Rundfunk:

„Facebook war nie Freund von irgendjemandem“

von am 27.06.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk, Social Media

<h4>Rundfunk:</h4>„Facebook war nie Freund von irgendjemandem“
Thomas Prantner, Stv. Direktor für Technik, Online und neue Medien © ORF/Hans Leitner

ORF reduziert seinen Facebook-Auftritt um 80 Prozent und schaltet keine Werbung mehr in sozialen Netzwerken

27.06.18 Interview mit Thomas Prantner, stellvertretender ORF-Direktor für Technik, Online und neue Medien

Der ORF reduziert seinen Auftritt auf Facebook massiv, auch kommerzielle ORF-Werbung auf Facebook und Youtube soll es nicht mehr geben. Die derzeit rund 70 ORF-Auftritte auf Facebook sollen auf rund 15 eingedampft werden. Der ORF möchte auch keine Werbegelder mehr in Netzwerke wie Facebook und Youtube investieren. Auch nicht mehr gestattet sei das Hochladen von Videos zu ORF-Sendungen und -Beiträgen. Videocontent solle stattdessen „in Form von Links (z.B. in die ORF-TVThek) geteilt werden. Dem ORF wurde erst kürzlich von der Medienbehörde KommAustria untersagt, einen eigenen Youtube-Kanal zu betreiben. „Facebook war nie Freund von irgendjemandem, außer vielleicht von Börsianern, die auf sie setzten. Durch Datenmissbrauch und Intransparenz hat sich das Bild der Öffentlichkeit von sozialen Medien, vor allem von Facebook, in den vergangenen Monaten dramatisch verändert. Daher müssen wir da reagieren“. Thomas Prantner hatte bei der Medienenquete vorgeschlagen, dass angesichts der Übermacht von Global Playern wie Google, Facebook, Netflix, Amazon und YouTube eine neue Medienkoalition zwischen dem öffentlich-rechtlichen ORF, den österreichischen Printmedien und den Privatsendern geschlossen wird.

medienpolitik.net: Herr Prantner, Sie wollen im 2. Quartal eine neue Facebook-Strategie umsetzen. Das bedeutet wohl, weniger auf Facebook vertreten zu sein. Warum dieser ungewöhnliche Schritt?

Thomas Prantner: Wir haben uns angesehen, was uns das Engagement auf und für Facebook gebracht hat und festgestellt, dass wir Handlungsbedarf haben. Es ist im Laufe der Zeit zu einem Wildwuchs an ORF-Auftritten auf Facebook gekommen und das wollten wir seit geraumer Zeit in den Griff bekommen.

medienpolitik.net: Warum ist Facebook plötzlich vom Freund zum Feind des ORF geworden?

Thomas Prantner: Facebook war nie Freund von irgendjemandem, außer vielleicht von Börsianern, die auf sie setzten. Durch Datenmissbrauch und Intransparenz hat sich das Bild der Öffentlichkeit von Sozialen Medien, vor allem von Facebook, in den vergangenen Monaten dramatisch verändert. Daher müssen wir da reagieren.

medienpolitik.net: Aber muss ein öffentlich-rechtlicher Sender heute nicht seine Gebührenzahler überall erreichen, auf allen Ausspielwegen?

Thomas Prantner: Ja selbstverständlich, aber unter der klaren Auflage, dass alle Aktivitäten dem Unternehmen ORF nützen müssen. Das ist unser öffentlich-rechtliche Auftrag, dem wir verpflichtet sind. Warum sollen wir mit unseren Inhalten dafür sorgen, dass ein börsennotierter Konzern aus dem Silicon Valley seine Werbeeinnahmen auf unsere Kosten steigern kann? Wenn es darum geht, auf Facebook Promohinweise anzubringen, um die eigenen Programme zu bewerben und Traffic für ORF.at zu generieren, so ist das okay.

medienpolitik.net: Haben Ihre Überlegungen auch mit Online-Werbung zu tun? Sie dürfen im Gegensatz zu den deutschen öffentlich-rechtlichen Sender online werben. Möchten Sie die Werbung lieber auf Ihren Seiten sehen als bei Facebook?

Thomas Prantner: Im Jahr 2017 betrugen die Ausgaben der Wirtschaft für Online-Werbung in Österreich € 612 Mio. 45 Prozent dieser Summe gingen an Google und Facebook – ohne dass diese Giganten in Österreich Steuern zahlen oder zur Wertschöpfung in unserem Land beitragen. Die Netto-Online-Werbeumsätze der österreichischen Zeitungen, Privat-TV-Sender und ORF betrugen pro Medium im Jahr 2017 zwischen ein Prozent und drei Prozent des Online-Gesamtwerbevolumens. Das sagt alles.
Ich habe bei der Medienenquete der Bundesregierung vorgeschlagen, dass angesichts der Übermacht von Global Playern wie Google, Facebook, Netflix, Amazon und YouTube eine neue Medienkoalition zwischen dem öffentlich-rechtlichen ORF, den österreichischen Printmedien und den Privatsendern geschlossen wird. Das Motto heißt: Kooperation statt Konfrontation. Wir müssen gemeinsam agieren und im gemeinsamen Interesse um den Medienstandort Österreich und die Zukunft unserer Unternehmen kämpfen – das erreichen wir durch Content- und Vermarktungsallianzen. Der ORF ist bezüglich Online-Werbung ohnehin durch zahlreiche gesetzliche Bestimmungen in seinen Möglichkeiten beschränkt.

medienpolitik.net: Es gibt eine Debatte darüber, ob Facebook ein Medium ist. Angenommen es wird als solches auch rechtlich gesehen, mit allen Konsequenzen. Würden Sie dann Ihre Haltung gegenüber Facebook ändern?

Thomas Prantner: Das ist durchaus möglich und diese Situation wäre dann neu zu bewerten. Es würde aber, jedenfalls kurzfristig, nichts an den unfairen Marktbedingungen -Stichwort Steuerfairness und Quasi-Monopolstellung – und der daraus resultierenden Abhängigkeit, in die man sich begibt, ändern. Facebook hat ja unlängst sehr tief in die Tasche gegriffen, um sich von CNN bis Fox einige Newskanäle einzukaufen, die innerhalb des Facebook-Systems abrufbar sein werden. Man könnte auch sagen: Um sich die Aura des Medialen zu besorgen. Mal sehen, ob sie das in Europa auch machen werden.

medienpolitik.net: Wie präsent war der ORF bisher auf Facebook?

Thomas Prantner: Mit rund 70 Auftritten. Wir werden diese um ca. 80Prozent reduzieren, darüber hinaus die Promotion und Bewerbung für Facebook und andere Sozialen Medien in den TV-, Radio- und Onlineangeboten stoppen und auch Livestreams und Videopostings stark einschränken. Die ersten Maßnahmen wurden schon umgesetzt.

medienpolitik.net: Wie viele Nutzer haben Sie erreicht?

Thomas Prantner: Wer weiß das schon außer Facebook. Und jedenfalls hätten wir mehr User „erreicht“, wenn wir bei Facebook eingezahlt hätten. Und was heißt „erreicht“ in dem Zusammenhang?

medienpolitik.net: Welche Rolle hat der jüngste Datenskandal bei Facebook für Ihre Entscheidung gespielt?

Thomas Prantner: Eine sehr relevante. Wir haben uns nie Illusionen über die Praktiken von Facebook gemacht, aber das Ausmaß hat wohl alle überrascht.

medienpolitik.net: Es gibt weitere soziale Netzwerke, z.B. Twitter oder YouTube oder Instagram. Wollen Sie hier auch Askese üben?

Thomas Prantner: Wir wollen keine Askese betreiben, sondern von Fall zu Fall prüfen, wie das in unsere Marketing-und Kommunikationsstrategie passt. Nochmals: es ist alles zulässig und sinnvoll, was dem ORF und seinen Programmen nützt und unseren gesetzlichen Auftrag stärkt.

medienpolitik.net: Wie wollen Sie künftig die Jüngeren erreichen, die immer weniger „klassisch“ fernsehen?

Thomas Prantner: Ein Medium, noch dazu ein öffentlich-rechtliches, das per Definition alle Bürger in seinem Land erreichen muss, weil alle dafür zahlen, muss die Jüngeren wie die Älteren erreichen können. Mit der ORF-TVthek und unseren Apps bieten wir moderne Multimediaprodukte, die besonders von Jungen stark genutzt werden.

medienpolitik.net: Ist es denkbar, dass der ORF eine ähnliche Online-Plattform für Jugendliche startet, wie ARD und ZDF mit „funk“?

Thomas Prantner: Das ist derzeit aus rechtlichen Gründen schwer möglich für den ORF, „Online first“ bzw. „Online only“ ist eine dringende Forderung von uns für Erleichterungen durch das neue ORF-Gesetz.

medienpolitik.net: Die KommAustria hat Plänen des ORF, einen eigenen Kanal auf der Online-Videoplattform YouTube einzurichten, eine Absage erteilt. Wie wichtig ist das soziale Netzwerk YouTube für Sie?

Thomas Prantner: Wir stehen auf dem Standpunkt, dass wir unseren Content theoretisch auf alle Kanälen und Plattformen platzieren dürfen, ob wir das dann nutzen oder nicht ist eine zweite Sache.

medienpolitik.net: Wie gehen Sie nun mit YouTube um?

Thomas Prantner: Wie wohl die meisten Broadcaster: Unseren wertvollen – von ORF-JournalistInnen gestalteten – Content schützen, soweit es möglich ist.

medienpolitik.net: Sie dürfen auch „Flimmit“ nicht in einen „Öffentlich-rechtlichen Abrufdienst mit fiktionalem Schwerpunkt (Film und Serie)“ verwandeln, womit der ORF erstmals einen gebührenfinanzierten Bezahldienst einführen wollte. Bedeutet das, dass der ORF grundsätzlich keine gebührenfinanzierten Bezahldienste einführen darf?

Thomas Prantner: Die Entscheidung hatte vorwiegend formale Gründe und sagt nicht wirklich etwas darüber aus, ob der ORF gebührenfinanzierte Bezahldienste betreiben darf. Aus unserer Sicht deckt der Rechtsrahmen diese Möglichkeit grundsätzlich ab.

medienpolitik.net: Steht „Flimmit“ damit vor dem Aus?

Thomas Prantner: Das ist derzeit kein Thema. Solche Entscheidungen trifft bei uns der Generaldirektor.

Das Interview ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe 07/18. 

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