Rundfunk:

„Die Aufgaben wachsen“

von am 16.07.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Interviews, Journalismus, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Die Aufgaben wachsen“
Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle © Martin Magunia

96 Prozent ihrer Nutzer schätzen die Deutsche Welle als glaubwürdige Quelle ein

16.07.18 Interview mit Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Die Deutsche Welle ist dieser Tage 65 Jahre alt geworden und erreicht weltweit mehr Menschen als je zuvor. So konnte die Reichweite auf inzwischen 157 Millionen wöchentliche Nutzer weltweit gesteigert werden. Das sind knapp 60 Prozent Steigerung in den letzten vier Jahren. Bis 2021 soll die Zahl auf 210 Millionen erhöht werden. Zugelegt hat die DW mit ihren verschiedenen Angeboten vor allem bei den entscheidenden Zielgruppen und in wichtigen Regionen, im arabischen Raum, auch in Lateinamerika, wo das Fernsehen immer mehr Akzeptanz findet. Auch in Afrika existieren beachtliche Reichweiten im Radio und auch über soziale Medien. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich die Redaktionen in Berlin und Bonn bei der Gestaltung des Programmangebots und bei der Wahl der Medien und Plattformen heute weit stärker daran orientieren, was für die Nutzerinnen und Nutzer relevant ist.

medienpolitik.net: Herr Limbourg, der Etat der Deutschen Welle wächst weiter. Wo fließt dieses zusätzliche Geld hin?

Peter Limbourg: Grundsätzlich gilt, dass Deutschland seine mediale Präsenz in der Welt stärken muss. Das geht nur mit einer besseren Finanzausstattung für die Deutsche Welle. Wir haben für Politik und Öffentlichkeit in unserer Aufgabenplanung 2018 bis 2021 die erforderlichen Maßnahmen und die damit verbundenen Mehraufwendungen erläutert. Das reicht von einzelnen Programmprojekten etwa für Krisenregionen bis hin zur konsequenten Digitalisierung der gesamten DW. Im Übrigen haben wir in der Vergangenheit gezeigt, dass wir mit unseren Mitteln effektiv umgehen, dass wir Neues wagen und dass wir damit sehr erfolgreich sind. Nicht nur, was die Reichweite anbelangt, sondern auch, was Innovation im Programm betrifft.

medienpolitik.net: Damit liegt die DW derzeit noch hinter dem französischen Auslandsrundfunk (380 Millionen Euro pro Jahr) und BBC World (524 Millionen Euro). Welche Konsequenzen hat das für die Deutsche Welle?

Peter Limbourg: Für uns ist die Perspektive entscheidend. Und da haben wir ein klares Bekenntnis von Seiten der Politik, vom Bundestag wie auch von der Bundesregierung. Der Etat der Deutschen Welle soll mittelfristig auf ein Niveau angehoben werden, das der finanziellen Ausstattung vergleichbarer europäischer Anbieter entspricht. Darauf ist auch unsere Aufgabenplanung 2018 bis 2021 ausgerichtet, mit der sich der Deutsche Bundestag bereits befasst hat. In den für uns wichtigen Gremien des Parlaments, insbesondere im Ausschuss für Kultur und Medien, auch im Haushaltsausschuss und im Auswärtigen Ausschuss ist sich die große Mehrheit bewusst, dass jede Investition in die Deutsche Welle eine Investition in die Förderung demokratischer Werte ist. Die Zahl unserer Fans im Deutschen Bundestag hat sich erhöht, wie es die Bundeskanzlerin auf dem Festakt zu unserem 65-jährigen Bestehen ausdrückte. Deshalb bin ich zuversichtlich, was die künftige Entwicklung unseres Etats betrifft.

medienpolitik.net: Sie wollen nun einen türkischen TV-Kanal starten. Warum?

Peter Limbourg: In der Türkei, einem Land, dem wir auf so vielfältige Weise verbunden sind, gibt es keine Pressefreiheit mehr. Journalisten werden eingesperrt, Medienhäuser auf Regierungskurs gebracht oder geschlossen. Wenn wir unseren Auftrag ernst nehmen, dann besteht hier ein dringender Handlungsbedarf. Gerade diejenigen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Sorge auf die autokratische Entwicklung des Landes blicken, also unsere Zielgruppen, schauen hilfesuchend nach Europa. Wir wollen unseren Beitrag leisten und einen türkischsprachigen TV-Kanal aufbauen, möglichst gemeinsam mit europäischen Partnern.

medienpolitik.net: Senden Sie eigentlich irgendwo in der Welt noch über Kurzwelle?

Peter Limbourg: Die Kurzwelle hat als Übertragungsweg nicht gänzlich ausgedient, aber stark an Bedeutung verloren. Wir senden täglich Kurzwellenprogramme in Dari, Paschtu, Amharisch, Kisuaheli und Haussa. Vor allem in Afrika hat Radio nach wie vor einen beachtlichen Stellenwert. Deshalb produzieren wir in wichtigen Sprachen für den Kontinent weiter Hörfunkprogramme, die wir allerdings zunehmend über Partner und somit über UKW verbreiten. Digitale Plattformen bieten selbstverständlich gerade für unser vielsprachiges Angebot weit mehr Möglichkeiten. Und speziell über die Sozialen Medien lässt sich der Dialog mit den Nutzern einfach und nachhaltig gestalten. Die DW ist der erste Informationsanbieter, der in Afrika Radio über Facebook sendet.

medienpolitik.net: Wieweit sehen Sie es auch als Aufgabe der Deutschen Welle an, auch mit den wichtigsten internationalen Nachrichten präsent zu sein, also ein internationaler Nachrichtensender zu sein?

Peter Limbourg: Wir stehen im weltweiten Wettbewerb der Werte und Ideen. Nicht nur unsere europäischen Partner haben ihre Auslandssender gestärkt. Auch China und Russland etwa haben ihre Auslandskommunikation professionell ausgebaut im Bemühen, Außenpolitik medial zu flankieren. Unsere Aufgabe ist es, deutsche und europäische Perspektiven zu internationalen Entwicklungen zu liefern. Um dies auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern wirkungsvoll tun zu können und ein breites Publikum zu erreichen, haben wir unseren englischen TV-Kanal zum Nachrichtensender ausgebaut. Dieses Flaggschiff hat sich etabliert und trägt wesentlich zur Steigerung unserer Reichweite bei. Entscheidend für den Erfolg ist, dass wir unsere vielen Sprachangebote immer besser vernetzen.

medienpolitik.net: Welches sind für die nächsten vier Jahre die wichtigsten Aufgaben der Deutschen Welle?

Peter Limbourg: Unsere Aufgaben werden nicht weniger, sie werden künftig weiter wachsen. Auf die großen Themen unserer Zeit – Krieg, Terror, Flucht, Migration und Propaganda – müssen wir Antworten finden. Wir arbeiten hier mit unseren europäischen Partnern aus Frankreich und Großbritannien gemeinsam. In Anbetracht der Tatsache, dass Freiheit und Demokratie zunehmend bedroht werden und dass Autokratie und Diktatur auf dem Vormarsch sind, muss ein mediales Gegengewicht entstehen. Darüber hinaus rüsten wir uns für die Herausforderungen der digitalen Medienwelt.

medienpolitik.net: Die weltweiten Herausforderungen durch Propaganda, Fake News, Migration, möglichen Handelskriegen, Klimawandel und Terror nehmen zu. Was kann die Deutsche Welle hier positives bewirken?

Peter Limbourg: Zuallererst Tag für Tag Fakten liefern und Aufklärung leisten, Qualitätsjournalismus nach strengen Standards gewährleisten. Das ist der Kern unserer Arbeit als unabhängiger, öffentlich-rechtlicher Auslandssender. Und Medienkompetenz fördern, was wir mit der DW Akademie tun. Menschen in die Lage versetzen, seriöse Nachrichten aus vertrauenswürdigen Quellen von bewusster Desinformation und Falschmeldungen unterscheiden zu können. Auch beim Thema Migration geht es vor allem um Aufklärung. Unsere Aufgabe ist es, darüber zu informieren, wie die Verhältnisse für Flüchtlinge in Deutschland tatsächlich sind. Wir zeigen unser Land in realistischen Farben. Zugleich setzen wir auf gemeinsame Projekte mit europäischen Partnern, etwa das Projekt „InfoMigrants“, eine Plattform die sich an Flüchtlinge und an die Menschen wendet, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Heimat zu verlassen. Wir haben das Angebot, das es bisher auf Englisch, Arabisch und Französisch gab, gerade ausgeweitet auf Dari und Paschtu für Afghanistan.

medienpolitik.net: Welche Rolle kann die Deutsche Welle weltweit für Presse- und Meinungsfreiheit spielen?

Peter Limbourg: Indem wir dieses hohe Gut selbst wahrnehmen und beharrlich umfassend und verlässlich berichten. Gerade dort, wo man den Menschen einen freien Zugang zu Information verwehrt. Es ist wichtig, dass die Werte unseres Grundgesetzes, Toleranz, Freiheit, Demokratie und sozialer Ausgleich erklärt werden. Denn in vielen Ländern der Welt sind diese Werte in Gefahr. Das gilt vor allem für die Meinungs- und Pressefreiheit als Voraussetzung für Demokratie und Entwicklung. Für diese Werte stehen wir – mit unserem Programm wie mit unserer DW Akademie. Deshalb haben wir auch eigens eine Plattform für dieses Thema eingerichtet, DW Freedom. Und den Freedom of Speech Award ins Leben gerufen. Im vierten Jahr haben wir den Preis in diesen Tagen auf dem Global Media Forum der DW in Bonn an den iranischen Politologen Sadegh Zibakalam verliehen.

medienpolitik.net: Die sozialen Netzwerke, mit ihren Filterblasen und teilweisen Fake-News, gewinnen weltweit an Bedeutung. Wie kann die DW hier durchdringen und sich Gehör verschaffen?

Peter Limbourg: Der Bedarf an objektiver Berichterstattung ist riesig. Zugleich ist es in der Tat deutlich schwieriger geworden, Fakten zu vermitteln und Argumente respektvoll auszutauschen, gerade in den Sozialen Medien. Das haben auch die Diskussionen auf unserem jüngsten Global Media Forum in Bonn noch einmal sehr deutlich gemacht. Für uns kann das nur heißen: Wir setzen beharrlich auf Fakten statt Fake News, auf Haltung statt Hass und auf Austausch statt Abschottung. Wir müssen dafür sorgen, dass guter Journalismus die Oberhand behält und wir bei unserem Publikum auch künftig als vertrauenswürdig gelten. Dazu gehört übrigens auch, dass wir Fehler eingestehen und korrigieren, wenn sie passieren.

medienpolitik.net: Sie wollen die Reichweite von derzeit 157 Millionen auf 210 Millionen wöchentliche Nutzerkontakte im Jahr 2021 erhöhen. Wie soll das geschehen?

Peter Limbourg: Indem wir in den Regionen, in denen wir für unsere Zielgruppen in wachsendem Maße relevant sind, die Angebote stärken, beispielsweise für Lateinamerika und den arabischen Raum. Indem wir unser Flaggschiff, den englischsprachigen TV-Kanal, ausbauen. Indem wir bei den Formaten innovativ bleiben. Aber vor allem, indem wir auf digitale Angebote in Sozialen Medien setzten. Denn hier haben wir in den vergangenen Jahren den höchsten Zuwachs an Reichweite erzielt – und hier liegt das größte Potenzial.

medienpolitik.net: Jüngst gab es im Deutschen Bundestag eine Debatte zur Deutschen Welle aus Anlass eines neuen DW-Gesetzes, dass die AfD vorlegte. So hat die AfD die Deutsche Welle u.a. als staatliches Propagandamedium bezeichnet. Wie regierungstreu ist die Deutsche Welle?

Peter Limbourg: Es ist unsere große Stärke, dass wir unabhängig berichten können und dass wir frei von staatlicher Einflussnahme sind. Wir sind ein Medienhaus, das in Deutschland sowohl Regierung und Opposition gleichermaßen kritisch betrachtet und auch alle Strömungen in der Bevölkerung in die Berichterstattung einbezieht. Im Gegensatz zu vielen staatlichen Sendern sind wir eben nicht die Stimme der Regierung, sondern wir sind die Stimme für ganz Deutschland. Das unterscheidet uns deutlich. Auch in den Zielregionen, über die wir berichten, versuchen wir selbstverständlich, Regierung und Opposition und Vertreter der Zivilgesellschaft gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen. Unser Publikum honoriert dies eindrucksvoll: Laut aktuellen Studien schätzen 96 Prozent unseren Nutzerinnen und Nutzer die Deutsche Welle als glaubwürdige oder sehr glaubwürdige Quelle – dieses Vertrauen ist, denke ich, die überzeugendste Bestätigung für unsere Unabhängigkeit.

medienpolitik.net: Sind die Forderungen der AfD ein Zeichen dafür, dass die Akzeptanz der DW in der deutschen Gesellschaft schwindet?

Peter Limbourg: Ganz im Gegenteil – im Übrigen wurde der Antrag der AfD von allen anderen Fraktionen abgewiesen. Ich glaube, die Menschen in Deutschland wissen sehr genau, dass unser Land aus politischen und wirtschaftlichen Gründen gut beraten ist, weltoffen zu bleiben. Und die Deutsche Welle ist Teil und Ausdruck dieser Weltoffenheit, indem wir ein realistisches Bild von Deutschland und Europa zeichnen. Der deutsche Steuerzahler hat ein Interesse an einer friedlichen und gerechteren Entwicklung in der Welt. Die DW leistet ihren Beitrag dazu, indem sie über Medien Menschen erreicht, die Deutschland sonst nicht erreichen würde.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/18 erstveröffentlicht. 

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen