Rundfunk:

„Der Kampf um die Kreativen nimmt zu“

von am 05.04.2018 in Allgemein, Archiv, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Der Kampf um die Kreativen nimmt zu“
Heike Hempel, Stellvertretende Programmdirektorin und Leiterin der Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie II des ZDF

ZDF plant weitere High-end-Serien und Miniserien

05.04.18 Interview mit Heike Hempel, Stellvertretende Programmdirektorin und Leiterin der Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie II des ZDF

Mit einem Marktanteil von 16,3 Prozent knüpfte „Ku’damm 59″an den Erfolg der ersten Staffel an. Auch in der ZDFmediathek fand „Ku’damm 59“ große Aufmerksamkeit. Am 18. März 2018 gingen alle drei Folgen online. Gemeinsam erzielten sie bislang schon 1,87 Mio. Sichtungen. Umgerechnet auf die TV-Kennzahl Sehbeteiligung wurden die Folgen online durchschnittlich von 0,28 Millionen Zuschauern gesehen. „Bad Banks“ z. B. erreichte neben der linearen Ausstrahlung im Netz bis dato mehr als 4,1 Mio. Sichtungen. Das ZDF möchte mit diesen aufwendigen Serien, wie Heike Hempel, stellvertretende Programmdirektorin des ZDF in einem medienpolitik.net-Gespräch betonte, das Feld nicht den Drittplattformanbietern überlassen, sondern auch hier erste Adresse für alle Kreativen sein. „Im Segment der hochwertigen Serie hat sich der Markt in den letzten Jahren extrem verändert. Auch wenn wir eine andere Zielsetzung haben als „Netflix & Co“, so steigen doch, auf Grund der Nachfrage, insgesamt die Preise. Und – wichtiger noch – der Kampf um die Kreativen.“

medienpolitik.net: Frau Hempel, im Januar lief „Tannbach“, im März liefen „Ku’damm 59“, und „Bad Banks“. Das ist eine hohe „Schlagzahl. Halten Sie diese für 2018 und 2019 so durch?

Heike Hempel: Ja – im Herbst präsentieren wir u. a. die große mehrteilige Erzählung „Bella Germania“, ein deutsch-italienisches Familienepos nach den Büchern von Daniel Speck. Außerdem werden wir noch in diesem Jahr bei ZDFneo die Event-Serie „Das Parfum“ zeigen.
Wir haben ein starkes, fiktionales Regelprogramm mit Reihen und Serien, auf die wir sehr stolz sind. Daneben ist es uns als öffentlich-rechtliches Vollprogramm wichtig, lebendig und überraschend zu bleiben und besondere Projekte immer wieder ins Schaufenster zu stellen.

medienpolitik.net: Wie lange benötigen Serien wie „Tannbach“ oder auch „Ku’damm 59“ von der Buchidee bis zur Sendung?

Heike Hempel: Im Frühjahr 2016 haben wir „Ku´damm 56“ ausgestrahlt. Jetzt haben wir gerade die drei neuen Filme „Ku´damm 59“ gezeigt. Das sind also zwei Jahre und damit eine eher kurze Entwicklungszeit. Das liegt aber natürlich auch daran, dass hier die Figuren und der Serienkosmos schon geschaffen waren – ähnlich wie bei „Tannbach“. Projekte, die wir von der Idee an entwickeln, brauchen bis zur Ausstrahlung auch schon mal ein bis zwei Jahre länger.

medienpolitik.net: Gibt es etwas ZDF-Spezifisches für diese Serien, was Ihnen besonders am Herzen liegt?

Heike Hempel: anderen Beteiligten unsere ganze Exzellenz beweisen. Wenn uns das gelingt, dann können wir fühlbar und begreifbar machen, wo wir her- kommen. Bei „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ ist es diese seltsame Kultur der 50er Jahre, die meine 16-jährige Tochter so exotisch findet, wie das Amazonasgebiet, und aus der wir doch alle hervorgegangen sind. Auch die Rollenbilder, die wir hier erzählen, haben viel zu tun mit den Fragen, die wir uns jetzt innerhalb der #Metoo-Debatte stellen.
Außerdem, geht es sowohl bei der zeitgeschichtlichen Erzählung als auch bei den zeitgenössischen Serien immer darum, auf Augenhöhe mit den Figuren zu erzählen: spannend, überraschend, populär, mit einem Wort „à jour“. Und: Die Figuren brauchen eine gute Energie, damit ich bei allen Schicksalsschlägen, aller Dramatik, aller Ambivalenz, mit ihnen mitgehe.

medienpolitik.net: Wie hoch ist der Anteil des ZDF an diesen Serien?

Heike Hempel: Außer Geld steuern wir redaktionelles Know-how bei. Wir begleiten die Projekte von der Idee bis zum fertigen Film. Ich halte sehr viel vom modernen Redakteursfernsehen, das nicht gängelt, aber gemeinsam mit den Kreativen und den Produzenten immer wieder an die Vision und die Zielsetzung des Projekts erinnert.

medienpolitik.net: Was kostet eine Sendeminute von „Tannbach“ oder „Ku’damm 59“ im Vergleich zu einem Freitagabend-Krimi?

Heike Hempel: Das ist schwer zu sagen, da wir hier unterschiedliche Produktionsformen haben. Einige der Mehrteiler und Serien sind Koproduktionen, bei denen auch die Filmförderungen beteiligt sind. Eine Sendeminute von „Tannbach“ oder „Ku’damm“ kostet in etwa doppelt so viel wie ein Freitagabend-Krimi.

medienpolitik.net: Wonach entscheiden Sie, ob es z.B. von „Tannbach“ oder „Ku’damm 59“ eine Fortsetzung gibt? Ist die Quote das alleinige Maß?

Heike Hempel: Erst einmal ist die Quote ja eine Produktquote, d. h. wir schauen sehr genau wie die Mediennutzung insgesamt war und wie die Folgen in der Mediathek abgerufen wurden. Bei „Ku’damm 59“ haben wir z. B. alle drei Folgen bereits am Sendetag morgens um 9 Uhr eingestellt. Bis einschließlich Montag, den 19.März 2018, haben wir für alle drei Teile in der Mediathek bereits 1,3 Mio. Sichtungen. Bei „Bad Banks“ z. B. haben wir neben der linearen Ausstrahlung im Netz bis dato mehr als 4,1 Mio. Sichtungen.
Außerdem ist natürlich entscheidend, ob es erzählerisches Potential für eine Fortsetzung gibt. Haben wir die Geschichten der Figuren zu Ende erzählt oder hat der Autor eine Idee, eine Inspiration? Bei „Ku’damm 59“ war ganz entscheidend, dass Annette Hess nach anfänglichem Zögern neugierig war und Lust darauf hatte, ihre Frauenfiguren in den 50er Jahren erwachsener werden zu lassen.

medienpolitik.net: Haben Sie das Budget für solche hochwertigen Serien im Vergleich zu anderen fiktionalen Produktionen erhöht?

Heike Hempel: Im Segment der hochwertigen Serie hat sich der Markt in den letzten Jahren extrem verändert. Die Anzahl der Serienproduktionen steigt hier, alle sprechen von der High-end-Serie und auch wenn wir eine andere Zielsetzung haben als „Netflix & Co“, so steigen doch, auf Grund der Nachfrage, insgesamt die Preise. Und – wichtiger noch – der Kampf um die Kreativen.

medienpolitik.net: Warum leistet sich das ZDF solche „teuren“ Serien?

Heike Hempel: Das Spektrum der Serien hat sich erweitert. Wir haben weiterhin starke Serien-Marken im Hauptprogramm, nehmen Sie z. B. den „Bergdoktor“, oder die „Soko“-Leiste, oder einzelne Serien wie „Bettys Diagnose“ oder „Notruf Hafenkante“ um 19.25 Uhr. Das sind episodisch erzählte Serien, die ein großes Publikum finden. In der Mitte des Spektrums befinden sich aus meiner Sicht serielle Erzählungen, die zum Teil auch in Mehrteiler gekleidet sind, wie „Tannbach“ oder auch „Ku´damm“, die in der Primetime bei uns im Hauptprogramm ein breites Publikum erreichen, aber sehr viel stärker seriell erzählt sind, als das noch vor Jahren der Fall war.
Dazu kommen jetzt immer mehr Serien, die wir als „Miniserien“ bezeichnen, die ihre Spannung sehr stark aus dem horizontalen Erzählbogen beziehen und die häufig auch eher ein kleineres Zielpublikum erreichen. In diesem Bereich möchten wir das Feld nicht allein den Drittplattformanbietern überlassen, sondern auch hier erste Adresse für alle Kreativen sein, mit unseren Ausspielwegen und Kanälen: Von ZDF„neo“ über die Mediathek bis hin zur zweiten Primetime im Hauptprogramm.

medienpolitik.net: Können Sie aus dem Vollen der Ideen oder Drehbücher schöpfen?

Heike Hempel: Das Wichtigste bei diesen Serien ist eine starke, unverwechselbare Autorenhandschrift. Das kreative Zentrum bei „Ku´damm 59“ ist Annette Hess. Sie ist nicht nur die Ideengeberin und Autorin der Drehbücher, sondern hat bei dem Projekt auf Augenhöhe mit dem Regisseur Sven Bohse gearbeitet. Als Creative Producerin hat sie ihre Vision über alle Gewerke und über alle Stadien des Projekts hin behütet und eingebracht. Es geht also immer um die kreative Konstellation und die muss man suchen, wie die Stecknadel im Heuhaufen.
Aber grundsätzlich gilt: Die Produzentinnen und Produzenten in Deutschland, zusammen mit den Kreativen, sind dazu absolut in der Lage, wie u. a. das jüngste Beispiel „Bad Banks“ ja auch beweist. Yes, we can! Diese Linie möchte ich zusammen mit Frank Zervos (Leiter der Hauptredaktion Fernsehfilm/ Serie I) auch in Zukunft fortschreiben.
Unser Vorteil ist dabei, dass wir im fiktionalen, populären Erzählen im Laufe der Jahre sehr viel Erfahrungen gesammelt und ein großes Know-how vorzuweisen haben. Wenn man „anders“ erzählen möchte, dann muss man immer genau wissen, wie man im Genre erzählt, was Mainstream ist und vor allem auch, wie man jenseits des Krimis spannend erzählt.

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises haben die Drehbuchautoren über zu wenig Anerkennung geklagt. Was kann das ZDF leisten, um die Bedeutung der Autoren aufzuwerten?

Heike Hempel: Wir können und müssen als Auftraggeber immer wieder die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Autorinnen und Autoren so arbeiten können, wie am Beispiel von Annette Hess gerade geschildert. Der Autor hat eine Schlüsselposition innerhalb der Produktion.
Außerdem können wir natürlich über gezielte Autorenförderung und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren dazu beitragen. Es geht dabei natürlich, neben der Autorenschaft, auch darum, stärker produktionelle Prozesse mitzugestalten. Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel: Natalie Scharf, mit der wir die „Frühlingsreihe“ mit Simone Thomalla für Sonntag 20.15 Uhr entwickelt haben und für die sie über mehrere Jahre die Bücher geschrieben hat, hat sich mit dem Projekt „Honigfrauen“ das wir im letzten Jahr mit großem Erfolg ausgestrahlt haben, als Produzentin selbstständig gemacht. Wir haben sie dabei unterstützt und sie hat als unabhängige Produzentin und Autorin diese Ost-West-Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt und erfolgreich umgesetzt.

medienpolitik.net: Die sechsteilige Crime-Serie „Das Parfum“ wird bei ZDFneo laufen. Warum haben Sie das „abgegeben“? Soll ZDFneo dem ZDF-Hauptprogramm im fiktionalen Bereich Konkurrenz machen?

Heike Hempel: ZDFneo ist für uns keine Konkurrenz, sondern gehört zu unserer Senderfamilie. Bei ZDFneo waren ja in den letzten Jahren einige interessante Serien zu sehen, z. B. „Tempel“, „Die Blaumacher“ oder auch „Die Lobbyistin“, Serien, die ihr Zielpublikum gefunden haben und eine gewisse Auffälligkeit hatten. Ich finde es sinnvoll, jetzt einen Schritt weiter zu gehen und mit „Das Parfum“ einen größeren Aufschlag zu machen.

medienpolitik.net: Sie produzieren als internationale Koproduktion „Hamilton“. Wie kam es zu dieser Koproduktion?

Heike Hempel: „Hamilton“ ist eine europäische Koproduktion, die wir unseren Kontakten zu skandinavischen TV-Sendern und Produzenten verdanken. Die Koproduktion ist bei uns im Spielfilm angesiedelt und wird im Montagskino ausgestrahlt.

medienpolitik.net: Werden internationale Koproduktionen für hochwertige Serien zunehmen?

Heike Hempel: Ja, das lässt sich am Markt ganz klar so beobachten und ist gleichzeitig ja auch ein Feld in dem wir, u. a. was die skandinavischen Koproduktionen angeht, schon eine lange Tradition haben. Es ist aber für uns als deutschsprachiger, öffentlich-rechtlicher Sender wichtig, uns in unserem Profil von Drittplattformanbietern zu unterscheiden: Wir erzählen eher lokal, aus Deutschland heraus, unsere Themen und in unseren Milieus. Wir erzählen für ein breites Publikum im Hauptprogramm und durchaus auch für kleinere Zielgruppen in unseren Abspielwegen und Kanälen. Wir arbeiten wirtschaftlich, aber wir sind kein von rein wirtschaftlichen Erwägungen getriebenes Unternehmen und wir definieren keine sehr enge, spitze, eher männliche, junge, gutverdienende Zielgruppe. Wir machen Fernsehen für Alle, über unterschiedliche Ausspielwege mit einem breiten Spektrum.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/18 erstveröffentlicht.

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