief in den Bundesländern verankert. Wir können regionale Themen von bundesweiter Bedeutung sehr gut darstellen. Dazu gehört, dass die Landesrundfunkanstalten und ihr Gemeinschaftsprogramm DAS ERSTE immer wieder dafür Sorge tragen müssen, allen Regionen auch auf nationaler Ebene eine publizistische Stimme zu geben und damit auch zum kulturellen Miteinander in unserem Land beizutragen. Deshalb hatte ich in meinen Leitgedanken betont, dass für unsere Glaubwürdigkeit auch eine wirklichkeitsgetreue Darstellung aller Bereiche Ostdeutschlands gehört. Auch dies fördert die innere Einheit Deutschlands.

medienpolitik.net: Warum werden die Dritten nicht zu 100 Prozent Regionalprogramme, also ohne „Tatort“-Wiederholungen?

Prof. Dr. Karola Wille: Die „Tatorte“ spiegeln doch eine ganze Menge Regionalität wider und sind damit auch Ausdruck der Vielfalt im ARD-Verbund. Außerdem sagt uns die Realität leider, dass für 100%ige Erstsendungen ohne Wiederholungen weder im Ersten noch im Regionalen finanziell genügend Spielraum ist. Im Regionalen liegt viel Potential, im MDR-Fernsehen sind wir zu über 80 Prozent regional unterwegs und haben die regionalen, informierenden Sendungen in den vergangenen Jahren ausgeweitet. Und unsere Zuschauerinnen und Zuschauer haben das in erfreulichem Maße honoriert.

medienpolitik.net: Sie sind „auch“ MDR-Intendantin. Der MDR wurde in diesem Jahr 25 Jahre alt. Was ist für Sie die größte Leistung des MDR?

Prof. Dr. Karola Wille: Einen Beitrag zur Bewältigung eines der tiefgreifendsten Transformationsprozesse in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands geleistet zu haben. Der MDR hat die Menschen in einer Zeit umstürzender Erfahrungen begleitet und hat ihnen eine mediale Heimat gegeben. Die neu gewonnene Medienfreiheit war eine wertvolle Chance und zugleich eine große Verantwortung für einen jungen, aus den Erfahrungen der Zeitgeschichte gegründeten, freien und unabhängigen Sender. Dass z. B. der MDR mehr als ein Vierteljahrhundert danach noch immer das beliebteste Regionalprogramm im ARD-Verbund veranstaltet, spricht dafür, dass wir in all den Jahren vieles richtig gemacht haben. Die Menschen in diesem Teil Deutschlands brauchten eine starke publizistische Stimme, wir haben versucht, sie ihnen zu geben. Es ist aber längst noch nicht alles erreicht. Es gibt noch zu viele Unwuchten zwischen den west- und den ostdeutschen Zivilgesellschaften, die Folgen vieler gebrochener Biografien sind noch nicht überwunden.

medienpolitik.net: Und wie geht es jetzt weiter? Welche Aufgaben sehen Sie bei dieser größten und einzigen ostdeutschen ARD-Anstalt jetzt als vordringlich an?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir werden weiter mit publizistischen Mitteln gegen die Fliehkräfte einer auseinanderdriftenden Gesellschaft arbeiten. Wir schaffen die Plattformen für alle, die den Dialog und den Ausgleich suchen. Es gibt hier wie dort Zerrbilder der Gesellschaft, befeuert durch Fake News und Filterblasen. Dagegen müssen wir gesellschaftlich Verbindendes, einen transparenten, verantwortungsvollen und nachvollziehbaren Journalismus setzen. Gerade dieser Tage haben wir mit Unterstützung der Gremien den Entwicklungsplan „MDR4“ auf den Weg gebracht. Dieser Plan ist unser Kompass für die nächsten vier Jahre, seine Zielsetzungen sind von Kontinuität und steter Anpassung an die Veränderungen des Wettbewerbsumfeldes geprägt. Der Entwicklungsplan enthält die relevanten Antworten, wie wir auch in Zukunft verlässlich bleiben und der publizistischen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht werden wollen und wie sich der MDR dafür weiter verändern will. Dabei bleiben die Regionalität und der Anspruch an die Exzellenz aller unserer Angebote in unserer Zukunftsplanung fest verankert. In einer konvergenten Welt – man spricht ja schon von Medien 4.0 – ist ständiger Wandel der neue Status Quo. Im Interesse unserer Zuschauer, Hörer und Nutzer werden wir den crossmedialen Umbau des Multimediahauses konsequent weiter vorantreiben. Diese Region ist ein Herzstück der deutschen Kulturgeschichte. Wir können und wollen einen Beitrag zur Aussöhnung der Gegensätze und zur Festigung einer demokratischen Mediengesellschaft leisten.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 01/18 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Heiko Sander - 05.01.2018 Antworten

    Der Vorwurf von schlechter Qualität und Programmabbau ist nicht so ganz unbegründet, wie ich finde.

    Ein riesiges Ärgernis vor allem in Ostdeutschland sind unsere zwangsfinanzierten Heimatsender der ARD. Diese haben in den vergangenen Jahren systematisch deutschsprachige Heimatklänge, u. a. deutschsprachige Schlagermusik aus deren Programmen genommen und versorgen zunehmend das gleiche Klientel, wie die Privatsender in den entsprechenden Regionen. Fans und Freunde deutschsprachiger Schlagermusik haben auf UKW kaum noch ein hörenswertes Angebot. Besonders ältere Mitmenschen trifft dieses Agieren der einst so beliebten Heimatsender hart. Wie ich finde handelt es sich hierbei um einen eindeutigen Bruch des Programmauftrages. Statt musikalische Kultur unseres Landes in besonderem Maße zu fördern, wurde deutschsprachige Musik in den Tagesprogrammen der ARD-Heimatsender so stark reduziert, dass musikalisch kaum noch ein Unterschied zwischen Privatsender und Heimatsender der ARD besteht. Diesen Mißstand gilt es schnellstmöglich zu beseitigen. Deutschsprachige Klänge aus unserer Heimat gehören wieder zurück in die Tagesprogramme der Heimatsender!!! Anderenfalls sollte man diese neu geschaffenen Dubletten privater Hörfunksender privatisieren. Dies ist mit Grundversorgung definitiv nicht zu vereinen!

    Massenweise haben sich in den vergangenen Monaten die Bürger beschwert und die Lage wird nicht besser. Die digitalen Schlagerwellen des MDR und des NDR zeugen von einer weiteren Ausuferung des Systems, statt von ernsthaftem Sparen. Zuerst wurden durch offensichtlich getürkte Umfragen die Heimatsender der ARD nach privatwirtschaftlichem Vorbild formatiert und somit bestehende, hervorragende Strukturen zerschlagen und nach unzähligen Beschwerden die neuen Schlagerwellen auf der Taufe gehoben. Ein solches Agieren schafft keinerlei Akzeptanz für noch höhere Beiträge, sondern im Gegenteil. Die Bürger sind frustriert und verärgert. Man sehnt sich nach dem Tag, an welchem der Zwangsrundfunkbeitrag fällt.

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