Infrastruktur:

„Die Terrestrik wird an Attraktivität gewinnen“

von am 13.06.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Hörfunk, Infrastruktur, Interviews, Medienwirtschaft, Rundfunk, Technik

<h4>Infrastruktur: </h4>„Die Terrestrik wird an Attraktivität gewinnen“
Wolfgang Breuer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei MEDIA BROADCAST. Foto: MEDIA BROADCAST

Media Broadcast sieht in DAB+ und DVB-T2 großes Wachstumspotenzial

13.06.18 Interview mit Wolfgang Breuer, Geschäftsführer Media Broadcast

Media Broadcast ist der größte deutsche Dienstleister für Bild- und Tonübertragungen, zu denen auch terrestrische Kapazitäten für UKW, DVB-T2 und DAB+ (DAB-2) gehören. Trotz der aktuellen Probleme um die UKW-Verbreitung für zahlreiche öffentlich-rechtliche und private Radiosender wird es für Media Broadcast definitiv keinen Return als Antennenbetreiber geben. Wie Wolfgang Breuer, Geschäftsführer Media Broadcast, in einem medienpolitik.net – Gespräch betonte, habe der technische Dienstleister mit dem Verkauf „den von vielen Programmveranstaltern jahrelang geforderten und von der BNetzA geförderten Wettbewerb im UKW-Markt weiter getrieben“. Jetzt wollten einige die Folgen der Liberalisierung des UKW-Marktes nicht wahrhaben. „Wir haben beschlossen, uns auf digitale Wachstumsfelder und Serviceleistungen zu fokussieren“, so Breuer. Mit freenet TV Connect wurde in Deutschland das erste TV-Angebot über DVB-T2 HD gestartet, das klassisches Fernsehen und Internet-TV miteinander verknüpft. Die Plattform für HDTV über DVB-T2 hat zum Beispiel in weniger als einem Jahr etwa eine Million zahlende Kunden gewonnen.

medienpolitik.net: Herr Breuer, haben Sie nach den jüngsten Problemen mit der UKW-Verbreitung ihren Rückzug schon bereut?

Wolfgang Breuer: Im Gegenteil! Die Entscheidung zur künftigen Konzentration der Geschäftsstrategie auf digitale Wachstumsfelder war richtig. Die Veräußerung der UKW-Antennen war das Ergebnis dieser Neubewertung. Die Regulierung der UKW-Antennen auf Buchwert, hatte für uns einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb unmöglich gemacht. Mit dem im Februar 2017 angekündigten Verkauf haben wir den von vielen Programmveranstaltern jahrelang geforderten und von der BNetzA geförderten Wettbewerb im UKW-Markt weiter getrieben.
Jetzt wollen einige, die Folgen der Liberalisierung des UKW-Marktes nicht wahrhaben. Einige alternative Anbieter haben so früh im Jahr 2017 Verträge über den Sendernetzbetrieb abgeschlossen, dass sie die Preisentwicklung am Markt (Standortmieten, Antennenzugangskosten, Wegfall der regulierungsbedingten Umverteilung) gar nicht einkalkulieren konnten. Statt jetzt ernsthaft Verhandlungen mit den neuen Antenneneignern und ihren Kunden, den Radioprogrammanbietern über die Anpassung der Vertragskonditionen an die neuen Marktgegebenheiten zu führen, versuchen sie stattdessen den Regulierer dazu zu gewinnen, ihr unternehmerisch riskantes Handeln aus der Vergangenheit im Nachhinein regulatorisch kompensieren zu lassen.
Gleichzeitig erfüllen sie ihre Verträge seit 1. April 2018 nicht, was Anfang April beinahe zu Black-Outs geführt hätte, hätte sich Media Broadcast nicht auf Bitten der LMAs beim Runden Tisch kurzfristig dazu bereit erklärt – wo nötig – den Sendebetrieb bis spätestens zum 30. Juni 2018 vorübergehend aufrechtzuerhalten, obwohl wir zum 31. März 2018 bereits aus dem UKW-Antennen-Geschäft ausgestiegen sind. Ab dem 1. Juli tragen die alternativen Sendernetzbetreiber, Antenneneigner und Programmanbieter die Verantwortung im liberalisierten Markt. Ob das zu Marktbedingungen geschieht oder reguliert, ist letztendlich eine Frage an die Politik und gegebenenfalls die Gerichte. Wir sind keine beteiligte Partei in diesen Verhandlungen. Wir gehen davon aus, aus der Regulierung entlassen zu werden.

medienpolitik.net: Ist UKW für Media Broadcast endgültig Geschichte, oder könnten Sie als Sendernetzbetreiber unter Umständen wieder zurückkehren?

Wolfgang Breuer: Wie bereits seit Beginn des Verkaufsprozesses kommuniziert, werden wir weiterhin UKW-Servicedienstleistungen im Bereich von Sendertechnik, Antennenwartung und Netzdienstleistungen anbieten.
Über die nächsten 8 bis 10 Jahre wird UKW ein wichtiger Hörfunk-Verbreitungsweg bleiben. Nach dem 30. Juni 2018 werden wir aber UKW-Sendernetzbetreibern definitiv keine Antennenzugangsleistungen mehr anbieten und streben nicht mehr an, in irgendeinem UKW-Segment marktbeherrschend zu sein, schon um nicht mehr reguliert zu werden.

medienpolitik.net: Media Broadcast will sich vor allem auf DVB-T2 und DAB+ konzentrieren. Welche Perspektive haben für Sie beide Übertragungstechnologien?

Wolfgang Breuer: Wir haben beschlossen, uns auf digitale Wachstumsfelder und Serviceleistungen zu fokussieren. Beim Fernsehen ist das freenet TV via DVB-T2 HD und via Satellit, sowie der Sendernetzbetrieb für DVB-T2 HD, beim Hörfunk DAB+ inklusive entsprechender bundesweiter und regionaler Sendernetze. Beide Übertragungswege sowie unsere entsprechenden Plattformen entwickeln sich im Wettbewerb mit anderen Verbreitungswegen gut. Als Betreiber der freenet TV Plattform werden wir in den kommenden Jahren die Attraktivität des terrestrischen Fernsehens durch neue Inhalte und nutzerorientierte Features weiter steigern. Bis Ende 2018 streben wir 1,2 Millionen zahlende Kunden an. Gerade bei Zuschauern, denen Kabel-TV zu teuer ist, die auf große Flexibilität setzen oder für die weder hunderte Sender noch Dutzende ungenutzter Features wichtig sind, bieten wir eine attraktive Alternative für lineares Fernsehen in HD. Aktuell schauen noch 15 der 17 Millionen Satellitenzuschauer private Sender in SD. Die spannende Frage wird sein, wie viele von ihnen sich wann dazu entscheiden werden, auf HD umzusteigen. Auch die Akzeptanz von DAB+ zeigt sowohl bei den Hörern als auch den Radiomachern nach oben. Der Platz auf den ersten bundesweiten und regionalen Multiplexen ist voll belegt, die Nachfrage nach weiteren regionalen Multiplexen steigt, wie die Beispiele Hamburg, Berlin/Brandenburg, Nordhessen und Bremen/Bremerhaven zeigen, wo wir mit unternehmerischem Risiko vorangehen und bisher gut damit gefahren sind. Gemeinsam mit Absolut Radio unter dem Dach der Antenne Deutschland sind wir auch Lizenzinhaber für den zweiten bundesweiten Multiplex. Leider konnten wir hier aufgrund von Rechtsstreitigkeiten bezüglich des Vergabeverfahrens noch nicht mit dem Aufbau der Infrastruktur beginnen. Aber auch hier beobachten wir ein wachsendes Interesse von privaten Radioprogrammanbietern, die das Zeitfenster dafür nicht verpassen wollen, in Zukunft bundesweit für Hörer empfangbar zu sein.

medienpolitik.net: Im Internet gewinnen Streaming- und VoD-Plattformen weiter Nutzer und auch die Radionutzung per Internet – siehe ma Audio – steigt. Macht Ihnen das nicht zunehmend Konkurrenz?

Wolfgang Breuer: Wir sehen diese Entwicklung als komplementär. Das Nutzerverhalten differenziert sich immer weiter aus. Internetradio und VoD Nutzung nehmen zu, aber sowohl das lineare TV als auch das klassische Radio werden auch in vielen Jahren noch stark genutzt werden. Lineares Fernsehen wird immer seine Bedeutung für aktuelle Ereignisse, Events und Eigenformate behalten. Darüber hinaus gewinnt die sinnvolle Verknüpfung von linearem und on Demand-TV, so wie wir es bei freenet TV mit connect praktizieren, an Bedeutung. Der HbbTV-basierte Service connect erweitert das Programmangebot um Inhalte wie Streams, Apps und EPGs. Im Autoradio höre ich UKW oder DAB+, da will ich mich nicht durch 10.000 Internet-Sender klicken und bei jedem zweiten Funkloch die Verbindung verlieren. Zu Hause höre ich zusätzlich zu meinen öffentlich-rechtlichen und privaten Lokalsendern Special Interest Sender über das Internet.

medienpolitik.net: Wie weit wird das DVB-T2-Netz bis Ende 2018 ausgebaut sein?

Wolfgang Breuer: Ende 2018 wird freenet TV via DVB-T2 HD etwa von 63 Millionen Einwohnern, das sind knapp 80% der Bevölkerung, über 63 Standorte empfangbar sein. Die Zahl der Standorte, die private TV-Programme aussenden, haben wir damit im Vergleich zu DVB-T mehr als verdoppelt. Das DVB-T2 HD Netz für ARD und ZDF wird bis 2019 auf über 140 Standorte ausgebaut, dann werden etwa 97% der Bevölkerung die öffentlich-rechtlichen Programme kostenfrei in Full HD Qualität über Antenne empfangen können. Für die 20% der Bevölkerung, die dauerhaft außerhalb des DVB-T2 HD-Empfangsbereichs wohnen werden, oder für die Zuschauer, die bisher Privatsender über Satellit nur in SD schauen, bieten wir seit Ende März freenet TV auch über Satellit an und erreichen so 100 Prozent Reichweite.

medienpolitik.net: Viele befürchten, dass durch die Umstellung von DVB-T auf DVB-T2 die Zahl der Terrestrik-Nutzer rückläufig ist. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Breuer: Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass DVB-T überall dort hohe Nutzerzahlen hatte, wo sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Programme zu empfangen waren. Das ist heute mit DVB-T2 HD und freenet TV in viel mehr Regionen als mit DVB-T der Fall. Insofern legen wir hier die Basis für sukzessives weiteres Wachstum, insbesondere weil das Antennen-Fernsehen über die Zeit auch für heutige Nutzer anderer Verbreitungswege immer relevanter werden wird.
Zudem gibt es jetzt mehr Programme und alle in bester HD-Qualität. Die Terrestrik wird daher eher an Attraktivität gewinnen. Übrigens auch, weil der Zuschauer zunehmend einfache und unkomplizierte, schnell zu installierende Möglichkeiten für Digital-TV sucht. DVB-T2 HD bietet das Prinzip von „Plug and play“, eignet sich ideal für unterwegs, für die Zweitwohnung, den Schrebergarten oder Campingplatz, etwa zum WM-Schauen im Freundeskreis. Und neuerdings kann ich ein und das gleiche CI-Modul auch über Satellit nutzen, wenn mein Campingplatz außerhalb des DVB-T2 HD Empfangsbereichs liegt. Das bieten alternative Übertragungswege nicht.

medienpolitik.net: Was kann das DVB-T2-Wachstum fördern?

Wolfgang Breuer: Wichtig ist zunächst, das Interesse der Zuschauer an der brillanten Qualität der HD-Programme zu steigern, da gibt es in Anbetracht der vielen Millionen SD-Nutzer bei allen Verbreitungswegen noch viel Potential nach oben. Denn viele TV-Zuschauer besitzen ein HD-fähiges TV-Gerät, nutzen ihre Programme aber noch in SD. Wenn dann noch, wie bei freenet TV, ein attraktives Programmangebot, eine einfache Nutzung und ein gutes Preisleistungsverhältnis zusammenkommen, wird die Nachfrage weiterwachsen.

medienpolitik.net: freenet TV ist die kostenpflichtige Plattform für die privaten Anbieter. Welche Rolle kann freenet TV für die Akzeptanz von DVB-T2 spielen?

Wolfgang Breuer: Schon DVB-T wurde in den letzten Jahren dort sehr stark genutzt, wo öffentlich-rechtliche und private Programme zu empfangen waren. In Ballungsräumen wie Berlin, Hamburg oder Bremen waren es teilweise über 30% aller Haushalte. Das zeigt, dass ein ausgewogenes Programmangebot eine wesentliche Rolle für die Verbraucher spielt. Genau das bietet freenet TV in Verbindung mit den Programmen von ARD und ZDF über DVB-T2 HD.

medienpolitik.net: Wie ist bisher die Akzeptanz von freenet-TV?

Wolfgang Breuer: In weniger als einem Jahr haben wir etwa eine Million zahlende Kunden gewonnen, was unsere Erwartungen übertroffen hat. Auch die gestützte Markenbekanntheit von freenet TV ist mit etwa 70% führend im Vergleich zu anderen TV-Anbietern, die teilweise schon wesentlich länger am Markt agieren. Jetzt sind die meisten ehemaligen DVB-T Zuschauer migriert, naturgemäß schwächt sich das Wachstum ab. 1,2 Millionen zahlende Kunden sind unser Ziel zum Jahresende. Die große Unbekannte besteht darin, wann sich wie viele Satellitenzuschauer dazu entscheiden, von SD auf HD Empfang bei den privaten Programmen umzusteigen.

medienpolitik.net: Sie verbreiten freenet TV jetzt auch über Satellit. Wie konkurrenzfähig ist Ihre Plattform gegenüber anderen Anbietern von kostenpflichtigen privaten HD-Programmen?

Wolfgang Breuer: freenet TV bietet alle relevanten bzw. die meistgesehenen Privatsender kompakt und bedienerfreundlich zum günstigen Preis in brillanter HDTV-Qualität und bietet dabei eine einzigartige Flexibilität: So kann das CI+ Modul ohne Zusatzkosten sowohl für Antenne als auch für Satellit genutzt werden, sei es auf einem weiteren Gerät im Haushalt, in einer Zweitwohnung oder im Urlaub. Diese Flexibilität bietet kein anderes Angebot in Deutschland. Ein weiterer Vorteil ist eine erweiterte Aufnahmemöglichkeit. Zuschauer können bei Anschluss einer DVB-T2 HD– und einer Satellitenantenne an ihrem TV-Gerät zeitgleich ein Programm über Satellit aufnehmen und ein anderes Programm via DVB-T2 HD anschauen. Zudem profitieren wir von der Vertriebspower von freenet. Dies ist ein weiteres wichtiges Argument in der Gewinnung von Zuschauern: Markenbekanntheit und -verfügbarkeit sind nun einmal zentrale Entscheidungsfaktoren im Prozess der Kaufentscheidung.

medienpolitik.net: Kann DAB+ vom Streit um die UKW-Verbreitung profitieren?

Wolfgang Breuer: Wir betrachten die Entwicklung von DAB+ losgelöst von der aktuellen UKW-Thematik. Media Broadcast ist seit sehr vielen Jahren ein Vorreiter bei der Einführung von DAB+ in Deutschland. Ohne unser Engagement und unsere Investitionen gäbe es heute beispielsweise kein bundesweites DAB+ Netz mit über 120 Standorten und einer Autobahnabdeckung von über 98%. Wir glauben, dass UKW noch rund 8-10 Jahre eine wichtige Rolle für die Hörer spielen kann. Im aktuellen UKW-Streit sehen wir keine Gewinner. Die Anpassungen an den liberalisierten Markt verlaufen holpriger als erwartet.

medienpolitik.net: Ist UKW noch der „sichere, günstige und auch noch lange existierende Verbreitungsweg, für den ihn die privaten Radiobetreiber kennzeichnen?

Wolfgang Breuer: Wir glauben daran, dass UKW und DAB+ noch 8-10 Jahre parallel betrieben werden und bieten deshalb für beide Technologien Dienstleistungen an. Langfristig geht an DAB+, kein Weg vorbei. Denn DAB+ ermöglicht die Übertragung von deutlich mehr Programmen zu niedrigeren Kosten in höherer Qualität und führt so zu mehr Programmvielfalt.

medienpolitik.net: Sollte man jetzt zu einem Abschaltdatum für UKW kommen?

Wolfgang Breuer: Unter welchen Bedingungen und wann die Migration von UKW zu DAB+ umgesetzt wird, dazu müssen alle Marktteilnehmer, Regulierer und Politik einen gemeinsamen praktikablen Weg finden. Gerade die Programmanbieter brauchen Planungssicherheit für einen finanzierbaren Migrationspfad ohne große Reichweitenverluste. Ein verbindliches Abschaltdatum ist dafür ein wichtiger Bestandteil.

medienpolitik.net: Wie kann die Verbreitung von DAB+ forciert werden? Was muss die Politik noch dafür leisten?

Wolfgang Breuer: Für uns ist zunächst wichtig, dass bei der Zuweisung der Lizenz für die zweite bundesweite DAB+ Plattform möglichst bald die notwendige Rechtssicherheit geschaffen wird, damit Antenne Deutschland mit den konkreten Planungen und Aufbauarbeiten beginnen kann. Von politischer Seite ist es wichtig, den im Digitalradio-Board vereinbarten Aktionsplan weiter mit allen Beteiligten zu koordinieren um damit am Ende des Prozesses eine Roadmap zum Übergang von UKW auf Digitalradio zu fixieren.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 06/2018 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Radioempfang Digital - 30.08.2018 Antworten

    Meiner Meinung nach war es richtig von Media Broadcast, das aussterbende UKW abzustoßen und sich auf die digitale Verbreitung von Radio zu konzentrieren. Jetzt sind die Politiker gefragt. Es wird Zeit, sich für DAB+ zu bekennen und ein Abschaltdatum für UKW festzulegen.

    Matthes, Radioempfang Digital

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