Filmwirtschaft:

Paradigmenwechsel in der Filmförderung

von am 21.02.2018 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Kulturpolitik

<h4>Filmwirtschaft:</h4> Paradigmenwechsel in der Filmförderung
Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin

Ausrichtung der Förderung auf das Prinzip „Klasse statt Masse“

21.01.18 Beitrag von Dr. Christian Bräuer Vorstandsvorsitzender AG Kino – Gilde e.V.

Wir wünschen uns, dass die künftige Bundesregierung an den Errungenschaften der letzten Jahre anknüpft und sich auch weiterhin der gesellschaftlichen Bedeutung der Kultur- und Medienpolitik bewusst ist und diesen Politikbereich so ausstattet, dass die strukturellen Rahmenbedingungen gefestigt und ausgebaut werden können. Dazu zählt eine Filmpolitik, die sich nicht nur der kulturellen Kraft des Mediums bewusst ist, sondern auch die Kinos und ihre bedeutenden kulturellen, sozialen und filmwirtschaftlichen Funktionen wertschätzt. Denn diese sind eine der wenigen verbliebenen kollektiven Räume, in denen Menschen unabhängig von Bildung, Einkommen, Alter oder Herkunft zusammenkommen. Gerade die Filmkunstkinos bringen Menschen mit Kulturschaffenden und deren Werken zusammen, sie schaffen Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für deutsche und europäische Filme jenseits des Mainstreams.

Kinoförderung

Wir wünschen uns daher, dass sich der neu gewählte Bundestag für eine Stärkung der Kinovielfalt einsetzt, damit die Filmtheater auch in Zukunft ihren wichtigen Beitrag für eine lebendige Gesellschaft erbringen können. Ein immer größerer Teil der deutschen und europäischen Filmproduktionen bleibt relativ unsichtbar und wie sich zeigt, funktioniert Online nur, was auch im Kino reüssiert. Kino ist damit nicht nur als kultureller und sozialer Ort von Bedeutung, sondern ist unverändert auch wirtschaftlich die Herzkammer eines Films. Investitionen in Kinos zahlen sich damit in vielfacher Hinsicht aus. Dazu zählt nicht zuletzt auch, dass Kinos das lokale Leben bereichern. Da es sich um mittelständische, am Ort verankerte Betriebe handelt, ist der Standorteffekt besonders hoch und nachhaltig. Und dies flächendeckend und nicht nur in wenigen Zentren der Republik.
Sorgen macht uns die Aufrechterhaltung der Kinoinfrastruktur. Schon im Laufe der kommenden Jahre müssen die Kinos in neue Digitalprojektoren investieren, modernen sicherheitstechnischen und ökologischen Standards entsprechen und die barrierefreie Zugänglichkeit gewährleisten. Kinos sind wie andere Bühnen teure Immobilien. Die gegenwärtige Erlösstruktur reicht aber gerade bei traditionellen Kinos, die überwiegend deutsche und europäische Werke zeigen, nicht aus, um deren Erhalt und die Modernisierung voll aus eigener Kraft zu stemmen. Denn der Anspruch des Publikums an Komfort und Ambiente steigt ebenso, wie der Bedarf neben den traditionellen Kommunikationskanälen auch über soziale Medien die Menschen individuell zu erreichen. Ein rechtzeitig entwickelter Zukunftsfonds, der die Kinos bei diesen Projekten unterstützt, würde verhindern, dass wir schon bald wieder ein Kinosterben zu beklagen haben.
Korrespondierend dazu ist es überfällig, dass alle Bundesländer eine angemessen ausgestattete Modernisierungsförderung etablieren. Denn überall dort, wo es eine strukturelle Projektförderung für Kinos gibt, beobachten wir eine gesündere und vielfältigere Kinolandschaft. Das zahlt sich für alle aus.
Schon immer basiert die Arbeit der Filmkunstkinos auf leidenschaftlichem Einsatz und unternehmerischem Risiko. Doch ist es immer schwieriger, der Vielfalt auch gerecht zu werden. In Zeiten der stetigen Zunahme audiovisueller Inhalte gewinnt die lokale Programm- und Marketingarbeit an Bedeutung. Begleitende Festivals, Reihen und Events rund um den Film sind inzwischen zentraler Bestandteil, um Aufmerksamkeit auf Filminhalte zu lenken. Zugleich wird die Vermittlung von film- und medienpädagogischer Kompetenz immer wichtiger. Frankreich fördert mit einem auf Aktion und Innovation setzenden System gezielt den Einsatz und die Vermittlung von Filmkunstwerken und heimischen Produktionen. Eine Förderung in Anlehnung an dieses System ließe die Sichtbarkeit und Vermittlung von deutschen und europäischen Filmen nachhaltig stärken.
In den vergangenen Jahren sind die Kinobetreiber umtriebiger geworden. Ihre Häuser haben große Anziehungskraft auf das Publikum, weil sie wissen, wie man Events veranstaltet und Aufmerksamkeit auf Filminhalte lenkt. Viele Beispiele zeigen ihren Innovationswillen und ihre Innovationskraft. Doch angesichts der hohen Kosten der Umsetzung und der Vielzahl der möglichen und nötigen Ansatzpunkte können die Betriebe das alles nicht mit dem Nachdruck umsetzen, der angesichts des rasanten Tempos, mit dem globale Player auf den Markt drängen, geboten wäre. Die Kinos hierbei zu unterstützen, brächte den gesamten nationalen Filmmarkt voran.

Filmförderung

2018 ist der Etat für Filmförderung höher denn je. Dass die produzierten Filme auch gezeigt werden, ist lebenswichtig für die Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit der europäischen Filmbranche. Doch das ist leider immer weniger der Fall. Seit der Kinodigitalisierung 2011 erreichen alle Filme ab Platz 30 der Charts jedes Jahr in etwa dieselbe Besucherzahl. Nur dass die Anzahl der Filme von Jahr zu Jahr stieg und sich immer mehr Filme eine etwa gleichgroße Besucheranzahl teilen. Dies kann auf Dauer niemanden zufriedenstellen.
Um das zu ändern braucht es einen Paradigmenwechsel in der deutschen (und europäischen) Filmförderung, die sich zu isoliert auf die Filmfinanzierung konzentriert. Die Bundesförderungen sollten stärker verzahnt werden. Und auch Länderförderer müssen sich fragen, ob Produzententum auf Wanderschaft und Gießkannenförderung in Häppchengröße zwecks Risikominimierung reichen, oder ob es erforderlich ist, stärker in vielversprechende Projekte zu investieren; auch bei der Herausbringung.
Geboten ist unter kultur- wie filmwirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Ausrichtung am Prinzip „Klasse statt Masse“. Dazu zählt eine Fördermittelkonzentration ebenso wie eine Orientierung an einem relativen Erfolgsbegriff. Nicht um Vielfalt zu unterbinden, sondern um Vielfalt sichtbar zu machen und zu halten. Denn eine Vielfalt, die keiner wahrnimmt, existiert nicht!
Was wir brauchen, ist eine Förderung, die das gesamte Projekt vom Buch bis zum Start im Kino im Blick hat. Dazu zählt eine deutlich stärkere Förderung des Stoffentwicklungsprozesses. Dazu zählt aber auch, dass es ohne Verlust möglich sein muss, Stoffe, die auch bei weiterer Bearbeitung nicht rund werden, sterben zu lassen. Und dazu zählt es, neue Formen der Talententwicklung und Arbeitsstile zu erproben.
Verstärkt in den Fokus muss auch der Weg zum Publikum rücken. Hier geht es um die Kardinalsfrage, die in der aktuellen Diskussion leider noch komplett ausgeblendet wird: Wie können die Kinos eine so große Anzahl von Filmen den Zuschauern vermitteln, vor allem den jüngeren? Wie können sie ein Publikum gewinnen, das in zunehmendem Maße von allen Unterhaltungsmedien umworben wird und seine kulturellen Aktivitäten diversifiziert.

Europa

Last but not least ist die europapolitische Ausrichtung von zentraler Bedeutung. Hier gilt es, den nicht endenden Versuchen von Teilen der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments, das für die kulturelle Vielfalt und das gesunde Gedeihen der europäischen Filmwirtschaft so elementare Territorialitätsprinzip auszuhebeln, weiterhin klar entgegenzutreten. Daneben müssen auch die Konsequenzen des BREXITS abgefedert und die Zukunft des MEDIA-Programms gesichert werden. Europäisches Denken und Handeln einerseits und lokale Verankerung andererseits sind kein Gegensatz, wie gerade das erfolgreiche Kinonetzwerk EUROPA CINEMAS beweist. In Zukunft wird beides an Bedeutung gewinnen, wenn Europa und seine Mitgliedstaaten sich behaupten wollen. Das MEDIA-Programm leistet dazu einen elementaren Beitrag. 2018 wird dessen künftige Gestaltung diskutiert. Wichtig ist, dass Bund und Länder hier gemeinsam eine aktive Rolle im Sinne der deutschen Filmwirtschaft einnehmen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 02/18 erstveröffentlicht.

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