Rundfunk:

„Die Marken des ARD-Verbunds werden klar transportiert“

von am 09.08.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Die Marken des ARD-Verbunds werden klar transportiert“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

Neue ARD-Mediathek mit Programmempfehlungen soll auf der IFA im September präsentiert werden

09.08.18 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Das Erste

Vor zehn Jahren wurde auf der IFA in Berlin die erste ARD-Mediathek gestartet. Innerhalb eines Jahrzehnts haben sich die Zugriffe versiebenfacht. Nun soll – wieder auf der IFA – eine modernere Version präsentiert werden. Die neue Mediathek soll alle Kanäle der ARD abbilden und auf die jeweilige Plattform optimiert sein. In einer zweiten Stufe wird die neue ARD-Mediathek einen Login erhalten und auf redaktionell kuratierte wie auch auf automatisierte Empfehlungen – über Algorithmen – verfügen. Wie Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, gegenüber medienpolitik.net betonte, „werden keinerlei Daten mit Personenbezug ausgewertet oder gar weitergegeben. Jeder Zugriff auf unsere Webseiten und Applikationen, ebenso wie jeder Abruf von Videos, wird ausschließlich für interne statistische Zwecke sowie zur Datensicherung protokolliert.“ Künftig sollen noch mehr Eventserien und Dokumentationen vorab in die Mediathek gestellt werden.

medienpolitik.net: Herr Herres, vor zehn Jahren wurde die ARD Mediathek/die Das Erste Mediathek gestartet. Wie hat sich die Nutzung seitdem verändert?

Volker Herres: Die Nutzung ist natürlich gestiegen, neben der Verfügbarkeit von Breitbandnetzen für Festnetz- und Mobilverbindungen hat sicherlich auch die Entwicklung von ganz neuen Geräteklassen wie Tablets und Smartphones dazu beigetragen. Die Zugriffe haben sich innerhalb eines Jahrzehnts etwa versiebenfacht.

medienpolitik.net: Sie hatten vor zwei Jahren eine neue ARD-Mediathek angekündigt. Wann wird Sie kommen?

Volker Herres: Eine Beta-Version der neuen ARD Mediathek inkl. des Premium Kanals des Ersten wird zur IFA 2018 präsentiert. Mit einer Veröffentlichung wird im Spätherbst/Winter gerechnet.

medienpolitik.net: Nach welchen Grundsätzen soll diese Mediathek aufgebaut sein?

Volker Herres: Die neue Mediathek wird alle Kanäle der ARD abbilden und auf die jeweilige Plattform optimiert sein. So werden zum Beispiel die Apps für Google- und Apple-Geräte ein UI/UX erhalten, welches dem Nutzer von anderen Anwendungen vertraut ist, das aber trotzdem die Marken des ARD-Verbunds klar transportiert. Zudem werden alle Inhalte in einer HD-Auflösung zur Verfügung stehen.

medienpolitik.net: Sie sollte auch personalisiert sein und Empfehlungen geben. Wird es dazu kommen?

Volker Herres: Ja, in der zweiten Stufe wird die neue ARD-Mediathek einen Login erhalten und auf redaktionell kuratierte wie auch auf automatisierte Empfehlungen (über Algorithmen) verfügen.

medienpolitik.net: Werden Sie als Programmdirektor dann soviel über Ihre Nutzer wissen, wie der Netflix-Chef?

Volker Herres: Es werden keinerlei Daten mit Personenbezug ausgewertet oder gar weitergegeben. Jeder Zugriff auf unsere Webseiten und Applikationen, ebenso wie jeder Abruf von Videos, wird ausschließlich für interne statistische Zwecke sowie zur Datensicherung protokolliert. Die Speicherung der Zugriffe gewährleistet die Stabilität und Betriebssicherheit der Systeme. Unsere Programmempfehlungen finden über Clusterbildung bestimmter Nutzungsszenarien statt. Wir berücksichtigen hier also die Präferenzen verschiedener Nutzer, aber auch die Nutzungssituationen (z.B. mobil oder am Smart TV). Wichtig bleibt dabei auch immer eine Mischung aus redaktioneller Empfehlung und Algorithmen, um Filterblasen zu vermeiden.

medienpolitik.net: Unter welcher Marke wird sich das ARD-Angebot künftig Online präsentieren?

Volker Herres: Das komplette Video-Angebot der ARD präsentiert sich unter dem Namen ARD-Mediathek und dort an prominenter Stelle Das Erste als Premium-Marke. DasErste.de bleibt erhalten: Für Programmbegleitung und als Anlaufpunkt für alle, die sich weiter über Sendungen und Beiträge informieren wollen. Hinzu kommen Tagesschau.de als Nachrichten- und Sportschau.de als Sportplattform. Und es gibt die ARD-Audiothek für ausgewählte Audiobeiträge.

medienpolitik.net: Ab nächstes Jahr können Beiträge länger in die Mediatheken eingestellt werden. Welche Auswirkungen wird das auf die Reichweite des Ersten haben?

Volker Herres: Schon heute sind viele relevante Inhalte des Ersten in Übereinstimmung mit den genehmigten Telemedienkonzepten länger als sieben Tage von unseren Plattformen abrufbar. Daher wird sich durch diese Entscheidung zwar der Service für die Zuschauer verbessern, großen Einfluss auf die lineare Reichweite des Ersten erwarten wir daraus aber nicht.

medienpolitik.net: Viele nutzen die Angebote zunehmend mobil. Fließen diese Zahlen in die täglichen Quoten mit ein?

Volker Herres: Derzeit gehen die Abrufe, die über unsere Apps vorgenommen werden, noch nicht in die Reichweitenmessung ein. Der Fahrplan der AGF, die die nationale Reichweitenmessung der TV-Sender organisiert, sieht aber vor, dies in absehbarer Zeit zu tun.

medienpolitik.net: Wie glaubhaft, bzw. realistisch sind die Quoten, bei denen die Mediathekenabrufe nicht mitberücksichtigt werden?

Volker Herres: In der Tat: Zuschauerzahlen, die das Publikum ignorieren, das sich Sendungen über die Mediatheken ansieht, erscheinen heute anachronistisch. Aber so blind, wie wir scheinen, sind wir auf diesem Auge gar nicht: Die Messung der AGF ist für die Abrufe von Desktop-Rechnern und über Laptops schon realisiert. Noch gibt es aber einen relativ großen zeitlichen Verzug, bis die Daten zur Verfügung stehen – auch hier wird aber intensiv an der Beschleunigung der Prozesse gearbeitet. Allerdings ist für die große Mehrzahl der Angebote immer noch die klassische lineare Fernsehnutzung bestimmend. Auch wenn hier und da der Eindruck vermittelt wird, dass kaum noch jemand traditionell fernsieht, der Realität hält diese Ansicht nicht stand.
So haben beispielsweise den WDR-Tatort: Bausünden“ im Januar dieses Jahres insgesamt 11,65 Millionen Zuschauer gesehen. 11,50 Millionen davon gingen auf das Konto der linearen Ausstrahlung, die Nutzung von Abrufen lag also im Bereich von einem Prozent.

medienpolitik.net: Ist die fehlende Online-Messung ein Problem für Sie?

Volker Herres: Die Programmplanung berücksichtigt schon heute Verweildauern oder Services wie Online-First. Zudem gibt es beim Ersten ein Crossmediaboard, welches sich um die Vernetzung linear, non-linear und auch socialmedia kümmert.

medienpolitik.net: Wäre es nicht auch angesichts der politischen Debatte um die Relevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erforderlich, Zuschauerzahlen auszuweisen, die auf einer gesamten Nutzung basieren?

Volker Herres: Es ist aus den verschiedensten Gründen wünschenswert, Zahlen zu erheben, die alle Nutzungen über alle Verbreitungswege integrieren. Diesen Wunsch zu erfüllen, ist jedoch nicht so einfach (siehe 7). Am Wichtigsten dabei ist: Es muss ein Wert sein, der für alle Marktteilnehmer in gleicher Weise gilt, Vergleichbarkeit ist hier unerlässlich.

medienpolitik.net: Warum ist es so schwierig, eine konvergente TV-Währung auszuweisen?

Volker Herres: Es liegt nahe, die Messung von digitalen Plattformen für einfach zu halten – Daten fallen ja immer an. Aber diese Daten gelten zunächst nur für technische Geräte. Die große Herausforderung ist es, sie auf den von der klassischen TV-Messung gewohnten Personenbezug zu bringen, also die (in diesem Zusammenhang wirklich nur scheinbar) einfache Frage zu beantworten: Wie viele Menschen haben diesen Film gesehen, wie viele davon waren Frauen, wie viele davon waren Kinder usw.
Und dann führt auch die technische Entwicklung, die jedes Jahr neue Plattformen und andere Innovationen hervorbringt, zur Weiterentwicklung der Messkonzepte, die aber naturgemäß der (Nutzungs-)Realität immer hinterherlaufen.

medienpolitik.net: Werden Sie Ihre Programmstrategie verändern und weniger wiederholen, da man ja – abgesehen von amerikanischen Spielfilmen und Serien – alles in der Mediathek längere Zeit sehen kann?

Volker Herres: Nein, schließlich ist nicht jedes Programm länger in der Mediathek zu sehen, das hängt jeweils von den mit den Produzenten verhandelten Rechten ab. Abgesehen davon, verstehen wir die Mediathek als Zusatzangebot zum linearen Fernsehen.

medienpolitik.net: Künftig sollen auch europäische fiktionale Produktionen in der Mediathek zu sehen sein. Wie hoch ist eigentlich der Anteil nicht deutscher oder europäischer Produktionen am Programm des Ersten?

Volker Herres: Der Anteil nichtdeutscher (fiktionaler) Produktionen am Filmangebot des Ersten beträgt 21%, bei nichteuropäischen Produktionen liegt der Anteil bei 9%.

medienpolitik.net: Die Filmwirtschaft hat gegen die neue Mediathekenregelung protestiert, da die Produktionen dafür nicht entsprechend vergütet würden. Aber wird nicht bei den meisten Verträgen die Mediathekennutzung bereits mitverhandelt?

Volker Herres: Das muss mit den Produzenten verhandelt werden, wie es ja auch jetzt schon teilweise der Fall ist. Und wenn dies geschieht, gibt es aus meiner Sicht auch kein Problem.

medienpolitik.net: Inzwischen werden Programme noch vor der TV-Ausstrahlung in die Mediathek gestellt. Wie sieht hier Ihre Strategie aus?

Volker Herres: Eventserien, aber auch viele Dokumentationen stellen wir, vorausgesetzt die Rechte erlauben dies, vorab in unsere Mediathek, um größte Aufmerksamkeit für diese Programme zu erzielen. Bei der Fiktion hoffen wir, dass die Serie schon vor der Ausstrahlung in sozialen Netzwerken, bei Meinungsbildnern ein Thema wird und damit noch mehr Publikum zur TV-Premiere versammelt. Bei Dokumentationen wollen wir mit der Verfügbarkeit im Netz dem Publikum zeitunabhängiges Sehen von relevanten Themen ermöglichen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 08/18 erstveröffentlicht.

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