Filmwirtschaft:

„Qualität, Sichtbarkeit und Markterfolg“

von am 09.07.2018 in Aktuelle Top Themen, Computer- und Videospiele Industrie, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Medienpolitik, Medienwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft:</h4> „Qualität, Sichtbarkeit und Markterfolg“
Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW © Uwe Schaffmeister

Film- und Medienstiftung NRW hat neue Förderstrategie und neue Gamesleitlinie beschlossen

09.07.18 Interview mit Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW

Die Film- und Medienstiftung NRW hat ihre Fördergrundsätze profiliert, die am 1. Januar 2019 in Kraft treten sollen. Ziel der neu formulierten Grundsätze sei es, die Qualität der geförderten Projekte, ihre künstlerische Exzellenz, ihre quantitative und qualitative Standortwirkung ebenso wie ihren marktlichen und wirtschaftlichen Erfolg zu steigern. Schwerpunkt der Förderung bleibt der Kinofilm. Dabei soll sich die Förderung des anspruchsvollen fiktionalen und dokumentarischen Arthouse-Films auf künstlerisch herausragende Projekte ausrichten. Unter der Voraussetzung der Einreichung gut entwickelter Projekte mit erkennbaren Marktchancen soll gleichzeitig die Förderung von Publikumsfilmen verstärkt werden. Die Gesellschafter, das Land NRW, WDR, ZDF und RTL haben mit Geschäftsführerin Petra Müller erneut eine Vertragsverlängerung um drei Jahre, bis August 2021, vereinbart.

medienpolitik.net: Frau Müller, die Film- und Medienstiftung NRW hat neue Grundsätze zur Weiterentwicklung ihrer Förderung verabschiedet. Wie kam es dazu?

Petra Müller: Die Situation im deutschen Kino wird derzeit an vielen Orten der Filmbranche diskutiert: Jährliche Zunahme der Kinostarts, ein regelrechter Verdrängungswettbewerb mit sinkenden Besucherzahlen bei gleichzeitig gestiegenem Förderaufkommen, so der Befund. Vor diesem Hintergrund und angesichts des fortschreitenden Medienwandels soll eine weiterentwickelte Förderstrategie eine stärkere Fokussierung der Förderung der Film- und Medienstiftung erreichen, mit dem Ziel, Qualität, Sichtbarkeit und Publikumserfolg für NRW-geförderte Filme zu verbessern.

medienpolitik.net: Was ändert sich ab 1.1.2019 gegenüber der bestehenden Förderpraxis?

Petra Müller: Die bisherigen Förderrichtlinien bleiben unverändert. Bei der Formulierung der neuen Fördergrundsätze der Förderstrategie ging es um eine gemeinsame Prüfung der Zielparameter und Entscheidungskriterien, insgesamt wie für einzelne Förderarten. Keine Revolution also, eher der Versuch einer Präzisierung der Förderpraxis. Antragsteller, Produzenten wie Verleiher, müssen sich in Zukunft auf eine intensivere Befassung mit ihren Ideen und Zielen einstellen, vice versa wird die Jury ihre Entscheidungen noch intensiver diskutieren müssen, bevor sie entscheidet. Die Grundsätze treten am 1.1.2019 in Kraft, zunächst für fünf Jahre, ab dem dritten Jahr sollen die Ergebnisse evaluiert werden. Das bisherige Feedback der Produzenten war sehr positiv. Wir werden die zweite Jahreshälfte dazu nutzen, die Umsetzung gemeinsam mit ihnen vorzubereiten.

medienpolitik.net: Wenn Sie von Fokussierung sprechen, was heißt das konkret?

Petra Müller: Die Förderstrategie zielt auf eine Qualitätssteigerung und Erfolgsorientierung, mithin auf eine Konzentration der Anzahl der geförderten Filme. Gleichzeitig sollen Projekte im Sinne der Produzenten finanziell besser ausgestattet und zielgerichteter herausgebracht werden. So soll auch die Entwicklungsförderung deutlich ausgebaut werden. Wichtig ist, dass auch Risiko, Experiment und Innovation ihren Platz haben.

medienpolitik.net: Grundsätzlich soll die Förderung zur Stärkung der NRW-Produzenten bzw. der NRW-Produktionslandschaft beitragen. Wenn weniger Filme gefördert werden, ist das nicht ein Widerspruch?

Petra Müller: Nicht unbedingt, wenn die Projekte gleichzeitig besser entwickelt und ausgestattet werden können. Nochmal: Angesichts der steigenden Anzahl von Kinostarts und der eingetretenen Kannibalisierung im Kino soll die angestrebte Fokussierung die Qualität und das jeweilige Erfolgspotential der Projekte verbessern.

medienpolitik.net: Schwerpunkt der Förderung bleibt, so sagen Sie, der Kinofilm. NRW ist ein sehr erfolgreicher Standort für TV-Produktionen. Wollen Sie das zurückfahren?

Petra Müller: Im Gegenteil. Neben dem fiktionalen und dokumentarischen Kinofilm sollen High-End-TV-Produktionen und insbesondere Serien, die sich zu einem der produktivsten Genrefeld er für Filmemacher entwickelt haben, stärker berücksichtigt werden. Vor allem auch mit diesem Ziel hat das Land NRW seinen Förderbeitrag Anfang des Jahres um 2,5 Mio. Euro erhöht. Zudem soll die weiterentwickelte Förderstrategie die Film- und Medienstiftung in die Lage versetzen, den fortschreitenden digitalen Wandel und die damit einhergehenden Veränderungen in Produktion, Distribution und Rezeption im Sinne der Standortentwicklung flexibel zu begleiten. Und hierzu gehört eben auch die gezielte Öffnung für neue Inhalte wie High-End-Serien ebenso wie die Zusammenarbeit mit Plattformanbietern und nicht zuletzt die Stärkung von Projekten, die innovative Produktionstechnologien, VR, VFX, digitale Animation etc. einsetzen.

medienpolitik.net: Laut Röper-Studie gilt NRW als führender Produktionsstandort Deutschlands. Wie sollte er sich weiterentwickeln?

Petra Müller: In der Tat kann NRW hinsichtlich des quantitativen Outputs als führender Produktionsstandort Deutschlands gelten. Dabei liegen seine Stärken bei der Fernseh- und Filmproduktion und insbesondere im TV-Entertainment. Weitere Schwerpunkte haben sich in der Gamesentwicklung und im Online-Bewegtbild gebildet. Zusammen genommen ergibt sich aktuell ein umfassendes, konvergentes Content-Profil, das es zu sichern und vor allem in qualitativer Hinsicht auszubauen gilt.

medienpolitik.net: Wie wird sich NRW als Filmproduktionsstandort weiterentwickeln: Richtung Arthouse oder Richtung Mainstream?

Petra Müller: Der Filmstandort NRW ist geprägt von Produzenten, die für ein vielfältiges, kulturell-anspruchsvolles Arthouse-Kino und internationale Koproduktionen stehen. Das gilt nicht zuletzt für den Dokumentarfilm. Im Bereich der Publikumsfilme ist NRW vorwiegend mit Kinder- und Jugendfilmen und Komödien erfolgreich. Durch eine klare Zielorientierung und eine professionelle Herausbringung sollen Arthouse- wie Mainstream-Filme gleichermaßen gestärkt und die Publikumschancen für beide Genrefelder verbessert werden.

medienpolitik.net: Ihre Fördergrundsätze benennen die Qualität der geförderten Projekte, ihre künstlerische Exzellenz, ihre quantitative und qualitative Standortwirkung ebenso wie ihren marktlichen und wirtschaftlichen Erfolg als Ziele. Auch hier nachgefragt: Was heißt das konkret?

Petra Müller: Abgeleitet vom Auftrag und den Förderzielen der Filmstiftung ergeben sich grundsätzlich drei Zieldimensionen: Kulturelle Effekte, Standorteffekte und marktliche Effekte. Mit Blick hierauf sollen Projekte vor allem dann gefördert werden, wenn sie neben ihren inhaltlichen Qualitäten und ihrer künstlerisch-kreativen Zielvision, eine klare Vorstellung von ihrem Zielpublikum, ihrer Herausbringung und Auswertung formulieren können. Als Indikatoren der Zielerreichung wären dann entsprechend die publizistische Resonanz Festivaleinladungen, Preise und Auszeichnungen sowie Besucherzahlen und qualitative und quantitative Standorteffekte etc. zu denken. Und am besten natürlich immer beides!

medienpolitik.net: Vorrang sollen also Projekte haben, die kulturelle und / oder marktliche Erfolge erwarten lassen. Aber haben Sie nicht auch jetzt schon – das zeigt eine ganze Reihe von Filmen – bei der Förderung auf den Erfolg gesetzt?

Petra Müller: Selbstverständlich. Und zwar in künstlerischer wie in marktlicher Hinsicht. Und das wird auch so bleiben. Aber wir müssen die Zukunft in den Blick nehmen: Es ist besorgniserregend, wie viele Filme derzeit unterhalb von 10.000 oder gar 5.000 Besuchern abschließen. Wenn man wie in jeder Statistik die Spitzen rausrechnet, dann wird deutlich wie viele Filme unterhalb der Decker-Dagtekin-Schweiger-Schweighöfer-Linie landen und ihr Publikum nicht erreichen. Die Entwicklung der Publikumsdemographie und der sich ändernden Rezeptionsgewohnheiten legt zudem nahe, dass nach dem Durchlauf der geburtenstarken Jahrgänge, die derzeit eine gewichtige Zielgruppe stellen, im Kino mit einem ähnlichen Generationenabriss zu rechnen ist wie im Fernsehen. Hier wird man bald alternative Vertriebskonzepte vorlegen müssen, wenn sich der Kinofilm nicht marginalisieren will. Im Filmgeschäft gibt es keine gesicherten Erfolgsrezepte, das ist klar, aber wir wollen gemeinsam mit den Produzenten Projekte stärker darauf hin abklopfen, für wen ihre Filme gemacht werden und wie und wo sie erfolgreich herausgebracht werden können.

medienpolitik.net: Bei Web-Formaten und Games nimmt NRW ebenfalls eine führende Position ein. Wie können Sie diese sichern und ausbauen?

Petra Müller: Die Fördergrundsätze beziehen sich wie gesagt ausschließlich auf die Arbeit im Hauptausschuss. Die innovativen Förderprogramme bleiben erhalten, sollen ebenfalls besser ausgestattet und wo immer möglich besser verzahnt werden. Im Bereich plattformunabhängige „Serielle Inhalte“ haben wir Entwicklungen gefördert wie „Andere Eltern“, „wishlist“ oder auch „Bauhaus“, die dann diese Projekte im Hauptförderausschuß zur Produktionsförderung für ARD, TNT oder ZDF vorgelegt werden konnten. Hier wird deutlich, dass die Investition in innovative Entwicklung sich auszahlt.

medienpolitik.net: Kürzlich gab es ein Treffen von Ministerpräsident Armin Laschet mit Vertretern der Games-Wirtschaft. Auch die Film- und Medienstiftung NRW hat dieser Branche seit Ihrem Amtsbeginn große Aufmerksamkeit geschenkt. Wie soll sich der Games-Standort NRW weiterentwickeln?

Petra Müller: Im Bereich der Gamesförderung hat das Land Anfang des Jahres ebenfalls eine Erhöhung von 500.000 Euro auf 1,5 Mio. Euro beschlossen. Inzwischen haben wir gemeinsam mit dem Land eine neue Gamesleitlinie ausgearbeitet, die nun auch die Förderung von Gamesproduktionen ermöglichen soll und ebenfalls zum 1.1.2019 in Kraft treten soll. Das ist der eine Aspekt der Games-Strategie. Unser Mediennetzwerk widmet sich insbesondere der Vernetzung und Präsentation der NRW-Gamesbranche, der Studiengang im Cologne Game Lab der TH entwickelt sich ausgezeichnet, Ende Juni wird in Köln das Cologne Game House als zentraler Co-Working Space eingeweiht, und auch die inzwischen bereits 10. Gamescom ist aus NRW kaum mehr wegzudenken. In der Verbindung von Ausbildung, Förderung und Vernetzung kommt der Games-Standort NRW gut voran. Und auch hier gibt das Land neue Impulse, wenn es wie Anfang Juni das Games-Land NRW in der Berliner NRW-Vertretung präsentiert.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie darüber hinaus für die nächsten Jahre die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Petra Müller: Zunächst werden wir mit der Implementierung der Filmförderstrategie, ihrer Umsetzung und Evaluation gut zu tun haben. Wir werden in der Entwicklungsförderung und dann vor allem bei den Serien nachlegen. Zudem werden wir uns mit dem wachsenden Contentbedarf der Plattformen beschäftigen, der für deutsche Produzenten von zunehmender Bedeutung ist. Ein wichtiger Meilenstein ist wie erwähnt die Förderung mit der kommenden Gamesleitlinie.
Nach wie vor gilt aber, dass NRW als wichtigster Standort für die Bewegtbildproduktion – von Film, TV und Entertainment, bis hin zu Games und Online-Content – national und international noch sichtbarer werden will. Mit dieser Zielrichtung ist die Film- und Medienstiftung NRW bereits 2010/11 als integriertes Förderhaus aufgestellt worden, als Anlaufstelle für medienübergreifende Content-Förderung, für Standortmarketing und Standortentwicklung. Die Gesellschafter der Film- und Medienstiftung haben diese Aufgabenstellung erneut bekräftigt und gerade auch mit der gemeinsamen Entwicklung neuer Fördergrundsätze einen wichtigen Schritt zur Stärkung des Film- und Medienstandort NRW getan.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/18 erstveröffentlicht.

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