Infrastruktur:

„Die Zeichen stehen auf Wachstum“

von am 05.09.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Infrastruktur, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Technik

<h4>Infrastruktur:</h4> „Die Zeichen stehen auf Wachstum“
Klaus Baumhauer, Leiter Vertrieb (B2B) Media Broadcast

DVB-T2: Zahl der Standorte mit privaten Programmen verdoppelt sich gegenüber DVB-T

05.09.18 Interview mit Klaus Baumhauer, Leiter Vertrieb (B2B) Media Broadcast

Die Umstellung des terrestrischen Antennenfernsehens auf den Standard DVB-T2 geht in die Endphase. 2019, drei Jahre nach dem Start, soll das Sendernetz HD-tauglich sein. Insgesamt werden dann 63 Standorte mit privaten Programmen via freenet TV on air sein. Die technische Reichweite wächst damit auf fast 63 Millionen Einwohner. Dies entspricht dem Potenzial von 78 Prozent der Bevölkerung. Bei den bei den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen werden es – bezogen auf die ARD – bis Sommer 2019 fast 150 Standorte sein. Hier liegt der Versorgungsgrad bei über 97 Prozent der Einwohner. Für freenet TV rechnet Media Broadcast mit rund 1,2 Mio. Kunden bis Ende 2018. Wie Klaus Baumhauer, Leiter Vertrieb von Media Broadcast, in einem medienpolitik.net-Interview betont, sei die digitale Terrestrik für den größten deutschen Dienstleister für Bild- und Tonübertragungen das künftige Wachstumsfeld. Insofern sei der Betrieb der Infrastruktur gesichert, so wie er es über Jahrzehnte zuvor auch bei UKW gewesen sei.

medienpolitik.net: Herr Baumhauer, im Mai 2016 ist in einigen Ballungsgebieten DVB-T2 HD gestartet. Wie ist heute, nach über zwei Jahren, der Verbreitungsstand?

Klaus Baumhauer: Der Ausbau des Sendernetzes für freenet TV läuft planmäßig. Aktuell sind bereits 56 Senderstandorte on air, um unser Angebot mit attraktiven TV-Programmen der Privatsender zu verbreiten. Zuletzt wurde am 20. August der Standort Bielefeld eingeschaltet, wobei ein spektakulärer Hubschrauberflug Teile der Technik auf den Sendemast brachte (vgl. Bild). Damit können Stand heute etwa 60 Millionen Einwohner (74 Prozent) freenet TV zuhause per Dachantenne empfangen. Für ARD und ZDF sind derzeit etwa 100 Sendestandorte on air.

medienpolitik.net: Bis 2019 soll die Umstellung abgeschlossen sein. Wie groß ist dann der Anteil der Haushalte oder die Fläche in Deutschland, wo technisch DVB-T2 HD empfangen werden kann?

Klaus Baumhauer: Im Herbst 2018 kommen mit Gera, Chemnitz, Kaiserslautern, Trier, Ulm und Heilbronn nochmals sechs weitere freenet TV-Regionen hinzu. Insgesamt werden dann 63 Standorte mit privaten Programmen via freenet TV on air sein. Die technische Reichweite wächst damit auf fast 63 Millionen Einwohner, die freenet TV per Dachantenne empfangen können. Dies entspricht dem enormen Potenzial von 78 Prozent der Bevölkerung. Bei den Sendern zur Verbreitung der öffentlich-rechtlichen TV-Programme werden es – bezogen auf die ARD – bis Sommer 2019 fast 150 Standorte sein. Hier liegt der Versorgungsgrad per Dachantenne dann bei über 97 Prozent der Einwohner.

medienpolitik.net: Wird der Empfängerradios/Verbreitung größer sein als bei DVB-T?

Klaus Baumhauer: Die Zahl der Standorte mit privaten Programmen hat sich gegenüber DVB-T mehr als verdoppelt. Es sind viele Regionen hinzugekommen in denen erstmals die Privaten per terrestrischer Antenne zu empfangen sind. Dies war eines der zentralen Ziele beim Schwenk auf DVB-T2 HD. Reichweite in Kombination mit deutlich besserer Bildqualität sowie einem Plus beim Programmangebot sind zentrale Faktoren, die den Erfolg von freenet TV ausmachen. Bei den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern bleibt die Verbreitung mit DVB-T2 HD ungefähr gleich gut wie zuvor.

medienpolitik.net: 2016 haben ca. 16 Prozent der deutschen Haushalte einen DVB-T2 HD Receiver genutzt. Mit welcher Nutzung von DVB-T2 HD rechnen Sie ab 2019?

Klaus Baumhauer: Klare Aussage – die Zeichen stehen auf Wachstum. Zu den Gründen hierfür gehört u.a. ein Trend, den wir bereits aus DVB-T Zeiten kennen: Die Popularität privater TV-Programme wirkt mit als Zugpferd zur Verbreitung des Antennenfernsehens, was auch den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern nutzt. Insofern sehen wir mit der Verbesserung der Reichweite von freenet TV sowie dem Sendernetzausbau insgesamt eine Zunahme bei der Zahl an DVB-T2 HD-Empfängern. Dabei ist das Nutzungsverhalten nahezu unverändert: In den großen Städten und Ballungsräumen setzen Nutzer vermehrt auf das Antennenfernsehen, wohingegen in ländlichen Gebieten nicht zuletzt aufgrund der mangelnden geographischen Abdeckung das Interesse geringer ist. Durch den Start von freenet TV via Sat im April 2018 werden wir dies jedoch kompensieren können. Hinzu kommt die hohe Kundenzufriedenheit sowie die nachweislich hohe Markenbekanntheit von freenet TV. Für freenet TV rechnen wir daher mit rund 1,2 Kunden Ende 2018. Für Prognosen zur Zahl an DVB-T2 HD Empfängern in 2019 insgesamt ist es indes derzeit noch zu früh.

medienpolitik.net: Die DVB-T2-Nutzer müssen in neue Gerätetechnik investieren. Das schreckt doch sicher ab?

Klaus Baumhauer: Wir sind absolut zufrieden mit der Konversionsrate von T zu T2, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Nutzer in neue Receiver bzw. ein technisches Entgelt zum Empfang von freenet TV investieren müssen. Es zeigt sich, dass das gestiegene Programmangebot sowie die deutlich optimierte Bildqualität bei vergrößerter Reichweite den Umstieg mit forciert haben und attraktiv für die Kunden sind. Zudem sind die Preise für Receiver in den vergangenen 12 Monaten nochmals gesunken, was den Kauf der Empfänger weiter unterstützt.

medienpolitik.net: Sie hatten kürzlich über einen spektakulären Antennenwechsel in Bielefeld berichtet. Mit welchem technischen und finanziellen Aufwand ist die Umstellung verbunden?

Klaus Baumhauer: Der Antennenwechsel in Bielefeld wurde notwendig, da die vorhandene Anlage nicht geeignet war, sowohl die freenet TV-Programme als auch die Programme von ARD und ZDF gemeinsam auszusenden. Aufgrund der Lage des Sendeturmes war der Antennenwechsel nur durch den Einsatz eines Helikopters möglich. Das Zusammenspiel zwischen Media Broadcast und den beteiligten Unternehmen verlief reibungslos und erfolgreich. Bielefeld und das Umland dort gehören somit seit dem 20. August zu den weiteren Regionen, in denen freenet TV via Antenne zu empfangen ist, insgesamt leben dort etwa 1,3 Millionen Menschen.
Ein Austausch der kompletten Antennenanlage für DVB-T2 HD wie in Bielefeld war bisher jedoch nur selten erforderlich. An den allermeisten Senderstandorten konnten die bestehenden Antennen verwendet werden. Wir bitten um Verständnis, dass wir zur Höhe der Kosten keine Angaben machen.

medienpolitik.net: Wer finanziert diese Umrüstung?

Klaus Baumhauer: Media Broadcast investiert vorab in den Umbau. Die Kosten werden im Laufe der der Zeit über die Nutzer refinanziert. Dies ist das gängige Procedere beim Ausbau neuer Sendernetzinfrastrukturen.

medienpolitik.net: Über DVB-T2 können mittels Freenet private Programme auch in HD empfangen werden. Wie ist das Interesse der Kunden, dafür zu bezahlen? Wie groß ist heute die Nutzung von Freenet?

Klaus Baumhauer: Ende Juni 2018 hatten wir 1,14 Millionen zahlende Kunden. Zum Ende des Jahres rechnen wir wie bereits erwähnt mit 1,2 Millionen Nutzern. Das bestätigt unsere Strategie zum Aufbau der Plattform eindrucksvoll und zeigt nicht zuletzt, dass die TV-Zuschauer durchaus bereit sind, für ein attraktives Angebot sowie eine brillante Bildqualität einen angemessenen Preis zu entrichten.

medienpolitik.net: Immer mehr Menschen nutzen die TV-Angebote neben Kabel und Satellit über das Internet. Ist angesichts dieser Entwicklung die Investition in DVB-T2 sinnvoll?

Klaus Baumhauer: Die Terrestrik ist für öffentlich-rechtliche und private Programmveranstalter gleichermaßen ein wichtiger Teil ihres Distributionsmix, um ihre Zuschauer in unterschiedlichen Wohn- und Lebenssituationen bestmöglich zu erreichen. Das Antennenfernsehen bietet im Vergleich der Übertragungswege eine Reihe von Vorteilen für den Nutzer. Hierzu gehören der einfache Empfang, auch auf Zweit- und Dritt-Geräten, sowie die mobile oder portable Nutzung. Einfach eine Antenne an das Empfangsgerät anschließen, und das brillante HD-Bild steht bereit. Vor allem aber werden im Vergleich zum TV-Empfang via DSL oder LTE keine Datenvolumina respektive Bandbreiten verbraucht, und die Zahl der Zuschauer ist ohne Qualitätseinbußen beliebig groß. Zudem sind die HD-Programme der OTT-Anbieter in der Regel deutlich teurer als die monatlichen 5,75 € für freenet TV. Gleichwohl nutzen auch wir das Internet, um unser kostenfreies Angebot freenet TV connect zu verbreiten. Der Service ergänzt die TV-Plattform um Apps, einen Programmguide oder weitere TV-Sender, die über das Web ausgespielt werden.

medienpolitik.net: Welche Leistungen bietet Freenet seinen Abonnenten noch neben dem Privat-TV?

Klaus Baumhauer: freenet TV ist seit März 2018 auch via Satellit bundesweit zu empfangen. Die Kunden können also ihren jeweiligen Empfangsweg flexibel wählen, was uns von anderen Plattformen unterscheidet. Wer ein CI+ Modul nutzt, kann zwischen den Verbreitungswegen wählen, und freenet TV somit zuhause auf dem Flachbildschirm via Sat oder unterwegs in der Ferienwohnung per Antenne nutzen. Zusätzlich zu den TV-Programmen in bester HD-Qualität bietet wie erwähnt unser HbbTV-Dienst freenet TV connect weitere Programme, Mediatheken und Apps. Mehr Fernsehen braucht der Zuschauer eigentlich nicht. Und es ist komfortabel in der Nutzung. Über die neu gestartete freenet TV App hat der Nutzer alle Daten zur Hand. Und wer Bankeinzug wählt kann freenet TV monatlich nutzen bzw. ohne lange Vertragslaufzeiten einfach pausieren. Das sind Gründe, die deutlich für uns und gegen vergleichbare Angebote sprechen.

medienpolitik.net: Wie stabil und sicher ist der Empfang des Fernsehens über Antenne? Mancher erinnert sich noch an die drohende Abschaltung von UKW…

Klaus Baumhauer: Media Broadcast hatte sich infolge einer Neubewertung seiner Strategie dazu entschlossen, die UKW-Infrastruktur zu veräußern und dies auch frühzeitig kommuniziert. Hierzu wurde ein geordneter Übergang vorgesehen, der nicht zuletzt von der Politik gutgeheißen wurde. Leider haben sich nicht alle Beteiligten seriös und verantwortungsbewusst verhalten, sich nicht an die Spielregeln gehalten und Zusagen nicht immer eingehalten, was zu den bekannten Zuspitzungen führte. Letztlich ist eine Einigung erfolgt.
Bezüglich der digitalen Terrestrik hat Media Broadcast klar gesagt, dass dies unsere künftigen Wachstumsfelder sein werden. Insofern ist der Betrieb der Infrastruktur gesichert, so wie er es über Jahrzehnte zuvor auch gewesen ist. Dies gilt für DVB-T2 HD, aber auch für DAB+ und die vielfältigen Netzwerkinfrastrukturen, die wir betreiben.

medienpolitik.net: Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich bei der Umstellung auf DVB-T2 HD da?

Klaus Baumhauer: Mit der technischen Kombination aus dem DVB-T2-Standard und dem führenden HEVC-Komprimierungsverfahren sind wir weltweit Vorreiter und betreiben eines der modernsten Sendernetze der Welt. Der Umstieg verlief reibungslos und war ein eindrucksvoller Beleg für die enge und reibungslose Zusammenarbeit alle Marktpartner. Die Bildqualität und das gestiegene Programmangebot werden von allen Nutzern als wichtiges Kaufargument genannt. Ergo: Der Umstieg erfolgte zum richtigen Zeitpunkt, die Terrestrik in Deutschland ist fit für die Zukunft.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/18 erstveröffentlicht.

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