Medienrecht/Netzpolitik:

„Wir leiden unter massiven Marktverzerrungen“

von am 03.09.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienpolitik, Medienrecht, Medienregulierung, Medienwirtschaft, Musikwirtschaft, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Urheberrecht

<h4>Medienrecht/Netzpolitik:</h4> „Wir leiden unter massiven Marktverzerrungen“
Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie

Musikwirtschaft fordert dringend rechtliche Klarheit für den digitalen Lizenzhandel

03.09.18 Interview mit Dr. Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI)

Im ersten Halbjahr 2018 hat Audio-Streaming (+35,2%) die CD überholt und ist mit 47,8 Prozent Marktanteil nun – wie bereits in anderen Märkten – größtes Umsatzsegment. Dazu der Vorstandsvorsitzende des BVMI, Dr. Florian Drücke: „Audio-Streaming steht inzwischen für fast die Hälfte der Umsätze und löst damit die CD als größtes Umsatzsegment ab. Das verändert die Konstellation des Musikmarktes deutlich zugunsten des Online-Geschäfts. Damit nimmt die Dringlichkeit zu, rechtliche Klarheit für den digitalen Lizenzhandel zu erhalten; das Lizenzgeschäft ist das Lebenselixier der Kultur- und Kreativwirtschaft, im digitalen Zeitalter in besonderem Maß. Vor allem gilt es, User Uploaded Content-Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Es muss endlich geregelt werden, dass sie am Markt Lizenzen erwerben müssen. Am 12. September hat das EU-Parlament die große Chance, hier die richtigen Weichen zu stellen und die Regeln der Plattform-Ökonomie, die sich in den vergangenen 20 Jahren etabliert haben, in der erforderlichen Weise zu aktualisieren.“

medienpolitik.net: Herr Drücke, Im ersten Halbjahr 2018 hat Audio-Streaming die CD überholt und ist mit 47,8 Prozent Marktanteil nun größtes Umsatzsegment. In diesem Zusammenhang sprachen Sie von einer „Zeitenwende“. Was bedeutet diese Zeitenwende für die Musikindustrie?

Dr. Florian Drücke: Nun, so gesehen ist tatsächlich eine Ära zu Ende gegangen, was ja für viele auch ein etwas emotionaler Moment ist: Die CD hat den deutschen Musikmarkt seit Ende der 1980er Jahre bestimmt, vor 5 Jahren, 2013, lag sie noch bei einem Marktanteil von rund 70 Prozent, inzwischen sind es 34 Prozent. Der Umsatzanteil des Audio-Streamings ist im selben Zeitraum von 4,7 auf jetzt 47,8 Prozent gewachsen, eine Verzehnfachung. Die deutsche Bevölkerung, die gegenüber der digitalen Welt zurückhaltender war als man es in vielen anderen Ländern beobachten konnte, verhält sich nun dem globalen Trend entsprechend. Die Zeitenwende war insofern absehbar. Dabei sollte man aber immer beachten: Die CD hat in Deutschland noch immer sehr viele Fans! Die zunehmende Verlagerung der Musikverkäufe ins Netz unterstreicht die Dringlichkeit, Refinanzierungsmöglichkeiten im digitalen Geschäft über einen belastbaren Rechtsrahmen für den digitalen Lizenzhandel sicherzustellen. Hier ist und bleibt die Politik gefragt, vor allem, endlich den Value Gap zu schließen.

medienpolitik.net: Das Verhältnis von physischem und digitalem Geschäft hat sich dadurch in der ersten Hälfte 2018 im Vergleich zum vorigen Jahr nun umgekehrt. Trotz des Zuwachses beim digitalen Geschäft sind gegenüber dem Vorjahreszeitraum die Einnahmen aus dem Musikverkauf um zwei Prozent gesunken. Woran liegt das?

Dr. Florian Drücke: Am bisherigen, im internationalen Vergleich überdurchschnittlich großen Gewischt des physischen Geschäfts in Deutschland. Deutliche Rückgänge in diesem Bereich schlagen entsprechend heftiger zu Buche. So lag der Gesamtmarkt im ersten Halbjahr schließlich zwei Prozent unter dem des Vorjahreszeitraums – trotz der weiterhin großen Dynamik beim Audio-Streaming, das um mehr als 35 Prozent zugelegt hat.

medienpolitik.net: Wer profitiert vor allem von dem gewachsenen Digitalgeschäft – neben der Musikindustrie?

Dr. Florian Drücke: Zum einen natürlich der Fan, denn der große Zuwachs im digitalen Bereich macht ja deutlich, dass der Zugang zu Musik immer und überall von den Nutzerinnen und Nutzern unbedingt gewollt und genutzt wird. Letztlich aber natürlich alle, die an der digitalen Wertschöpfung beteiligt sind. Das schließt auch die Plattformen ein. Und hier sind es neben den Audio-Streaming-Diensten vor allem die sogenannten User Uploaded Content-Plattformen, kurz: UUC-Plattformen, die bekannteste von ihnen ist sicherlich YouTube. In Deutschland findet die Hälfte der On-Demand-Musiknutzung über YouTube, also Video-Streaming, statt. Unsere Zahlen zeigen, dass die Umsätze der Branche in diesem Bereich zwar gestiegen sind, aber ausgehend von einem extrem niedrigen Niveau. Konkret: Audio-Streaming-Dienste wie Spotify, Deezer, Apple oder Amazon tragen inzwischen besagte 47,8 Prozent zum Brancheneinkommen bei, die Video-Plattformen liegen nach einem Umsatzplus von 27,2 Prozent jetzt bei 2,2 Prozent Marktanteil. Da haben wir nach wie vor ein erhebliches Ungleichgewicht.

medienpolitik.net: Sie fordern deshalb dringend „rechtliche Klarheit für den digitalen Lizenzhandel zu schaffen. Was muss sich rechtlich auf EU-Ebene und in Deutschland ändern?

Dr. Florian Drücke: Es muss vor allem geregelt werden, dass auch UUC-Plattformen Lizenzen für die Musik zahlen müssen, die die Nutzer dort hochladen. YouTube kuratiert diese Inhalte seit vielen Jahren, versieht sie mit Werbung und partizipiert massiv an der Wertschöpfung durch Inhalte Dritter. YouTube ist de facto größter On-Demand-Musikdienst der Welt: 85 Prozent der 1,3 Milliarde Nutzer rufen die Seite monatlich auf, um Musik zu hören. Trotzdem zahlt das Unternehmen den Rechteinhabern zurzeit nur einen Obolus, derzeit knapp 1 Dollar pro Nutzer und Jahr. Bei Spotify (derzeit rund 160 Mio. Nutzer, davon 70 Mio. zahlende), sind es 20 Dollar. Um es noch einmal klar zu sagen: Unsere Branche fordert nicht die gleiche Lizenzhöhe wie für explizite Audio-Streaming-Dienste wie Spotify, Apple, Amazon oder Deezer. Aber es müssen reguläre und am Markt verhandelte Lizenzen sein. Alles andere ist grotesk und führt zu massiven Marktverzerrungen.

medienpolitik.net: Wie ist bei den Plattformen gegenwärtig die Position in den Ausschüssen und dem EU-Parlament?

Dr. Florian Drücke: Grundsätzlich kann man sagen: Die digitalen Plattformen stemmen sich gegen solche Klarstellungen bei rechtlichen Rahmenbedingungen.

medienpolitik.net: Warum gibt es so großen Widerstand dagegen, die Regeln der Plattformökonomie fairer zu gestalten?

Dr. Florian Drücke: Der Seite der Gegner des Reformvorschlags ist es beispielsweise gelungen, die sogenannten Content Recognition Systeme, die Software, die hochgeladene Inhalte und Rechteinhaber einander zuordnen soll, unter dem Begriff „Uploadfilter“ zu einer Gefahr für die Meinungsfreiheit zu hochzustilisieren. Das hat in Teilen der Öffentlichkeit und auch offenbar bei einigen Politikern verfangen, ebenso wie bei vielen Medien, die den Begriff übernommen haben. Es gibt zum Glück mittlerweile einige kritische Berichte dazu, die zeigen, mit welch fragwürdigen Methoden gearbeitet wurde. So haben sich mehrere Medien, u.a. die Times, mit einer auch von Google mitfinanzierten Website beschäftigt, die im Vorfeld der Abstimmung für die automatisierte, massenhafte E-Mail-Beschickung von EU-Parlamentariern verantwortlich war,

medienpolitik.net: Nach Auffassung des ECO ist der Kommissionsvorschlag zur Plattformregulierung im Geschäftsverkehr „ein Eingriff in die Vertragsfreiheit und betrifft unmittelbar das Geschäftsmodell der Unternehmen. Die Auflagen für die Darlegung von Rankings für Plattformbetreiber und Suchmaschinenanbieter können zudem einen Eingriff in Geschäftsgeheimmisse mit sich bringen“. Ist diese Position für Sie nachvollziehbar?

Dr. Florian Drücke: Nein, aber das betrifft meines Erachtens auch einen anderen Kontext. Unser Anliegen ist nicht, Plattformen zu benachteiligen, sondern, für die Lizenzverhandlungen Augenhöhe zwischen UUC-Plattformen und der Kreativwirtschaft herzustellen – dieses Verhältnis ist, siehe oben, derzeit mehr als unausgewogen zugunsten der Plattformen. Uns geht es um eine angemessene finanzielle Beteiligung der Kreativen und ihrer Partner an der Wertschöpfung, die solche Plattformen mit ihren Inhalten erzielen.

medienpolitik.net: Im März hatte die EU-Kommission eine Empfehlung ausgesprochen, in der Mitgliedstaaten und Provider aufgefordert werden, Maßnahmen zu ergreifen, um illegale Online-Inhalte wirksam zu ermitteln und zu bekämpfen. Das reicht Ihnen anscheinend nicht aus?

Dr. Florian Drücke: Diese Initiative betrifft einen anderen wichtigen Aspekt, sie geht aber in der Tat nicht weit genug. Wir brauchen belastbare Vorgaben, also Rechtssicherheit, die für alle Akteure verbindlich klarstellt, wer welche Maßnahmen ergreifen muss, wer im Fall von illegal hochgeladenem Content haftet etc.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen ergeben sich für die Musikindustrie, wenn das EU-Parlament am 12. September dem Kompromissvorschlag zum Urheberrecht nicht zustimmt?

Dr. Florian Drücke: Wir haben ja schon über die inzwischen deutliche Verlagerung des Geschäfts ins Internet gesprochen. Noch mal: Die Hälfte der On-Demand-Musiknutzung in Deutschland findet über YouTube statt, zum Branchenumsatz trägt das aber nur 2,2 Prozent bei. Wenn es also nicht gelingt, tragfähige Verbesserungen des europäischen Urheberrechts zu schaffen und damit die für Künstler und ihre Partner im Raum stehenden wichtigen Fragen zur digitalen Lizenzierung endlich zu beantworten, dann wird es künftig schwierig, Investitionen in kreative Inhalte am Markt zu refinanzieren. Jeder kann nachvollziehen, dass das kontraproduktiv für die Investitionen in ganz vielfältige Produktionen ist. Das Gegenteil sollte gewollt sein: Klare Rahmenbedingungen stimulieren die Branche und damit auch die Vielfalt der musikalischen Angebote – was am Ende beiden Seiten zu Gute kommt: der Musikbranche und den Plattformen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/18 erstveröffentlicht.

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