Rundfunk:

„Die lokalen Sender werden noch wichtiger“

von am 18.07.2018 in Allgemein, Archiv, Hörfunk, Interviews, Journalismus, Lokalfunk, Rundfunk, Studie

<h4>Rundfunk:</h4> „Die lokalen Sender werden noch wichtiger“
Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt

Große Akzeptanz von lokalen TV-Sendern und Bürgerradios in Thüringen

18.07.18 Interview mit Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM)

Laut einer aktuellen Studie der TLM finden die lokalen privaten TV-Sender und Bürgerradios in Thüringen, die von der Landesmedienanstalt finanziell gefördert werden, eine hohe Akzeptanz.
In Thüringen kennen 720.000 Personen ab 14 Jahren mindestens einen Lokal-TV-Sender dem Namen nach. Insgesamt zählen rund 340.000 Personen ab 14 Jahren zu den potentiellen Nutzern des lokalen Fernsehens: Sie kennen „ihren“ lokalen Sender und können ihn auch empfangen. Die Bekanntheit von Lokal-TV ist damit im Vergleich zu 2013 leicht angestiegen, die Zahl der potenziellen Nutzer etwas zurückgegangen. 81 Prozent der potenziellen Nutzer haben schon einmal ein lokales TV-Programm eingeschaltet, 35 Prozent gehören zum Weitesten Seherkreis (WSK/letzten 2 Wochen), 9 Prozent zu den Sehern gestern.
Auch die Bürgerradios verfügen in Thüringen über einen hohen Bekanntheitsgrad, der z. T. deutlich über ihre Verbreitungsgebiete hinausgeht. Insgesamt kennen 640.000 Personen ab 14 Jahren mindestens einen Bürgersender zumindest dem Namen nach. Etwa 380.000 von ihnen wissen, dass sie Bürgermedien empfangen können und gehören damit zum potenziellen Nutzerkreis. Im Vergleich zur letzten Erhebung 2013 sind die Bekanntheit und die Zahl der potenziellen Nutzer von Bürgermedien stabil.

medienpolitik.net: Herr Fasco, wie wichtig sind lokale TV-Sender und Bürgerradios heute für die lokale Information?

Jochen Fasco: Die Medienwelt verändert sich, gerade auch im Lokalen. Das hat viele Gründe, u. a. auch eine erkennbare Erosion der Printmedien in der Fläche. Wenn Printmedien vor Ort sparen, dann gewinnen natürlich die anderen Anbieter von Lokaljournalismus an Bedeutung. Und da die Ausrichtung der öffentlich-rechtlichen Programme bekanntlich eine andere ist und das Internet wider Erwarten für lokale Informationen weniger Relevanz hat, werden aus meiner Sicht die lokalen Sender wichtiger. Zur Thematik „Lokale Medienvielfalt in Thüringen“ haben wir übrigens gerade eine Studie in Auftrag gegeben.

medienpolitik.net: Wie hat sich seit der letzten Analyse 2013 das Programmangebot entwickelt?

Jochen Fasco: Das Angebot im Bereich der kommerziellen lokalen Fernsehsender in Thüringen hat sich in den letzten Jahren stabilisiert. Entgegen des Bundestrends, wonach die Anzahl der lokalen Programme seit fünf Jahren kontinuierlich sinkt, konnten wir 2017 einen weiteren Fernsehsender für Gotha zulassen – „Oscar am Freitag-TV – das Lokalfernsehen für Gotha“.
Noch größer waren die Veränderungen bei den Bürgermedien in Thüringen. Aus Offenen Radiokanälen sind Bürgerradios mit Funktionsauftrag geworden. Aus dem durch die TLM getragenen Offenen Fernsehkanal in Gera, eine Anlaufstelle für viele Bürgerinnen und Bürger, die Themen ihrer Region in TV-Kabel und Internet bringen wollen, wurde das Thüringer Medienbildungszentrum der TLM in Gera, das deutlich projektbezogener arbeitet. Bei dem von der TLM getragenen Offenen Radiokanal Radio Funkwerk für Erfurt und Weimar haben wir den Sendebetrieb zugunsten von Radio LOTTE Weimar und Radio F.R.E.I. eingestellt. Außerdem gab es im Zuge der Neuaufstellungen der Bürgersender verschiedene Umbenennungen, die sich bei Reichweitenmessungen natürlich immer negativ auswirken.
Die TLM erwartet seit der Gesetzesanpassung von vor einigen Jahren nunmehr von allen lokalen Sendern einen Mindestumfang an originärem Programm und lokalen Inhalten. Je größer das Verbreitungsgebiet, desto mehr eigenes Programm und lokale Inhalte müssen die Sender liefern. Das überprüfen wir regelmäßig.

medienpolitik.net: Woran liegt es, dass obwohl die TV-Angebote auch stärker über Online genutzt werden und auch die Bekanntheit zugenommen hat, die Zahl der potenziellen Nutzer gesunken ist?

Jochen Fasco: Tatsächlich sind diese Tendenzen in der Studie erkennbar. Über die Zusammenhänge oder die Ursachen sagt die Erhebung leider nichts aus. Wir wissen, dass viele Zuschauer mit der Digitalisierung der Kabelnetze Probleme hatten, ihre Sender wieder zu finden. Nicht jeder ist technikaffin und kann mit wenigen Handgriffen die Umsortierung am heimischen Gerät verändern. Ein scheinbar profanes, aber alles andere als triviales Problem, dass gerade regionale und lokale Angebote, aber auch Sender mit weniger prominenten Programmplätzen bei zunehmender Programmfülle der Plattformen trifft. Ältere Zuschauer trifft es besonders. Und wahrscheinlich ist es auch so, dass einige Zuschauerinnen und Zuschauer den Umstieg gar nicht mitgemacht haben.

medienpolitik.net: Wird heute mehr oder weniger Lokal-TV gesehen als bei der letzten Analyse?

Jochen Fasco: Die Bekanntheit der lokalen Fernsehsender in Thüringen ist im Vergleich zu 2013 leicht angestiegen, die Zahl der potenziellen Nutzer und die Reichweite etwas zurückgegangen. Aktuell kennen 720.000 Personen ab 14 Jahren in Thüringen mindestens einen Lokal-TV-Sender dem Namen nach. 340.000 Personen ab 14 Jahren zählen zu den potenziellen Nutzern. Sie kennen „ihren“ lokalen Sender und können ihn auch empfangen. 81 Prozent der potenziellen Nutzer haben schon einmal ein lokales TV-Programm eingeschaltet, 35 Prozent gehören zum Weitesten Seherkreis (WSK/letzten 2 Wochen), 9 Prozent zu den Sehern gestern. Die durchschnittliche Sehdauer liegt am Wochenende bei rund 50, an Werktagen bei 37 Minuten. Die Akzeptanz von Lokal-TV in Thüringen ist bei den Nutzern weiterhin recht hoch. Knapp die Hälfte aller Senderbewertungen ist sehr gut oder gut.

medienpolitik.net: Wie sieht diese Nutzung im Vergleich zu Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg aus?

Jochen Fasco: Soweit aktuelle Daten vorliegen, sind die Ergebnisse für Thüringen durchaus mit denen in anderen Ländern vergleichbar. So weisen zum Beispiel lokale Sender mit kleineren Verbreitungsgebieten regelmäßig eine höhere Ausschöpfung ihrer Reichweite auf, als Programme in größeren Verbreitungsgebieten. Insgesamt gesehen hat Thüringen eine etwas geringere Kabelreichweite als die meisten anderen Bundesländer. Das wirkt sich natürlich auf die Zahl der potenziellen Nutzer aus. Ansonsten kämpfen die Sender überall mit den gleichen Herausforderungen und Problemen, wie zum Beispiel der Digitalisierung der Kabelnetze, der Verschiebung der Empfangsarten hin zum Internet, der Ausdifferenzierung der Verbreitungs- und Empfangsarten.

medienpolitik.net: Die Nutzung der Lokal-TV-Sender erfolgt überwiegend über Kabel, der Bürgerradios über UKW. Wie sicher sind diese Übertragungswege? Können die TV-Sender aus dem Kabel „geworfen“ werden?

Jochen Fasco: Für die Programmbelegung in den Kabelnetzen gibt es Regeln, die die Vielfalt und damit auch die Verbreitung lokaler Programme schützen. Die TV-Sender können daher nicht einfach aus den Kabelnetzen geworfen werden. Eine andere Frage ist die Verbreitung über bundesweite digitale Plattformen. Die Regeln der Plattformregulierung gelten ab 10.000 Haushalten. Auf dieser Basis bemühen wir uns auch hier um Lösungen.
Für die Bürgerradios ist UKW tatsächlich zurzeit unverzichtbar. Deshalb arbeiten wir daran, dass der derzeitige Verkauf von Antennen nicht zu deutlichen Preissteigerungen führt, zumal die Landesmedienanstalten die Kosten tragen. Ich hoffe, dass die Politik das Engagement der Landesmedienanstalten für lokale Vielfalt goutiert und wir über die Rundfunkgebühr ausreichende Mittel erhalten werden. Darüber hinaus gilt natürlich auch für die Bürgersender, dass sie möglichst alle Übertragungswege nutzen sollten – ganz besonders, wenn es darum geht, jüngere Hörer zu erreichen. Perspektivisch entwickeln sich hier vielleicht Alternativen zu UKW. Im Moment sind wir aus meiner Sicht davon aber noch ein gutes Stück entfernt.

medienpolitik.net: Wie werden die Bürgerradios vor allem genutzt?

Jochen Fasco: Die Bürgersender in Thüringen verfügen über einen hohen Bekanntheitsgrad, der teilweise deutlich über ihre Verbreitungsgebiete hinausgeht. Insgesamt kennen 640.000 Personen ab 14 Jahren mindestens einen Bürgersender zumindest dem Namen nach. Etwa 380.000 von ihnen wissen, dass sie Bürgermedien empfangen können und gehören damit zum potenziellen Nutzerkreis.
80 Prozent der potenziellen Nutzer haben Bürgermedien schon einmal eingeschaltet, 41 Prozent gehören zum Weitesten Hörerkreis (WHK/letzten 2 Wochen), 10 Prozent zu den Hörern gestern. Die Nutzungsdauer liegt an Werktagen bei 78, samstags bei 88 und sonntags bei 90 Minuten.
Bürgerradios werden nach wie vor überwiegend über Antenne bzw. UKW genutzt. Fast 80 Prozent der Befragten nutzen diesen Weg, um Bürgerradios zu hören, 17 Prozent hören online.

medienpolitik.net:Wie sehr sind die Thüringer mit der Qualität der Bürgerradios zufrieden?
Jochen Fasco: Mehr als die Hälfte der Senderbewertungen sind sehr gut oder gut. Die Nutzer sind mit der aktuellen Themengewichtung im Programm der Bürgermedien insgesamt zufrieden. Was die wachsende Bedeutung von nichtkommerziellen Angeboten in der Fläche widerspiegelt, ist, dass am ehesten Nachrichten aus der Region und Veranstaltungshinweise zukünftig noch häufiger gewünscht werden.

medienpolitik.net: Die TLM hat innerhalb der vergangenen fünf Jahre die Lizenzen bei den Bürgerradios verändert und sie auf einen weitgehenden 24-Stunden-Betrieb umgestellt? Hat sich das ausgezahlt?

Jochen Fasco: In Thüringen haben Bürgermedien Tradition. Bereits in den 90er Jahren wurden die ersten Lizenzen an Vereine vergeben. Nun konnten vielfach jüngere und auch ältere Nutzerinnen und Nutzer genau die Themen einer Öffentlichkeit zuführen, die sie selbst für richtig hielten. Gelebte Rundfunk- und Meinungsfreiheit, wie sie in der Zeit vor der friedlichen Revolution von Vielen ersehnt war. Eine größere Reform der Bürgermedien gab es mit der Novelle des Thüringer Landesmediengesetzes 2014. Nun galt es, für die lizenzierten Bürgerradios, die für alle Interessierten offenstehen, noch stärker als bisher lokale Themen aufzugreifen und redaktionell umzusetzen und Angebote für Medienbildung zu ermöglichen. Die ersten Bürgerradiolizenzen nach neuem Modell wurden vor 3 Jahren vergeben. Einen erweiterten Sendebetrieb auf 24 Stunden, so wie Sie es beschreiben, gab es nur für die Städte Erfurt und Weimar, die sich die Frequenz mit dem Offenen Kanal Radio Funkwerk teilten. Diese Einschränkung galt für die übrigen Bürgerradios nicht. In Erfurt und Weimar haben die beiden Bürgerradios Radio F.R.E.I. in Erfurt und Radio LOTTE Weimar die Sendezeit von Radio Funkwerk, die vormals in Erfurt und Weimar sendeten, übernommen. Für die beiden Städte kann konstatiert werden, dass es Radio F.R.E.I. und Radio LOTTE in den vergangenen drei Jahren gelungen ist, die ehemalige Radio Funkwerk-Hörerschaft an sich zu binden. Der Weiteste Hörerkreis (WHK) in 2013 für beide Städte kumuliert lag bei 62.000 Hörern über 14 Jahren, in 2018 sind es 61.500. Das dies geschafft wurde, ist sehr erfreulich. Außerdem ist es den Bürgerradios in Saalfeld und Jena gelungen, ihre Hörerschaft auszubauen, teilweise sogar deutlich. Das Wartburg-Radio 96,5 in Eisenach hat eine konsolidierte Nutzungssituation und einzig in Nordhausen hat sich die Hörerschaft verringert. Grund hierfür scheint der kürzlich vollzogene Namenswechsel von OK Nordhausen zu Radio ENNO zu sein.

medienpolitik.net: Die Nutzer der Bürgerradios wünschen sich mehr Nachrichten aus der Region und mehr Veranstaltungshinweise zukünftig. Sehen Sie hier den Spielraum, dass die Bürgerradios dem entsprechen können?

Jochen Fasco: Die Lizenzauflagen für die Bürgerradios hinsichtlich der lokalen Informationen hat die TLM ambitioniert angesetzt. Derzeit sind die Radios verpflichtet, täglich 84 Minuten lokale Informationen zu senden. Wir wissen, dass dies für einen von Ehrenamt geprägten Radiosender nicht einfach ist. Die letzte Programmanalyse von Radio F.R.E.I. zeigt beispielsweise, dass diese Auflage für die Bürgerradios eine nicht unerhebliche Herausforderung darstellt. Entsprechend haben die Sender in den letzten Monaten ein Redaktionsmanagementverfahren erarbeitet, mit welchen sie diesen Anforderungen gerecht werden wollen. Aktuell befinden sich die TLM und die Sender im intensiven Austausch hierzu. Die aktuell vorgelegte Reichweitenanalyse zeigt nun, dass sich diese Anstrengungen im Einklang mit den Erwartungshaltungen der Hörer bewegt.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie für die Beauftragung und Förderung der Bürgerradios und lokalen TV-Sender?

Jochen Fasco: Im Kreis der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten koordiniere ich in Zusammenarbeit mit einer Reihe weiterer Kollegen den Fachausschuss „Medienkompetenz, Nutzer- und Jugendschutz, Lokale Vielfalt“, in dem sich gerade die Themen Bürgermedien und Lokal-TV finden. Für die lokalen TV-Veranstalter stellen sowohl der Umbau der Kabelnetze, als auch die zunehmende Anzahl an Ausspielwegen eine Herausforderung dar. Denn damit verbunden sind höhere Kosten und eine schlechtere Auffindbarkeit innerhalb des permanent wachsenden Programmangebotes. Die TLM fördert daher besonders Projekte zur Reichweitensteigerung, zur Beförderung des Digitalisierungsprozesses und zur Entwicklung der technischen Infrastruktur. Mit dem Ziel, die lokale Medien- und Meinungsvielfalt zu erhalten und zu stützen, setzen wir uns darüber hinaus für weitere Fördermöglichkeiten ein. Im Rahmen des Gutachtens, das ich oben schon erwähnt habe, sollen dafür verschiedene Ansätze geprüft und Modelle entwickelt werden.
Bei den Bürgerradios liefert uns die Reichweitenstudie nach der Umstellung des Thüringer Modells erste Anhaltspunkte dafür, wie die neue Ausrichtung angenommen wird. Ich bin mir sicher, dass nach abgeschlossener Umstellung und einsetzender Konsolidierung die Ergebnisse der nächsten Analyse voraussichtlich 2022 noch besser ausfallen werden. Bis dahin gilt es, dass Augenmerk auf drei Entwicklungslinien zu legen. Von besonderer Bedeutung ist einerseits die bereits angesprochene Sicherung einer auskömmlichen Finanzierung. Andererseits braucht es die Sicherung einer adäquaten Empfangssituation der Sender, ich möchte nur die Stichworte UKW, DAB+ und IP nennen. Und drittens geht es darum, in einer sich verändernden Gesellschaft für die Bürgersender ausreichend ehrenamtliches Engagement zu sichern, damit sie sich weiter als Medien der Zivilgesellschaft profilieren. Nicht nur die Medienwelt, auch die Gesellschaft insgesamt ist in einem Veränderungsprozess, so dass Landesmedienanstalten sicherlich weiterhin vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen wichtiger Akteur in der Sicherung und dem Ausbau der Medienvielfalt vor Ort sein werden.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/18 erstveröffentlicht.

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