Rundfunk:

„Die digitale Medienwelt bietet für Europa neue Chancen“

von am 02.07.2018 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Die digitale Medienwelt bietet für Europa neue Chancen“
Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR)

Intendant des Saarländischen Rundfunks plädiert für europäischen Kommunikationsraum

02.07.18 Interview mit Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR)

Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern wird intensiv über die Rolle und Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert. Die Analyse, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender durch eine Veränderung der Medienakteure, der Verbreitungswege und einer ausdifferenzierenden Mediennutzung auch reformieren und ihre Angebote verändern müssen, ist in allen europäischen Ländern gleich, nur die Wege und Mittel scheinen verschieden zu sein. In dieser Zeit meldet sich der Intendant des Saarländischen Rundfunks Thomas Kleist mit dem kühnen Vorschlag, aus dem politischen Raum ‚Europa‘ einen echten europäischen Kommunikationsraum zu schaffen. „Weil es in einer demokratischen Gesellschaft eben nicht ausreicht, wenn Politiker und Intellektuelle die Bedeutung eines geeinten Europas und seiner Wechselbeziehungen richtig einordnen können. In einer Demokratie bedarf es dazu eines breiten Konsenses in der Bevölkerung. Daher bin ich der festen Überzeugung, dass die europäische Idee langfristig nur dann eine realistische Chance auf Verwirklichung und praktische Umsetzung hat, wenn es uns gelingt, aus dem politischen Raum ‚Europa‘ einen echten europäischen Kommunikationsraum zu schaffen. Hierfür wiederum brauchen wir unabhängige Qualitätsmedien und Journalistinnen und Journalisten, die dieses Ziel tagtäglich als Arbeitsauftrag verstehen“, so Thomas Kleist gegenüber medienpolitik.net.

medienpolitik.net: Herr Kleist, gegenwärtig wird viel über den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks debattiert. Welche Rolle sollte dabei die Information und Debatte über Europa spielen?

Thomas Kleist: Die Idee von einem Europa in Frieden und Freiheit ist ein konstitutives Element unserer Verfassung und des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Dem trägt auch der Rundfunkstaatsvertrag der Länder Rechnung, indem er den öffentlich-rechtlichen Rundfunk damit beauftragt, in seinen Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Er soll hierdurch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern. Mit anderen Worten, in Zeiten in denen die Fliehkräfte in Europa stärker werden und die Populisten und Nationalisten eine regelrechte Renaissance erfahren, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in besonderer Weise gefordert. Und soweit ich das beurteilen kann, werden wir dieser wichtigen Aufgabe, über Europa zu informieren, es einzuordnen, zu bewerten und unserem Publikum näher zu bringen, auch gerecht. Es wäre wünschenswert, wenn dies bei der anstehenden Reform des öffentlich-rechtlichen Systems von den Systemkritikern, auch einmal in die Waagschale geworfen würde.

medienpolitik.net: Wo könnten die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland hierbei noch mehr leisten?

Thomas Kleist: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk leistet hier schon jede Menge. Eines unserer Kernziele ist es, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zu fördern. Dies tun wir auf unterschiedlichen Ebenen, unter anderem mit dem Ersten in der ARD ebenso wie in unseren vielfältigen regionalen Angeboten.
Dabei stützen wir uns auf das Korrespondentennetz der ARD, eines der größten weltweit. Alleine in Brüssel haben wir 13 Korrespondentinnen und Korrespondenten in Hörfunk und Fernsehen. Sie sorgen dafür, dass unsere Berichterstattung über die Europäische Union und Europa zu einer der ausführlichsten und kompetentesten in der deutschen Medienlandschaft zählt. Neben der aktuellen ARD-Berichterstattung etwa in „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ berichten wir im Ersten auch jeden Sonntag um 12.45 Uhr im „Europamagazin“ eine halbe Stunde lang speziell über europäische Themen und unsere europäischen Nachbarn. Auf diese Weise leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Einordnung europäischer Politik. Ohne einen schlagkräftigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wäre dies nicht möglich; denn der kommerzielle Rundfunk hat hier nur ein eingeschränktes Interesse, weil die Themen oft sehr sperrig, aufwendig in der Aufbereitung und wenig massentauglich sind.
Regional sehe ich zum Beispiel den SR aufgrund seiner Lage und seiner Historie als den französischsten aller deutschen Sender, das profiliert uns und macht uns auch in der ARD unverwechselbar– und das ist kein Klischee! Selbstverständlich schauen wir beim SR regelmäßig in unseren Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, aber auch in der crossmedialen Berichterstattung über die Grenzen nach Lothringen und Luxemburg. Die Großregion im Herzen Europas ist bei uns Programm im wahrsten Sinne des Wortes. Auch in unseren Leitlinien haben wir beim SR festgehalten, dass europäische Integration ein wichtiger Gegenstand unserer Berichterstattung ist. Der saarländische Gesetzgeber hat dem auch dadurch Rechnung getragen, dass die grenzüberschreitende Berichterstattung, die Zusammenarbeit mit französischen Rundfunkanstalten und sogar französischsprachige Angebote Teil unseres regionalen öffentlich-rechtlichen Auftrages sind.

medienpolitik.net: Gibt es in der Berichterstattung noch zu viele Klischees und Zerrbilder? Muss die Berichterstattung differenzierter werden?

Thomas Kleist: Unsere Journalisten haben den Anspruch, seriös und unvoreingenommen zu recherchieren und transparent, objektiv und ausgewogen zu berichten. Die journalistische Qualität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist ausschlaggebend für die hohe Akzeptanz seiner Berichterstattung. Speziell unser Informationsangebot wird in Umfragen regelmäßig als qualitativ hochwertig eingestuft. Dabei liegen unser gemeinsamer, freier Rundfunk und insbesondere die ARD regelmäßig deutlich vor den kommerziellen Angeboten.
Eine internationale Umfrage zu Nachrichtenmedien in acht westeuropäischen Ländern des Pew Research Centers hat ergeben, dass die meisten Befragten in Deutschland die ARD als Quelle für Nachrichten am meisten nutzen. 81 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mindestens einmal pro Woche die ARD als Nachrichtenquelle heranziehen. Das zeigt, wie vertrauenswürdig das Erste und die dritten Programme eingestuft werden. Eine weitere Zahl aus dieser Studie bestätigt das: Der Vertrauenswert der ARD liegt bei 80 Prozent.
Die Bevölkerung hat also weiterhin eine positive Grundhaltung zum von der Gesellschaft gemeinsam getragenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Von daher sollten auch unsere Medienpolitiker bei den anstehenden Reformüberlegungen durchaus etwas mehr Mut aufbringen, sich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennen und sich nicht permanent vom angeblichen „Druck der Straße“ leiten lassen.

medienpolitik.net: Sind die öffentlich-rechtlichen Sender Europas, so wie sie jetzt nur in einem losen Verbund existieren, überlebensfähig und existieren bei allen öffentlich-rechtlichen Sendern Europas gemeinsame Probleme beziehungsweise ähnliche Defizite, sich auf die veränderte Mediennutzung und einen veränderten Medienmarkt einzustellen?

Thomas Kleist: Qualität wird sich auch in Zukunft durchsetzen – müssen. In den vergangenen Jahren ist unser gemeinsamer, freier Rundfunk in Europa häufiger von verschiedenen Seiten angegriffen oder sogar in Frage gestellt worden. Die Situation in Österreich oder der Schweiz, Stichwort „No-Billag“-Initiative, sind der Beleg dafür. Aber das deutliche Ergebnis der Volksabstimmung in der Schweiz für das Gemeinwohlmedium zeigt doch, wie sehr die Menschen die Qualität, die Unabhängigkeit und die journalistische Kompetenz unserer Medien wertschätzen und offensichtlich im Krisenfall auch zu erkennen und anzuerkennen bereit sind, dass SRF, aber natürlich auch ARD, ZDF oder Deutschlandradio für unser demokratische Gemeinwesen unverzichtbar sind. Andererseits ist der Medien- und Kommunikationsmarkt seit der Erfindung des Internets enorm in Bewegung geraten. Dem müssen sich auch die traditionellen Player, wie beispielsweise die BBC in Großbritannien, Radio France und France Télévision in Frankreich sowie ARD, ZDF und Deutschlandradio in Deutschland stellen und neue Zukunftsstrategien entwickeln. Insoweit sind wir in Deutschland bereits auf einem guten Weg, wenngleich noch lange nicht am Ziel. Ein wichtiger Schritt wird die Ausgestaltung des online-Bereichs für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein. Leider hat sich die Politik auf den Verleger-Sprech eingelassen, dass ihnen schadet, was dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nützt. In anderen europäischen Ländern ist man da klüger, wie etwa in Frankreich, wo es deutlich weniger Einschränkungen für den öffentlichen Sektor gibt, als bei uns; wenigstens ARTE profitiert davon. Neben der politischen Diskussion über das Ob und das Wie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Europa ist die wettbewerbliche Auseinandersetzung mit den Globalplayern von großer Bedeutung, also mit den sogenannten GAFAs – Google, Amazon, Facebook und Apple. Da wage ich noch keine Prognose, wie sich das langfristig auf unser System auswirken wird.
Ein weiteres Problem ist die Situation der Journalistinnen und Journalisten in Europa. Ihre Arbeit findet zunehmend unter teils unerträglichen Umständen statt. Reporter ohne Grenzen mahnt, in keiner anderen Weltregion habe sich die Lage der Pressefreiheit so stark verschlechtert wie in Europa. Journalistinnen und Journalisten seien vermehrt medienfeindlicher Hetze ausgeliefert. Das schaffe ein feindseliges Klima, das leider zunehmend auch den Boden für staatliche Repression bereite.
Ungarn und Polen sind nur zwei Beispiele in Europa, in denen demokratische Staats- und Regierungschefs die Medienfreiheit in Frage stellen. Das dürfen wir nicht hinnehmen. Hier muss auf europäischer Ebene dringend gehandelt werden. In dem EU-Mitgliedsstaat Slowakei hat der Mord an dem investigativen Journalisten Ján Kuciak und seiner Freundin zuletzt für Schlagzeilen gesorgt, in Malta ist die Journalistin Daphne Caruana Galizia bei einem Anschlag gegen sie ums Leben gekommen. Ihre Freunde und Söhne setzen sich nun europaweit für einen besseren Schutz für investigative Journalisten aber auch für einen besseren Quellenschutz ein. Im Frühjahr gab es dazu bereits mehrere Treffen mit Vertretern der EU-Kommission in Brüssel. Hier muss die Politik dringend handeln. Dieser Kampf hat heute Vorrang in Europa. Nur wenn dieser gelingt, wird es auch die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa weiter geben.

medienpolitik.net: Warum gibt es bei fiktionalen Produktionen in der ARD Kooperationen und Koproduktionen mit anderen europäischen Sendern, aber anscheinend nicht bei der publizistischen Berichterstattung?

Thomas Kleist: Es gibt Kooperationen zwischen den europäischen Sendern auch in der Berichterstattung. Recherche und Berichterstattung über die „Paradise Papers“ oder die „Luxleaks“-Affäre sind zwei prominente Beispiele dafür. Journalisten aus aller Welt haben sich zusammengeschlossen, darunter auch Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender NDR und WDR, um gemeinsam zu recherchieren und die riesigen Datenmengen auszuwerten. Ihre Zusammenarbeit hat länger als ein Jahr gedauert. Und es wird auch innerhalb des Rechercheverbundes sicher weitere Kooperationen geben.
Auch wir beim SR setzen auf eine noch stärkere Zusammenarbeit mit den französischen und luxemburgischen Sendern in unserer Grenzregion. Es gibt bereits im Alltag einen intensiven Austausch über Themen und Termine, beispielsweise eine gelebte Kooperation mit 100,7 in Luxemburg oder Verkehrsnachrichten für die gesamte Großregion. Und in der Vergangenheit ist es uns bereits gelungen zu bedeutenden Anlässen gemeinsame Radio-Formate zu produzieren. Derzeit laufen zum Beispiel die Planungen für die Berichterstattung zu den Europawahlen im nächsten Jahr. Hier wollen wir eine gemeinsame Sendung mit France Bleu Lorraine/Alsace auf den Weg bringen.
Am 12. Juni dieses Jahres habe ich einen Kooperationsvertrag zwischen dem SR Fernsehen und France 3 Grand Est unterschrieben, bei dem die juristischen Grundlagen für den Austausch von Bildmaterial zwischen den beiden Sendeanstalten gelegt wurden. Die Journalisten dies- und jenseits der Grenze tauschen sich ohnehin schon regelmäßig aus. Das ist beim SR schon lange gelebter journalistischer Alltag.

medienpolitik.net: Sollte der Programmaustausch insgesamt ausgebaut werden?

Thomas Kleist: Ein Teil des Programmaustauschs zwischen den europäischen Sendern läuft bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert erfolgreich über die European Broadcasting Union, EBU. Daran sind mehr als 70 Rundfunkanstalten beteiligt. Die EBU ist deshalb für uns besonders wichtig, weil sie europäische Rechtefragen klärt und auch Rechte für Ihre Mitglieder akquiriert. Ein Beispiel sind die Rechte für die Tour de France-Berichterstattung im Hörfunk, die der SR federführend für die ARD betreut. Aber auch ein Austausch von Radiokonzerten zwischen den europäischen Hörfunk-Sendern wäre ohne die EBU nicht denkbar – davon profitiert etwa SR 2 KulturRadio besonders stark.
Ein besonders prominentes Kind der EBU ist die Eurovision zum Austausch von Fernseh- und Hörfunkprogrammen. Alle Nachrichtensendungen der ARD etwa können kostenfreies Bildmaterial aus der ganzen Welt über die Eurovision über einen Satellitenkanal beziehen. Der Programmaustausch zwischen den europäischen Rundfunkorganisationen läuft also schon erfolgreich.
Wir beim SR gehen aber im Programmaustausch mit unseren französischen Nachbarn noch einen Schritt weiter. Auf unsere Initiative hin ist ein reger Austausch von Beiträgen und Bildmaterial des SR Fernsehens mit dem lothringischen Zweig des öffentlich-rechtlichen Regionalsenders FR3 entstanden. Dieser wird jetzt noch weiter ausgebaut. Außerdem ist geplant, dass der SR Hörfunk und France Bleu Alsace künftig kooperieren. Auch hier sollen Programminhalte ausgetauscht werden. Wir erwägen sogar gemeinsame Sendungen, etwa im kommenden Jahr zur Europawahl. Dazu laufen jetzt Gespräche an.

medienpolitik.net: ARTE bietet zunehmend mehr Programm auch aus anderen Ländern als Deutschland und Frankreich an. Ist ARTE dabei, sich zu einem europäischen Kulturkanal zu entwickeln?

Thomas Kleist: Das europäische Anliegen von ARTE ist seit der Gründung 1990 schon im Sendernamen verankert: „Association relative à la Télévision Européenne“. Der Name deutsch-französischer Kulturkanal springt eigentlich zu kurz, rührt aber daher, dass Deutschland und Frankreich diesen Sender gegründet haben. Bis heute ist ARTE in der Organisation vorwiegend deutsch-französisch, da auch die Finanzierung im Wesentlichen aus den beiden Ländern erfolgt und andere Staaten nur assoziiert sind. Aber im ARTE-Programm ist die europäische Ausrichtung mehr als deutlich. So gesehen ist das ARTE-Programm ein europäisches Produkt, das von einer deutsch-französischen Gesellschaft für den europäischen Markt produziert wird.

medienpolitik.net: ARTE ist mehr als ein „Kulturkanal“, sagen Sie. Sollte ARTE noch politischer werden?

Thomas Kleist: ARTE ist per se politisch, weil es schon als Institution die europäische öffentlich-rechtliche Zusammenarbeit symbolisiert. ARTE ist aber auch in seinem Programmangebot politisch. Nehmen Sie etwa das Format „Re:“. Täglich taucht das 30-minütige Reportage-Magazin „Re:“ in die europäischen Lebenswelten ein. Nah dran und authentisch. Zuletzt hat sich „Re:“ etwa mit der Frage nach gerechtem und ungerechtem Lohn in Europa beschäftigt oder der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Situation auf der französischen Insel Mayotte.

medienpolitik.net: Sie haben jüngst gefordert, aus dem politischen Raum ‚Europa‘ einen echten europäischen Kommunikationsraum zu schaffen. Wie soll der aussehen?

Thomas Kleist: Hinter dieser Forderung steckt folgender Gedanke: Die von Politikern geforderte und gemeinsam mit Philosophen ausformulierte Idee eines geeinten Europas ist für viele Menschen sehr abstrakt und in ihrer Bedeutung nicht wirklich einschätzbar. Viele Menschen spiegeln politische Forderungen in erster Linie mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit und Betroffenheit. Wenn wir zum Beispiel erklären, dass Europa der Garant für Frieden und Freiheit ist, dann können das insbesondere jüngere Menschen gar nicht richtig wertschätzen, weil sie noch nie in Unfreiheit gelebt oder Krieg tatsächlich erfahren haben. Sie nehmen aber sehr wohl manche fragwürdige Entscheidung aus der Brüsseler Bürokratie wahr und sehen auch zum Beispiel, dass Europa keine überzeugende Lösung für das aktuelle Flüchtlingsproblem bieten kann. Ich will damit sagen, dass es in einer demokratischen Gesellschaft eben nicht ausreicht, wenn Politiker und Intellektuelle die Bedeutung eines geeinten Europas und seiner Wechselbeziehungen richtig einordnen können. In einer Demokratie bedarf es dazu eines breiten Konsenses in der Bevölkerung. Daher bin ich der festen Überzeugung, dass die europäische Idee langfristig nur dann eine realistische Chance auf Verwirklichung und praktische Umsetzung hat, wenn es uns gelingt, aus dem politischen Raum „Europa“ einen echten europäischen Kommunikationsraum zu schaffen. Hierfür wiederum brauchen wir unabhängige Qualitätsmedien und Journalistinnen und Journalisten, die dieses Ziel tagtäglich als Arbeits-Auftrag verstehen. Und dabei muss der eben skizzierte europäische Gedanke mitschwingen: Das Andersartige zulassen, erfahren, davon lernen und zwar gegenseitig. Es ist daher auch kein Wunder, dass gerade die jüngere Generation in Großbritannien so entsetzt ist über das Brexit-Votum ihrer Nation. Das ist die Generation, die es als selbstverständlich erlebt, in anderen EU-Ländern studieren und arbeiten zu können. Und sie haben dabei erfahren, wie bereichernd der Austausch mit anderen Kulturen sein kann – persönlich und beruflich.

medienpolitik.net: Aber kann das ohne Einigkeit über den „politischen Raum ‚Europa‘“ funktionieren?

Thomas Kleist: Diese Einigkeit muss einerseits von den Politikern auf ihrer Ebene erreicht und vertraglich gefestigt werden und für die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit erfahrbar werden.

medienpolitik.net: Welche Rolle sollen und müssen dabei die öffentlich-rechtlichen Sender spielen?

Thomas Kleist: Über diese Wechselbeziehungen zu informieren, sie zu erläutern, einzuordnen und insoweit Orientierung im Sinne unserer freiheitlichen Werteordnung zu geben, das ist eine originäre Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

medienpolitik.net: Ist eine europäische digitale Plattform, die von Ulrich Wilhelm und Ihnen ins Spiel gebracht wurde, dafür der Hauptweg?

Thomas Kleist: Der amtierende ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hat die Plattform-Idee im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit den Verlegern ins Spiel gebracht. Dieser Gedanke findet auch meine Zustimmung. Ich meinerseits hatte bereits vor vielen Jahren in anderem Zusammenhang die geschilderte Idee eines europäischen Kommunikationsraums entwickelt. Da liegt es doch nahe, beides miteinander zu kombinieren. Meine Überlegung mündete früher in der Forderung nach einem europäischen Sender auf öffentlich-rechtlicher Basis. In der analogen Fernseh-Welt ist ARTE die Antwort darauf. Und ich finde, die Programmverantwortlichen machen das richtig gut. Ich selbst hatte im Hörfunk angesetzt; dies scheiterte letztlich an der nationalen Frequenzkoordinierung im UKW-Bereich. Dazu muss man wissen, dass es in der Vergangenheit, also in der analogen Welt, beispielsweise keine auf grenzüberschreitende und auf Kulturräume ausgerichtete Frequenzkoordinierung gab. Obwohl Funkwellen bekanntlich an Grenzen nicht Halt machen, wird bei Frequenzkoordinierungen in Europa nach wie vor an nationalen Grenzen entlang auf gegenseitige Abschottung, nicht auf Ergänzung hingearbeitet.
Nun – in Zeiten von Streams, Podcasts und Webradios – fällt diese Hürde der Frequenzkoordinierung weg. Die digitale Medienwelt bietet insoweit also auch für Europa neue Chancen. Da liegt es doch nahe den internationalen Plattformen etwas Europäisches entgegenzusetzen. Eine Plattform, die unseren europäischen Standards von Datenschutz, Verbraucherschutz und den sonstigen Medienregulierungen entsprechen würde. Wenn Deutsche und Franzosen in der Lage sind, zusammen Großraum-Passagier-Flugzeuge zu konstruieren und zu bauen, warum sollen wir es dann nicht auch schaffen, eine gemeinsame Kommunikationsinfrastruktur zu basteln, die für unser Zusammenleben und das weitere Zusammenwachsen Europas von eminenter Bedeutung wäre?

medienpolitik.net: Wie sollte diese Plattform finanziert werden? Aus dem Rundfunkbeitrag?

Thomas Kleist: Hier geht es noch nicht um Finanzierungsfragen, sondern um Strategien für Europa in der digitalen Welt. Als in den 1980ern der Kommerzfunk auf den Weg gebracht wurde, hat man auch nicht nach den Kosten für die Infrastruktur gefragt, sondern damit begonnen Deutschland zu verkabeln und Satellitenfrequenzen anzumieten, ohne die der private Rundfunk nie eine Chance gehabt hätte.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt das Thema Europa im Programm des SR?

Thomas Kleist: Wir Saarländerinnen und Saarländer leben den europäischen Gedanken, das ist Teil unserer Geschichte, unserer Identität und unserer Kultur. Europa beginnt in der alltäglichen Nachbarschaft. Und entsprechend lebt auch der SR diesen Grundsatz: Wir bilden politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen in unserer französischen Nachbarregion Grand Est aber auch in Luxemburg und Wallonien ab.
Der journalistische Blick über die Grenzen des Saarlandes hinweg ist Teil unseres Programmverständnisses. Durch seine Berichterstattung trägt der SR dazu bei, einen großregionalen Kommunikationsraum zu schaffen. So wurden die Förderung der deutsch-französischen Zusammenarbeit, der europäischen Integration und der internationalen Verständigung sowie die Kooperation mit französischen Sendern ausdrücklich in das Saarländische Mediengesetz aufgenommen. Im SR-Rundfunkrat sitzt ein Mitglied des Interregionalen Parlamentarierrats, im Programmbeirat sind zwei Persönlichkeiten des kulturellen Lebens aus der Großregion vertreten. Wir betreiben seit 2005 sogar eine eigene DABplus-Welle „AntenneSaar“, unser zweisprachiges, deutsch-französisches Informationsradio.
Vor etwa zweieinhalb Jahren hat der Saarländische Rundfunk einen crossmedialen „Frankreich-Pool“ eingerichtet, um seine Frankreich-Kompetenz noch weiter auszubauen. In einem Netzwerk tauschen sich jetzt frankophile und frankreichaffine Reporterinnen und Reporter regelmäßig aus, erarbeiten zusammen Themen. Ein „Frankreich-Themenscout“ wertet einmal pro Woche französische Agenturen, Zeitungen und Portale aus, schlägt den Redaktionen Themen vor. So gelingt es, zahlreiche relevante Themen aus der Grenzregion für das SR-Publikum attraktiv umzusetzen.
Im SR-Programm in Hörfunk, Fernsehen und Telemedien ist die Berichterstattung über die Großregion SaarLorLux allgegenwärtig – auch über die aktuelle Nachrichtenberichterstattung hinaus. Die SR 1-Kindersendung „Domino“ bietet am Sonntagmorgen zweisprachige Nachrichten für junge Hörerinnen und Hörer aus Deutschland und Frankreich. Diese Leistung wurde übrigens vor nicht allzu langer Zeit auch mit dem Deutschen Radiopreis gewürdigt. „Kontinent – das europäische Magazin“ auf SR 2 KulturRadio greift wöchentlich vielschichtig und facettenreich Themen aus Europa auf – dabei geht es nicht nur um Politik, sondern auch um Zeitgeistiges, Trendiges und Kulturelles.
Einmal im Monat wird in der Hörfunk-Sendung „Ici et là“ auf SR 2 KulturRadio und AntenneSaar das Miteinander von Deutschen und Franzosen scharf unter die Lupe genommen. Und mit „Rendez-Vous Chanson“ (ebenfalls auf SR 2 KulturRadio) hat der SR ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Die einzige wöchentliche Sendung über französische Chansons in Deutschland. SR 3 Saarlandwelle berichtet etwa in „Land und Leute“ auch über die Menschen und ihre Geschichten jenseits der Grenze. Im SR Fernsehen bietet das Magazin „Wir im Saarland – Grenzenlos“ einen halbstündigen Überblick über grenzüberschreitende Themen bis hin in die Wallonie. Auf der Internet-Plattform des SR „Vis à vis – der Klick zum Nachbarn“ kann sich das SR-Publikum über das politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen jenseits der saarländischen Grenzen auch non-linear informieren. Und das sind nur die expliziten Spezialformate. Frankreich und Europa, das kann ich so pauschal behaupten, finden täglich in allen Bereichen unserer Berichterstattung statt.
Darüber hinaus hat der SR die Federführung innerhalb der ARD für den Radsport und damit für die Berichterstattung über die Tour de France im Ersten, in unseren dritten Fernsehprogrammen, im Hörfunk, Online und natürlich auch über die sozialen Medien. Vier Wochen Frankreich intensiv in deutschen Programmen, organisiert, erstellt und geliefert vom SR.
Aber auch außerhalb des Programms spielt der SR als Brückenbauer in der Großregion eine wichtige Rolle. Wir sind Partner französischer und Luxemburger Sender oder auch von Festivals (Les Eurockéennes in Belfort und Rock-A-Field in Luxemburg), Konzertstätten und Clubs. Wir loben jährlich mit vielen europäischen Partnern zusammen als Federführer den Deutsch-Französischen Journalistenpreis aus, einer der renommiertesten Medienpreise Europas. Wir sind Federführer der Deutsch-Französischen Hörfunkkommission, sind Mitglied bei ARTE, verantworten zusammen mit dem Saarländischen Staatstheater PRIMEURS – ein Festival für frankophone Gegenwartsdramatik und loben dazu jährlich zwei Preise aus. Wir sind Kooperationspartner von Perspectives – ein deutsch-Französisches Festival der Bühnenkunst, unser Orchester, die Deutsche Radio Philharmonie, spielt als musikalischer Botschafter des Saarlandes sehr oft auch in Frankreich, etwa im legendären Arsenal in Metz. Und schließlich stiften wir zusammen mit der ME Saar jährlich den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis für außergewöhnliche Übersetzungsleistungen aus dem und ins Französische.
Sie sehen, der SR macht Ernst mit Europa und grenzüberschreitender Berichterstattung; das macht uns im Saarland unverzichtbar und in der ARD unverwechselbar. Ich hoffe die Politik weiß das auch außerhalb des Saarlandes zu schätzen und bei der Frage nach der künftigen Ausgestaltung des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland auch zu würdigen.

Der Beitrag wurde in der promedia_Ausgabe 07/18 erstveröffentlicht.

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