Filmwirtschaft:

„Wir legen nach“

von am 04.07.2018 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Filmwirtschaft, Internet, Interviews, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Filmwirtschaft:</h4>„Wir legen nach“
Christine Strobl, Programmgeschäftsführerin der Degeto Film © ARD Degeto/Laurence Chaperon

Degeto plant weitere High-End-Serien, ohne Kino-Koproduktionen zu vernachlässigen

04.07.18 Interview mit Christine Strobl, Programmgeschäftsführerin der Degeto Film

Die Degeto Film kann über 160 Millionen Euro jährlich redaktionell für Fernsehfilme, Serien, Koproduktionen und Kinofilmlizenzen investieren und ist damit eine wichtige Säule für das ARD-Gemeinschaftsprogramm aber auch für die deutsche Filmwirtschaft. Christine Strobl, Programmgeschäftsführerin der Degeto, will an die hochwertigen, attraktiven und mit zahlreichen Preisen geehrten Produktionen der letzten Jahre mit neuen Projekten anknüpfen. „Heute steht die ARD Degeto für innovative Serien, wir gewinnen Preise, sind Anlaufstelle für die besten Ideen und Kreativen, während wir gleichzeitig die Akzeptanz bei unseren Zuschauern kontinuierlich steigern“, so Christine Strobl in einem medienpolitik.net-Gespräch.

medienpolitik.net: Frau Strobl, seit Beginn des Jahres haben Degeto-Produktionen sechs deutsche Fernsehpreise, einen Grimme-Preis und drei Nominierungen für die „Lola“ erhalten. Die Degeto hat auch „Weissensee“ mit produziert. Das klingt nach Erfolg in Serie. Unter welchen Bedingungen sind Quote und Qualität im heutigen VoD-geprägten Fernsehmarkt kein Widerspruch?

Christine Strobl: Und das sind noch nicht mal alle Preise – denken Sie auch an den Bayerischen Fernsehpreis für Julia Jentsch als beste Hauptdarstellerin für die Miniserie „Das Verschwinden“ oder den Sonderpreis des Bayerischen Fernsehpreises für „Babylon Berlin“. Ich gebe zu, dass mich die Preise für unsere beiden Serienhighlights „Das Verschwinden“ und „Babylon Berlin“ besonders gefreut haben, weil wir hier jeweils neue Wege gegangen sind. Ich bin ganz sicher, dass Quote und Qualität hervorragend zusammenpassen und dass es jeden Tag unser Ansinnen sein muss, dies zu beweisen. Eine Herausforderung, der wir uns gerade beim seriellen Erzählen stellen, und das klappt ganz gut.

medienpolitik.net: Kurz nach dem Sie 2012 Geschäftsführerin der Degeto geworden waren, haben Sie gegenüber der „Zeit“ gesagt: „An dem Job reizt mich nicht, Geschäftsführerin zu sein, sondern ich möchte, dass man in fünf Jahren sagt: Die hat gemeinsam mit dem Team die Degeto auf Vordermann gebracht.“ Was hat sich in den vergangenen Jahren bei der Degeto verändert?

Christine Strobl: Ziemlich viel. Wir haben unsere internen Strukturen, Arbeitsweisen, Etatsteuerung, Regelwerke, Berichtswesen, fairere Produktionsbedingungen und vieles mehr verändert. Diese Veränderungen haben wir gemeinsam geschafft mit dem Ziel, ein noch besseres Programm machen zu können. Heute steht die ARD Degeto für innovative Serien, wir gewinnen Preise, sind Anlaufstelle für die besten Ideen und Kreativen, während wir gleichzeitig die Akzeptanz bei unseren Zuschauern kontinuierlich steigern – darauf dürfen die Kolleginnen und Kollegen der Degeto schon ein wenig stolz sein.

medienpolitik.net: 2016 beliefen sich – laut Produzentenbericht – die Gesamtausgaben der neun ARD-Landesrundfunkanstalten und der Degeto für beauftragte und angekaufte Fernsehproduktionen auf insgesamt 718,6 Mio. Euro. Geht man von Ihrem Budget von 400 Mio. Euro aus, heißt das, dass Sie über weit mehr als die Hälfte der Finanzmittel für fiktionale Produktionen der ARD mitentscheiden…

Christine Strobl: Das finanzielle Volumen, über das wir redaktionell entscheiden, beläuft sich auf etwa 160 Millionen Euro jährlich; bei den restlichen 240 Millionen stehen wir v.a. rechtlich, administrativ, buchhalterisch oder kalkulatorisch in der Verantwortung. Die Fernsehprogrammkonferenz der ARD unter Leitung des Programmdirektors des Ersten gibt uns die Leitplanken entlang von Sendeplatzprofilen vor, die redaktionelle Entscheidung liegt dann bei uns. Daraus entstehen für Das Erste durchaus unterschiedliche Programme, etwa die „DonnerstagsKrimis“, die Freitagsfilme mit dem Label „Endlich Freitag im Ersten“ und große Fernsehevents wie „Barschel“, „Gladbeck“ oder dieses Jahr noch „Babylon Berlin“. Auch für den Kinofilm im Ersten sind wir zuständig: Demnächst geht unser „SommerKino im Ersten“ wieder los, eine spannende und unterhaltsame Kinoreihe aus internationalen Spielfilmen wie „Ein Mann namens Ove“ und deutschen Koproduktionen wie die „Griesnockerlaffäre“.

medienpolitik.net: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll noch mehr sparen und gleichzeitig die Qualität des Programms weiter verbessert. Ist das ein Druck, der auch Ihre Entscheidungen beeinflusst?

Christine Strobl: Wir stehen als Öffentlich-Rechtliche im besonderen Fokus der Gesellschaft und der Politik, denn es ist das Geld aller, das wir verantworten. Es ist deshalb zwingend notwendig, ständig alle Einsparmöglichkeiten auszuloten. Wir sind bei der ARD Degeto mit knapp 70 Vollzeitstellen personell extrem schlank aufgestellt, bei einem Budget von rund 400 Millionen Euro haben wir einen Personal- und Verwaltungskostenanteil von unter 4%. Das Budget fließt also ziemlich komplett in den Produzentenmarkt. Insofern lassen sich Einsparungen nur über alternative Finanzierungsmodelle erzielen. Gleichzeitig müssen wir unser Angebot ständig weiterentwickeln, um den Anschluss – gerade beim jüngeren Publikum – nicht zu verlieren. Wir leben auf keiner medialen Insel, die Zuschauerinnen und Zuschauer vergleichen das lineare Fernsehen mit Formaten, die sie aus dem Pay-TV und von Streamingdiensten kennen. Insofern ist es unsere Aufgabe und unser Ziel, innovative Formate zu entwickeln und gleichzeitig die Qualität unserer Programme hochzuhalten. Eine Konsequenz daraus sind neue Finanzierungsmodelle, wie wir sie bei „Babylon Berlin“ eingegangen sind oder Teilfinanzierungen, wie sie im Rahmen der „Eckpunkte 2.0“ mit der Produzentenallianz verabredet wurden.

medienpolitik.net: Sie haben mal gesagt: „Wichtig ist, dass der Zuschauer das Programm im Ersten als relevant wahrnimmt und gerne einschaltet. Hierzu wird die Degeto ihren Teil beitragen.“ Wann ist für Sie diese Relevanz erreicht?

Christine Strobl: Relevanz im linearen Fernsehen misst sich für mich zunächst im sogenannten Marktanteil, d.h. an der Frage, wie viele Zuschauer wir mit unserem Angebot und unseren Themen erreichen, die potentiell bereit sind, um diese Uhrzeit Fernsehen zu schauen. Aber natürlich ist Relevanz auch dann erreicht, wenn wir, wie mit der Ferdinand von Schirach-Verfilmung „Terror“ in aller Munde sind oder wenn wir, wie beim Zweiteiler „Gladbeck“ eine Diskussion über die Frage des Umgangs mit den Opfern oder die Rolle der Medien entfachen.

medienpolitik.net: War „Aufbruch ins Ungewisse“, der im Februar im Ersten lief, solch ein relevanter Film?

Christine Strobl: „Aufbruch ins Ungewisse“ hat ganz offensichtlich einen Nerv getroffen und viele Diskussionen ausgelöst. Das war natürlich eine Absicht dieses vom WDR federgeführten Films, an dem sich die Degeto mit großer Überzeugung beteiligt hat.

medienpolitik.net: „Bad Banks“ erreichte im Netz, in den Mediatheken von ARTE und ZDF eine überdurchschnittlich hohe Nutzung. Wie sieht hier Ihre Strategie aus?

Christine Strobl: Die Mediathek hat für uns eine große Bedeutung, weil unserem Publikum eine zeitunabhängige Nutzung des Programms ermöglicht wird. Gerade jüngere Menschen haben bekanntermaßen ganz andere Nutzungsgewohnheiten und sind nicht bereit, den zeitlichen Vorgaben des linearen Fernsehens zu folgen. Eine Vorgabe, der wir auch mit unseren Serien „Das Verschwinden“ und „Babylon Berlin“ gerecht werden, in dem wir sie möglichst umfassend und auffindbar in der Mediathek zeigen. Und das bedeutet unter anderem auch, dass wir im Rahmen der vertraglich geregelten Bedingungen, die z.B. derzeit bei Lizenzfilmen eine Einstellung in die Mediathek gar nicht zulassen, möglichst auch die „Online-First“-Rechte standardmäßig verhandeln. Daran arbeiten wir.

medienpolitik.net: Die Grimme-geehrte Serie „Babylon Berlin“ geht gegenwärtig in die 2. Runde. Sind ähnliche Serien-Projekte in Planung oder Vorbereitung?

Christine Strobl: Unbedingt, wir haben noch sehr viele Ideen und Pläne. Auch wenn ich im Moment zu neuen Serienprojekten noch nichts Konkretes sagen kann, so ist klar, dass wir auf jeden Fall nachlegen werden.

medienpolitik.net: Die Partnerschaft die die Degeto und X-Filme für „Baylon Berlin“ mit Sky und Beta-Film eingegangen sind, wurde auch wegen der Höhe Ihrer Finanzierung und der Ausstrahlung nach Sky kritisiert. Würden Sie Projekte mit einer ähnlichen Konstellation, also einem privaten Sender, wieder eingehen?

Christine Strobl: Das Spannende an dieser Konstellation ist ja, dass unser Finanzierungsanteil unseren sonstigen Durchschnittskosten in diesem Bereich entspricht, aber das, was wir dafür bekommen; international absolut konkurrenzfähig ist. Die Realisierung einer ähnlich aufwändigen Eventserie mit renommierten Kreativen vor und hinter der Kamera ist nur möglich, wenn man neue Wege geht. Um konkurrenzfähig zu sein, müssen wir unseren Kreativen Budgets auf entsprechendem Niveau ermöglichen, daher muss man zwangsläufig bereit sein, neue Partnerschaften einzugehen.

medienpolitik.net: Könnte dieser Partner auch Netflix heißen?

Christine Strobl: Ich spreche von Kooperationen mit Weltvertrieb, Pay-TV oder Streamingdiensten – warum sollte ich von vorneherein einen Partner ausschließen?

medienpolitik.net: Wie groß sehen Sie Ihre Kapazitäten für High-end-Serien?

Christine Strobl: Gerade kann man den Eindruck gewinnen, dass nur noch High-End-Serien wichtig sind, soweit würde ich aber nicht gehen wollen. Aber klar ist, dass es ein wichtiges Programmangebot ist, dem wir uns weiterhin intensiv widmen wollen; allerdings geht hier Qualität eindeutig vor Quantität.

medienpolitik.net: Gehen solche teuren Serien-Engagements zulasten der Beteiligung an deutschen Kinofilmen?

Christine Strobl: Wir glauben an den deutschen Film und gehen daher gezielt deutsche Kinoproduktionen ein. So sind wir zum Beispiel Koproduzent beim neuesten Film von Florian Henckel von Donnersmarck „Werk ohne Autor“ oder Marcus H. Rosenmüllers „Trautmann“, die beide im Herbst in die Kinos kommen. Die Verbindung zwischen Fernsehen und Kino ist dabei substanziell, ohne dass Kino zum Fernsehen werden darf. Die deutsche Kinolandschaft lebt ganz wesentlich von dem Engagement der Fernsehsender, dessen bin ich mir bewusst. Mein Anliegen ist es deshalb, mit erfolgreichen und besonderen Spielfilmen dem Kinofilm langfristig einen Platz im Programm des Ersten zu geben.

medienpolitik.net: Nicht immer erreichen die Spielfilme, an denen die ARD beteiligt ist, auch ein großes Publikum im Fernsehen. Existiert eine Mindestquote?

Christine Strobl: Natürlich haben wir bestimmte Erwartungen in Bezug auf die Akzeptanz unserer Filme. Bei Spielfilmen sind wir daher bemüht, die „Kinoperlen“ zu finden, die unser Programm bereichern, aber auch im Fernsehen ihr Publikum finden können. Eine Mindestquote gibt es nicht, aber Filme zu zeigen, die keiner sehen will, macht auch nicht wirklich Sinn.

medienpolitik.net: Bei welchen Degeto-Projekten für das 2. Halbjahr erwarten Sie wieder ein Millionenpublikum und eine große gesellschaftliche Relevanz?

Christine Strobl: Jetzt startet erstmal am 9. Juli unser „SommerKino“, das Kino-Highlights wie „Tschick“, die Verfilmung des Wolfgang-Herrndorf-Bestsellers durch Fatih Akin, oder „Carol“ mit Cate Blanchett und Rooney Mara zeigt. Im Herbst freue ich mich auf unseren Freitagsfilm „Liebe auf Persisch“, weil hier zum ersten Mal eine deutsche TV-Produktion im Irak gedreht wurde und der Film wirklich besonders geworden ist. Am Donnerstag werden im Herbst unsere Krimireihen wieder ihr Millionenpublikum finden. Hier gehen zwei neue Formate an den Start: der „Prag“- und der „Amsterdam-Krimi“. Und mit Blick auf das Weihnachtsprogramm: Da kommt mit „Wir sind doch Schwestern“, die Verfilmung des Familienromans von Anne Gesthuysen, ein filmischer Leckerbissen ins Programm, der ein Jahrhundert deutscher Geschichte eindrucksvoll und dabei sehr poetisch erzählt. Und natürlich steht das Serien-Highlight des Jahres im Mittelpunkt des Interesses: „Babylon Berlin“ startet Ende September um 20.15 Uhr im Ersten.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/18 erstveröffentlicht.

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