Journalismus:

„Dem Wirtschaftsjournalismus ein neues Gesicht geben“

von am 03.04.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus

<h4>Journalismus:</h4>„Dem Wirtschaftsjournalismus ein neues Gesicht geben“
Sven Afhüppe, Chefredakteur des „Handelsblatt“

„Dem Wirtschaftsjournalismus ein neues Gesicht geben“

03.04.18 Interview mit Sven Afhüppe, Chefredakteur des „Handelsblatt“

Auch nach dem Abgang des „Handelsblatt“-Herausgebers Gabor Steingart hält die die größte deutsche Wirtschaftszeitung an ihrer digitalen Expansionsstrategie und Internationalisierungsplänen fest. Wie Chefredakteur Sven Afhüppe in einem medienpolitik.net-Gespräch erläuterte, sollen die digitalen Angebote des Handelsblatts inhaltlich und strategisch weiterentwickelt werden. „Unser Ziel ist es, unsere Bezahl-Modelle weiter auszubauen und unsere Leserinnen und Leser im Zeitalter der Digitalisierung über die digitalen Kanäle zu informieren und inspirieren“. Weiteres Ziel sei es, bis Ende des Jahres den Anteil der Digital-Abonnenten auf mehr als 50 Prozent zu steigern. Ende 2017 hatte das „Handelsblatt“ 44,6 Prozent digitale Leser. Zu den neuen Vorhaben gehören „Handelsblatt TV“ sowie der Ausbau des Datenjournalismus.

medienpolitik.net: Herr Afhüppe, Sie sind kürzlich in neue Redaktionsräume im neuen Gebäude der Verlagsgruppe „Handelsblatt“ gezogen. Welche Vorteile bringt dieser Umzug der Redaktion?

Sven Afhüppe: Der Umzug in unser neues Gebäude unterstreicht die Transformation der Handelsblatt Media Group vom klassischen Verlagshaus zu einem modernen Medienhaus neuen Typs – innovativ, digital und kommunikativ. Dies spiegelt sich auch in den neuen Räumlichkeiten wider: Die offene Raumstruktur bietet für die Handelsblatt-Redaktion sehr viel kürzere Kommunikationswege, wir verfügen im gesamten Gebäude über modernste Technik, die Arbeitsplätze sind hell und lichtdurchflutet und eine Vielzahl an Rückzugsräumen bietet die Möglichkeit, sich aus dem geschäftigen Treiben des Newsrooms zurückzuziehen, sich über Themen auszutauschen und diese zu vertiefen.

medienpolitik.net: Welche neuen Möglichkeiten existieren für die digitalen Angebote des „Handelsblatts“?

Sven Afhüppe: Mit der Berufung von Sebastian Matthes als Head of Digital wollen wir die digitalen Angebote des Handelsblatts inhaltlich und strategisch weiterentwickeln. Unser Ziel ist es, unsere Bezahl-Modelle weiter auszubauen und unsere Leserinnen und Leser im Zeitalter der Digitalisierung über die digitalen Kanäle zu informieren und inspirieren. Mit Erfolg: Seit dem Launch unserer neuen, innovativen Handelsblatt App Ende letzten Jahres konnte die digitale Auflage bereits spürbar gesteigert werden.

medienpolitik.net: Wie hoch ist gegenwärtig in etwa der Anteil digitaler Abonnements an den Abos insgesamt?

Sven Afhüppe: Laut den aktuellen IVW Zahlen von Q4/2017 liegt der Anteil der E-Paper-Abonnenten des Handelsblatts bei 44,6 Prozent.

medienpolitik.net: Werden die digitalen Abonnenten künftig besser „behandelt“ als die Print-Abonnenten?

Sven Afhüppe: Nein. Wir freuen uns über jeden neuen Leser, egal ob Print oder Digital. Alle Abonnenten sind Mitglieder unseres Handelsblatt Wirtschaftsclubs und haben die Möglichkeit, an unseren vielfältigen Clubangeboten und Veranstaltungen teilzunehmen – unabhängig davon, in welcher Form sie das Handelsblatt nutzen.

medienpolitik.net: Werden Sie die digitalen Angebote weiter ausdifferenzieren?

Sven Afhüppe: Wir bieten Journalismus in drei Darreichungsformen: gedruckt, digital und live. Das wollen wir weiter ausbauen, wobei insbesondere der Bereich Live-Journalismus eine wichtige Rolle spielt. Zudem wollen wir den Lesern unserer wichtigsten Branchen wie beispielsweise Finanzen, Telekommunikation, Automobil, Industrie oder E-Commerce noch spezifischere Informationen sowie den Aufbau eines Experten-Netzwerks ermöglichen.

medienpolitik.net: Sie erreichen gegenwärtig eine verkaufte Auflage von ca. 126.000 Exemplaren. Wo möchten Sie mit einem Ausbau des digitalen Angebotes landen?

Sven Afhüppe: Unser Ziel ist es, bis Ende des Jahres den Anteil unserer Digital-Abonnenten auf mehr als 50 Prozent zu steigern. Die positive Entwicklung der E-Paper-Auflage unterstreicht die erfolgreiche digitale Transformation der Marke Handelsblatt und spiegelt gleichzeitig die hohe Mobilität unserer Leserinnen und Leser wider, die viel geschäftlich unterwegs sind und das Handelsblatt stark auf mobilen Endgeräten lesen.

medienpolitik.net: Seit 2014 existiert bereits die englischsprachige „Handelsblatt Global Edition“. Wie werden Sie diese weiterentwickeln?

Sven Afhüppe: Unser Ziel ist eine noch stärkere Internationalisierung der Marke Handelsblatt. Dafür werden die beiden Redaktionen von Handelsblatt und Handelsblatt Global künftig enger zusammenarbeiten. Zudem werden die Sales-Einheiten von Handelsblatt Global mit den bestehenden 360-Grad-Vermarktungseinheiten der Handelsblatt Media Group in Düsseldorf gebündelt. Somit werden wir künftig noch schlagkräftiger sein und unser internationales Veranstaltungs- und Kongressgeschäft weiter ausbauen.

medienpolitik.net: Könnten Sie das aus „Bordmitteln“ stemmen oder wären erhebliche Investitionen in neue Mitarbeiter u.ä. erforderlich?

Sven Afhüppe: Durch die Zusammenführung der Sales-Einheiten entsteht ein schlagkräftiges Team, was keine neuen Investitionen erfordert, und der redaktionelle Teil der „Handelsblatt Global“ bleibt unverändert in Berlin bestehen.

medienpolitik.net: In Ihren digitalen Angeboten existieren Videos, die zum Teil selbst produziert oder von anderen Anbietern stammen. Wie geht es hier weiter?

Sven Afhüppe: Wir wollen mit „Handelsblatt TV“ in den kommenden Monaten ein neues Bewegtbild-Format starten, das live aus unserem Newsroom gesendet wird und über aktuelle Top-Themen aus Wirtschaft, Finanzen und Politik informiert.

medienpolitik.net: Die „Welt“ hat N24 gekauft. Warum übernehmen Sie nicht einen kleineren Sender?

Sven Afhüppe: Die Ausstrahlung von Handelsblatt TV erfolgt über die Webseite Handelsblatt.com, die Handelsblatt App sowie die Social Media-Kanäle. Wir haben eigene Videoredakteure im Haus, die für die Programmplanung und die Umsetzung des Livestreaming verantwortlich sind.

medienpolitik.net: Was versprechen Sie sich vom Ausbau des eigenen Videoangebotes inklusive Livestreams?

Sven Afhüppe: Mit den neuen Formaten wollen wir dem Wirtschaftsjournalismus ein neues Gesicht geben. Dabei stehen das Expertenwissen und Know-how unserer rund 200 Redakteurinnen und Redakteure klar im Fokus.

medienpolitik.net: In Berlin sitzt die „Handelsblatt“ Intelligence Unit, die unter anderem die Social-Media-Aktivitäten der Wirtschaftszeitung steuert. Welche Aufgaben hat dieser Bereich konkret?

Sven Afhüppe: Unsere Intelligence Unit analysiert welche Themen in den sozialen Netzwerken gerade besonders angesagt sind und was die User interessiert und bewegt. Vor dem Hintergrund dieser Analysen können unsere redaktionellen Inhalte gezielt aufbereitet, mit Videocontent oder Infografiken angereichert und über die verschiedenen Social Media-Kanäle gesteuert werden. Somit können wir auf intelligente Art und Weise potenzielle Nutzer erreichen und für unsere Angebote begeistern.

medienpolitik.net: Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke für den Ausbau Ihrer Reichweite und der Gewinnung neuer Abonnenten?

Sven Afhüppe: Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder LinkedIn sind wichtige Touchpoints, über die die potenziellen Nutzer mit der Marke „Handelsblatt“ in Kontakt treten können. Wir haben eine hohe Reichweite in den sozialen Medien. Das gibt uns die Möglichkeit, mit den Nutzern eine Beziehung aufzubauen, sie kennenzulernen, von unseren Inhalten und Produkten zu überzeugen und – idealerweise – als langfristige Abonnenten zu gewinnen.

medienpolitik.net: Wie weit ist das „Handelsblatt“ beim Datenjournalismus? Welche Perspektive hat dieses Feld für den Wirtschaftsjournalismus?

Sven Afhüppe: In der „Handelsblatt“-Redaktion beschäftigen sich mehrere Kollegen mit dem Thema Datenjournalismus. Die tägliche Grafik-Doppelseite ist ein wichtiges Produkt dieser Arbeit, das zeigt wie sich spannende Wirtschaftsgeschichten mit Daten aufbereiten und erzählen lassen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/18 erstveröffentlicht.

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