Infrastruktur:

Neue Konsolidierungswelle

von am 11.06.2018 in Allgemein, Archiv, Gastbeiträge, Infrastruktur, Internet, Netzpolitik, Netzpolitik

<h4>Infrastruktur: </h4>Neue Konsolidierungswelle
Dietmar Schickel, Gründer und Partner DSC Consulting

Viel Bewegung im Kabelmarkt

11.06.2018 Von Dietmar Schickel, Geschäftsführer DSC Dietmar Schickel Consulting

Mit einem Paukenschlag startete im Dezember 2017 die neue Konsolidierungswelle im europäischen Kabelmarkt. Die Telekom AG verkündete in Österreich die dortige Liberty Global Tochter UPC Wien zu übernehmen. Mit annähernd 650.000 Haushalten und mit einer Bewertung von 1,9 Milliarden Euro ein großer Schritt der Telekom in Sachen Kabel. Schnell wurde deutlich, dass die gleichzeitig hinter vorgehaltener Hand immer wieder kolportierten Gespräche von Liberty Global mit interessierten Käufern parallel in London stattfanden und man auch von dort zeitnah Ergebnisse zu erwarten hatte.

Tatsächlich dauerte es aber dann bis Mai des Jahres, bis Liberty Global die Einigung über den Verkauf der Kabel-Aktivitäten in Tschechien, Ungarn, Rumänien und Deutschland an Vodafone bekannt gab. Bis Mitte 2019 soll die Übernahme abgeschlossen sein, sofern die Kartellbehörden der Transaktion zustimmen. Vodafone erhält dann den Großteil des europäischen Geschäfts von Liberty Global zu einem Preis von 18,4 Milliarden Euro. Mit der Übernahme der deutschen Liberty Global Tochter Unitymedia mit Beständen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg entsteht dann mit Vodafone ein Wettbewerber in Deutschland, der noch stärker als bisher bundesweit einer Telekom Paroli bieten kann.

Breitbandige Internetversorgung im Vordergrund

Es geht insbesondere um die zukünftige Versorgung der Haushalte mit breitbandigem Internet. Durch die kombinierte Glasfaser- und Koaxial-Technik werden bereits heute in Deutschland Millionen von Kunden mit breitbandigem Internet versorgt, ohne dass auf die Kupferkabel der Telekom zurückgegriffen werden muss und dies häufig zu günstigeren Preisen bei höheren Bandbreitenangeboten.
Zwar hat die Telekom mit über 13 Millionen Breitbandkunden fast noch doppelt so viele Kunden wie der neue Kabelgigant, der aktuell nur etwa 7 Millionen breitbandige Internetkunden ausweist, aber mit aggressivem Marketing und attraktiven Preisen könnte der vor sich hin dümpelnde Breitbandmarkt eigentlich in Bewegung geraten und der Ausbau von gigabitfähigen Netzen beschleunigt werden. Gerade hat Unitymedia in Bochum erstmals ein Gigabit/s Angebot für private Haushalte gestartet und auch Vodafone verkündet bereits das Gigabit Zeitalter. Trotzdem warnen die Glasfaser-Verbände vor dem Zusammengehen. Bedingt durch die weitere Nutzung der HFC (HybridFiberCoax) Kabelnetze, könnte der weitere Ausbau der Glasfasernetze noch mehr ins Stocken geraden. Die Telekom und andere haben dabei das Problem, dass die Kabelnetze bereits größtenteils ausgebaut sind und über diese bedeutend schnellere Datenströme, auch ohne Glasfaserstruktur angeboten werden können. Ein bedarfsgerechter Ausbau, an der Nachfrage orientiert, spart daher den Kabelnetzbetreibern vorfristige Investitionen und könnte den Ausbau der Glasfasernetze noch weiter verzögern. Eine entsprechende Vorgabe durch die Kartellbehörden muss hier vorbeugen und Abhilfe schaffen.

Neuer Kabelgigant

Bei der Versorgung der TV-Haushalte sind die Verhältnisse anders gelagert. Mit etwas über 3 Millionen TV-Kunden ist die Telekom noch etwas kleiner, als der drittgrößte Anbieter im Kabelmarkt Tele Columbus/PYUR, der etwa 3,6 Millionen Kunden mit TV-Signalen versorgt. Vodafone und Unitymedia verfügen nach eigenen Angaben gemeinsam über 14 Millionen Fernsehkunden. Hier sind die Machtverhältnisse eindeutig.
Damit werden auch auf dem Einspeisemarkt die Karten neu gemischt. Insbesondere die Programmanbieter befürchten eine Monopolstellung des neuen Kabelriesen und mahnen zur Vorsicht. Kurz vor Bekanntgabe des Deals hatten sich zwar Vodafone und Unitymedia mit ARD und ZDF geeinigt und die Gerichtsprozesse, um eine zukünftige Einspeise- und Entgeltstruktur beendet, aber insbesondere der VPRT verweist auf die möglichen Risiken eines solchen Zusammengehens, da durch den neuen Kabelgiganten eine massive Verschiebung der Verhandlungspositionen gegenüber den Sendern einhergehen könnte. Tatsache ist bereits, dass die aktuellen Einspeiseverträge von Unitymedia in Amsterdam bei der Muttergesellschaft verhandelt werden und generell europaweit gelten. Eine Übernahme der Entgeltstruktur von Liberty Global durch Vodafone könnte für einzelne Sender zum Problem werden. Hier werden sicherlich auch die Medienanstalten ihre Vorstellungen noch deutlich artikulieren und auch die kartellrechtlichen Vorgaben werden dieses Thema sicherlich berücksichtigen.

Das Rad dreht sich schneller

Eine Entscheidung, ob die Übernahme genehmigt wird, wird noch auf sich warten lassen. Die meisten Branchenkenner sind der festen Überzeugung, dass eine Entscheidung bei der Kartellbehörde in Brüssel getroffen wird. Deals mit einem Umsatz von mehr als 5 Millionen Euro werden generell in Brüssel verhandelt.
Unabhängig davon wird sich das Rad im deutschen Kabelmarkt schneller drehen. Tele Columbus/PYUR als kleinster der drei Kabelanbieter kann sowohl Gewinner als auch Verlierer der Transaktion sein. Auf der einen Seite wird Tele Columbus nicht mehr an einen der beiden größeren Netzbetreiber verkauft werden können – hier würde das deutsche Kartellamt sicherlich eine klare Absage erteilen. Die Enttäuschung der professionellen Anleger über dieses Szenario lässt sich bereits am Aktienkurs feststellen.
Auf der anderen Seite könnte hier der größte Einzelaktionär United Internet bei gesunkenem Aktienkurs ein Übernahmeangebot formulieren und seine eigene Infrastruktur-Entwicklung weiter vorantreiben. Gemeinsam mit 1&1 Versatel könnte ein interessanter und marketingaffiner Anbieter entstehen, der im Breitbandmarkt tatsächlich eine Rolle spielt.
Auch die möglichen Auflagen der Kartellbehörden können Tele Columbus/PYUR helfen weitere Marktanteile zu gewinnen. Vom Verkauf einzelner Bestände bis zu Sonderkündigungsrechte für wohnungswirtschaftliche Vertragspartner reichen die Instrumente, die die Kartellbehörden schon in früheren Deals zur Anwendung gebracht haben.

Alternative Anbieter auf dem Vormarsch

Aber diese Vorteile kommen nicht nur Tele Columbus/PYUR zu Gute. Zwischenzeitlich wächst die Anzahl der alternativen Anbieter, die über Glasfasernetze ebenfalls attraktives Triple-Play anbieten. Insbesondere Stadtwerke und ihre Töchter können damit zu Profiteuren eines solchen Deals werden. Häufig sind langfristige exklusive Verträge zwischen Kabelnetzbetreibern und Wohnungsunternehmen der eigentliche Hemmschuh beim wirtschaftlichen Aufbau eines städtischen oder regionalen Glasfasernetzes. Bei entsprechenden kartellrechtlichen Vorgaben, kann sich auch hier eine positive Entwicklung ergeben.
Die endgültige Entscheidung der Kartellbehörde wird auf jeden Fall dauern, zumal alle Marktakteure gefragt werden müssen und ihre entsprechende Meinung zum Deal kundtun werden.

Wohnungswirtschaft und Endkunden

Auch die wohnungswirtschaftlichen Vertragspartner werden über ihre Verbände klare Forderungen stellen, obwohl erst einmal keine Änderung des Wettbewerbsumfeldes gegeben ist. Die bisherigen Vermarktungsgrenzen zwischen Vodafone (13 Bundesländer) und Unitymedia (3 Bundesländer) wurden auch ohne vertragliche Regelungen von keinem der beiden Anbieter verletzt. Ein alternatives Angebot durch Unitymedia in Brandenburg zu erhalten, war bisher genauso unmöglich, wie in Baden-Württemberg auf Vodafone Kabel-angebote zugreifen zu können.
Auch für die Endkunden von Vodafone und Unitymedia ändert sich erst einmal nichts. Beide Unternehmen werden strikt darauf achten, dass keine Aktivitäten gestartet werden, die den Megadeal gefährden könnten. Danach ist damit zu rechnen, dass wie bereits beim Vodafone Kabel Deutschland Deal, die Marke Vodafone als Brand etabliert wird und den „neuen“ Kunden dann zum Beispiel auch attraktive Angebote für Mobilfunk unterbreitet werden. Eine der Chancen durch „Upselling“ den Wert des Unternehmens zu steigern und neue Umsatzpotentiale zu erschließen und damit auch den hohen Kaufpreis zu rechtfertigen.

Business as usual

Anstehende Aufgaben des Tagesgeschäfts dürfen aber auch nicht aus den Augen verloren werden. Aktuell hat man als Vodafone die Abschaltung des analogen Signals vorzunehmen, dass bis Ende des Jahres 2018 zumindest in Bayern, Bremen und Sachsen gesetzlich in den anderen Bundesländern auf freiwilliger Basis umgesetzt werden soll. Unitymedia hatte diesen Prozess bereits im Alleingang im Juni 2017 vorgenommen und dies ohne größere Probleme bewerkstelligt. Also erst einmal „Business as usual“. Leichter gesagt wie getan. Hinter den Kulissen dürfte es schon darum gehen, die mögliche Übernahme vorzubereiten. Wie sieht die zukünftige Führungsmannschaft aus, wo wird man den Firmensitz etablieren, wobei es natürlich insbesondere für die Kölner Unitymedia schwierig sein wird, in Zukunft den Firmensitz in Düsseldorf zu akzeptieren – aber dies ist dann eine andere Geschichte.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 06/2018 erstveröffentlicht.

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