Filmwirtschaft:

„Netflix ist nicht nur ein Kinoproblem“

von am 11.07.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Internet, Interviews, Medienförderung, Medienpolitik, Medienregulierung

<h4>Filmwirtschaft:</h4>„Netflix ist nicht nur ein Kinoproblem“
Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF-Kino

Kinobetreiber fordern grundlegende Reform des Fördersystems in Deutschland

11.07.18 Interview mit Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF-Kino

In Deutschland existierten 2017 1.672 Kinos mit 4.803 Leinwänden, Tendenz ganz leicht steigend. Diese Kinos erzielten im vergangenen Jahr einen Gesamtumsatz von 2 Mrd. Euro und bieten 26.000 Arbeitsplätze. Seit zwei Jahren ist die Besucherzahl rückläufig. Vor allem für viele ländliche Gebiete sind die Kinos ein wichtiger kultureller und wirtschaftlicher Faktor und tragen zur Lebensqualität in strukturschwachen Gebieten bei. Investitionen sind sowohl in neue Serviceplattformen, eine bessere Kommunikationsinfrastruktur sowie in die technische und attraktive Ausstattung der Kinos dringlich. Hier sieht der HDF Kino bis 2023 einen Investitionsbedarf von 900 Millionen Euro, der zu einem großen Teil durch zusätzliche Fördermittel abgedeckt werden soll. Zugleich fordert Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF Kino, aber eine Reform der Filmförderung in Deutschland, um den Content zu produzieren, den die Kinobesucher sehen wollen und die den Kinos wieder mehr Besucher und damit einen höheren Umsatz sichern. „Das Thema ‚Netflix`‘ ist nicht nur ein ‚Kinoproblem‘, es zwingt zu einer grundlegenden Reform der FFA und der gesamten Förderung in Deutschland“, so Thomas Negele gegenüber medienpolitik.net.

medienpolitik.net: Herr Negele, die aktuelle Analyse der FFA zu den Kinobesuchern hat ergeben, dass intensive VoD-Nutzer auch rege Kinobesucher sind. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Dr. Thomas Negele: Nein, das hat mich nicht überrascht, denn Menschen, die filmaffin sind, gehen auch gerne ins Kino. Unabhängig davon, ob es sich um DVDs oder die VoD-Nutzung handelt. Es existiert aber kein genereller Automatismus, dass mit steigender VoD-Nutzung auch die Zahl der Kinogänger steigt. Mich hat überrascht, dass wir im letzten Jahr über 1,8 Millionen Menschen verloren haben, die nicht mehr ins Kino gehen, aber auch keine DVDs mehr kaufen. Das wichtigste Kriterium für uns ist die Besucherreichweite. Aber diese Reichweite hat sich in den letzten drei Jahren von 35 Millionen Besuchern auf 29 und dann 25 Millionen reduziert und in diesem Jahr werden es noch weniger sein. Es gehen noch alle Altersklassen ins Kino. Allerdings ist das bei den 14 – 29-Jährigen nicht mehr siebenmal, sondern nur noch ein bis dreimal im Jahr.

medienpolitik.net: Für den Besucherrückgang der vergangenen Jahre war auch die zunehmende VoD-Nutzung verantwortlich gemacht worden…

Dr. Thomas Negele: Die VoD-Nutzer gehen zwar nach wie vor ins Kino, aber weniger, weil VoD insbesondere über Laptop, Handy und iPad genutzt wird und sie nutzen andere Inhalte. Die Serien, die die jungen Leute vor allem sehen, machen uns sehr zu schaffen, weil sie einen hohen Bindungscharakter haben. Vielleicht wird der Hype irgendwann wieder nachlassen. Zudem haben diese neuen Serien Kinoqualität. Netflix hat natürlich erkannt, dass sie, um ernsthaft mit dem Kino konkurrieren zu können, die gleiche Qualität bieten müssen. Dazu kommt dann noch die Bequemlichkeit zuhause. Es ist nachgewiesen, dass die jungen Leute auch gerne Serien im Kino sehen würden.

medienpolitik.net: Aber warum zeigen Sie dann keine Serien?

Dr. Thomas Negele: Diese müssen für die Kinos maßgeschneidert sein. Wir sind schon mit den Produzenten im Kontakt. Aber was wir derzeit überwiegend vom deutschen Markt angeboten bekommen, würde nicht das Massenpublikum, vor allem nicht Jugendliche, ansprechen, die wir benötigen, damit es sich für die Kinos lohnt. Ähnlich sieht es gegenwärtig mit den speziellen Kinofilmen aus: Es fehlen massenattraktive Filme, die auch Jugendliche anziehen. Zudem müsste die Werbung für die Filme verstärkt werden. Auch amerikanische Blockbuster sind keine Bank mehr, weil die Amerikaner sehr viel für den asiatischen Markt und Russland produzieren und damit einen sehr hohen Anteil am Weltmarkt erreichen. Dies sieht man am Umsatz der amerikanischen Filme in China, die bereits den nordamerikanischen übertroffen haben, obwohl in China nur 30 Prozent nicht chinesische Filme gezeigt werden dürfen! Diese Filme treffen aber immer weniger den Nerv der Europäer.

medienpolitik.net: Wenn die Jugendlichen sehr filmaffin sind, wie könnten Sie diese dann doch wieder ins Kino bekommen? Unschlagbar sind doch Ihre große Leinwand, gemeinsame Erlebnisse und ähnliches.

Dr. Thomas Negele: Durch die Laptops, iPads und Smartphones ist eine Umstellung erfolgt. Die Jugend ist jetzt schon mit kleineren Mattscheiben zufrieden. Deshalb kann für mich das Argument der großen Leinwand nur dann noch überzeugen, wenn die ganze Atmosphäre stimmt, inklusive Stühle, Bequemlichkeit, aber vor allen Dingen, die Foyers mit ihrer Digitalisierung. Und das Gemeinschaftserlebnis findet heute bei vielen Menschen im Netz statt. Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem, dass junge Menschen teilweise keinen sozialen Umgang mehr gewohnt sind. Es ist aber klar, dass der Ort Kino mehr an Relevanz gewinnen muss. Nicht nur die Formate beim Film müssen sich ändern, sondern wir müssen überlegen welchen Content wir anbieten, um besser sein zu können als zuhause. Das Kino muss Zusatzangebote machen. Das allerwichtigste ist aber, dass wir unsere Besucher überhaupt erreichen. Die, die nicht ins Kino gehen, erreichen wir bisher kaum. Die Erreichbarkeit funktioniert in erster Linie über die Daten unserer Besucher. Weltweit haben vor allem die Medienunternehmen Probleme, die die Daten ihrer Kunden nicht kennen und sie somit nicht digital ansprechen können. Das heißt für die Kinos, die Daten der Besuche nutzbar zu machen und sie über digitale Ansprache, zum Beispiel in Form von Erinnerungs-Mail oder über eine Bestell App auffordern, ins Kino zu kommen. Wenn sie ihre Push Mail über die App bekommen, könnten sie auch bereits die Getränke bestellen. So könnten z.B. bereits im Foyer die Besucher mittels 3 D auf den Film, den sie sehen wollen, eingestimmt werden. Das heißt aber auch, dass wir anderes Personal benötigen und wir Entertainer werden müssen. Wir können unsere Säle nur noch dann öffnen, wenn wir sie füllen und nicht mehr jeden Film spielen, für den nicht einmal ordentlich geworben worden ist und der inhaltlich nicht die Qualität hat, die wir benötigen.

medienpolitik.net: Sie haben über das Thema Kundenbindung beim Kinokongress in Baden-Baden ausführlich diskutiert. Darüber sprechen Sie doch bereits seit Jahren, warum ist es so schwer, dass in Ihrer Branche durchzusetzen?

Dr. Thomas Negele: Weil die Not noch nicht so groß war.

medienpolitik.net: Ist sie es jetzt?

Dr. Thomas Negele: Ja, spätestens nach 2018 wird es der Fall sein. In Baden-Baden habe ich gespürt, dass die Kinobetreiber jetzt aufnahmebereit sind. Dass es nicht schon eher der Fall war liegt auch daran, dass die Kinolandschaft sehr heterogen ist und wir eine Flächenkinolandschaft haben. Es muss jetzt Kinoplattformen geben, die sich zusammenschließen, damit sie Veränderungen schnell umsetzten können. Früher war es wichtig, dass die Filme stimmen, heute ist es genauso wichtig den Ablauf zu automatisieren und den Schwerpunkt auf den Ticketverkauf und Veranstaltungen zu legen. Das heißt wir brauchen Verkäufer und in der Gastronomie brauchen wir Inszenierer mit gutem Essen. Jetzt, wo die Entwicklung abwärts geht, sind diese Maßnahmen auch für den kleinsten Kinobetreiber von Bedeutung. Das langsame Tempo hängt auch damit zusammen, dass der Kinomarkt relativ klein ist und deshalb für die Technologieanbieter nicht so attraktiv ist, wie beispielsweise der Handel.

medienpolitik.net: Sie haben selbst mehrere Kinos. Wie aktiv sind Sie selbst in diesem Bereich?

Dr. Thomas Negele: Das ist der springende Punkt. Man konnte noch nicht so aktiv sein, weil sowohl die Hardware als auch die Software noch nicht vorhanden waren. Jetzt sind wir endlich soweit, dass die Kassenhersteller Technologien anbieten, um über das Internet und das Handy zu verkaufen, dass wir die Daten aufbereiten und die Datenschutzgrundverordnung einhalten können. Es kommen jetzt alle notwendigen Entwicklungen geballt auf uns zu, die wir auch ein bisschen verschlafen haben.

medienpolitik.net: Sie sprachen neue Plattformen an…

Dr. Thomas Negele: Ja, wir müssen uns neue Kundenkreise erschließen und auch neue Formen des Marketings entwickeln. So wollen wir für bestimmte regionale Festtage oder für bestimmte Zielgruppen wie an Mercedes-Kunden Kartenkontingente anbieten. Oder auch Filialen und Werkstätten die Möglichkeit geben, ihre Kunden einzuladen und mit einem 360-Grad Vortrag im Kino das neue Auto zu präsentieren. Diese Neuerungen wird es zum Ende des Jahres geben. Eine deutschlandweite Kinoplattform ist jetzt so weit, dass sie auch Karten verkauft. Die Trailer-App wird bis Ende des Jahres komplett sein.

medienpolitik.net: Wenn ich Sie richtig verstehe, soll es in relativ kurzer Zeit so sein, dass man dem Kino nicht mehr aus dem Weg gehen kann, egal auf welchem Kommunikationsmittel man sich befindet, oder was man nutzt?

Dr. Thomas Negele: Das ist meine Hoffnung. Denn die Ergebnisse der Gfk – Daten sagen, dass die Leute das Kino mögen, aber es nicht „auf dem Schirm haben.“ Unsere Besucher möchten auch – ähnlich wie im Handel – „belohnt“ werden und wir müssen innovativer sein, um technisch vorn mit dabei sein zu können. Das fängt im Foyer mit VR und Gaming an und endet bei der modernsten Bild- und Tontechnik. Wir wollen die digitalen Möglichkeiten nutzen. Und das kostet letztendlich viel Geld.

medienpolitik.net: Wie es aussieht, wird Netflix künftig in die FFA einzahlen, wird aber dann auch aus dem FFA-Topf eine Förderung erhalten. Können Sie damit leben?

Dr. Thomas Negele: Netflix klagt ja noch. Es wird somit noch eine Zeit dauern, denn sie werden sich bis zum letzten wehren. Vom Grundsatz soll ja auch jeder Einzahler etwas herausbekommen, das stört uns nicht. In erster Linie ist die FFA auf Kino-Filme ausgerichtet. Klar ist, dass die Erstverwertung bei den Kinos liegen muss. Es werden sich natürlich über neue Modelle im Serienbereich unsere Förderung und Verwertung verändern müssen. Wenn Serien ins Kino kommen, werden wir sicher keine 6 Monatsfrist mehr haben. Doch dahinter steht eine wichtigere Frage die lautet: Wie sieht die FFA ihre Aufgabe? Läuft man dem Trend hinterher und sagt: Kino geht im Moment nicht so, Video baut ab und dann erweitert man eben die Förderung auf das, was auf dem Markt gefragt ist, wie auf Gaming zum Beispiel. Damit schadet man aber nicht nur den Kinos, sondern der gesamten Filmwirtschaft. Wenn beim Kino oder der Vermarktung von Filmen etwas Schwerwiegendes nicht mehr funktioniert, sollte man aber wie ein Unternehmer strategisch denken und überlegen was zu tun ist, damit es wieder funktioniert. Denn eine negative Entwicklung hat Konsequenzen für unsere Gesellschaft insgesamt: Das Kino ist ein wichtiger Faktor für die Kommunen. Das Thema „Netflix“ ist nicht nur ein „Kinoproblem“, es zwingt zu einer grundlegenden Reform der FFA und der gesamten Förderung in Deutschland.

medienpolitik.net: In welche Richtung?

Dr. Thomas Negele: Spielfilme haben ja nicht nur im Kino Probleme ein Massenpublikum zu erreichen, sondern auch im Fernsehen, über DVD oder Streaming. Das hängt auch mit der Refinanzierung der Filme und den Rechten der Produzenten zusammen. Denn um mit Spielfilmen heute vernünftig Geld zu verdienen, muss man vorher viel investieren. Man hat immer nur die Symptome bekämpft, aber das Fördersystem in Deutschland nicht grundlegend verändert. Es ist ein heißes Eisen, weil von den Fördertöpfen viele abhängig sind. Wir aber, die bei einem Umsatz von 2 Milliarden nur 15 Millionen an Förderung erhalten, können radikaler denken. Die Kinos benötigen für diese riesigen Investitionen, die ich eben beschrieben habe, eine andere Förderung, die letztendlich der gesamten Branche zugutekommt.

medienpolitik.net: Sie haben sich doch im letzten Jahr mit der neuen Förderrichtlinie der FFA schon durchgesetzt, dass die FFA mehr Filme mit höheren Budgets fördert und stärker beachtet, dass mit diesen Filmen eine größere Zielgruppe erreicht wird. Ist Ihnen das zu wenig? Soll die Fokussierung der Finanzierung noch konsequenter sein, wenn Sie von einer Reform der FFA sprechen?

Dr. Thomas Negele: Das war der richtige Schritt und wir müssen jetzt abwarten, welche Ergebnisse erzielt werden. Das andere Problem liegt darin, das die FFA warten muss, bis etwas eingereicht wird. Sie hat keinen Einfluss darauf, ob es ein gutes oder schlechtes Drehbuch ist, sie kann es nur ablehnen. Die Frage lautet: Reicht das? Weil die FFA im Endeffekt nicht selber auf den Content Einfluss nehmen kann, der für die Kinos produziert wird. Durch die Datenmenge, die wir in der nächsten Zeit erhalten, werden wir in der Lage sein, die Kundenwünsche- und Erwartungen besser zu analysieren. Das muss auch Auswirkungen haben auf die Produktion und die Formate. Aber wie wird das umgesetzt? Kann die FFA zum Beispiel selbst Entwicklungsaufträge vergeben? Man muss komplett neu denken, weil sich die Medienwelt total verändert hat. Man muss auch vom Weltmarkt aus denken, um den deutschen Markt zu reformieren. Das heißt, wenn man auf Grund der unterschiedlichen Interessen immer nur minimale Verbesserungen vornimmt, dann wird man irgendwann nicht mehr existieren. Wenn man immer weniger Einnahmen hat, weil die Umsätze bei den Haupteinzahlern rückläufig sind, bleibt nur noch die Möglichkeit, deren Anteile zu erhöhen und sie damit weiter zu schwächen.

medienpolitik.net: Im Koalitionsvertrag wurde eine stärkere Förderung der Kinos vereinbart. Sind Sie mit den Vereinbarungen im Koalitionsvertrag unzufrieden?

Dr. Thomas Negele: Der Text im Koalitionsvertrag sagt aus, dass zwei Entwicklungen verhindert werden sollen und eine Entscheidung umzusetzen ist. In erster Linie geht es um den Kulturort Kino und den regionalen Bezug. Das hat mit Landflucht und Dezentralisierung der Wirtschaftskraft zu tun. Man hat Angst, dass die Förderung der Kinos eine Dauerfinanzierung wird und hat das Zukunftsprogramm mit dem Film verknüpft. Entscheidend ist, dass man jetzt etwas tut. Wir haben dem Bundesministerium für Kultur und Medien eine Analyse mit unseren Problemen und den notwendigen Investitionen vorgelegt. Diese Analyse zeigt klar, dass die Kinos die notwendigen Kosten innerhalb der nächsten fünf Jahre nicht allein und nicht mit der bisherigen Förderung bewältigen können. Zudem ist Kinoförderung auch eine Regionalförderung und deshalb kann die FFA uns die Zuschüsse nicht allein aus ihren Mitteln geben.

medienpolitik.net: Über welche finanziellen Größen reden wir?

Dr. Thomas Negele: Die Problematik von Kinos in kleinen Orten bis 60.000 Einwohnern liegt darin, dass diese, will man die Landflucht bekämpfen, das gleiche Filmangebot und das gleiche Niveau der Großstädte erreichen müssen! Hinzukommt, dass ein Umbau auf dem Lande genauso viel kostet wie in den Großstädten. Diese aber ein wesentlich höheres Besucherpotential haben und Zuzug. Hier kann man Kostensteigerungen noch abdecken im Gegensatz zu den kleineren und mittleren Orten die entweder Einwohnerschwund oder mindestens Stagnation haben! Gibt man somit das gleiche Invest aus hat man in den ersten drei – vier Jahren Verlust und dass Zusatzproblem, dass man Verluste nur rückwirkend für ein Jahr nach vorne schieben kann, was am Ende dazu führt, dass man länger zurückzahlen muss und dies in den letzten Jahren aus versteuertem Geld! Mit Darlehensförderung allein kommt man hiermit nicht sehr weit. Diese Kinos brauchen mindestens 50 Prozent Zuschuss, manche bis zu 80 Prozent. Wir reden hier von circa 2.900 Leinwänden oder circa 9.30 Betriebstätte. Denn in Orten bis 60.000 Einwohnern benötigt man pro Leinwand mindestens 30.000 Zuschauer und/oder 250.000 Euro Nettoticketkartenumsatz um den Break Even zu erreichen und etwas Rücklagen bilden zu können. Diese Leinwände machen circa 42 Prozent des Gesamtkinoumsatzes aus, der inklusive Gastronomie, Werbung und Konzession bei knapp 2 Milliarden Euro Gesamtumsatz liegt.
Das Tolle bei den Kinos ist, dass wir im Gegensatz zu den Produzenten (ca.11 Prozent) bis zu 96 Prozent die Förderungen zurückzahlen und auch der Hebel bei uns erheblich höher ist. Es ergeben sich bei uns nicht nur Regionaleffekte, sondern die Kinos zahlen neben der Mehrwertsteuer von circa 220 Millionen Euro im Jahr noch circa 700 Millionen an Gewinn Kapitalertrags und Einkommensteuer. Und wenn man dann überlegt, dass wir von der gesamten Filmförderung nur 0,48 Prozent erhalten bei einem Umsatz von 2 Milliarden und kulturell wichtig sind, dann sollten uns Bund und Länder alleine schon aus den oben genannten Gründen mehr unterstützen. Eine EU-Studie hat, wie ich gehört habe, bezüglich des Return auf Investment einen Hebel von 13 errechnet. Nur wenn man uns jetzt unterstützt, können wir das Kino in der Fläche erhalten und der ländliche Raum wird nicht weiter entseelt!

medienpolitik.net: Welches Volumen ist notwendig um alle Kinos attraktiver für Besucher zu machen?

Dr. Thomas Negele: Das Investment für fünf Jahre dürfte mindestens 900 Millionen Euro betragen. Aufs Jahr gesehen heißt dies 180 Millionen Euro. 2018 liegen wir derzeit bei 120 Millionen Euro Auftragsvolumen.

medienpolitik.net: Die Kinos bekommen bisher aus allen Mitteln von Bund und Ländern und beim „Zukunftsprogramm Kino“ eine Förderung von ca. 15 bis 20 Prozent. Die von Ihnen geplante Förderung geht über diesen Prozentsatz deutlich hinaus.

Dr. Thomas Negele: Die Kinos erhalten von Bund und Ländern circa 15 Millionen Förderung die zum Teil Zuschuss und zum Teil Darlehen enthalten. Dies bedeutet je nach Größe des Invests eine Unterstützung seitens des Staates von 15 bis knapp über 20 Prozent. Da es bei den neuen Investitionen aber quasi um eine Neuerfindung des Ortes Kino geht und wir einen digitalen totalen Umbruch haben, benötigen wir eine Steigerung von den bisherigen 20 Prozent auf 50 Prozent um uns zukunftsträchtig aufstellen und die Kinos erhalten zu können.

medienpolitik.net: Von wem soll das Geld kommen?

Dr. Thomas Negele: Das Geld soll überwiegend vom Bund kommen. Der Bund möchte natürlich die Länder mit einbeziehen, weil die Kommunen auch davon profitieren. Aber die Pflicht zu dieser Förderung liegt in erster Linie beim Bund.

medienpolitik.net: Wenn der Bund oder die Länder fördern, müssen die Kinos auch einen Eigenanteil aufbringen. Wie sehen Sie diesbezüglich die Möglichkeiten?

Dr. Thomas Negele: Die Kinos wollen und sollen natürlich wirtschaftlich arbeiten. Wir wollen kein Subventionsempfänger auf Dauer werden. Zwanzig Prozent Eigenkapital muss von den Kinos mindestens eingesetzt werden. Natürlich können nicht alle gleichbehandelt werden, von den Kinos in der Fläche werden manche 50 Prozent und andere vielleicht bis zu 80 Prozent Zuschuss benötigen. Das ist sehr individuell festzulegen. Darüber hinaus sollen auch noch Darlehen genutzt werden können. Man muss bei den Hilfen für Schwächere, auch für Arthouse-Kinos in Großstädten, ausschließen, dass eine Wettbewerbsverzerrung eintritt. Und man darf auch nicht vergessen, dass die meisten Umsätze von 20 Prozent der Kinos kommen, die mehr Besucher haben als die restlichen Filmtheater zusammen. Diese Kinos kann man nicht völlig außen vorlassen. Man kann hierfür Modelle bei der FFA finden, dass es für diese Kinos vielleicht eine Zusatzförderung gibt.

medienpolitik.net: Wann könnte nach dem jetzigen Stand der Gespräche dieses Programm starten?

Dr. Thomas Negele: Aus unserer Sicht sollte das Programm bereits im nächsten Jahr starten, da wir sehr unter Druck geraten sind. Ich habe die Sorge, dass es noch herausgezögert wird, weil es beim Finanzminister auch eine Frage der Priorisierung ist. Es besteht die Gefahr, dass die Kinos mit den zwei Milliarden Euro Umsatz, im Verhältnis zu anderen „Förderbedürftigen“ nicht oberste Priorität haben. Aber eigentlich sollten alle erkannt haben, dass die Dezentralisierung der Wirtschaftskraft eine Hauptaufgabe der neuen Regierung ist. Dazu zählt der Erhalt der Kinos in der Fläche und die Stärkung der Kommunen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/18 erstveröffentlicht.

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