Rundfunk:

„Der Begriff Heimat passt“

von am 05.03.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Der Begriff Heimat passt“
Lutz Marmor, ARD-Vorsitzender und Intendant des NDR I Foto: © NDR/David Paprocki

NDR erreicht linear und digital mehr Menschen im Norden als vor zehn Jahren

05.03.18 Interview mit Lutz Marmor, Intendant des NDR

3,49 Millionen Menschen in Norddeutschland haben 2017 täglich das NDR Fernsehen eingeschaltet. Das ist der beste Wert seit 2010. Der Jahres-Marktanteil lag 2017 bei 7,7 Prozent. Damit gehört das NDR Fernsehen im Norden zu den vier meistgesehenen Programmen – nach dem ZDF, dem Ersten und RTL. und vor Sat.1. Bundesweit war das NDR-Fernsehen erneut das meistgesehene Dritte Programm. Der NDR hat einen starken Rückhalt bei den Menschen im Norden. 83 Prozent vertrauen dem NDR, 88 Prozent bewerten den Sender als glaubwürdig und 90 Prozent finden, dass der NDR der Sender für Norddeutschland ist. In einem medienpolitik.net-Gespräch betont NDR-Intendant Lutz Marmor, dass der Begriff „Heimat“ zum NDR passe. Das heiße keineswegs, unkritisch zu sein. Man fühle sich schnell in diesem Programm zu Hause, weil es eine klare inhaltliche und auch emotionale Prägung habe. Würde der Rundfunkbeitrag auch ab 2021 bei 17,50 Euro bleiben, „hätte das deutliche programmliche Einschnitte zur Folge.“

medienpolitik.net: Herr Marmor, Sie sind seit 10 Jahren Intendant des NDR. Welche Ziele hatten und haben Sie sich mit dem NDR gesetzt?

Lutz Marmor: Damals wie heute: Erstes Ziel muss das Programm sein. Ein Programm, das die Menschen im Radio, Fernsehen und im Netz begeistert und interessiert. Das vielfältig ist, das Fakten bietet, aber auch Unterhaltung. Das die Schönheiten Norddeutschlands zeigt, aber auch zu behebende Missstände und Dinge, die nicht gut laufen. Daran arbeiten wir gemeinsam erfolgreich weiter. Und das Zweite: die Institution NDR kontinuierlich modernisieren, zeitgemäß halten. Gute Bedingungen schaffen, damit solche Programme entstehen können.

medienpolitik.net: Wie hat der Sender in dieser Zeit sein Angebot verändert?

Lutz Marmor: In vielen größeren und kleineren Schritten. Im NDR Fernsehen zum Beispiel war ein zentraler Schritt die Einführung einer regionalen Hauptnachrichtensendung um 21.45 Uhr, die das gesamte Programmschema neu strukturiert hat. „NDR aktuell“ um 21.45 Uhr ist in Teilen ein „Best of“ unserer vier Landesprogramme und trifft im ganzen Norden auf großes Interesse. Dieser Umgang mit Sendematerial macht auch programmwirtschaftlich Sinn, denn die Landesprogramme sind besonders erfolgreich, aber – weil es sie viermal gibt – auch besonders teuer. Heute machen wir mehr regionales Programm als je zuvor, ohne dafür extra Geld bekommen zu haben. Und wir sorgen immer wieder für norddeutsche TV-Events wie zum Beispiel „Der Tag der Norddeutschen“ oder „Die Elbe – Ganz in Ruhe“. Zugleich hat der NDR in dieser Zeit mit seinen Zulieferungen auch Das Erste stark geprägt – denken Sie bei der Information z. B. an die Gesprächssendungen von „Anne Will“ bis „Günter Jauch“. Wir leisten zusammen mit Partnern nennenswerte Beiträge zum investigativen Journalismus, etwa bei den „Panama Papers“, wir bieten herausragende Dokumentarfilme wie „Aghet – Ein Völkermord“ oder Doku-Dramen wie „Der gute Göring“. Nicht zuletzt auch in der Unterhaltung ist der NDR mit neuen Formaten wie „Quiz-Duell“ oder „Wer weiß denn so was?“ mit großem Erfolg an den Start gegangen. Im Radio haben wir unsere Angebote ebenfalls kontinuierlich optimiert und mit geringem Aufwand digitale Zusatzprogramme geschaffen: NDR Blue mit Musik abseits der Charts und NDR Plus mit dem Besten aus 50 Jahren Schlagergeschichte. Und natürlich haben wir unser Online-Angebot weiterentwickelt und an die Erwartungen der Userinnen und User angepasst – das sah ja vor zehn Jahren komplett anders aus.

medienpolitik.net: Nahezu zeitgleich mit Ihrem Amtsantritt kam das iPhone auf den Markt. Welche Konsequenzen hatte die neue Online-Welt für den NDR?

Lutz Marmor: Sie bietet zusätzliche Möglichkeiten. Wir erreichen linear mit Radio und Fernsehen im Norden ungefähr so viele Menschen wie vor zehn Jahren. Gleichzeitig nutzen zusätzlich viele Menschen unser Angebot im Netz. Das ist eine große Chance für den Journalismus: Etwas, das früher vergänglich war, kann jetzt lange Zeit präsent sein und unabhängig von einer Sendezeit von Interessierten abgerufen werden. Das ist ganz wichtig. Wir müssen im Umgang damit noch schneller und experimentierfreudiger werden, ohne unsere Grundwerte in Gefahr zu bringen – Sorgfalt geht auch weiterhin vor.

medienpolitik.net: Nicht nur die Technik, auch die Sehgewohnheiten haben sich damit verändert…

Lutz Marmor: Nicht so massiv wie manche glauben. Sowohl in der Nutzung als auch bei Inhalten gab es natürlich Anpassungen. Bei fiktionalen Produktionen spielt die lineare Ausspielung nach wie vor die überragende Rolle. Die Nachrichten habe ich ja schon genannt, dort sind die Veränderungen offensichtlich. Viele Menschen informieren sich online, aber sie verlieren deshalb nicht ihr Interesse an der Zusammenfassung und Einordnung des Geschehens in der Tagesschau. Die Tagesschau hat jetzt fünf Jahre hintereinander gewonnen und das vergangene Jahr mit einem Rekord abgeschlossen: Im Durchschnitt verfolgen jeden Abend mehr als zehn Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die 20-Uhr-Ausgabe. Mit einem solchen Erfolg hätte damals niemand gerechnet. Einen Teil dazu mag auch das neue Studio beigetragen haben – und natürlich die journalistischen Leistungen unserer Moderatoren- und Sprecherteams, der Reporterinnen und Reporter und Redakteurinnen und Redakteure.

medienpolitik.net: N-JOY, 1994 gestartet, war eine Innovation innerhalb der ARD. Wie innovativ ist der NDR heute?

Lutz Marmor: Was der NDR damals im Radio mit N-JOY geschaffen hat, ein junges Angebot, versuchen wir jetzt gemeinschaftlich in der ARD und mit dem ZDF bei funk. Für dieses Angebot haben ARD und ZDF übrigens zwei digitale Programme eingestellt. Bei funk ist der NDR mit zwei besonders erfolgreichen Formaten dabei, „Kliemannsland“ und „Wumms!“. Die Sport-Satire „Wumms!“ ist übrigens als Sieger aus einem internen Format-Pitch hervorgegangen, den wir im NDR Fernsehen geschaffen haben. Heute bedeutet Innovation bei uns vor allem, neue Formate zu entwickeln und sie auszuprobieren. Viele davon sind preisgekrönt und viele sind überaus erfolgreich, zum Beispiel die innovative Ratgeber-Reihe „Die Ernährungs-Docs“, die dem Publikum Möglichkeiten der Ernährungstherapie auf neue Weise nahebringt. In den vergangenen Jahren haben wir im NDR Innovations-Budgets für programmliche wie für technische Entwicklungen bereitgestellt. Wir sammeln Erfahrungen mit neuen Organisationsformen und Innovations-Einheiten wie der Webvideo-Unit, die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie wir die Menschen jenseits der linearen Programme auch online und in den so genannten sozialen Medien erreichen können.

medienpolitik.net: Wie erreicht man sie?

Lutz Marmor: Durch konsequente Orientierung an den Bedürfnissen unserer Zuschauerinnen und Zuschauer. Wir haben Norddeutschland und die Menschen im Norden vor Augen. Und es ist uns natürlich bewusst, dass Hamburg zwar Sitz der Zentrale des NDR ist, aber dass Norddeutschland weit mehr ist, vielfältig und auch ländlich. Und seit wir das mehr in den Fokus genommen haben, dezentralisiert haben, sind wir tendenziell erfolgreicher.

medienpolitik.net: Sehen Sie den NDR als Heimatsender? Norddeutschland als Heimat?

Lutz Marmor: Ja. Der Begriff Heimat passt, das strahlt das Programm aus. Das beginnt bereits beim Design. Heimat heißt ja keineswegs, unkritisch zu sein. Das sind wir nicht. Ich finde immer, wenn ich mal zappe, das NDR Fernsehen hat eine eigene Handschrift, ein eigenes Gesicht. Man fühlt sich schnell in diesem Programm zu Hause, weil es eine klare inhaltliche und auch emotionale Prägung hat. Für 90 Prozent der Norddeutschen ist der NDR laut repräsentativer Umfrage der Sender für Norddeutschland, als ihren Heimatsender sehen ihn 67 Prozent – mit steigender Tendenz. Das heißt, die Menschen bestätigen dieses Bild. Und auch außerhalb des Nordens wird das offenbar so wahrgenommen. Das NDR Fernsehen ist das bundesweit meistgesehene Dritte. Auch wenn der deutschlandweite Marktanteil nicht im Mittelpunkt unserer Zielsetzung steht, sondern der im Norden, ist das doch sehr erfreulich.

medienpolitik.net: Was interessiert die Deutschen am NDR Programm?

Lutz Marmor: Ich glaube, zwei Dinge: Norddeutschland und viele besondere Formate, die sich auch durch kritische Betrachtung auszeichnen. Denken Sie an die „Panorama“-Programmfamilie mit „Panorama 3“ und „Panorama – die Reporter“. An das Satiremagazin „extra 3“, seit Jahrzehnten ein Markenzeichen. Oder so etwas wie „Zapp“, das gibt es in keinem anderen Programm. Denken Sie auch an Magazine wie „Visite“, Reihen wie „mareTV“, „Länder, Menschen, Abenteuer“ und die „Expeditionen ins Tierreich“, die anderswo so nicht zu finden sind. Natürlich auch Klassiker wie die „NDR Talk Show“, die weit über das Sendegebiet hinaus gesehen wird. Die schönen Landschaften Norddeutschlands helfen uns natürlich auch, weil wir sie auch entsprechend abbilden können.

medienpolitik.net: Nun fordern Politiker, dass die Dritten noch regionaler werden sollen. Sehen Sie hier für den NDR Handlungsbedarf?

Lutz Marmor: Nein. Eine solche Forderung ist mir jedenfalls für den NDR auch nicht bekannt. Vor allem sehen auch die Menschen in Norddeutschland offenkundig keinen Handlungsbedarf. Die Landesprogramme im NDR Fernsehen haben im vergangenen Jahr einen neuen Rekord geschafft: täglich im Schnitt 1,16 Mio. Zuschauer um 19:30 Uhr im Norden. Laut der bereits zitierten Repräsentativ-Befragung von GfK MCR finden 77 Prozent der Norddeutschen, dass der NDR alles über ihre Region bringt. 80 Prozent stimmen der Aussage zu: „Der NDR hat sachkundige Reporter und Korrespondenten vor Ort.“ 81 Prozent halten uns für „nah am Publikum“, 90 Prozent empfinden den NDR als „regional“. Das sind Top-Ergebnisse.

medienpolitik.net: Sie erreichen bei der jährlichen Befragung in Bezug auf Leistung, Qualität, Glaubwürdigkeit und Image sehr gute Werte, die teilweise bei über 70 Prozent, bei Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit über 80 Prozent liegen. Nur bei der Frage nach der „Unverzichtbarkeit“ liegen sie unter 50 Prozent. Wie wollen Sie die anderen 50 Prozent von der Unverzichtbarkeit des NDR überzeugen?

Lutz Marmor: Unverzichtbar ist ein Wort, das ich sehr schwierig finde. Essen und Trinken sind unverzichtbar, die Luft zum Atmen natürlich, aber ansonsten eher weniges. Deshalb glaube ich, dass es bei nachdenkenden Menschen eine gewisse Hemmung gibt, die ich gut verstehen kann, etwas für unverzichtbar zu erklären. Aber trotzdem möchte ich natürlich noch mehr Menschen vom Wert des NDR überzeugen.

medienpolitik.net: Wie hat sich die wirtschaftliche Situation des NDR in den 10 Jahren verändert? Seit wann müssen Sie so richtig sparen?

Lutz Marmor: Als ich vor 23 Jahren zum ersten Mal zum Norddeutschen Rundfunk gekommen bin – 1995 als Verwaltungsdirektor -, hatte der NDR ein negatives Eigenkapital und war in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage. Damals musste massiv gespart werden, und es wurde auch deutlich gespart im NDR, vor allen anderen ARD-Anstalten. Schon damals hat unsere stetige Stellenreduzierung begonnen, mehr als 700 Planstellen sind seitdem sozialverträglich abgebaut worden. Es gibt seitdem eine ständige Diskussion über knappe Mittel, den sparsamen Umgang mit Ressourcen und auch über Möglichkeiten zu einem weiterem Abbau von Personal, wenngleich wir hier jetzt an die Grenzen des Machbaren stoßen. Das immer wiederkehrende Gerede von Expansion, die manche uns vorwerfen, verstehe ich überhaupt nicht. Ich erlebe tagtäglich, seit ich beim NDR bin, etwas komplett anderes. Und ich kann das auch belegen, denn Anfang 1994 hatten wir 4.109 Vollzeitstellen, heute sind es 3.396, gut 17 Prozent weniger. Und trotzdem machen wir qualitativ hochwertige Angebote und haben insbesondere die Landesprogramme ausgebaut, die Regionalität verstärkt.

medienpolitik.net: Dem NDR fehlen 2018 mehr als 100 Millionen Euro. Wie kommt das? Waren das die Sondersendungen zu G 20?

Lutz Marmor: Der NDR verfügte Ende 2017 über ein Eigenkapital von nahezu 400 Mio. Euro. Insofern kann man nicht sagen, dass uns 100 Millionen Euro fehlen würden. Richtig ist: Wir planen 2018 mit einem handelsrechtlichen Fehlbetrag, der aber vollständig gedeckt ist durch die in den Vorjahren erzielten Überschüsse. Der handelsrechtliche Fehlbetrag hängt mit der seit einigen Jahren andauernden Niedrigzinsphase zusammen: Bei langfristigen Rückstellungen können wir aufgrund der Bilanzierungsvorschriften nur noch mit sehr geringer Verzinsung rechnen, daher müssen die Rückstellungen kalkulatorisch erhöht werden. Damit ist aber kein Geldabfluss verbunden, unsere Liquidität wird also nicht zusätzlich belastet. Bei steigenden Zinsen werden sich diese Effekte wieder umkehren. Das ist übrigens kein rundfunkspezifischer Sachverhalt, sondern er betrifft alle Unternehmen, die ihren Jahresabschluss nach deutschem Handelsrecht aufstellen.
Die Berichterstattung über den G20-Gipfel in Hamburg war eine besonders umfangreiche und aufwendige Außenproduktion. Die Kosten dafür lagen im niedrigen einstelligen Millionenbereich; sie sind bereits im Jahr 2017 angefallen. In den Planungen für 2018 spielt das keine Rolle mehr. In diesem Jahr gibt es andere Sonderanstrengungen. Wir werden zum Beispiel einen höheren Programmaufwand haben, weil die ARD von den Olympischen Winterspielen und im Sommer von der Fußball-WM berichtet. Lizenz- und Produktionskosten für derart große internationale Sportübertragungen gab es im Vorjahr nicht.

medienpolitik.net: Wo müssen Sie sparen?

Lutz Marmor: In allererster Linie sparen wir an Strukturen und versuchen, zeitgemäß, also effizienter zu produzieren. Es ist gelungen, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern noch stärker ins Bewusstsein zu rücken, dass es um das Geld der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler geht. Das freut mich sehr. Bei allen Diskussionen um Produktionen und Projekte geht es angesichts knapper Mittel immer auch um die Frage, was kostet das, geht es vielleicht günstiger. Sparen wollen wir zu allerletzt am Programm, denn wir möchten unsere Aufgabe für die Gesellschaft bestmöglich wahrnehmen. Aber ich kann auch nicht auf Dauer ausschließen, dass es beispielsweise auf einigen Sendeplätzen weniger Neuproduktionen geben könnte, also mehr Wiederholungen.

medienpolitik.net: Angenommen, der Rundfunkbeitrag bleibt auch 2021 bei 17,50 €, was heißt das für den NDR?

Lutz Marmor: Das hätte deutliche programmliche Einschnitte zur Folge. Seit 2009 ist der monatliche Betrag nicht erhöht worden, 2015 wurde er sogar um 48 Cent gesenkt. Ich bin überzeugt davon, dass die Bürgerinnen und Bürger lieber einen Inflationsausgleich zahlen würden, als auf wichtige und liebgewonnene Programme zu verzichten.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 03/18 erstveröffentlicht.

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