Rundfunk:

„Die SRG wird sich reformieren müssen“

von am 31.01.2018 in Archiv, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Die SRG wird sich reformieren müssen“
Gilles Marchand, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG)

Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft erhält Rückendeckung in der Gesellschaft

31.01.18 Interview mit Gilles Marchand, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG)

Eine Mehrheit für „No Billag“ würde das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im viersprachigen Land bedeuten, so die klare Analyse von Gilles Marchand, Generaldirektor der SRG, in einem medienpolitik.net-Gespräch. „Dem heutigen, öffentlichen Medienhaus SRG würden somit 75 Prozent des Budgets entrissen sowie auch der Leistungsauftrag entzogen. Eine geordnete Liquidation des Unternehmens und eine Entlassung der rund 6.000 Mitarbeitenden wäre die logische Konsequenz. Auch für 34 private TV- und Radio-Stationen, die ebenfalls von den Sendegebühren profitieren, würde es das Aus bedeuten.“
Ab 1. Januar 2019 sinken die Rundfunkgebühren um 20 Prozent. Deshalb werde es, so Marchand, neben den Reformen ein Sparprogramm geben, bei dem die SRG mehr als 50 Mio. CHF einsparen müsse.

medienpolitik.net: Herr Marchand, am 4. März 2018 findet eine Volksabstimmung über die Rundfunkgebühren statt. Welche Konsequenzen hätte eine Mehrheit für „No Billag“ für die SRG?

Gilles Marchand: Der Initiativtext ist diesbezüglich sehr klar: Er verlangt bereits per Anfang 2019 die vollständige Streichung der Sendegebühren sowie die Verankerung in der Verfassung, dass der Staat keine Sender mehr finanzieren kann und dass die Konzessionen versteigert werden sollen. Dem heutigen, öffentlichen Medienhaus SRG würden somit 75 Prozent des Budgets entrissen sowie auch der Leistungsauftrag entzogen. Eine geordnete Liquidation des Unternehmens und eine Entlassung der rund 6000 Mitarbeitenden wäre die logische Konsequenz. Auch für 34 private TV- und Radio-Stationen, die ebenfalls von den Sendegebühren profitieren, würde es das Aus bedeuten.

medienpolitik.net: Wer unterstützt und finanziert „No Billag“ vor allem?

Gilles Marchand: Die Initiative stammt aus einem libertären, jungpolitischen Umfeld und wird zum Beispiel auch vom Schweizerischen Gewerbeverband unterstützt.

medienpolitik.net: Worauf führen Sie die Stimmung gegen die Rundfunkgebühr und damit gegen die SRG zurück? Was macht der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz falsch?

Gilles Marchand: Vielleicht haben wir bislang zu wenig aufgezeigt, welche Leistungen die SRG in den verschiedenen Regionen dieses Landes erbringt und welchen Beitrag wir für die Gesellschaft leisten. Denn: In Umfragen zeigen sich die Schweizerinnen und Schweizer grundsätzlich zufrieden mit dem Angebot der SRG – insbesondere die Pay-per-view-Generation bekundet aber zunehmend Mühe mit dem heutigen, solidarischen Finanzierungs-System in der Schweiz. Wir produzieren TV- und Radio-Angebote für alle vier Landessprachen und damit dies möglich ist, unterstützt die große Sprachregion (die Deutschschweiz), die etwas kleineren Regionen wie die französischsprachige, italienischsprachige und rätoromanische Schweiz. Deshalb müssen wir diesen heutigen Service public weiterentwickeln und unsere breiten und unabhängigen, nicht-kommerziellen Leistungen noch besser erklären. Das geht aber nur mit einem Nein am 4. März.

medienpolitik.net: Wie reagieren Künstler, Verbände und auch die Politiker auf „No Billag“?

Gilles Marchand: Wir durften in den letzten Monaten seit der Lancierung der Initiative eine sehr breite Solidaritätsbewegung erfahren. Unabhängige Komitees wurden gegründet, Künstler und Kulturschaffende engagieren sich auf den sozialen Medien mit Video-Clips und Statements, das ist eindrücklich. Eine Mehrheit der Parteien hat klar Position gegen die Initiative bezogen, weil sie einfach viel zu radikal ist.

medienpolitik.net: Es gab verschiedene Angebot der SRG an die Verleger zu Kooperationen. Wie bewerten Sie gegenwärtig das Verhältnis zwischen Verlegern und SRG?

Gilles Marchand: Die Situation für die privaten Anbieter in der Schweiz ist nicht einfach, sie machen aber einen guten Job und leisten auch einen Teil des Service public. Seit Jahren pflegt die SRG den Dialog mit den Privaten und es gibt bereits einige sehr gut funktionierende Kooperationsprojekte. So bieten wir beispielsweise unentgeltlich tagesaktuelles Videomaterial an. 20 private Medientitel nutzen dieses Angebot bereits. Diese Kooperationen kann man noch weiter ausbauen.

medienpolitik.net: Würde eine Ablehnung von „No Billag“ bedeuten, dass bei der SRG alles so bleibt wie bisher, oder sehen Sie angesichts einer veränderten Mediennutzung auch einen Änderungsbedarf?

Gilles Marchand: Die SRG wird sich bei einem Nein zur Initiative reformieren müssen. Wir werden noch fitter, noch agiler, noch digitaler und noch spezifischer werden müssen. Diesbezüglich war diese Debatte rund um die „No-Billag“-Initiative auch eine Chance. Die SRG ist offen für diese Diskussionen, wir gehören den Menschen.

medienpolitik.net: 2015 erhielt eine Abstimmung über ein neues Rundfunkgesetz, mit dem auch die Haushaltsabgabe eingeführt worden ist, nur eine hauchdünne Mehrheit. Welche Konsequenzen hatte die SRG aus diesem knappen Votum gezogen?

Gilles Marchand: Die Abstimmung vor zwei Jahren beinhaltete grundsätzlich den Systemwechsel von der allgemeinen Sendegebühr auf die Haushaltgebühr. Es entstand darum allerdings eine Diskussion über die Rolle des Service public. Diese Diskussion hätte man wohl noch stärker aufnehmen und weiterführen sollen. Mittlerweile widmet sich unser Projekt „Contribution to Society“ ganz explizit diesem Dialog mit dem Publikum.

medienpolitik.net: Wie ist Akzeptanz des SRG-Angebotes bei den Schweizern? Welche Marktanteile erreichen Sie?

Gilles Marchand: Das Angebot der SRG mit den fünf Unternehmenseinheiten und Sprach-Angeboten SRF, RTS, RSI, RTR und SWI ist beliebt. 94 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer konsumieren mindestens einmal wöchentlich einen unserer Sender und unserer Angebote.

medienpolitik.net: Wie präsent ist die SRG in der digitalen Welt?

Gilles Marchand: Die audiovisuellen Angebote unserer Radio- und TV-Sender werden schon seit Jahren online begleitet und erreichen hier insbesondere auch ein etwas jüngeres Publikum. Online wird unser Angebot nicht kommerziell vermarktet. Dies ist den privaten Anbietern vorbehalten.

medienpolitik.net: Was kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz besser als die Privaten? Und wann sollte er diesen den Vortritt lassen?

Gilles Marchand: Die SRG hat keine kommerzielle Ausrichtung. Wir sind nicht primär der Quote verpflichtet, sondern einem unabhängigen, ausgewogenen Angebot in allen vier Sprachregionen, insbesondere auch im Informationsbereich. Die Förderung von Film und Kultur ist eine unserer großen Stärken und die Schaffung eines nationalen „Wir-Gefühls“ zum Beispiel rund um große Sport-Veranstaltungen.

medienpolitik.net: Die Rundfunkgebühren sinken ab 1. Januar 2019 um 20 Prozent. Welche Konsequenzen hat das für die SRG?

Gilles Marchand: Für uns bedeutet dies, dass wir sparen müssen. Ab 2019 wird es nebst den Reformen deshalb ein Sparprogramm geben, bei dem wir mehr als CHF 50 Mio. einsparen müssen. Dies alles allerdings nur bei einem Nein am 4. März.

medienpolitik.net: Medienministerin Doris Leuthard hat sich für Zielgruppenwerbung der SRG ab 2019 ausgesprochen. Welche Vorteile brächte das der SRG?

Gilles Marchand: Es brächte uns gleich lange Spieße, also gleiche Bedingungen. Die ausländischen Werbefenster wie beispielsweise jene der privaten Anbieter aus Deutschland können diese Möglichkeit heute bereits nutzen. Für uns ist dies aktuell aber kein dringliches Thema.

medienpolitik.net: Ab 2019 benötigt die SRG auch eine neue Konzession. Dafür existiert bereits ein Entwurf. Welche wichtigen Änderungen würde der neue Auftrag für die SRG bedeuten?

Gilles Marchand: Aktuell läuft dazu die politische Vernehmlassung, Parteien und Verbände wurden zu Stellungnahmen dazu aufgefordert, auch die SRG. Wir nehmen an diesem Prozess, der noch bis April dauert, ebenfalls teil und werden vorher dazu noch keine Stellungnahme abgeben.

medienpolitik.net: Die No-Billag-Verfechter argumentieren unter anderem damit, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Jugendlichen in der Schweiz nicht mehr erreicht und es auch deshalb keine Legitimation für eine Haushaltsabgabe gibt. Wie ist die Akzeptanz der SRG unter Jugendlichen und was unternehmen Sie, um mehr Jugendliche anzusprechen?

Gilles Marchand: Die SRG erreicht – wie bereits erwähnt – wöchentlich 94 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Darunter auch sehr viele Jugendliche. Wir erreichen sie einfach auf anderen Kanälen. Und viele Jugendliche sind sich noch nicht einmal bewusst, dass sie sehr wohl Inhalte nutzen, die von der SRG produziert wurden. Aber wir können und wollen in diesem Bereich noch mehr machen und die Jugendlichen künftig noch besser abholen und erreichen.

Das Interview ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe 02/18.

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