Rundfunk:

„Unser Tatendrang ist groß“

von am 12.03.2018 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Interviews, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Unser Tatendrang ist groß“
Philipp Steffens, Bereichsleitung RTL Fiction

Deutsche Fiction nimmt vermehrt den Platz der US-Serien ein – RTL setzt Serien-Offensive über 2018 hinaus fort

12.3.18 Interview mit Philipp Steffens, Bereichsleitung RTL Fiction

Bei jüngsten Produzententag der Produzentenallianz warf der Allianz-Vorsitzende Alexander Thies den privaten Sendern vor, Innovation im Rahmen ihres Geschäftsmodells nicht mehr für nötig zu halten. Sie hätten sich von nennenswerten Investitionen in Programmqualität zurückgezogen und gäben sich zufrieden damit, die Stoffe zu bekommen, die woanders nichts geworden seien. Die Einschätzung löste sowohl bei Produzenten als auch bei privaten Sendervertretern Kritik aus, da die privaten Sender gegenwärtig mehr in Eigenproduktionen investieren würden als je zuvor. Das beweisen auch die Aufträge von RTL an deutsche Produzenten, zum Beispiel im Rahmen der RTL-Serienoffensive. „Wir haben bereits 2014 entschieden, vermehrt auf Eigenproduktionen und Exklusivität zu setzen. Wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand, haben die kreative Kontrolle sowie die Möglichkeit der exklusiven Auswertung über alle Plattformen“, so Philipp Steffens, Bereichsleiter RTL Fiction in einem medienpolitik.net-Gespräch.

medienpolitik.net: Herr Steffens, die neue RTL-Serie „Magda macht das schon“ wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Was zeichnet diese Serie aus?

Philipp Steffens: Bei „Magda macht das schon!“ passt einfach alles: Leidenschaftliches Teamwork und eine gemeinsame Vision hinter der Kamera. Verena Altenberger ist als verzaubernde Hauptdarstellerin umringt von einem großartigen Ensemble. Die Sitcom greift eine vielfältige Bandbreite aktuell gesellschaftlicher Themen auf und verpackt sie in lösungsorientierter Leichtigkeit.

medienpolitik.net: „Magda macht das schon“ ist im Januar 2017 gestartet. Wie ist die Zuschauerresonanz?

Philipp Steffens: Sehr gut. Die erste Staffel hatte im Schnitt 3,2 Millionen Zuschauer ab 3 Jahre, Marktanteile bis 19,4 Prozent (14-59 J). Auf den social media-Kanälen hat sich eine leidenschaftliche Fanbase gebildet. Auch die zweite Staffel schlägt sich gut und spiegelt die Treue der Zuschauer wider.

medienpolitik.net: Ist der Deutsche Fernsehpreis jetzt die Garantie für die nächste Staffel?

Philipp Steffens: Wir freuen uns sehr, dass die Einzigartigkeit und besondere Qualität der Sitcom mit diesem Preis gewürdigt wird. Er ist ein Lohn on top für alle Beteiligten. Ganz unabhängig von dem Preis, glauben wir an das langlaufende Potenzial und freuen uns, eine dritte Staffel beauftragt zu haben.

medienpolitik.net: Die Serie ist eine Comedyserie wie auch „Nicht tot zu kriegen“ und die neue Serie „Beste Schwestern“. Heißt RTL-Serienoffensive vor allem Comedy?

Philipp Steffens: Die Sitcoms sind Teil unserer Fiction-Offensive, aus der auch unsere neuen Serien „Sankt Maik“, „Beck is back!“, „Jenny – echt gerecht!“ und „Lifelines“ hervorgegangen sind. In dieser Formatvielfalt finden sich neben den Comedy-Formaten Legals, Dramedys und eine Medical. Eine neue Polizeiserie ist nun ebenfalls beauftragt worden. Eine positive Leichtigkeit ist all diesen Formaten immanent.

medienpolitik.net: RTL hatte über Jahre erfolgreich zahlreiche amerikanische Serien im Programm. Das ist weniger geworden. Warum mögen die RTL-Zuschauer die US-Serien nicht mehr?

Philipp Steffens: Das ist kein alleiniges RTL-Phänomen. Schaut man sich die Erfolge von „CSI“, „Dr. House“ oder „Monk“ an, dann stimmt es, dass hier eine Ära zu Ende gegangen ist. Deutsche Fiction nimmt nun vermehrt den Platz der US-Serien ein. Sie bietet ein höheres Maß an Identifikationspotenzialen.

medienpolitik.net: Was soll oder muss gegenwärtig eine eigenproduzierte RTL-Serie von einer amerikanischen Serie unterscheiden?

Philipp Steffens: Es geht weniger um eine Abgrenzung, sondern vielmehr darum, was wir für eine eigenproduzierte RTL-Serie wollen: starke Geschichten, tolle Figuren mit Haltung und Charme, die einen zum Lachen bringen und emotional packen.

medienpolitik.net: Sind die schwächelnden US-Serien der einzige Grund, dass Sie wieder stärker auf eigenproduzierte Serien setzen?

Philipp Steffens: Wir haben bereits 2014 entschieden, vermehrt auf Eigenproduktionen und Exklusivität zu setzen. Wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand, haben die kreative Kontrolle sowie die Möglichkeit der exklusiven Auswertung über alle Plattformen.

medienpolitik.net: Sie haben 2017 keine Hochglanz-Serien gezeigt, die in der Vergangenheit auch für das Image gut waren und Preise erhalten haben. Warum diese Zurückhaltung? Aus Kostengründen?

Philipp Steffens: Ich glaube, bei einer so großen Ausschüttung an neuen Serien, die wir seit 2014 angestoßen haben, kann man nicht von Zurückhaltung sprechen. Wir haben nicht nur den Donnerstag ausgeweitet, sondern nun auch den Dienstagabend mit deutscher Fiction bestückt. 2017 haben wir bereits neben neuen „Alarm für Cobra 11“-Folgen und einer neuen „Der Lehrer“-Staffel die erste Staffele „Magda macht das schon!“ und die Crime-Serie „Bad Cop“ ausgestrahlt. Im Frühjahr 2018 folgen nun vier weitere Serien und eine neue Sitcom. Wir investieren viel in deutsche Fiction.

medienpolitik.net: Wie „fruchtbar“ ist der deutsche Produzenten- und Autorenmarkt bei Comedyserien, die zu RTL passen? Erhalten Sie ausreichend Vorschläge und Einreichungen?

Philipp Steffens: Wir stehen im regelmäßigen und engen Austausch mit den Kreativen der Branche und rufen immer wieder Ausschreibungen aus. 2014 haben wir für Sitcom-Einreichungen ausgeschrieben – daraus sind 5 Piloten entstanden, von denen wir 4 beauftragt haben. 2015 haben wir für neue Serien ausgeschrieben – daraus sind 7 Piloten hervorgegangen, von denen 6 in Serie gegangen sind. 2017 haben wir erneut ausgeschrieben und rund 122 Einreichungen erhalten. Unser Signal in die Branche kam sehr positiv an.

medienpolitik.net: Sehen Sie Ihre „Serienoffensive“ auch als Förderprogramm für Autoren?

Philipp Steffens: Der Aufschwung der Eigenproduktionen und unser großer Bedarf ist natürlich eine große Herausforderung und ebenso große Chance für Autoren. Die Entwicklungen fordern und fördern wir.

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises haben die Drehbuchautoren über zu wenig Anerkennung geklagt. Was kann ein Sender wie RTL leisten, um die Bedeutung der Autoren aufzuwerten?

Philipp Steffens: Wir versuchen bewusst und vermehrt die Autoren und ihre Leistung in den Vordergrund zu heben. Dies haben wir unter anderem auf unserer „Serienreif!“-PK im September 2017 propagiert. Hier standen die Autoren auf der Bühne vor der Presse und wir haben zusammen mit DWDL exklusive Autorengespräche als Podcast online gestellt. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Produced by…“, „Represented by…“ und „Created by…“ treten wir in den direkten und exklusiven Austausch mit allen Kreativen und bringen unsere Wertschätzung ihrer Leistung zum Ausdruck.

medienpolitik.net: „Der Lehrer“ läuft seit 2009, inzwischen gibt es sechs Staffeln, und hat von Staffel zu Staffel mehr Zuschauer erreicht. Benötigen solche Serien – auch angesichts der größer werdenden Angebotsvielfalt – mehr Zeit, damit sie sich durchsetzen können?

Philipp Steffens: Angesichts der Fragmentierung des FreeTV- und Streaming-Marktes wird die Herausforderung, auf sich aufmerksam zu machen und sein Profil zu schärfen, immer größer. Gute Inhalte werden gefunden, egal wo. Es braucht jedoch Geduld und Ausdauervermögen. Sehgewohnheiten können sehr schnell gebrochen aber nur sehr langsam aufgebaut werden. Auf dem Donnerstag halten wir nun schon seit vielen Jahren ein klares, verlässliches Versprechen – damit hat sich eine treue Zuschauerschaft aufgebaut. „Der Lehrer“ bedient einen sehr weiten Erfahrungshorizont und funktioniert auf vielen Ebenen. Die steigenden Zuschauerzahlen würdigen diese auf Strecke gehaltene Qualität.

medienpolitik.net: Welchen Aufwand bedeutet die Neuentwicklung einer Serie wie „Magda macht das schon!“ für RTL und wie lange dauert es im Schnitt vom Exposé bis zum Drehbeginn?

Philipp Steffens: Vom ersten Pitch bis zur Ausstrahlung vergehen im Schnitt rund zwei Jahre. Es braucht viel Zeit, Herzblut, Engagement und intensive Arbeit, um ein Format neu aufzusetzen, eine gemeinsame Vision zu entwickeln und sie in allen Bereichen auszufüllen.

medienpolitik.net: Wie viele Serien befinden sich 2018 in der Entwicklung und werden Sie die Offensive fortsetzen können?

Philipp Steffens: 2017 haben wir erneut ausgeschrieben und entwickeln derzeit an einigen Konzepten. Eine neue Serie ist zudem kurz vor der Produktion. Der Bedarf ist da und unser Tatendrang groß.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 03/18 erstveröffentlicht.

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