Filmpolitik:

„Der nächste Film ist immer der wichtigste“

von am 19.02.2018 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Medienpolitik

<h4>Filmpolitik:</h4> „Der nächste Film ist immer der wichtigste“
Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender Constantin Film AG

Chef der Constantin Film fordert, die Förderung stärker auf aussichtsreiche und größere Projekte zu konzentrieren

19.02.18 Interview mit Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender Constantin Film AG

„Fack ju Göhte 3“, eine Produktion der Constantin Film, war der meistgesehene Film aller in 2017 in Deutschland gestarteten Titel. „Der Erfolg zeigt“, so Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender Constantin Film AG und Produzent dieses Films, „dass es durchaus möglich ist mit deutschen Produktionen erfolgreicher zu sein, als Hollywood. Die wichtigste Voraussetzung für einen solchen Erfolg sei ein hervorragendes Buch. Im Zentrum der Arbeit der Filmförderer müsse, so Moszkowicz, das Publikum stehen. Auch künstlerisch sei Relevanz ohne Publikum nicht vorstellbar. „Filme werden für das Publikum hergestellt und nicht für Filmkritiker. Man muss die Zuschauer ernst nehmen und darf ihren Geschmack und ihre Bedürfnisse nicht ignorieren.“ Es sei Aufgabe der Filmförderung, das Ungleichgewicht im Wettbewerb deutscher Filme mit der Dominanz überseeischen Produktionen zu reduzieren und das könne nur durch eine Konzentration der Förderung auf aussichtsreiche, größere Projekte geschehen.

medienpolitik.net: Herr Moszkowicz, „Fack ju Göhte 3“ war mit 6 Mio. Zuschauern 2017 der erfolgreichste deutsche Film. Insgesamt haben alle drei „Fack ju Göhte“ -Filme über 20 Millionen Zuschauer erreicht. Warum war Teil 3 der letzte?

Martin Moszkowicz: Der Film war der meistgesehene Film aller in 2017 in Deutschland gestarteten Titel, nicht nur unter den deutschen. Mit dem Schulabschluss dieser wunderbaren Klasse endet auch das die Handlung tragende Lehrer-Schüler-Verhältnis. Diese Geschichte ist damit an einem logischen Ende angelangt. Wir hören auf, wenn es am schönsten ist.

medienpolitik.net: „Fack ju Göhte“ hat mehrfach amerikanische Blockbuster hinter sich gelassen. Ist „Fack ju Göhte“der Prototyp des modernen deutschen Films?

Martin Moszkowicz: „Fack ju Göhte“ ist in meinen Augen ein herausragendes modernes deutsches Kinospielfilm-Projekt und sein Erfolg ist in der Tat atemberaubend. Der Erfolg zeigt, dass es durchaus möglich ist mit deutschen Produktionen erfolgreicher zu sein, als Hollywood. Einen Prototyp geschaffen zu haben, würde aber bedeuten, dass wir ein Rezept gefunden hätten, um diesen Erfolg beliebig kopieren zu können. Das ist leider nicht der Fall.

medienpolitik.net: „Dieses bescheuerte Herz“, ebenfalls mit Elyas M’Barek, ist Mitte Dezember 2017 erfolgreich gestartet. Wird er an „Fack ju Göhte“ anknüpfen können?

Martin Moszkowicz: Bis auf den Hauptdarsteller sind das ja völlig unterschiedliche Filme mit nicht vergleichbaren Geschichten und auch Zielgruppen. Wir freuen uns sehr über den Riesenerfolg von „Dieses bescheuerte Herz“– es wäre aber sehr vermessen zu glauben, dass nun jeder Film mit Elyas M’Barek „Fack Ju“-Zahlen machen wird.

medienpolitik.net: Ist Elyas M’Barek das Erfolgsgeheimnis von „Fack ju Göhte“ oder waren noch andere Faktoren für den Erfolg ausschlaggebend?

Martin Moszkowicz: Elyas M’Barek ist der deutsche Superstar und als solcher ist der Erfolg auch seiner. Megaerfolge wie „Fack ju Göhte“ beruhen aber auf einer Vielzahl an Faktoren, getragen von den Schultern sehr vieler Mitarbeiter unterschiedlichster Professionen, erstklassigen Produzenten und nicht zuletzt auch auf zeitgemäßem Marketing. Die wichtigste Voraussetzung für jeden Kino-Erfolg bleibt jedoch ein hervorragendes Buch. Insofern seht für mich Bora Dagtekin federführend hinter dem Erfolgsgeheimnis.

medienpolitik.net: Die Constantin Film hat 2017 13 Spielfilme ins Kino gebracht. Drei davon mit mehr als 1 Million Zuschauer. Wie sind Sie mit diesem Schnitt zufrieden?

Martin Moszkowicz: Insgesamt waren es fünf deutsche Produktionen, die um eine Million Zuschauer oder mehr gemacht haben. Die Constantin steht im Verleiher-Ranking 2017 nach Besuchern und Umsatz in Deutschland auf Platz 4. Wir haben überhaupt keinen Grund, uns zu beklagen.

medienpolitik.net: Was planen Sie für 2018?

Martin Moszkowicz: Neben einem neuen Teil zu „Fünf Freunde“, einem weiteren bayerischen Eberhofer-Krimi mit dem Titel „Sauerkrautkoma“, sowie einem deutschen Remake des französischen Kinohits „Der Vorname“ mit hervorragender Besetzung haben wir in 2018 nach derzeitiger Planung sieben Filme in unserer Staffel. Ich erwarte ein gutes Kinojahr für die Constantin Film.

medienpolitik.net: 2018 stehen etwa 400 Millionen Euro an Fördermitteln zur Verfügung. Wie wird die Constantin Film davon profitieren?

Martin Moszkowicz: Die Constantin profitiert wie jedes andere filmproduzierende Unternehmen von Fördermitteln in Deutschland und vielen anderen Ländern. Unser Anteil an den Fördermitteln steht im Verhältnis zu unserer Produktionstätigkeit – die Constantin Film mit Tochtergesellschaffen ist mit großem Abstand der aktivste Hersteller von Spielfilmen in Deutschland. Und unter den deutschen Firmen sind wir mit großem Abstand der beste Ein- und Rückzahler.

medienpolitik.net: Werden Sie nun künftig wieder mehr in Deutschland drehen?

Martin Moszkowicz: Die Constantin hat immer viel in Deutschland gedreht und das wollen wir auch beibehalten. Der Großteil unserer Produktionsaktivitäten findet hier statt. So kategorisch lässt sich Ihre Frage aber nicht beantworten, weil die Auswahl der Drehorte ja von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird.

medienpolitik.net: Haben wir in Deutschland damit die Förderung, um auch international besser mithalten zu können?

Martin Moszkowicz: Hier hat sich mit der Aufstockung des DFFF und der Einführung des German Motion Picture Fonds bereits einiges in eine gute Richtung bewegt. Aber die Produktionsanreize im Ausland sind ebenfalls nicht statisch und zum Teil sehr erfolgreich damit, gerade technologisch anspruchsvolle Tätigkeiten und damit strategisch zukunftsträchtige Arbeitsplätze und Know-how an sich zu binden.

medienpolitik.net: Mit „Fack ju Göhte“ haben Sie die deutschen Filme produziert, die die Kinobetreiber händeringend suchen: viele Zuschauer, darunter viele Jugendliche. Solche Filme sollen auch durch die neuen FFA-Leitlinien gefördert werden, die von den Kinos begrüßt, von den Produzenten aber größtenteils abgelehnt werden. Ist das nicht ein Widerspruch?

Martin Moszkowicz: Meiner Meinung nach muss im Zentrum der Arbeit der Filmförderer das Publikum stehen. Auch künstlerisch ist Relevanz ohne Publikum nicht vorstellbar. Filme werden für das Publikum hergestellt und nicht für Filmkritiker. Man muss die Zuschauer ernst nehmen und darf ihren Geschmack und ihre Bedürfnisse nicht ignorieren. Deshalb finde ich den Ansatz der Leitlinie nicht verkehrt, sich bei der öffentlichen Förderung von Filmen stärker daran zu orientieren, was die Menschen bewegt und sie wirklich im Kino sehen wollen. Es geht nicht darum, kleinere gegenüber größeren Produktionen auszuspielen, sondern darum, deutschen Filmen wieder zu mehr Zuspruch beim Publikum zu verhelfen. In Frankreich lag der Marktanteil französischer Filme im letzten Jahr nach Besuchern bei knapp 40%. Da liegt die Latte.

medienpolitik.net: Ist für Sie die Formel „lieber weniger deutsche Filme, aber bessere“ falsch?

Martin Moszkowicz: Die Anzahl der in deutschen Kinos neu angelaufenen deutschen Filme war in den letzten Jahren relativ konstant. Mit mehr als 200 Neustarts pro Jahr ist die Anzahl natürlich immens. Die Anzahl der Neustarts von US-amerikanischen Filmen in Deutschland ist deutlich geringer, in 2017 etwa 20% weniger, als deutsche Filme. Trotzdem haben US-amerikanische Filme im letzten Jahr ungefähr drei Mal so viele Kinobesucher in Deutschland erreicht. Es ist Aufgabe der Filmförderung, das Ungleichgewicht im Wettbewerb deutscher Filme mit der Dominanz überseeischen Produktionen zu reduzieren und das kann aus meiner Sicht nur dadurch geschehen, indem sich die Förderung stärker auf aussichtsreiche, größere Projekte konzentriert.

medienpolitik.net: Die Kinos wünschen sich eine exklusive „Hochglanz“ Serie. Warum erfüllt Constantin diesen Wunsch nicht? Könnte eine Serie wie „Babylon Berlin“ auch im Kino funktionieren?

Martin Moszkowicz: Jedes Format hat seine Plattform. TV-Serien im Kino sind sicherlich kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Die Kinos sollten sich auf Filme konzentrieren, die eine besondere Kinoattraktivität haben.

medienpolitik.net: Sie haben mit Sky ein Abkommen über die baldige Ausstrahlung ihrer erfolgreichen Filme abgeschlossen. Dennoch laufen diese Filme erst Monate nach dem Kinostart im Pay-TV. Ist das angesichts steigender Produktionskosten und einer veränderten Mediennutzung noch zeitgemäß?

Martin Moszkowicz: Wenn man sich eine lebendige Kinokultur wünscht, wird man um die Einhaltung gewisser Fristen in der Verwertungskette von Filmen nicht herumkommen. Aber angesichts der Vielzahl der Kinoneustarts, den dadurch enorm gestiegenen Herausbringungskosten, größere Sitzplatzkapazitäten durch die Digitalisierung und einer erheblich verkürzten Verweildauer von Filmen in den Kinos müssen diese flexibler gehandhabt werden. Dies kann man ja angesichts des geänderten Medien-Nutzungsverhaltens ja auch außerhalb Deutschlands, wo es nicht um die gesetzlichen Vorschriften der deutschen Filmförderer geht, allen voran in den USA sehen. Da wir uns nicht gegen den Wandel der Sehgewohnheiten unseres Publikums oder den technologischen Fortschritt stellen können, weder in Deutschland noch anderswo, bin ich zuversichtlich, dass hier bald eine konsensfähige Lösung gefunden wird. Es liegt in unser aller Interesse.

medienpolitik.net: Constantin hat für Freeform und Netflix „Shadowhunters“ produziert. Wie realistisch sehen Sie die Chancen, dass Constantin stärker für solche Plattformen produzieren wird?

Martin Moszkowicz: Die Constantin hat in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass sie Filme, TV-Events und Serien produzieren kann, die die Menschen sehen wollen. Und solange uns das weiterhin gelingt, werden wir auch für neue Marktteilnehmer produzieren. Neue Plattformen stellen in erster Linie zusätzliche Vertriebswege dar. Im Zentrum jeder Auswertung steht aber nach wie vor der Inhalt. Und diesen Inhalt produzieren wir für denjenigen Vertriebskanal, auf dem ihn unser Publikum am liebsten sehen möchte.

medienpolitik.net: Sie waren seit 1980 als Produzent an zahlreichen Kinofilmen beteiligt. Gibt es für Sie so etwas wie einen Traumfilm, den Sie gerne realisieren möchten?

Martin Moszkowicz: Insgesamt waren es weit über 200 Kinofilme. Der nächste ist immer der wichtigste.

Das Interview wurde in der promedia-Ausgabe 02/18 erstveröffentlicht.

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