Netzpolitik:

„Wir brauchen keine digitale Ethik“

von am 19.03.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienregulierung, Medienwissenschaft, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Social Media

<h4>Netzpolitik:</h4> „Wir brauchen keine digitale Ethik“
Prof. Dr. Sven Jöckel, Universität Erfurt, Philosophische Fakultät, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft

Das Grundgesetz hat auch in der digitalen Welt Gültigkeit

19.03.18 Interview mit Prof. Dr. Sven Jöckel, Universität Erfurt, Philosophische Fakultät, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft

Die Digitalisierung der Gesellschaft hat eine Dimension erreicht, die neue Formen der Datennutzung, der künstlichen Intelligenz und der kommunikativen Interaktion zulassen. Technisch betrachtet bietet die Digitalisierung nie dagewesene Handlungsoptionen. Und ethisch? Die Entwicklung zu einem digitalen Mediensystem hat den Handlungsspielraum der Nutzer erweitert: Sie können nicht nur Inhalte rezipieren, sondern sich selbst in Medien präsentieren und Inhalte produzieren. Doch Cybermobbing und Hate-Speech, aber auch Big-Data und die Verwendung von Algorithmen und Social Bots werfen die Frage auf, ob es für die digitale Welt einer besonderen Ethikbedarf oder die Ethik der analogen Welt „übersetzt“ werden muss. Jetzt hat auch Facebook einen Gesprächskreis zu digital-ethischen Fragen mit einer Gruppe von Experten initiiert. Prof. Dr. Sven Jöckel, Universität Erfurt, kommt zu dem Schluss: „Wir brauchen keine digitale Ethik, da auch im Netz und der Virtualität die gleichen Moralvorstellungen herrschen bzw. herrschen sollten wie in der realen Welt.“

medienpolitik.net: Herr Jöckel, Sie vertreten die These, dass es für die digitale Welt keiner neuen Ethikbedarf? Weshalb nicht?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Zunächst einmal ist die These, dass es keiner speziellen Ethik für die digitale Welt bedarf, bewusst provokativ gewählt. Sicher finden sich in der digitalen Welt ethische Probleme, die so keine 1:1 Entsprechung in der realen Welt besitzen und sicher bietet es sich an, spezifische ethische Regeln die für bestimmte Bereiche der digitalen Welt gelten sollten, abzuleiten. Es ist jedoch zu bedenken, dass eine Trennung in Online- und Offline-Welt heutzutage immer schwieriger aufrecht zu erhalten ist und beide „Welten“ zunehmend miteinander verschränkt sind. Ich manage meine Freunde über Facebook, oder einem anderen sozialen Netzwerk – was in der Realität gilt, sollte hier auch auf den Plattformen im Netz gelten. Oder um ein Beispiel aus der Privatheitsforschung zu bringen: Wenn ich ein Geheimnis eines Freunds oder einer Freundin ausplaudere, dann verstoße ich gegen Prinzipien, egal ob online oder offline. Mal mag ein solcher Verstoß leichter in der Realität passieren, mal in der Online-Welt. Das gilt im Privaten, wie im geschäftlichen. Ich erinnere mich noch gut, als bei einem Bankbesuch bei der lokalen Bank in meiner Heimatstadt die Kassiererin sich lautstark mit ihrer Kollegin über die Höhe der Überweisung für einen Strafzettel unterhielt – es ging um den Kunden vor mir. So etwas will niemand in der Realität und so etwas sollte keinesfalls online passieren – dass persönliche Daten öffentlich gemacht werden. Kurzum: Manche ethischen Regeln sind schwieriger online einzuhalten, manche aber auch offline – die Regeln sind gleich, die Kontexte verschieden und so wie wir in vielen sozialen Situationen auf Grundlage unserer moralischen Grundposition die konkreten ethischen Handlungsregeln immer neuaustarieren, so müssen wir dies auch im Netz tun. Das bedeutet aber für mich nicht, dass es hier um zwei grundlegend verschiedene Ethiken geht.

medienpolitik.net: Aber der Nutzer hinterlässt im Internet eine Datenspur, die es in der analogen Welt nicht gibt. Muss diese Erhebung und Nutzung nicht speziell geregelt werden?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Nehmen Sie auch hier das Beispiel oben aus der Bank, oder denken Sie an ein Gespräch mit ihrem besten Freund in der Kneipe und jemand hört es zufällig mit. Auch im realen Leben hinterlassen wir jede Menge Datenspuren, die missbraucht werden können. Was in der „digitalen“ Welt jedoch hinzu kommt, ist die zunehmende Verknüpfung von Daten, Big Data genannt. Mehr Daten, werden immer schneller verfügbar und können verknüpft werden. Theoretisch soll dies anonym geschehen – für Unternehmen sind Sie erstmal nur ein Datenpunkt – die Auswirkungen sind für Sie als Person aber real – und persönlich. Selbstverständlich entsteht hier ein großer Regulierungsbedarf, die Frage ist nur, was wollen wir? Firmen werden immer argumentieren, dass sie den Menschen letztlich die Dienste liefern, die ihre Bedürfnisse befriedigen und anscheinend schätzen Sie Datenschutz bzw. Privatheit geringer ein als das, was man ihnen die Unternehmen bieten – Soziale Netzwerke, personalisierte Shopping-Erlebnisse oder aktuelle Gesundheitsdaten und Leistungsvergleiche. Das Problem hierbei ist nur, dass sich Menschen ihrer Bedürfnisse oftmals nicht bewusst sind und viele Nutzungsentscheidungen eher mit wenig kognitiver Kontrolle ablaufen – dazu forschen wir zurzeit. Letztlich fordern gesetzliche Regelungen hier immer, dass Nutzer und Nutzerinnen informierte Entscheidungen treffen, aber der derzeitige Modus – das Lesen und vor allem Verstehen von AGBs und Nutzungserklärungen – scheitert hier. Also, ja, es besteht Regelungsbedarf, das ist aber vor allem eine rechtliche und keine ethische Frage. Eine ethische Frage wird es aber dadurch, dass wir uns fragen müssen, welche Art der Regulierung wir wollen. Soll uns jemand z.B. die Entscheidung abnehmen, uns Hinweise geben – so im Sinne eines Ampel- und Warnsystems „Achtung, wenn du hier zustimmt hat das negative Auswirkungen auf deine Privatheit“ oder wollen wir selbst, möglichst unvoreingenommen Entscheidungen treffen, auch wenn wir damit dann meist überfordert sind.

medienpolitik.net: Die Kommunikation hat sich durch Smartphones und Internet verändert, die Überprüfung von Fakten ist schwieriger geworden. Benötigt man hier „ergänzende“ Regeln?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Ich würde diese Frage kritisch sehen – durch Smartphones und das Internet ist die Überprüfung von Fakten sogar um Welten einfach geworden. Ich kann schnell nachforschen, ob etwas tatsächlich so war oder vielleicht anders. Ich habe sehr schnell Zugang zu einer Vielzahl an Informationen. Was jedoch schwieriger geworden ist, ist sich in dieser Fülle der Informationen zurecht zu finden. Das setzt Medienkompetenz voraus und die Fähigkeit, entscheiden zu können, nicht nur welche Information glaubwürdig sind und welche nicht, sondern auch, welchen ich wie weit trauen darf – Augenzeugen berichte von einem Ereignis, nehmen Sie den Amok-Lauf in München oder die Attentate in Paris – sind per se erstmal glaubwürdig – für die jeweilige Situation, für Gefühle, für Ängste und Vermutungen von Menschen, sie sind für uns zur Orientierung mindestens ebenso hilfreich wie dysfunktion – aber sie müssen eingeordnet werden. Dazu bedarf es keiner „ergänzender“ Regeln, sondern einem tiefergehendem Verständnis über die Mechanismen Sozialer Netzwerke – aber auch des Journalismus. Dass der Journalismus z.B. anders als Meldungen in sozialen Netzwerken eine Sorgfaltspflicht hat und demnach auch manchmal etwas langsamer ist, dafür genauer.

medienpolitik.net: Algorithmen und Bots können auch positiv wirken, dem Menschen helfen. Kann man diesen Einsatz allein dem Gutdünken der Intermediäre oder anderer Anwender überlassen?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Eine spannende Frage, meine Gegenfrage aber wäre: Wem sollte man das sonst überlassen? Gibt es eine Instanz, der man zutraut, den Einsatz von Bots und Algorithmen zu regeln? Oder sollte es nicht Ziel sein, die Intermediäre soweit selbst zu verpflichten, dass sie sich – soweit als möglich – an Regeln halten, die positiv auf die Entwicklung unseres Zusammenlebens wirken. Dabei müssen wir immer berücksichtigen, dass demokratische Entscheidungsprozesse, aus gutem Grund, immer langsamer verlaufen, als technologische Entwicklungen. Bis es Regelungen zu einem Netzwerk, zu einem Intermediär gibt, kann es sein, dass dieser schon nicht mehr aktiv ist und andere Kommunikationsformen an Bedeutung gewonnen haben. Es kann also immer nur recht abstrakte und allgemeine Regulierungen geben – diese können dann jedoch versuchen, auf eine allgemeine Art und Weise zukünftige Entwicklungen vorauszunehmen. Art 1., 2 und Art. 5 des Grundgesetzes leisten hier wichtige Grundlagen und sollten auch Maßstabe für zukünftige Regulierungsbestrebungen sein.

medienpolitik.net: Für die Kommunikation in sozialen Netzwerken wurde das Netzwerkdurchsetzungsgesetz erlassen. Ist das Überflüssig? Reicht der Pressekodex aus?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Nun ist es so, dass wir dieses Gesetz erstmal haben und uns anschauen müssen, zu welchen Auswirkungen es in der Praxis tatsächlich kommt. Ich bin kein Jurist, aber letztlich geht es auch hier um ein Abwägen zwischen zwei Grundrechten: Der Entwicklung der Persönlichkeit und der Meinungsfreiheit. Das Netz-DG ist hier eine spezifische Ausgestaltung und hat sicher seine Probleme, worauf ja die Kritiken deutlich hingewiesen haben. Es bietet aber auch ein großes Potential und ich bin gespannt, inwieweit die Existenz des Gesetzes allein zu einer Zivilisierung des Diskurses beitragen kann.

medienpolitik.net: Die Verlage (z.T. auch die Netzwerke selbst) bestreiten, dass soziale Netze Medien sind, die Verantwortung für Ihre Inhalte übernehmen müssen, wie es die Presse tut. Sind Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter Medien, mit allen Regeln, aber auch allem Schutz, den klassische Medien genießen?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Über diese Frage ließe sich sehr lange und ausführlich diskutieren. Soziale Netzwerke übernehmen in der Tat Funktionen der klassischen Massenmedien, sie werden aber auch von diesen genutzt. ARD/ZDF wie auch Bild und Spiegel sind auf Sozialen Netzwerken aktiv – ja sogar die Uni nutzt diese für ihre Pressearbeit. Es gibt im Bereich der Journalismusforschung schon seit Jahren Debatten zum Wandel des Journalismus – die „Pros und Cons“ des Citizen Journalism, des Bürgerjournalismus werden seit spätestens der 2000er Jahre diskutiert und die Frage, inwieweit Facebook, aber auch Google selbst zu Medienanbietern werden, die eigenen Content kreieren, aggregieren und distribuieren wird schon seit Jahren gestellt. Eine befriedigende Antwort darauf kann ich Ihnen jedoch nicht geben, außer dass die Grenzen weiter verschwimmen werden.

medienpolitik.net: Welche Rückwirkung gibt es von den Medien auf die Ethik, unabhängig ob digital oder analog?

Prof. Dr. Sven Jöckel: Medien – ob digital oder analog (was auch immer das dann sein mag) – sind Teil der Lebenswelt von Menschen und als solcher Teil der menschlichen Moralentwicklung. Was wir aber oft vergessen, sie sind auch Folge und manchmal sogar Ausdruck unseres Moralsystems. Medien werden von Menschen gemacht und diese bringen ihre eigenen Vorstellungen von Gut und Böse in diese Medien ein, egal ob fiktional oder real, egal ob digital oder analog. Dies ist also eine Wechselwirkung zwischen Moral und Medien, die für uns ein weiteres spannendes Forschungsfeld darstellt.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 03/18 erstveröffentlicht.

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