Filmpolitik:

„Die FFA ist kein Methusalem, und das System lebt“

von am 09.04.2018 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Medienförderung, Medienpolitik

<h4>Filmpolitik:</h4> „Die FFA ist kein Methusalem, und das System lebt“
Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

50 Jahre Filmförderung in Deutschland

09.04.18 Interview mit Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

Die Filmförderungsanstalt (FFA) feierte im März ihr 50jähriges Bestehen. Am 6. März 1968 war der Verwaltungsrat in Berlin zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengekommen, nachdem der Bundestag das erste Filmförderungsgesetz am 1. Dezember 1967 verabschiedet hatte. Die FFA beschäftigt heute 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Haushalt des laufenden Jahres sind rund 74 Mio. Euro für Fördermaßnahmen vorgesehen. Wie Peter Dinges, Vorstand der FFA, in einem medienpolitik.net-Gespräch betonte, wird mit diesem Jubiläum „auch die Solidargemeinschaft, die sich selber finanziert und keinerlei Steuermittel beansprucht und deren Entscheidungen daher politisch weitgehend unabhängig getroffen werden“, gefeiert. Mit Blick auf die zukünftige Finanzierung wünscht sich Peter Dinges, dass die Neuen Medien gleichberechtigte Partner innerhalb des Solidarsystems werden. „Auf diese Weise könnten sie nicht nur eine wichtige Verantwortung bei der Finanzierung der Filmförderung, sondern gerne auch eine tragende Rolle bei der Herstellung von Filmen übernehmen.“

medienpolitik.net: Herr Dinges, 50 Jahre besteht die FFA nun schon. Was feiern Sie?

Peter Dinges: Wir feiern nicht nur 50 Jahre FFA, wir feiern auch 50 Jahre deutsche Filmgeschichte! Mit Filmen, die im besten Sinne Geschichten erzählt und Geschichte geschrieben haben, und dies in einer immensen Vielfalt und mit großem Erfolg. Ein Erfolg, an dem auch die FFA beteiligt war. Wir feiern aber auch den Bestand einer Solidargemeinschaft, die sich selber finanziert und keinerlei Steuermittel beansprucht und deren Entscheidungen daher politisch weitgehend unabhängig getroffen werden. Zudem ist es der FFA gelungen, immer wieder tiefgreifende Veränderungen in Technologie und Konsumverhalten erfolgreich zu begleiten. Gerade in Zeiten des medialen Wandels ist eine verlässliche und moderne Filmförderung eine wichtige Größe, die einen Übergang so zu gestalten hilft, dass Chancen genutzt und Strukturschäden vermieden werden.

medienpolitik.net: Was ist die größte Leistung/Errungenschaft der FFA?

Peter Dinges: Die ganz große Stärke der FFA war und ist es, sich ständig in Frage zu stellen und immer wieder neu zu erfinden. Solidarität ist kein Selbstläufer. Sie muss immer wieder erneuert werden. Die Filmförderung nach dem noch heute funktionierenden System – und damit auch die FFA – wurde in dem Jahr eins nach Einführung des Farbfernsehens gegründet. Zehn Jahre später revolutionierten die Videorekorder das Filmkonsum- und Freizeitverhalten der Menschen und 20 Jahre darauf begannen das Internet und die Digitaltechnik ihren Siegeszug, der bis heute andauert. In all diesen Phasen des technischen Wandels war die FFA immer in der Lage, sich anzupassen und neue Player zu integrieren. Nicht zu vergessen: Alle fünf Jahre stellen wir gemeinsam mit der Branche und der Politik die Standards auf den Prüfstand und reformieren ein Gesetz, das unsere Fördertätigkeit trägt. Die FFA ist die einzige Institution, die sich dieser Anforderung in regelmäßigen Abständen stellt. Das mag zwar manchmal für die unmittelbar Beteiligten nicht immer ganz einfach sein, ist aber letzten Endes genau der richtige Weg.

medienpolitik.net: Es ist bis heute ungewöhnlich, dass sich eine Branche selbst fördert. Was war der Anlass für die Gründung der FFA?

Peter Dinges: Auch wenn ich im Gründungsjahr der FFA gerade zum ersten Mal im Kino gewesen sein mag, ich kenne natürlich die Geschichte. Damals gab es einen immensen Bedeutungsverlust des deutschen Films, verbunden mit einem massiven Besucherrückgang im Kino. Zudem gab eigentlich keine Strukturen mehr in der Produktionswirtschaft und das Produktionsvolumen der Filmwirtschaft war in den Keller gefallen. Im Ausland, in Frankreich und Italien etwa, hatte man damals längst verstanden, dass der Film und die Filmförderung ein ganz wesentlicher Bestandteil der nationalen Kultur- und Wirtschaftspolitik sein müssen. Was dann entstand, ist bekannt – Vielfalt und Anspruch und nicht mehr Oswalt Kolle und Heintje.

medienpolitik.net: Wäre heute angesichts einer veränderten Medienwelt und -Struktur mit globalen Plattformen eine solche Gründung noch vorstellbar?

Peter Dinges: Ja, das Solidarsystem ist auch heute noch so modern, dass derzeit in einigen europäischen Nachbarländern über dessen Einführung in der Filmförderung sehr konkret nachgedacht wird. Die Vorteile liegen auf der Hand – ein solches System finanziert sich unabhängig von Steuermitteln, erneuert sich regelmäßig, da sich ja auch die Rahmenbedingungen verändern – und verfügt über eine hohe Akzeptanz in der Öffentlichkeit und in der Politik. Die FFA ist kein Methusalem, und das System lebt!

medienpolitik.net: Ist das Modell auch auf andere kulturelle Branchen übertragbar?

Peter Dinges: Im Prinzip, ja. Allerdings müssten dazu hohe rechtliche Hürden übersprungen werden. Hinzu kommt, dass die Strukturen in der Filmbranche viele für eine Sonderabgabe notwendige Besonderheiten aufweisen und nicht eins zu eins übertragbar sind. Nirgendwo anders sind nämlich kulturelle Ziele und wirtschaftlicher Gruppennutzen so eng miteinander verwoben wie beim Film. Auch wenn es im Prinzip möglich wäre, ist und bleibt eine solche Fallgestaltung einzigartig in der Kulturlandschaft. Falls dies alles so einfach wäre, hätten wir sicherlich längst auch in anderen Bereichen vergleichbare Systeme.

medienpolitik.net: Versteht sich die FFA als Leitinstitution für die Länderförderer?

Peter Dinges: Nein. Das verbietet sich allein aus dem föderalen Grundgedanken und der Kulturhoheit der Länder. Hinzu kommt, dass die Förderung der FFA einzig und allein auf den Kinofilm konzentriert ist, während die Länder viel breiter fördern. Natürlich freue ich mich, dass sich die Förderinstitutionen der Länder auch an unseren Richtlinien orientieren und wir uns alle zusammen mit der BKM auf gemeinsame Vorgehensweisen verständigen. Aber als Leitinstitution sehe ich uns wahrlich nicht an.

medienpolitik.net: Wie konkret verläuft eigentlich die Zusammenarbeit oder auch Abstimmung mit den Länderförderern? Wenn ein Produzent mit einer guten Idee zur FFA kommt, aber die Finanzen noch nicht zusammen hat, rufen Sie dann auch mal bei Frau Niehuus oder Frau Müller an und werben für den Film?

Peter Dinges: Natürlich halten wir uns gegenseitig über Förderentscheidungen auf dem Laufenden, stehen in einem regelmäßigen Austausch und informieren uns – wenn auch selten – über Besonderheiten einzelner Projekte, aber wir arbeiten und entscheiden selbstverständlich unabhängig voneinander. Projektabsprachen kann es nicht geben. Dafür steht das unabhängige Kommissionssystem. Es ist weder wünschenswert noch sinnvoll, Förderentscheidungen zu beeinflussen, indem wir ein Projekt besonders hervorheben und ein anderes weniger nach vorne schieben. Dies ist nicht im Sinne der Förderung und auch nicht im Interesse der Filmwirtschaft. Das heißt nicht, dass eine bessere Abstimmung der Fördersysteme insgesamt nicht wünschenswert oder zumindest diskutabel wäre.

medienpolitik.net: Auf Ihrer Online-Seite steht: „Die Filmförderungsanstalt (FFA) ist die nationale Filmförderung Deutschlands.“ Ist Sie damit auch für die Qualität des deutschen Films zuständig?

Peter Dinges: Die FFA ist zusammen mit der BKM-Förderung für die nationale Filmförderung zuständig. Was die Zuständigkeit für die Qualität des deutschen Films betrifft, reicht ein Blick ins FFG, wonach wir „die Struktur der deutschen Filmwirtschaft und die kreativ-künstlerische Qualität des deutschen Films als Voraussetzung für seinen Erfolg im Inland und im Ausland“ fördern. Natürlich sehen wir uns hier in der Verantwortung für die Qualität des deutschen Films. Dies war der Grund für die Einführung der Projektförderung im Jahre 1974 und die Abwendung von einem rein automatischen System. Wir wollen beides – Qualität und Erfolg.

medienpolitik.net: Woran verzweifeln Sie manchmal mehr: An der Vielzahl der Förderanträge oder an der oft ungenügenden – nicht zuschauerwirksamen Qualität – der geförderten Filme?

Peter Dinges: Na ja, FFA-Vorstände verzweifeln nicht so leicht… Und wenn wir in die Anfangsjahre der FFA blicken, dann waren die Qualität der Projekte häufig genug sehr viel schlechter als heute und die Anzahl der Anträge mangels Projekten viel zu niedrig. Natürlich würden wir uns heute, wie jeder andere Förderer auch, gelegentlich eine höhere Qualität wünschen, insbesondere im Drehbuchbereich. Genau deshalb hat der Gesetzgeber im aktuellen Gesetz ja auch eine Drehbuch-Fortentwicklung eingeführt, die sich jetzt beweisen muss.

medienpolitik.net: Was ist für Sie ein förderungsfähiger Film?

Peter Dinges: Das lässt sich sehr genau in den Leitlinien nachlesen, die der Verwaltungsrat im letzten Jahr auf den Weg gebracht hat und die seitdem in unserer Projektförderung angewandt werden. In einem Satz gesagt, förderungsfähig ist ein Film, der gerade auch auf Grund seiner Qualität im Kino erfolgreich ist.

medienpolitik.net: Mit diesen, im vergangenen Jahr beschlossen Leitlinien, haben Sie für viel Unruhe in der Produzentenbranche und auch in anderen Branchen der Filmwirtschaft gesorgt. Haben Sie die Idee im Nachhinein bereut?

Peter Dinges: Nein, das habe ich nicht. Wir möchten Filme fördern, die die Menschen im Kino sehen wollen. Die Leitlinien sind dazu da, die Kommissionen zu sensibilisieren und zu fokussieren. Die Schwierigkeit war, einen treffsicheren Weg zwischen Kommerz und Kultur, dem Mainstream und dem Arthousefilm, zu finden. Wir wollen weder eine Fragmentierung von Förderungen noch eine kulturelle Versteppung der Förderung vorantreiben. Wir sollten auch nicht übersehen, dass die Leitlinien aus einer Diskussion innerhalb der Branche heraus entstanden sind.
Aber in der Tat fand ich damals das manchmal an den Tag gelegte Schwarz-Weiß-Denken in der öffentlichen Debatte etwas arg übertrieben. Mir persönlich war der Diskussionsprozess zu kontrovers und zu wenig konstruktiv. Andererseits konnte ich den Widerstand bei Teilen der Produzenten nachvollziehen. Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, dass eine stabile, gesunde Struktur der Produzentenlandschaft die wichtigste Grundlage für eine hohe Qualität des deutschen Films ist und bleiben muss. Diese Strukturen sahen einige gefährdet. Ich glaube, der Förderalltag zeigt jetzt, dass viele der Befürchtungen, die im Vorfeld der Verabschiedung geäußert wurden, gar nicht eingetreten sind.

medienpolitik.net: Wirken sich die Leitlinien schon 2018 aus?

Peter Dinges: Wir haben noch keine genauen Zahlen vorliegen und die Zeit wäre auch zu kurz um einzelne Effekte hervorzuheben, aber tendenziell lässt sich bereits jetzt sagen, dass die Anzahl der Anträge etwas zurückgegangen ist. Dies war und ist eines der Ziele der Leitlinien – nämlich den Mitgliedern der Vergabegremien mit weniger Projekten ein sorgfältigeres Arbeiten zu ermöglichen. Über andere, deutlich wesentlichere, Effekte werde ich erst nach Vorliegen der Evaluierung sprechen.

medienpolitik.net: Es wird also anscheinend weniger deutsche FFA-geförderte Filme geben. Sind es auch „andere“ Filme die Sie nun fördern?

Peter Dinges: Auch dies werden wir erst dann genauer sehen, wenn eine erste Bewertung auf dem Tisch liegt. Angesichts der Sensibilität des Themas wäre es unklug, zum jetzigen Zeitpunkt ungesicherte Erkenntnisse hinaus zu posaunen. Wichtig ist, dass wir keine unsichtbaren Filme fördern wollen, die im Kino keine Chance und keinen Erfolg haben. Auch die immer größer werdende Zahl an Erstaufführungen war ein entscheidender Grund, weshalb der FFA-Verwaltungsrat die Leitlinien verabschiedet hat.

medienpolitik.net: Der Marktanteil des deutschen Films lag 2017 bei 23,9 Prozent. Der HDF Kino wünscht sich über 30 Prozent, um die wirtschaftliche Lage der Kinos zu verbessern. Ist das illusorisch?

Peter Dinges: Der deutsche Film ist so stark, dass er als Umsatzträger für das Kino eine zuverlässige Konstante ist. Es gab ja durchaus schon Zeiten, da lag der Marktanteil auch schon mal unter 10 Prozent. Ich halte es durchaus für möglich, dass ein Marktanteil von über 30 Prozent – oder besser, mehr als 40 Millionen Besucher – realistisch ist. Das Besucherpotential ist da, das wissen wir auch aus einer Potentialstudie, die wir vor einigen Jahren vorgelegt haben. Aber wir werden erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Hierzu gehören qualitativ hochwertige Filme für ein attraktives und überraschendes Kinoerlebnis, die Stärkung einer flächendeckenden und modernen Kinoinfrastruktur sowie die Nutzung der digitalen Möglichkeiten zur Kundenansprache in Konkurrenz zu den großen Plattformen. Die Steigerung des Marktanteils auf 30 Prozent und mehr bleibt aber, das sollte uns klar sein, ein langfristiges Ziel. Hier braucht man einen langen Atem.

medienpolitik.net: Heute ist das Kino der größte Einzahler in die FFA, wann werden Netflix & Co. das Kino überholen?

Peter Dinges: In der Historie der FFA ist es eigentlich eher ungewöhnlich, dass die Kinos, wie in den letzten beiden Jahrzehnten, die größten Einzahler sind. Dass sie allein fast die Hälfte der Filmabgabe an die FFA tragen, war auch nicht die Idee. Die Absicht war doch vielmehr, eine Drittelung anzustreben mit der Filmabgabe der Kinos, der Videowirtschaft und des Fernsehens. Insofern würde ich mich sehr freuen, wenn die Neuen Medien gleichberechtigte Partner innerhalb unseres Solidarsystems würden. Auf diese Weise könnten sie nicht nur eine wichtige Verantwortung bei der Finanzierung der Filmförderung, sondern gerne auch eine tragende Rolle bei der Herstellung von Filmen übernehmen. Und damit wäre doch wohl allen gedient.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/18 erstveröffentlicht.

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