Rundfunk:

„Unsere Serien gehören zu den Besten“

von am 05.04.2018 in Archiv, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Unsere Serien gehören zu den Besten“
copyright : Frederic Maigrot/ARTE
Bernd Mütter Geschäftsführer und Programmdirektor ARTE GEIE

ARTE plant weitere Serien, unter anderem auch mit Frankreich

05.04.18 Interview mit Bernd Mütter, ARTE-Programmdirektor und Geschäftsführer

Als „Serienmeisterwerk“ und „Traum jedes Senderchefs“ lobte Spiegel.de die sechsteilige Serie „Bad Banks“. Eine zweite Staffel wurde inzwischen in Auftrag gegeben. Diese Serie war eine Koproduktion von ARTE und dem ZDF. Vor der linearen Ausstrahlung konnte „Bad Banks“ bereits in den Mediatheken beider Sender abgerufen werden. Allein ARTE verzeichnete 1,3 Mio. Videoabrufe für die 6 Folgen. „Da haben wir Europäer gezeigt, was möglich ist“, wertet Bernd Mütter, seit 1. Januar 2018 ARTE-Programmdirektor, die Qualität der Serie. Gleiches gelte auch für „Jordskott“ oder „Sandhamn“ aus Skandinavien, „Peaky Blinders“ aus England, „Ein Engel verschwindet“ oder „Kindkind“ aus Frankreich. „Unsere Serien gehören zum Besten, was die Szene in Europa und darüber hinaus gegenwärtig zu bieten hat.“ Für die Zukunft plant ARTE auch deutsch-französisch koproduzierte Serien.

medienpolitik.net: Herr Mütter „Bad Banks“ ist eine Koproduktion mit dem ZDF und sehr erfolgreich. Wie viele Zuschauer haben sich die Serie bei ARTE angesehen?

Bernd Mütter: Wir hatten 1,3 Mio. Videoabrufe für die 6 Folgen online – Rekord für eine ARTE-Serie. Linear lagen wir im Durchschnitt bei 1,8 Prozent Marktanteil, was weit über dem Senderschnitt liegt. Das hat uns sehr gefreut, weil die ARTE-Koordination im ZDF „Bad Banks“ ja nicht nur koproduziert hat, sondern sie darüber hinaus auf eine Stoffentwicklung, die wir aus der Zentrale finanziert haben, zurückgeht.

medienpolitik.net: Die Serie war auf ARTE und der Mediathek vor der Sendung im ZDF zu sehen. Werden Sie diesen Weg grundsätzlich bei Koproduktionen mit anderen Sendern gehen?

Bernd Mütter: 28 % der „Bad Banks“-Abrufe in unserer Mediathek erfolgten vor der linearen Ausstrahlung. Durch das Vorab-Angebot bekommt das Programm mehr Aufmerksamkeit. Deshalb bemühen wir uns um Vorab-Rechte und nutzen sie auch, wenn wir sie bekommen.

medienpolitik.net: ARTE speist sich vor allem aus den Inhalten der Partnersender. Wie groß ist etwa der Anteil eigener, exklusiver Produktionen?

Bernd Mütter: In Paris produziert ARTE France für uns, in Mainz das ZDF und an den Standorten der Landesrundfunkanstalten der jeweilige ARD-Partner. Wir in der Zentrale in Straßburg produzieren etwa ein Fünftel des Gesamtprogramms, u.a. ARTE Journal und unsere Reportagen, aber auch Dokumentationen und Fernsehfilme in Zusammenarbeit einem unserer neun europäischen Partner. Alle Programme werden von der deutsch-französischen Programmkonferenz verabschiedet und in aller Regel haben wir die Erstausstrahlung. Dass die eine oder andere Produktion hinterher auf anderen Kanälen zu finden ist, vergrößert ja nur unsere Wirksamkeit.

medienpolitik.net: Ist „Bad Banks“ eine typische ARTE-Serie, von der Sie sich mehr wünschen würden?

Bernd Mütter: Ein fesselndes, aktuelles Thema, ein toller Cast, großartiges Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt hochattraktiv – was will man mehr!? Da haben wir Europäer gezeigt, was möglich ist. Gleiches gilt für „Jordskott“ oder „Sandhamn“ aus Skandinavien, „Peaky Blinders“ aus England, „Ein Engel verschwindet“ oder „Kindkind“ aus Frankreich. Unsere Serien gehören zum Besten, was die Szene in Europa und darüberhinaus gegenwärtig zu bieten hat.
Für die Zukunft planen wir auch deutsch-französisch koproduzierte Serien. Die erste zu gleichen Teilen von ARTE Deutschland und ARTE France finanziell getragene Serie wird der Sechsteiler „Eden“ (Regie: Dominik Moll) sein, den wir 2019 senden wollen. Es wird um die Aufnahme der Flüchtlinge in Europa gehen.

medienpolitik.net: ARTE zeigt vor allem europäische Produktionen. Streben Sie hier noch eine größere Genres-Breite und größere Vielfalt der Ursprungsländer an?

Bernd Mütter: Natürlich haben wir den Anspruch, in unserem Angebot die besten europäischen Produktionen zu versammeln. Aber da hören wir ja nicht auf: Aus Australien haben wir „Top of the lake“ gezeigt, aus Israel „Hatufim“. Der Film, der dieses Jahr den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat, ist eine chilenische Koproduktion: „Una mujer fantastica“ von Sebastian Lelio. Aber auch im Dokumentarfilmbereich zeigen wir Filme von namhaften, preisgekrönten und investigativen Journalisten oder Regisseuren wie beispielsweise von den Amerikanern Ken Burns oder Michael Kirk, dem Kambodschaner Rithy Panh, dem Russen Victor Kossakowski, dem Haitianer Raoul Peck oder dem Palästinenser Amer Shomali, etc. Unsere Entdeckungsdokumentationen kommen aus der ganzen Welt und sind so vielfältig wie die Themen, die sie behandeln.
Im Bereich der Virtual-Reality haben wir viel mit den Kanadiern zusammengearbeitet. Ganz aktuell ist der meisterhafte 360°-Vierteiler von Dani Levy „Jerusalem: Glaube – Liebe – Hoffnung – Angst“. Er selbst beschrieb seine erste Erfahrung mit der VR als eine „völlig neue Dimension, die so überwältigend anders“ sei. Der Film ist sowohl auf unserer Website als auf der ARTE360-App zu erleben.

medienpolitik.net: Welche Akzente wollen Sie darüber hinaus mit Spielfilmen und fiktionalen TV-Produktionen bis Ende des Jahres setzen?

Bernd Mütter: Zum Filmfest in Cannes im Mai zeigen wir knapp 15 der dort ausgezeichneten Filme. Unsere popkulturelle Sommerreihe „Summer of“ ist immer ein Anlass, knapp zehn Kultfilme aus den letzten Jahrzehnten zu zeigen. Im November werden wir im Rahmen unseres zur Tradition gewordenen ARTE Filmfestivals viele Sendeplätze zur besten Sendezeit freimachen, um ca. 18 internationale ARTE-Koproduktionen, die bis jetzt nur im Kino zu sehen waren, erstmals im Fernsehen zu präsentieren.
Aber das Top-Highlight dieses Jahres wird dokumentarischer Natur sein: Der 8-Teiler „18. Krieg der Träume“ über die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Eine Zeit der Utopien und der Verunsicherungen, die dieser Tage ja gerne in Bezug zur Gegenwart gesetzt wird.

medienpolitik.net: ARTE will drei Millionen Euro pro Jahr bereitstellen, um „dokumentarische Großprojekte von europäischer Strahlkraft, die von deutschen und französischen Produzenten gemeinsam realisiert werden, aufzugleisen“. Wie viele Dokumentarfilme lassen sich damit realisieren?

Bernd Mütter: Dokumentarfilme und Dokumentationen machen schon jetzt über 40% unseres Programmangebots aus. Aber in Anbetracht der Entwicklung des Genres in den letzten Jahren wollen wir die Mittel von Deutschen und Franzosen bündeln, um auch global konkurrenzfähige, europäische Primetime-Dokumentarkoproduktionen zu ermöglichen. Wir haben an eine Größenordnung von sechs Produktionen pro Jahr gedacht – aber wir stehen noch ganz am Anfang.
Im Spielfilmbereich gibt es bei ARTE diese Möglichkeit der deutsch-französischen Zusammenarbeit schon seit vielen Jahren. Sie hat es dem Sender ermöglicht, mit herausragenden, internationalen Regisseuren wie Ruben Östlund, dem Regisseur des 2017 mit der Goldenen Palme ausgezeichneten „The Square“, Michael Haneke mit „Happy End“, Volker Schlöndorff mit „Rückkehr nach Montauk“ oder Christian Petzold mit seinem neuen Film „Transit“ zu arbeiten. Im Dokumentarfilm-Bereich wollen wir jetzt ähnliche Highlights schaffen – und solche Kaliber findet man dann doch nicht so leicht woanders.

medienpolitik.net: Sie erreichten in Deutschland 2017 einen Marktanteil von 1,1 Prozent über die lineare Verbreitung. Welche Rolle spielte Ihre Mediathek, wie groß war im Vergleich zum klassischen TV die Online-Nutzung?

Bernd Mütter: Was das Lineare angeht, spreche ich ja lieber über die Reichweite, weil sie ja für uns als öffentlich-rechtlicher Sender das Entscheidende ist: Wir erreichen Woche für Woche 21 Mio. Menschen, zehn Mio. Deutsche, elf Mio. Franzosen, die uns linear für mindestens eine Viertelstunde am Stück lang eingeschalten. Im Online-Bereich steigen unsere Zahlen weiterhin stark. 2017 konnten wir mit durchschnittlich 37 Mio. Videoabrufen im Monat in unserer Mediathek einen Zuwachs von 35% verzeichnen. Wir haben ja vor einigen Monaten unser Digitalangebot weiterentwickelt und Benutzerführung vereinfacht. Jetzt finden unsere Nutzer zu jeder Thematik einen noch schnelleren und bequemeren Zugang. Und auf den Drittplattformen haben wir sogar einen Anstieg von Januar 2017 im Vergleich zum Dezember 2017 von 87% hingelegt.

medienpolitik.net: Ein gutes Drittel entfiel auf Online-Only-Formate, also Inhalte, die nicht im ARTE-TV gesendet worden sind. Wie kommt dieser hohe Anteil zustande und welche Inhalte sind es vor allem, die Sie nur in der Mediathek anbieten?

Bernd Mütter: Da gibt es zum Beispiel die Kurzformate wie „Bilder allein zu Haus‘“ oder „Wer nicht fragt, stirbt dumm“, die einen ungewöhnlichen und augenzwinkernden Zugang zu Kunst und Wissenschaft eröffnen. Aber die meisten Online-Only-Formate befinden sich auf ARTE Concert. Da bieten wir wöchentlich etwa 900 Live-Konzerte, ganz gleich, ob Klassik, Jazz oder Pop/Rock, die keinen Platz im linearen Angebot finden, aber unser Broadcast-Angebot hervorragend erweitern. So verstärken sich lineares und non-lineares Angebot wechselseitig.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 04/18 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen